Im Gold- und Silberland

Part 11

Chapter 113,557 wordsPublic domain

Mein Gehalt wurde auf vierzig Dollars die Woche erhöht, aber ich ließ ihn mir selten auszahlen. Ich hatte eine Menge anderer Hilfsquellen; und was bedeuteten zwei Zwanzig-Dollarstücke für einen Mann, der die Tasche voll von solchen Dingern und zugleich blanke Halbdollarstücke in Ueberfülle hatte? Das Berichterstatten war einträglich, und in der ganzen Stadt war jedermann freigebig mit seinem Geld und seinem ›Fuß‹. Die Stadt und der ganze große Bergabhang war von Schachten durchlöchert wie ein Sieb. Es gab mehr Bergwerke als Bergleute. Allerdings lieferten kaum zehn von diesen Bergwerken Erze, die es verlohnt hätte, nach einem Pochwerk zu schaffen, aber jedermann sagte: »Wartet nur, bis der Schacht so weit hinunter kommt, daß die Ader gediegen wird, dann werdet ihr schon sehen!« So war kein Mensch mutlos. Die Gruben waren fast sämtlich taub und ohne allen Gehalt, aber das glaubte damals kein Mensch. Jedermann war fest überzeugt, daß seine kleine taube Parzelle ebensogut an der ›Hauptader‹ sei, wie die ergiebigsten Combstockgruben, und unfehlbar tausend Dollars wert sein werde, sobald der Schacht aufs ›Gediegene komme‹. Die armen Kerls! Sie sollten diesen Tag nie erleben, und es war nur gut, daß sie blind dagegen waren.

So bohrten sich die tausend tauben Schachte Tag für Tag immer tiefer in die Erde, und jedermann war außer sich vor Hoffnung und Glück. Wie sie arbeiteten, prophezeiten, jubelten! Wahrlich, seit die Welt stand, hatte man etwas Aehnliches nicht erlebt. Von diesen Bergwerken -- oder vielmehr diesen Löchern über eingebildeten Bergwerken -- war ein jedes gesetzlich eingetragen und hatte hübsch mit Illustrationen verzierte Kuxe, und diese Kuxe waren verkäuflich. Mit fieberhafter Gier wurden dieselben Tag für Tag in den Maklerbanken verkauft und gekauft. Man konnte oben am Berge ein bißchen herumscharren, bis man einen Erzgang fand (es war kein Mangel daran), dann eine ›Bekanntmachung‹ mit einem prahlerischen Namen aufstecken, sich ›Anteilscheine‹ drucken lassen und ohne den mindesten greifbaren Beweis dafür, daß die betreffende Grube auch nur einen Pfifferling wert sei, das Papier auf den Markt bringen, wo es für Hunderte, ja Tausende von Dollars verkauft wurde. Geld zu machen, und zwar im Fluge, kostete nicht mehr Mühe, als ein Mittagsmahl zu verzehren. Jedermann besaß ›Fuß‹ in fünfzig verschiedenen tauben Gruben und betrachtete sich als reich. Man denke sich eine Stadt, in der es nicht einen einzigen armen Mann giebt. Man sollte meinen, als Monat auf Monat verging und immer noch keine einzige ›Wildkatzengrube‹ (so wurden alle nicht auf der Mutterader, d. h. der Combstock-Schicht, belegten Parzellen genannt) eine Tonne Erz geliefert hatte, die das Zerstampfen lohnte, die Leute hätten sich nachgerade gefragt, ob sie nicht am Ende doch zu fest an ihre vermeintlichen Reichtümer glaubten, -- aber kein Gedanke daran. Sie wühlten die Erde weiter auf, kauften und verkauften und waren glücklich dabei.

Täglich wurden neue Stellen belegt und es herrschte dabei die freundliche Gepflogenheit, schnurstracks nach den Zeitungsredaktionen zu laufen, dem Berichterstatter vierzig oder fünfzig Fuß zu schenken, und ihn damit zur Besichtigung der Grube und zu einer Notiz über dieselbe zu gewinnen. Was man darüber sagte, war ihnen ganz eins, wenn man nur etwas sagte. So sagten wir gewöhnlich mit ein paar Worten, die ›Anzeichen‹ seien gut, aber die Gesteinschicht sei sechs Fuß breit, oder der Fels sähe dem Combstock ähnlich, was auch der Fall war, nur war die Aehnlichkeit nicht so groß, daß man vor Verwunderung darüber auf den Rücken fiel. Versprach das Gestein einigermaßen etwas, so folgten wir der Landessitte, brauchten starke Eigenschaftswörter und priesen dieses Wunder auf dem Gebiete der Silberentdeckung dermaßen, daß uns der Schaum vor den Mund trat. War die Grube schon abgeteuft und bearbeitet, ohne brauchbares Erz aufzuweisen (natürlich war überhaupt kein solches darinnen), so lobten wir den Stollen, über den wir in den höchsten Tönen faselten, ohne aber ein Wort über das Gestein selbst zu verlieren. Oder wir verschwendeten auch eine halbe Spalte voll Lobeserhebungen auf einen Schacht oder ein neues Drahtseil u. dgl., oder auch auf ›das vornehme und thatkräftige Auftreten des Herrn Obersteigers der Grube‹, wiederum ohne über das Gestein die leiseste Silbe zu verlieren; und doch waren jene Leute stets froh, stets befriedigt. Gelegentlich flickten oder lackierten wir unsern Ruf verständiger Prüfung und ernster, höchst genauer Beschreibung dadurch, daß wir für irgend eine alte aufgegebene Parzelle in die Trompete stießen, daß ihr die dürren Knochen hätten rasseln sollen, und dann pflegte irgend jemand dieselbe zu nehmen und sie auf die ihr so verschaffte vergängliche Berühmtheit hin zu verkaufen. Nichts, was die Gestalt einer Bergwerkparzelle trug, war unverkäuflich. Wir bekamen Tag für Tag Geschenke von ›Fuß‹. Brauchten wir hundert Dollars oder so etwas, so verkauften wir ein paar davon; wo nicht, so speicherten wir sie auf, überzeugt, daß sie einst tausend Dollars der Fuß wert werden mußten. Ich hatte meinen Koffer beinahe halb voll von Kuxen. Wenn eine Parzelle Aufsehen auf dem Markte erregte und hoch hinaufging, suchte ich mein Paket durch und sah nach, ob ich von den betreffenden Kuxen etwas hatte; gewöhnlich fand ich auch, was ich suchte.

Ich hatte aber nicht bloß als Gegenleistung für Zeitungsnotizen meine Kuxe geschenkt erhalten. Jedermann trug alle Taschen voll davon, und es war damals geradezu Landessitte, ungebeten kleine Quantitäten an seine Freunde zu verschenken, wie man diesen sonst Obst oder Zigarren anbietet. Höchstens ein ›Danke schön‹ erwartete man dafür, und selbst dazu war man nicht gesetzlich verpflichtet. Flotte Zeiten in der That! Ich dachte, sie würden ewig dauern, aber ich hatte niemals viel von einem Propheten an mir.

Um zu zeigen, welch ein toller Geist in den Köpfen dieser Bergmannsgemeinde spukte, will ich bemerken, daß Parzellen sogar bei Kellerausgrabungen belegt wurden, wenn die Spitzhacke etwas bloßlegte, was einer Quarzader gleich sah. Und das waren nicht etwa Keller in den Vorstädten, sondern mitten im Herzen der Stadt; sofort wurden dann Anteilscheine ausgegeben und auf den Markt geworfen. Man kümmerte sich wenig darum, wem der Keller gehörte, die Ader gehörte dem Finder, und wenn sich nicht die Regierung der Vereinigten Staaten hineinmischte, die damals das Vorrecht auf Edelmetallgruben in Nevada besaß, so nahm man an, daß er wirklich das ausschließliche Recht habe, dieselbe auszubeuten. Nun stelle man sich vor, wie ein Fremder mitten unter den kostbaren Gewächsen unseres Vorgartens eine Stange mit der ›Bekanntmachung‹ aufpflanzt, daß er hier ein Stück Land zu einer Grube belegt habe, und in größter Seelenruhe sich anschickt, den Boden mit Hacke, Schaufel und Sprengpulver wüste zu legen! Das ist aber in Kalifornien häufig vorgekommen. Mitten in einer Hauptgeschäftsstraße Virginias belegte jemand eine Parzelle zu einer Grube und teufte einen Schacht darauf ab. Er gab mir hundert Fuß von derselben, die ich jedoch gegen einen feinen Anzug vertauschte, weil ich befürchtete, es könnte jemand in den Schacht fallen und uns auf Entschädigung verklagen. An einer anderen gleichfalls mitten in einer Straße belegten Parzelle war ich Miteigentümer; und um zu zeigen, wie einfältig die Menschen sein können, erwähne ich, daß die Kuxe der ›East India‹, wie die Grube hieß, sich ganz flott verkauften, obwohl ein alter Stollen unter der Parzelle hinlief, in dem sich jedermann ungehindert mit eigenen Augen überzeugen konnte, daß er keine Quarzschicht oder irgend etwas einer solchen nur von weitem Aehnliches berührte.

Eine Methode, plötzlich zu Reichtum zu gelangen, bestand darin, eine Wildkatzengrube zu ›salzen‹ und dann zu verkaufen, solange die Aufregung dauerte. Das Verfahren war einfach. Der Betreffende belegte eine wertlose Schicht, teufte einen Schacht darauf ab, kaufte eine Wagenladung von reichem Combstock-Erz, ließ einen Teil davon in den Schacht werfen und das Uebrige daneben an der Oberfläche aufschütten. Dann zeigte er sein Besitztum einem Einfaltspinsel, der es ihm um hohen Preis abkaufte. Natürlich war jene Wagenladung reiches Erz alles, was das Opfer bei seinem Kaufe herausschlug.

Ein höchst merkwürdiger Fall von ›Salzung‹ war der, welcher bei der Grube ›Nord-Ophir‹ vorkam. Man behauptete, diese Ader sei eine entfernte Fortsetzung des eigentlichen ›Ophir‹, einer wertvollen Grube auf dem Combstock. Mehrere Tage sprach alle Welt von der reichen Ausbeute im ›Nord-Ophir‹. Es hieß, die Grube gebe vollständig reines Silber in gediegenen Klümpchen. Ich ging mit dem Besitzer an die Stelle und fand einen sechs bis acht Fuß tiefen Schacht und unten an dessen Sohle eine schlecht gesprengte Ader von dunklem, gelblichem, nichts versprechendem Gestein. Ebenso gut hätte man in einem Schleifstein Silber vermuten können. Wir holten eine Pfanne von dem Quark herauf und wuschen ihn in einer Pfütze aus und, wahrhaftig, in dem Bodensatz fanden wir ein halbes Dutzend runder Kügelchen von unzweifelhaftem, gediegenem Silber. Etwas derartiges hatte noch kein Mensch gehört; für die Wissenschaft war diese seltsame Neuigkeit ein völliges Rätsel. Die Anteilscheine stiegen auf fünfundsechzig Dollars für den Fuß und zu diesem Preise kaufte sich der weltberühmte Tragöde Kean Buchanan einen bedeutenden Vorrat davon und beschloß wieder einmal -- wie schon so oft -- der Bühne zu entsagen. Auf einmal hieß es, die Grube sei ›gesalzen‹ worden, aber nicht etwa nach irgend einer abgedroschenen Methode, sondern in ungewöhnlich kecker, frecher, eigenartiger und schandbarer Weise. Man entdeckte nämlich auf einem der Klümpchen gediegenen Silbers Bruchstücke der Münzumschrift ›~United States of America~‹, und nun lag es klar am Tage, daß die Grube mit geschmolzenen Halbdollars ›gesalzen‹ worden war. Die so gewonnenen Klümpchen hatte man geschwärzt, bis sie gediegenem Silber im Urzustande glichen und sie dann mit dem losgesprengten Gestein auf dem Boden des Schachtes vermischt. Dies ist buchstäblich wahr. Natürlich fielen die Kuxe sofort auf Null und der Tragöde war ruiniert. Ohne diese Kalamität wäre Mc. Kean Buchanan uns für die Bühne verloren gegangen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas mehr als zwei Jahre vorher hatten Herr Goodman und ein anderer Setzer sich vierzig Dollars geborgt und waren damit von San Francisco aufgebrochen, um ihr Glück in der neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das ›Territorial Enterprise‹, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen, das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie kauften es: Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander für tausend Dollars, die ihnen lang gestundet bleiben sollten. Redaktion, Zeitungsstube, Druckerei, Expedition, Schlafkammer, Wohnzimmer und Küche, alles war in ein Gemach zusammengepreßt, und dies war nicht einmal groß. Die Redakteure und Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte die Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel. Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien täglich in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf Redakteure und dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der Abonnementspreis war sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren waren maßlos hoch, die Spalten stets gedrängt voll. Das Blatt warf monatlich zwischen sechs- und zehntausend Dollars ab und wurde in einem stattlichen feuerfesten Hause redigiert und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis elf Spalten neuer Anzeigen wegen Ueberhäufung entweder zurückgelegt oder in Extrablättern zusammen veröffentlicht.

Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹ stand im Begriffe, ein Riesenpochwerk mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten nicht viel unter einer Million Dollars betrugen. Die Kuxe dieses Bergwerks zahlten schwere Dividenden -- ein seltener Fall, der nur bei den zwölf oder fünfzehn Parzellen vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock, lagen. Der Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen Hause, das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr mit stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, und sein Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der Direktor einer anderen großen Grube reiste wie ein Fürst herum, hatte einen Jahresgehalt von achtundzwanzigtausend Dollars und beanspruchte später überdies noch auf dem Rechtswege ein Prozent der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend.

Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen machte keine Mühe, wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. Und so traf es sich glücklich, daß gerade während jener Zeit der Draht die Nachricht brachte, daß eine große Sanitätskommission der Vereinigten Staaten gebildet worden sei, welche für die Soldaten und Matrosen der Union, die in den Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an dem Werk in großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm auch nur einen Tag alt gewesen sei. Virginia erhob sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee wurde in aller Eile organisiert, der Präsident desselben bestieg einen leeren Karren in der C straße und versuchte der ungeduldigen und lärmenden Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf einer Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, und das Komitee bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine Stimme wurde übertäubt, seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen Jubelgebrüll und dem Verlangen, daß das Geld sofort angenommen werden solle, verloren; die Leute waren wie rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte Vorstellungen und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber taub gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, in den sie Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, um noch mehr zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus dem Gedränge. Unterstützt von dieser beredten Gebärdensprache hofften viele sich einen Weg bahnen zu können. Selbst die Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung angesteckt und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit ihrem Gelde bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer Weile mit jämmerlich zerzaustem Anzuge wieder aus der Menge hervor. Es war der wildeste Auflauf, den Virginia jemals gesehen; als zuletzt die Wut nachließ und alle auseinander gingen, hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche. Um in der eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg.

Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu arbeiten und wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in seine Kasse. Einzelne Personen und ganze Genossenschaften legten sich eine regelmäßige Steuer für den Sanitätsfonds auf, die sich nach ihren Mitteln abstufte; als aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ zu uns kam, gab es einen zweiten großen allgemeinen Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich und interessant. In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat der demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er kam mit dem republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, daß der Unterliegende von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund schweren Mehlsack beschenkt werden und denselben auf seiner Schulter nach Hause tragen sollte. Gridley unterlag und erhielt den Mehlsack von dem neuerwählten Bürgermeister. Er lud ihn auf die Schulter und trug ihn gegen zwei Meilen weit von Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem Musikchor und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er, er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung des Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief:

»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des Sanitätsfonds!«

Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, und Gridley stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators zu übernehmen. Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die Leute sich mehr und mehr für die Sache erwärmten, bis der Sack zuletzt einem Müller zu zweihundertfünfzig Dollars zugeschlagen und dessen Anweisung in Empfang genommen wurde. Man fragte ihn, wo er das Mehl abgeliefert haben wolle, worauf er erwiderte:

»Nirgends, verkauft es noch einmal!«

Jetzt brachen donnernde Jubelrufe los, und die Menge geriet ins richtige Feuer. So stand Gridley bis zum Sonnenuntergang schreiend und schwitzend da, und als die Masse auseinanderging, hatte er den Sack an dreihundert verschiedene Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold dafür eingenommen. Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze.

Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein Telegramm zurück:

»Schickt euern Mehlsack her!«

Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im Opernhause wurde eine Nachmittagsversammlung gehalten und die Auktion begann. Aber der Mehlsack war früher gekommen als man erwartete, die Leute waren noch nicht ordentlich ins Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf matt hin. Bei Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in Händen und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde.

Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu lassen und dem Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen.

Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger am Werke, den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und als sie zu Bett gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht mehr bange. Um elf Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug offener Wagen, begleitet von lärmenden Musikbanden und geschmückt mit wehenden Fahnen, die C straße hinunter, wo sie bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden Menschenmenge eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden. Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß er recht ins Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. Die anderen Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure und Berichterstatter und andere Leute von Ansehen und Bedeutung. Die Menge drängte nach der Ecke der C- und Taylorstraße, in der Erwartung, daß der Verkauf dort beginnen werde; allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine unaussprechliche Ueberraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme Virginia überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg auf die kleine Stadt Gold Hill zu. Telegramme waren nach Gold Hill, Silver City und Dayton vorausgegangen, so daß deren Bevölkerung bereits in fieberhafter Erregung darauf wartete, sich ins Gefecht zu stürzen. Es war ein sehr heißer Tag und furchtbar staubig. Nach Verlauf einer kurzen halben Stunde stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden Fahnen, von mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold Hill hinab. Die ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und Indianer waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen der Stadt flatterten an den Masten und das Hurrarufen der Menge übertönte den Lärm der Musikbanden. Gridley erhob sich und fragte, wer auf den vaterländischen Sanitäts-Mehlsack das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte: »Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft bietet tausend Dollars in Münze.«

Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde nach Virginia, binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft auf der Straße versammelt und verschlang die Botschaft; es gehörte nämlich mit zum Programm, daß jeder Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort bekannt gemacht wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold Hill her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung. Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung von Gold Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, welche Virginias höchste Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis an den Plakatstellen zu lesen war. Nun rückte Gridleys Kavalkade weiter -- erfrischt mit Strömen Lagerbiers, welches die Leute in verschwenderischem Maße an die Wagen brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt auf dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und veröffentlicht worden; als nun die Prozession um halb neun Uhr abends in Virginia einzog und die C straße hinunterkam, war die ganze Bevölkerung auf den Straßen, Fackeln loderten, Flaggen wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf Hurra erschütterte die Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit Beifallsausbrüchen begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen fünfzig Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, die in Staatsnoten fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. Es kamen ungefähr drei Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, Weiber und Kinder mitgerechnet. Das Gesamtergebnis würde zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen waren sehr schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten weder bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß der Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte Tag, den Virginia jemals erlebte.

Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach dem Osten und brachte ihn endlich nach St. Louis, wo ein Sanitätsbazar abgehalten und eine große Summe eingenommen wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte man dort die aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren ausgestellt. Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, die er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner ungeheuren, mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann wenn nicht ganz, so doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt.

Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man die Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der einzige Fall, den die Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches Brotmehl auf offenem Markte zu dreitausend Dollars das Pfund verkauft worden ist.

* * * * *

Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will ich noch einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft

meine erste Begegnung mit Artemus Ward.

Dieser berühmte, jetzt verstorbene Komiker und Humorist bereiste damals, als ich in Virginia City Redakteur war, die Städte im fernen Westen, um Vorlesungen zu halten, und kam bei dieser Gelegenheit auch in die genannte Stadt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er brachte mir Empfehlungsbriefe von gemeinsamen Freunden in San Francisco und lud mich ein, mit ihm zu frühstücken. Im Bereich der Silberminen galt es fast als eine heilige Pflicht, vor solcher Mahlzeit einen Whisky-Cocktail zu trinken. Mit echt kosmopolitischer Gesinnung pflegte sich Artemus stets nach den Sitten des Landes zu richten, in welchem er sich gerade befand; so bestellte er denn auch jetzt drei von den abscheulichen Schnäpsen, Hingston, sein Reisebegleiter, war auch zugegen. Ich sagte, ich wolle lieber keinen Whisky trinken, er würde mir zu sehr zu Kopfe steigen und mich in zehn Minuten so verdreht machen, daß ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Mich vor Fremden wie ein Verrückter zu gebärden, sei nicht nach meinem Sinn. Auf Artemus Wards freundliches Zureden trank ich aber dennoch das tückische Gebräu, obgleich mit Widerstreben und in dem Bewußtsein, daß ich etwas thue, was mich alsbald reuen würde.