Part 12
In kürzester Frist kam es mir vor, als umnebelten sich meine Sinne. Ich wartete daher mit großer Angst auf den Beginn der Unterhaltung und hoffte im stillen, daß sich meine Befürchtung als unbegründet erweisen und ich doch noch bei Verstande sein würde.
Artemus ließ zuerst einige unbedeutende Bemerkungen fallen, nahm dann eine ganz übermenschlich ernste Miene an und hielt folgende erstaunliche Rede:
»Noch etwas möchte ich Sie zuvörderst fragen, ehe ich es vergesse. Sie sind nun schon zwei oder drei Jahre hier in Nevada, im Silberland, und Ihre Stellung bei der Tagespresse hat es natürlich mit sich gebracht, daß Sie in die Bergwerke eingefahren sind, um sich über alle Einzelheiten zu unterrichten; der ganze Silberbergbau wird Ihnen daher genau bekannt sein. Was ich nun gerne wissen möchte, ist -- wie die Erzlager eigentlich beschaffen sind. Ich fasse es zum Beispiel so auf -- die Ader, welche das Silber enthält, liegt zwischen zwei Granitschichten eingeschlossen, wie das Fleisch in einer belegten Buttersemmel; sie läuft im Erdboden weiter, erstreckt sich aufwärts und ragt in die Höhe wie ein Meilenstein. Nehmen wir nun an, die Ader hätte eine Mächtigkeit -- sagen wir -- von vierzig Fuß oder achtzig oder auch meinetwegen hundert -- und Sie führten einen Schacht senkrecht darauf hinab, oder gingen mit Hilfe eines Stollens, wie man’s nennt, hinunter bis zu einer Tiefe von fünfhundert Fuß oder auch nur zweihundert Fuß, wenn Sie wollen, aber jedenfalls tief hinab -- nun wird die Ader immer schmaler, wo die sie einschließenden Granitschichten dichter beisammen sind oder sich einander nähern, wenn man’s so ausdrücken will -- das heißt, wenn sie wirklich näher zusammenrücken, was natürlich nicht immer der Fall ist, besonders nicht an Stellen, wo sie der ganzen Natur der Formation nach weiter auseinander gehen als anderwärts, wofür die Geologie bisher vergebens eine Erklärung gesucht hat, obwohl in dieser Wissenschaft alles auf den Beweis hinausläuft, daß bei gleichen Verhältnissen es so sein würde, wenn es nicht wäre, und gewiß nicht so sein würde, wenn es wäre -- und dann sind sie es natürlich. Ist das nicht auch Ihre Meinung?«
Ich dachte bei mir selbst:
»Also richtig -- ich wußte ja, daß es so kommen würde. Der Whisky hat mich ganz benebelt und keine Auster ist jetzt so schwer von Begriffen wie ich.«
Dann sagte ich laut:
»Ich -- ich -- vielleicht -- wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht -- hätten Sie wohl die Güte -- das noch einmal zu sagen. Ich sollte freilich --«
»O gewiß, mit Vergnügen. Sie sehen, ich bin mit dem Gegenstande gar nicht vertraut und drücke mich daher viel zu undeutlich aus, -- aber ich --«
»Nein, nein, -- o nein -- Sie haben die Sache völlig klar auseinandergesetzt, aber, wissen Sie, der Whisky macht mich etwas verwirrt. Ich verstehe Sie ja im übrigen ganz gut, wenn Sie mir aber die Sache noch einmal vortragen wollten, würde es mir am Ende doch begreiflich werden -- diesmal will ich besser acht geben.«
»Das, worauf es mir ankommt,« sagte er, »ist einfach Folgendes: (Er sprach jetzt mit noch weit größerem Nachdruck und betonte die einzelnen Punkte ganz besonders, indem er sie an den Fingern herzählte.) Diese Ader, dieser Streifen, diese Schicht oder wie Sie es nennen wollen, liegt zwischen zwei Lagern von Granit, wie das Fleisch zwischen den beiden Hälften der Buttersemmel. So weit gut. Nun gehen Sie senkrecht hinunter, volle tausend Fuß, vielleicht sogar zwölfhundert Fuß, -- darauf kommt es wirklich nicht an -- ehe Sie den Stollen hineintreiben, einige Gänge quer über die Ader, andere in Längsrichtung, wo die Sulfurate -- ich glaube, man nennt sie Sulfurate, obgleich ich nicht recht weiß, warum man es thut, in Anbetracht dessen, daß, worauf es dem Bergmann hauptsächlich ankommt, nicht so liegt, wie einige behaupten, ohne doch völlig beweisen zu können, daß sie nicht weiterlaufen, solange noch eine Spur oder ein Bruchstück desselben Erzes weder hier noch dort in gleicher Weise enthalten ist; wogegen unter andern Umständen selbst die Unerfahrensten unter uns es nicht entdecken könnten, wenn es wäre, oder es möglicherweise übersehen, wenn es anginge oder den bloßen Gedanken daran mit Hohn zurückweisen würden, wenn man es ihnen auch noch so handgreiflich als solches vor Augen stellte. Habe ich nicht recht?«
Ich sagte mit trübseliger Miene: »Wirklich, Herr Ward, ich muß mich vor mir selber schämen; ich weiß, ich sollte eigentlich alles verstehen, was Sie sagen, aber der abscheuliche Whiskey ist mir so in den Kopf gestiegen, daß jetzt der einfachste Satz über mein Verständnis geht. Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt.«
»O, nicht doch, nicht doch -- es liegt höchst wahrscheinlich einzig und allein an mir -- zwar habe ich lange darüber nachgedacht und glaubte es klar genug --«
»Verlieren Sie, bitte, kein Wort darüber. Sie haben es so anschaulich dargestellt, daß es jedem sonnenklar einleuchten müßte, der nicht mit Blödsinn behaftet ist. Nur der verwünschte Whiskey ist an allem schuld.«
»Bewahre, wo denken Sie hin. Ich will noch einmal ganz von vorn anfangen und Sie werden sehen --«
»Ums Himmels willen, thun Sie das doch ja nicht; ich sage Ihnen, mein Kopf ist in solcher Verfassung, daß ich nicht auf die einfachste Frage Bescheid geben könnte, die man an mich richtet.«
»Seien Sie ganz unbesorgt. Diesmal will ich es so schlicht und deutlich ausdrücken, daß Sie gar nicht umhin können, zu verstehen, was ich meine. Fangen wir ganz von Anfang an.« (Er lehnte sich über den Tisch zu mir herüber, in seinen Mienen war der felsenfeste Vorsatz zu lesen, sich verständlich zu machen, und er hielt den Finger bereit, um seinen Worten beim Aufzählen jedes einzelnen Punktes noch besonderen Nachdruck zu verleihen. Ich selbst beugte mich in peinlicher Erregung weit vor, entschlossen, ihn zu begreifen, oder zu Grunde zu gehen.)
»Sie wissen, daß die Ader, die Schicht, das Ding, welches das Metall enthält, dadurch zum Medium aller andern Kräfte wird, der zunächstliegenden wie der entferntesten Wirkungen, die so beschaffen sind, daß sie die ersteren zu Gunsten der letzteren, oder die letzteren gegen die ersteren, oder alle oder beide beeinflussen, sofern es den relativen Unterschied betrifft, der innerhalb des Radius besteht, von dem aus die verschiedenen Grade der Aehnlichkeit sich entwickeln, in welchen --«
»Hol’ der Henker meinen Blechschädel,« fuhr ich heraus, »ich mag mich anstrengen wie ich will -- aber ich verstehe nicht das Geringste. Je klarer Sie mir die Sache auseinander setzen, um so weniger begreife ich, worauf Sie hinauswollen.«
Jetzt hörte ich ein verdächtiges Geräusch neben mir und als ich mich rasch umwandte, sah ich gerade noch, wie Hingston sich hinter ein Zeitungsblatt duckte und vor Lachen bersten wollte. Ich blickte wieder nach Ward hin -- seine feierliche Miene war verschwunden und er lachte gleichfalls.
Da merkte ich, daß er mir einen Streich gespielt hatte, daß ich das Opfer eines Schwindels geworden war. Seine Rede bestand aus einer Reihe an einander gefädelter Sätze, die einzeln ganz verständlich klangen, aber im Zusammenhang auf der Gotteswelt keinen Sinn hatten.
Artemus Ward war einer der besten und umgänglichsten Menschen unter der Sonne. Man behauptet, er habe keine fließende Unterhaltung führen können, aber, wenn ich an obiges Erlebnis zurückdenke, bin ich anderer Meinung.
Im Gold- und Silberland.
II.
Nabobs in Nevada.
In jener herrlichen Zeit, als es in Nevada flott herging, hatte das Silberland auch seine Nabobs. Einige sind mir noch erinnerlich. Es waren meist sorgenlose, leichtlebige Menschen, aus deren Reichtümern das Gemeinwesen ganz ebenso viel Nutzen zog wie sie selber, in manchen Fällen sogar noch mehr.
Einer der ersten Nabobs, die Nevada erzeugte, trug Diamanten im Werte von sechstausend Dollars am Busen und war unglücklich, daß ihm sein Geld schneller in die Taschen floß, als er es ausgeben konnte. Das Einkommen eines andern belief sich oft auf sechzehntausend Dollars monatlich. Als er zuerst ins Land kam, hatte er in dem nämlichen Bergwerk, aus welchem er später seine Schätze bezog, um einen Tagelohn von fünf Dollars gearbeitet.
Von einem jener Lieblinge des Glücks, die sozusagen über Nacht aus drückender Armut zum größten Ueberfluß gelangten, erzählt man sich, er habe gern ein hohes Staatsamt bekleiden wollen und hunderttausend Dollars dafür geboten, es aber trotzdem nicht erhalten, da seine Politik nicht so vertrauenerweckend war, als sein Konto auf der Bank.
Auch John Smith darf ich nicht vergessen. Er stammte aus dem niedern Volke, war eine brave, ehrliche, gutmütige Haut und von einer Unwissenheit, die ans Fabelhafte grenzte. Sein kleiner Rancho und ein Ochsengespann brachten ihm genug ein zum Lebensunterhalt; war die Heuernte auch nicht so groß, so wog man ihm doch diesen seltenen Artikel mit Gold auf -- er erhielt auf dem Markte für das Fuder 250 bis 300 Dollars. Nach einiger Zeit tauschte Smith mehrere Morgen von seinem Wiesenland gegen eine noch unbearbeitete Silbergrube in Gold Hill ein. Er begann den Abbau und errichtete daneben ein anspruchsloses kleines Pochwerk. Anderthalb Jahre später gab er das Heugeschäft auf, denn seine Grube machte einen besseren Ertrag. Sein Einkommen wurde auf 30,000 Dollars monatlich geschätzt, von manchen sogar auf 60,000 Dollars. Jedenfalls war Smith ein reicher Mann.
Nun ging er auf Reisen. Bei seiner Rückkehr aus Europa konnte er nicht genug von den schönen Schweinen erzählen, die er in England gesehen hatte, von den herrlichen Schafen in Spanien und dem prächtigen Rindvieh in der Umgegend von Rom. Er war ganz voll von den Wundern der alten Welt und gab jedem den Rat, sich auf die Reise zu machen. Man glaube gar nicht, was es für Merkwürdigkeiten auf Erden gebe, sagte er, solange man sich nicht durch den Augenschein davon überzeugt habe.
Während seiner Ueberfahrt setzten die Passagiere einmal einen Preis von fünfhundert Dollars auf denjenigen aus, der am richtigsten riete, wie viele Seemeilen das Schiff in den nächsten vierundzwanzig Stunden zurücklegen würde. Um die Mittagszeit des folgenden Tages übergab jeder dem Zahlmeister ein versiegeltes Couvert, in welchem die Meilenzahl stand. Smith triumphierte im voraus: er hatte den Maschinisten bestochen. Als trotzdem ein anderer den Preis gewann, sagte er: »Halt, das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Anschlag kam der Wirklichkeit um zwei Meilen näher als seiner.«
»Bewahre,« versetzte der Zahlmeister, »Sie haben es von allen am Bord am schlechtesten getroffen, Herr Smith; wir sind 208 Meilen gefahren.«
»Nun ja,« rief Smith, »und ich habe 209 geraten. Sehen Sie sich doch meine Zahlen ordentlich an; eine 2 und zwei 0 sind 200, nicht wahr -- dann noch eine 9 (2009) macht zweihundert und neun. Da muß ich denn doch sehr bitten, daß mir der Preis zuerkannt wird.« --
* * * * *
In einer Bergschlucht in unmittelbarer Nähe von Virginia City wohnte ein armer Mexikaner, auf dessen Anwesen eine Quelle am Felsen herabsickerte, die kaum eine halbe Spanne breit war. Für dieses Wässerchen gab ihm die Ophirgesellschaft eine kleine Parzelle von hundert Fuß, welche sich als der ergiebigste Teil des ganzen Bergwerks erwies; vier Jahre nach dem Tausch betrug ihr Marktwert mit Einschluß des Pochwerks 1,500,000 Dollars.
Ein neunzehnjähriger Telegraphist in Virginia wurde dadurch zum reichen Manne, daß er die Depeschen der Grubenbesitzer las, welche ihm durch die Hände gingen und je nach dem Stande der Bergwerksangelegenheiten, durch Vermittlung eines Freundes in San Francisco, Aktien kaufte oder verkaufte. Einmal kündigte eine Privatdepesche aus Virginia einen reichen Fund in einer bedeutenden Grube an, mit der Weisung, die Sache solange geheim zu halten, bis die Unternehmer sich den Besitz von möglichst vielen Anteilscheinen gesichert hätten. Der Telegraphist kaufte sofort einen Kux von 40 Fuß zu 20 Dollars den Fuß, wovon er später die Hälfte zu 800 Dollars den Fuß verkaufte und den Rest um das Doppelte. Nach drei Monaten besaß er ein Vermögen von 150,000 Dollars und hatte seine Telegraphenstelle aufgegeben.
Ein anderer Telegraphenbeamter hatte Amtsgeheimnisse verraten und war deshalb von seinen Vorgesetzten entlassen worden. Er versprach einem wohlhabenden Manne in San Francisco, ihm das Ergebnis eines großen Bergwerksprozesses, der in Virginia geführt wurde, mitzuteilen und zwar nur eine Stunde später als die streitenden Parteien in San Francisco davon privatim Kenntnis erhielten. Hiefür sicherte ihm sein Mitverschworener einen hohen Prozentsatz des Gewinns, welchen er durch rechtzeitigen An- und Verkauf von Aktien zu erzielen dachte. Um den Plan auszuführen, begab sich der verabschiedete Telegraphist, als Fuhrmann verkleidet, nach einer kleinen abgelegenen Telegraphenstation im Gebirge, machte mit dem dortigen Beamten Bekanntschaft, saß Tag für Tag, seine Pfeife rauchend bei ihm im Bureau und klagte, daß sein Gespann zu ermüdet sei und er nicht weiterfahren könne. Zugleich horchte er bei allen Depeschen aus Virginia auf das Ticken des Apparats, bis endlich ein Privattelegramm die Entscheidung des Prozesses verkündete. Sofort telegraphierte er an seinen Verbündeten:
»Kann nicht mehr warten. Werde das Gespann verkaufen und heimgehen.«
Dies war das verabredete Zeichen. Hätte er das Wort ›warten‹ fortgelassen, so würde es den entgegengesetzten Ausgang des Prozesses bedeutet haben. Der Spekulant in San Francisco kaufte nun eine Menge der betreffenden Bergwerksaktien um niedern Preis, bevor die Nachricht öffentlich bekannt wurde und sicherte sich ein Vermögen.
Zahllose Beispiele ähnlicher Art wären noch aus dem Silberlande zu verzeichnen, die angeführten werden jedoch genügen, um dem Leser einen Begriff von den Zuständen in jener flotten Zeit zu geben. Mit den meisten dieser Nabobs bin ich persönlich in Berührung gekommen; sie waren damals hochberühmt, aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen, da fast alle wieder rasch in Armut und Dunkelheit zurückgesunken sind.
In Nevada erzählte man sich ein lustiges Abenteuer, das zwei solche Nabobs einmal gehabt haben sollen; ich kann mich für die Wahrheit nicht verbürgen, und gebe es nur wieder, wie ich es gehört habe:
Oberst Jim hatte früher etwas von der Welt gesehen und kannte ihr Thun und Treiben ein wenig, aber Oberst Jack stammte aus den Hinterwäldern, sein Leben war eitel Mühe und Arbeit gewesen und er war nie in eine Stadt gekommen. Urplötzlich reich geworden, beschlossen die beiden nach New York zu reisen; Oberst Jack, um die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, und Oberst Jim, um des Freundes arglose Unschuld vor Schaden zu bewahren. Sie kamen bei Nacht nach San Francisco und segelten früh am Morgen ab. Als sie New York erreichten, sagte Oberst Jack:
»Ich habe all mein Lebtag so viel von Equipagen reden hören, jetzt will ich einmal eine Spazierfahrt machen, einerlei was es kostet. Also vorwärts!«
Oberst Jim winkte eine schöne Kutsche herbei, aber Oberst Jack sagte:
»Wo denkst du hin? ich soll doch nicht etwa bloß so ’ne billige Spritzfahrt machen! Nein, was Ordentliches muß ich haben. Aufs Geld kommt’s mir nicht an, aber es soll das vornehmste Fuhrwerk sein, das sich sehen läßt. Schau, da kommt gerade etwas, wie ich es möchte. Rufe mal den gelben Wagen mit den schönen Bildern an. Sei nur ohne Sorgen -- ich trage alle Kosten.«
So stiegen sie denn in den leeren Omnibus.
»Das nenne ich lustig,« rief Oberst Jack. »Kissen und Fenster und Bilder überall. Was wohl die Jungens sagen würden, wenn sie uns so vornehm durch New York kutschieren sähen? Meiner Treu, ich gäbe was drum, mich ihnen so zu zeigen.« Er steckte den Kopf zum Fenster hinaus. »Famos,« rief er dem Kutscher zu, »Herzensjunge, du gefällst mir; fahr nur zu, den ganzen Tag lang meinetwegen. Laß die Pferde laufen; wir wollen’s schon wieder wett machen, verlaß dich drauf!« Der Kutscher streckte die Hand durch das Guckloch nach dem Fahrgeld aus, wie es damals noch Sitte war. Oberst Jack schlug ein und schüttelte sie ihm herzlich.
»Du willst Vorauszahlung, Alterchen,« rief er. »Na, nichts für ungut. Hier hast du etwas, das gar nicht so übel ist.«
Er drückte ihm ein goldenes Zwanzigdollarstück in die Hand, und als der Kutscher sagte, daß er nicht wechseln könne, rief er lustig:
»Laß gut sein, wir wollen’s schon verfahren. Steck’ es nur in die Tasche.« Dann schlug er seinem Gefährten laut klatschend auf das Bein und fuhr vergnügt fort: »Hol’ mich dieser und jener, ich miete das Ding auf die ganze Woche!«
Jetzt hielt der Omnibus und eine junge Dame stieg ein. Oberst Jack starrte sie erst verwundert an, dann stieß er Oberst Jim mit den Ellenbogen. »Du, sag’ kein Wort,« flüsterte er. »Laß sie mitfahren, wenn sie will. An Platz fehlt’s ja wahrhaftig nicht.«
Das Fräulein zog den Beutel und reichte Oberst Jack ihr Fahrgeld.
»Was soll das?« fragte er.
»Wollen Sie es, bitte, dem Kutscher geben.«
»Behalten Sie Ihr Geld, Verehrteste, Sie dürfen nicht zahlen. Fahren Sie nur mit in unserer Staatskutsche, so lange Sie wollen.«
Das Fräulein drückte sich verwirrt in die Ecke. Jetzt kletterte eine alte Frau mit dem Handkorb herauf und bot ihr Fahrgeld an.
»Setzen Sie sich, gute Frau,« sagte Oberst Jack; »wir lassen Sie gern mitfahren, aber ohne Bezahlung. Machen Sie sich’s nur bequem und thun Sie ganz so, als ob es Ihr Wagen wäre.«
Nach wenigen Minuten waren noch drei Herren, zwei dicke Frauen und mehrere Kinder eingestiegen.
»Nur immer herein, meine Freunde,« rief Oberst Jack, »geniert euch nicht. Hier wird jeder frei gehalten.« Dann flüsterte er Oberst Jim zu: »Ist aber dies New York eine gesellige Stadt! Man sollte so was doch kaum für möglich halten!«
Da er sich hartnäckig weigerte dem Kutscher das Fahrgeld der Passagiere einzuhändigen und jedermann freundlich willkommen hieß, ging den Leuten allmählich ein Licht auf. Sie steckten ihr Geld wieder ein und belustigten sich insgeheim über den Spaß. Es nahmen wohl noch ein halbes Dutzend Fahrgäste Platz. »Kommt nur, kommt,« rief Oberst Jack; »eine Spazierfahrt ist nichts, wenn man nicht Gesellschaft hat.« Dann flüsterte er Oberst Jim wieder leise zu: »Die Freundlichkeit der New Yorker geht doch über die Bäume und wie kaltblütig sie die Sache nehmen -- was man nicht alles erlebt!«
Immer mehr Passagiere stiegen ein, alle Plätze waren besetzt und die Männer, welche im Mittelgang standen, hielten sich an den Riemen fest, die von der Decke herabhingen. Leute mit Körben und Bündeln kletterten oben auf das Dach. Ein halb unterdrücktes Gelächter ließ sich von allen Seiten hören.
»Na, wenn eine so himmlische Unverfrorenheit nicht alles übertrifft, was je dagewesen ist, will ich nicht Jack heißen,« flüsterte der Oberst.
Jetzt drängte sich ein Chinese herein.
»Nun wird mir’s aber doch zu bunt,« sagte Oberst Jack. »Halt an, Kutscher. Bitte, bleiben Sie sitzen, meine Damen und Herren, fahren Sie ruhig weiter, es ist alles bezahlt. -- Kutscher, rumpeln Sie nur fort mit den Herrschaften, so lange es Ihnen gefällt. Sie müssen wissen, es sind unsere Gäste. Zeigen Sie Ihnen alles, und wenn Sie mehr Geld brauchen, so kommen Sie in das Sankt Nikolas-Hotel und holen Sie Zuschuß. Recht vergnügte Fahrt, meine Herrschaften -- empfehle mich Ihnen.«
Als die beiden Kameraden ausstiegen, sagte Oberst Jack:
»Höre Jimmy, daß die Geselligkeit in New York so weit getrieben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Chinese kam so gemütlich hereinspaziert, wie jeder andere; hätten wir länger gewartet, es wären noch ein paar Neger mitgefahren, darauf möchte ich wetten. Weißt du was -- heute nacht verrammeln wir aber unsere Thüren ordentlich, sonst wollen vielleicht ein paar von den Herzblättchen herein, um bei uns zu schlafen.«
Buck Fanshaws Begräbnis.
Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher in einer Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen läßt, wen von ihren Gliedern die Gemeinde mit der größten Feierlichkeit zu Grabe trägt.
Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen der Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche Ehre. Wer sich durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen den berühmtesten Namen gemacht hatte, erhielt ein ebenso prächtiges Begräbnis, wie der berühmteste Raufbold.
Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel Aufhebens von ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter der Bürgerschaft, stand einer großartigen Schankwirtschaft vor und hatte auch ›seinen Mann getötet‹, allerdings nicht im eigenen Streit, sondern um einen Fremden gegen die Angriffe der feindlichen Uebermacht zu schützen. Er hatte ein flottes Weibsbild besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände einer Ehescheidung hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der Politik. Als er starb, ging eine laute Klage durch die ganze Stadt, aber ganz besonders wurde sein Tod in den untersten Schichten der Gesellschaft beweint. Die Totenschau ergab, daß Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden Krankheit Arsenik genommen, sich dann in die Brust geschossen und die Kehle abgeschnitten hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem Fenster gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury (d. h. die Behörde, welche die Totenschau vornimmt) ließ sich durch ihren Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie that nach längerer Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod durch eine ›Heimsuchung Gottes‹ verursacht worden sei.
Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen. Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche Schankwirtschaften kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der Stadt und der Feuerwehr hingen auf Halbmast und die ganze Löschmannschaft zog in Uniform mit schwarzverhüllten Pumpen auf.
Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes Volk der Erde durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und jeder dieser Abenteurer das seinem Geburtsort eigentümliche Kauderwelsch mitgebracht hat. Es giebt daher keine reichere, kräftigere und abwechslungsvollere Ausdrucksweise in der ganzen Welt als die in Nevada herrschende Sprache. Selbst Prediger mußten sich entschließen, in diesem Kauderwelsch zur Gemeinde zu sprechen, wollten sie sich verständlich machen. Gewisse Redensarten waren fortwährend in aller Munde und flossen jedem ganz unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen Sinn hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade besprochen wurde.
Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden war, kam die trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; denn an der Küste des stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit Versammlungen statt, um die Volksstimmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei Beschlüsse wegen der Bestattung und verschiedene Komitees wurden eingesetzt, unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die Leichenpredigt zu bestellen.
Dies zu besorgen hatte Scotty Briggs übernommen, welcher denn auch rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. Letzterer, ein zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, war eben erst auf einem theologischen Seminar flügge geworden und mit den Sitten und Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung völlig unbekannt. Wenn er in spätern Jahren seine Unterredung mit Scotty, dem Komiteemitglied, schilderte, verlohnte es sich wohl der Mühe, zuzuhören.