Im Gold- und Silberland

Part 13

Chapter 133,641 wordsPublic domain

Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, dessen Amtstracht bei feierlicher Gelegenheit -- wenn er z. B. wie jetzt im Namen des Komitees auftrat -- aus einem Feuerwehrhelm und einem scharlachroten Flanellhemde bestand; der Revolver hing ihm vom breiten Ledergürtel herab, den Rock trug er über dem Arm und seine Beinkleider steckten in hohen Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er von dem blassen jungen Theologen gewaltig abstach. Scotty besaß übrigens, nebenbei gesagt, ein warmes Herz und große Anhänglichkeit an seine Freunde; auch fing er keine Händel an, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte es sich bei Scottys Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts mit der Angelegenheit zu thun gehabt und sich nur aus angeborener Gutmütigkeit hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen. Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde und hatten einander getreulich geholfen in manchem Kampf und Abenteuer. Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines Tages mehrere fremde Burschen im Handgemenge sahen, rasch die Röcke abwarfen und für den gerade unterliegenden Teil eintraten. Als sie sich nach schwer errungenem Sieg umsahen, was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese längst über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem Gebrauch mitgenommen.

Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger zurück. Er hatte eine Trauerbotschaft auszurichten und tiefer Gram sprach aus seinen Zügen. Ohne weiteres nahm er dem Geistlichen gegenüber Platz, stellte seinen Feuerwehrhelm dem Pfarrer dicht vor die Nase, gerade auf eine halbfertig geschriebene Predigt, wischte sich mit einem rotseidenen Sacktuch die Stirn ab und stieß einen schweren Seufzer aus, als passendste Einleitung für sein trübseliges Geschäft. Vor Rührung war ihm zuerst die Kehle wie zugeschnürt und seine Augen wurden feucht; doch bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme:

»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau hier nebenan zum Schichtmeister bestellt ist?«

»Ob ich der -- entschuldigen Sie -- ich habe nicht recht verstanden -- wie meinen Sie?«

Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und einen noch tieferen Seufzer.

»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und die Jungens glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, wenn wir Sie ins Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall ich hier an der rechten Schmiede bin und den Obermeister des Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor mir habe.«

»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, deren Hürde hier in der Nachbarschaft steht.«

»Wer, sagen Sie?«

»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, deren Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.«

Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick und sagte dann:

»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, Meister. Man muß den Eimer weitergeben.«

»Wie meinen Sie? -- Verzeihung, aber ich weiß nicht recht --«

»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. Sie haben keine Witterung mit mir und ich habe keine Witterung mit Ihnen. -- Die Sache ist nämlich so: Einer von uns Jungens kann nicht mehr im Geschirr gehen und wir möchten für ihn einen ordentlichen Kehraus haben; daher bin ich hier, um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig Klingklang dazu macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.«

»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter zu Sinn. Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten Sie sich nicht etwas einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte ich schon zu verstehen, was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich wieder im Dunkeln. Würde es nicht die Angelegenheit wesentlich beschleunigen, wenn Sie sich auf kategorische Angaben der Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis durch Anhäufung von Bildern und Allegorien zu erschweren?«

Eine abermalige Pause und Ueberlegung. Dann bemerkte Scotty:

»Ich kann wieder nicht bekennen -- ich passe.«

»Wie?«

»Sie haben mich übertrumpft, Meister.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Was Sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, kann auch nicht mit der Farbe bedienen.«

Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. Scotty stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. Bald blickte er jedoch wieder in die Höhe und sagte mit trübseliger Miene, aber doch voll Zuversicht:

»Jetzt hab’ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir brauchen einen Predigtmacher -- einen Pfarrer.«

»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich bin der Geistliche -- der Pfarrer.«

»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war zuerst gegen die Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz hinüber. Schlagen Sie ein!«

Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers kleine Hand und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und herzlichem Vertrauen. »Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« fuhr er fort; »fangen wir nun von Frischem an, und wenn ich dabei etwas greine, so achten Sie nicht weiter darauf, denn, wir sind eben in einer argen Klemme, weil einer von den Jungens plötzlich Schicht gemacht hat.«

»Schicht gemacht?«

»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.«

»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land gefahren, von dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?«

»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er ist ja tot, Meister.«

»Ja, ja, ich verstehe schon.«

»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken könnte. Es ist ganz richtig, er ist wieder tot --«

»Wieder? Ist er denn schon früher einmal gestorben?«

»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch hat neun Leben wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette -- jetzt ist er ganz und gar tot, der arme Junge; hätte ich nur den Tag nie erlebt. Einen bessern Freund wie Buck Fanshaw giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn durch und durch -- und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich wie zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. Keinen Freund hat Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber nun ist das alles aus -- und vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.«

»Wer denn?«

»Nun, der Tod. -- Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn aufgeben. Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht wahr? Aber, Meister, das sag’ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer wie den giebt’s nicht zum zweitenmal. Es war eine Lust ihm zuzusehen -- bloß seine Fäuste brauchte er und freien Spielraum, dann ging’s drauf und dran. Es war ein ganzer Teufelskerl. Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb nichts schuldig.«

»Wie meinen Sie?«

»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie -- wo’s gerade hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges Donnerwetter! -- entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann nicht alles so sanft und mild herausbringen. Und nun müssen wir ihn aufgeben, es hilft nichts, die Rechnung stimmt. Wenn Sie uns nun beistehen möchten bei der Verpflanzung --«

»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier beiwohnen?«

»Begräbnisfeier -- ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen. Er war sein Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung soll nichts abgeknapst werden. Echt silberne Beschläge am Sarg und sechs Trauerfahnen über der Bahre; auf dem Bock ein Neger in feiner Wäsche und den Seidenhut auf dem Kopf -- es mag so hoch kommen wie es will. Für Sie, Meister, werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie bekommen einen Wagen, und wenn Sie sonst noch was brauchen, nur heraus damit, es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause wird so ein Dingrich aufgerichtet, dahinter können Sie sich stellen. Seien Sie nur nicht bange, sondern blasen Sie in Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden so glatt durch wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen, daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können das gar nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war er außer stande es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt so ruhig und friedlich zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. Ich war selbst einmal dabei, wie er in einer einzigen Viertelstunde vier Schwindler durchgebläut hat. Wenn es galt, Ordnung zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer wohl Hand anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: ›Irländer sind ausgeschlossen,‹ aber doch stand er für ihre Rechte ein, als einmal ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen Begräbnisort abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen -- ich hab’s mit angesehen.«

»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That selbst, lasse ich dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse Ueberzeugungen? Das heißt -- fühlte er seine Abhängigkeit von einer höheren Macht und unterwarf er sich ihren Fügungen?«

Abermaliges Nachdenken.

»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. Könnten Sie das nicht noch einmal sagen -- so recht langsam?«

»Ich meine nur -- um mich ganz klar auszudrücken -- hat er je in Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, die sich dem weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung übte und im Gehorsam gegen das Sittengesetz?«

»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver auf die Pfanne.«

»Was sagen Sie?«

»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. Sie bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. Mischen wir lieber noch einmal von neuem.«

»Was? Soll ich von vorn anfangen?«

»Ja, das wäre mir gerade recht.«

»Nun denn -- war er ein guter Mann und --«

»Halt -- das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, ehe wir weiter gehen. Ein guter Mann -- das will ich meinen; der beste Mann von der Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben müssen. Noch beim letzten Wahlgang hat er die Unruhen beschwichtigt, bevor sie recht zum Ausbruch kamen; außer ihm hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt. Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr war ihm ein Greuel und sein Tod ist ein großer Verlust für die Stadt. Es würde die Jungens freuen, wenn Sie ihm die Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen. Schneller laufen konnte er, höher springen, derber treffen und flotter trinken, als irgend jemand auf hundert Meilen in der Runde. Das vergessen Sie nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch anschlagen. Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie geschüttelt hat.«

»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.«

»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.«

»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!«

»Doch -- welche, die sonst gar nicht so übel sind.«

»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand gegen seine Mutter zu erheben wagt --«

»Wo denken Sie hin, Meister -- da haben Sie ’mal gründlich fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter nicht abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr ein Haus zum wohnen gegeben und Ackerland und Geld die Fülle, hat für sie gesorgt und immer nach ihr gesehen. Und als sie die Blattern kriegte, hat er nachts bei ihr gesessen und sie gepflegt -- ich will verdammt sein, wenn’s nicht wahr ist. Bitte um Verzeihung -- das fuhr mir nur so heraus. Ich wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es ehrlich. Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der Sie nicht liebt, will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. Da, schlagen Sie ein!«

Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und fort war er.

* * * * *

Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens es sich wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch nie erlebt. Alle Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente ließen Totenlieder erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, die Fahnen auf Halbmast. Bei dem Trauergefolge sah man lange Züge von Militärpersonen, Feuerwehrleuten, Mitglieder geheimer Gesellschaften in Uniform, umflorte Feuerspritzen, Wagen mit Vertretern von Behörden, Bürger in allerlei Fuhrwerken und zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von Zuschauern herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten. Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab für die Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in Virginia, als den Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis.

Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter dem Sarge. Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte Gebet für die Seele des Toten verhallt, sagte er mit leiser Stimme und tiefem Gefühl: »Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« Dies war des Verstorbenen Lieblingsredensart gewesen und wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in diesem Augenblick nur zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen Freund.

In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch aus, daß er der einzige unter den Raufbolden Virginias war, der sich für religiöse Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, welcher sich aus eigenem Antrieb und angeborenem Edelmut stets der Sache der Schwächeren gegen ihre Feinde angenommen hatte, war gar kein ungeeignetes Glied für die Christengemeinde. Er fand als solches Gelegenheit, die Großmut und Unerschrockenheit seines Charakters auf einem weiteren, fruchtbringenden Felde zu bethätigen. Die Kinder, welche er in der Sonntagsschule unterrichtete, machten raschere Fortschritte als alle übrigen, was gar nicht zu verwundern war, denn er redete mit den kleinen Sprößlingen der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden.

Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, zu hören, wie er seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch zu sehen. Ich überlasse es dem Leser, sich einen Begriff von dem Eindruck zu machen, den sie aus dem Munde des eifrigen Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie lauschten seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung Gewalt angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein Verstoß gegen die althergebrachte Sitte begangen werde.

Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte.

In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von Virginia sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das sagte und glaubte man wenigstens allgemein. Das gewaltthätige Element herrscht in jedem neuen Bergwerksdistrikt vor; erst wenn einer ›seinen Mann getötet‹ hatte, wie die Redensart lautet, konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und Totschlag waren daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam sei, sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies nicht der Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen Stellung herab, aus der er sich mit unbefleckten Händen nur mühsam emporarbeiten konnte. Ein Totschläger dagegen wurde, je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr oder weniger Herzlichkeit bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine Bekanntschaft zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten, diesen Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, die nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, den Versuch machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei ums Leben kamen.

Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, der Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und nahmen die höchste gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches Glied der Gemeinde werden wollte, für den gab es kein wohlfeileres und sichereres Mittel, als mit einer diamantenen Busennadel im Vorhemd hinter dem Schenktisch zu stehen und Whisky zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß eine große Macht über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der Wahlen ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich herabließ, ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat zu treten, so galt das als eine große Gunst. Daher war denn auch meist der Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet, einen hohen Posten bei der Verwaltung, in der Flotte oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer einer Schenkwirtschaft zu werden.

Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt war und ›seinen Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging meist der ihm gebührenden Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung beitrug, daß ein Geschworener über den zu verhandelnden Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß, zuvor weder etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich seine Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der Zeitungen und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein jeden gebildeten, rechtschaffenen und verständigen Mann von der Geschworenenbank aus und machte die Schwurgerichte oft zu einem traurigen Possenspiel.

Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein wackerer Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger Laune kalten Blutes umgebracht worden. Natürlich waren alle Tagesblätter voll davon, wer lesen konnte, las die Berichte, wer nicht taub, stumm oder blödsinnig war, sprach darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam, verwarf man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr angesehener Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare Besitzer einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten Ruf genoß -- sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder einzelne von ihnen versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte und Zeitungsartikel sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt hätten, daß er außer stande sei, sich auf Grund der Thatsachen und beschworenen Zeugenaussagen eine eigene Ueberzeugung zu bilden, aber das blieb unberücksichtigt. Die Männer waren sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den Geschworenen befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen.

Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte man zwölf Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem Mord, den sich die Indianer der Steppe erzählten und die Steine auf der Gasse zuraunten, weder etwas gehört, noch gelesen, auch nicht darüber gesprochen und ihre Ansicht geäußert hätten. Diese Jury bestand aus zwei Raufbolden, zwei gemeinen Bierbrüdern, drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht lesen konnten, und drei Eseln in Menschengestalt, denen die einfachsten Begriffe abgingen. Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, das ließ sich nicht anders erwarten.

Wenn man Nevada in seiner ›flotten Zeit‹ schildern und dabei Mord und Totschlag unerwähnt lassen wollte, so könnte man ebenso gut bei einem Bericht über das Mormonentum die Vielweiberei mit Stillschweigen übergehen. Gewaltthätigkeiten waren etwas Alltägliches; der Raufbold stolzierte mit prahlerischer Großthuerei durch die Straßen und wenn er einem seiner bescheidenen Bewunderer vertraulich zunickte, so beglückte diesen der Gruß des berühmten Mannes für den Rest des Tages. In seinem langschößigen Ueberrock, der bis auf die glänzenden Stulpenstiefel herabhing, den Schlapphut auf dem linken Ohr, kam er den Bürgersteig dahergegangen und die kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät ehrerbietigst Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner die Beamten und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen. Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße von ihm erhielt, sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung, sobald er ihn erkannt hatte. Zum Dank dafür ward ihm dann ein Blick zu teil, bei dem ihm das Blut in den Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte strahlenden Angesichts herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf dessen Kundschaft er stolz war.

Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die berühmtesten im ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, Kapitalisten und Gesetzgeber genossen, im Vergleich mit ihnen, nur ein mäßiges Ansehen. Leute, wie Sam Brown, Jack Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den pockennarbigen Jack, den sechsfingerigen Peter u. a. m., kannte man weit und breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren furchtbare, übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten.

Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch erwähnen, daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, die friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. Einem Menschen das Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ gehörte, wie sie es nannten, und dessen Tod keine neue Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet hätte, galt für unter ihrer Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei dem geringfügigsten Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete auch seinerseits auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben.

Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, einer Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst ein Beispiel erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in einem Speisehaus mit zwei Berichterstattern und einem kleinen Buchdrucker, den ich Brown nennen will -- der Name thut nichts zur Sache. Bald darauf trat ein langschößiger Fremder ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken, der auf dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den Hut wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, indem er Brown mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das Lebenslicht auszublasen. Dieser entledigte sich auf der Stelle seines Rockes und forderte den Gegner zum Kampf heraus, er drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen, äußerte Zweifel an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an, sich mit ihm zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der Fremde zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er, plötzlich ernst werdend:

»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen wir meinetwegen kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, stürzen Sie sich nicht blindlings in die Gefahr, um hernach zu klagen, daß ich Sie nicht gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen allen zusammen aufnehmen, wenn ich erst einmal loslege. Das will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein Freund hier dann noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.«

Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang und ungewöhnlich plump und schwer. Der Fremde sagte, wir möchten das Geschirr einen Augenblick festhalten -- in einer der Schüsseln lag ein großer Braten. Dann setzte er sich an ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe, stellte zwei von den Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte zwischen die Zähne, und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den Tisch mit sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel mit den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen Trinkglas ein halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er uns noch auf seiner nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter Stich- und Schußwunden und eine gleiche Menge auf seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns versicherte, er habe so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze Kanone daraus gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen, bei dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte kommen und mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown fragte, ob ihn noch immer nach seinem Blute gelüste, überlegte dieser sich die Sache einen Augenblick und dann bat er ihn -- mit uns zu Nacht zu speisen.

Der große Zeitungsroman.