Chapter 2
Unser Vater hatte am Tisch gesessen, den Kopf schwer auf seinen Arm gestützt. Nun stand er auf und sagte: >Der Spaß will diesmal nichts verschlagen, Nachbar Ivers. Aber, wenn Ihr's nicht ungut nehmen wollt, so lasset uns jetzt allein; denn ich möchte gleich jetzt mit meinem Lorenz reden!<
An dem sauersüßen Gesicht, das der alte Junggeselle machte, sah man wohl, wie bitterlich gern er dageblieben wäre; aber er verabschiedete sich denn doch mit guter Manier, und gleich darauf wurde ich ins Brauhaus geschickt, um unseren alten Knecht hereinzurufen.
>Lorenz,< sagte mein Vater, als wir zusammen in die Stube getreten waren, >du siehst uns hier alle ratlos beieinandersitzen; der Finger des Mörders soll in unserem Bier gefunden sein!<
Der Alte fuhr sichtlich zusammen. >Herr,< sagte er traurig, >so wissen Sie das auch schon!<
>Ich habe es eben erst erfahren; aber du, wenn du es wußtest, weshalb hast du es mir verschwiegen?<
>Ja, Herr, ich seh' nun wohl, daß ich zu dumm gewesen bin; ich dachte mir, ich wollte es allein herausbekommen.<
>Aber man meint, du selber wärst es, der sich den Finger geholt hat; du hättest, um die Kundschaft unserem Hause zu bewahren, eine Sympathie damit gemacht!<
Als mein Vater das gesprochen hatte, stand der alte Lorenz auf einmal wie ein Soldat, beide Arme glatt am Leibe herunter. >Herr!< rief er; >alles für meine Herrschaft; aber wir sollen Gott fürchten und lieben, auf daß wir bei seinem Namen nicht zaubern, lügen oder trügen! So etwas ist keine Sympathie; das tun nur Menschen ohne Christentum, und mit Hilfe dessen, den ich hier nicht nennen will!<
>Nun, Lorenz, dann ist es ja gewißlich nicht deine Sache; aber man will dich mehrmals in der Nacht am Galgenberg gesehen haben!<
>Ja, Herr, das ist es eben, und es war dunkel genug; aber die alte Hebamme kutschierte da vorbei, mit ihrer großen Leuchte in der Hand!<
>Um Christi willen!< rief meine Mutter; >so ist Er wirklich dagewesen?<
>Die Frau soll nicht erschrecken,< erwiderte Lorenz; >ich dachte nur, wer sich den einen Daumen holte, der kann sich auch den anderen holen; und von gar so weit mag er auch wohl nicht gekommen sein! Denn -- so klug bin ich doch -- es ist diesmal kein Zauberwerk, sondern ein Schabernack gegen uns gewesen; aber die da< -- und er erhob die Faust und zeigte drohend nach der Gegend, wo die neue Brauerei gelegen war -- >sie sollen keinen Segen davon haben!<
>Lorenz, Lorenz,< rief mein Vater, >sprich nicht so in deinem blinden Hasse, den du nicht einmal für dich, sondern nur um unseretwillen hegest! Wir sorgen jeder für unser Brot; und am Ende ist gar alles nur ein leer' Gerede!<
Aber Lorenz schüttelte den Kopf. >Sie wissen, Herr, ich geh' nicht gern hinten aus unserer Brauhaustür, seit einem da das rote Dach so in die Augen scheint; aber gestern hatte unser Pikas sich von der Kette losgerissen. Als ich eben auf den Weg hinaustrete, sehe ich Marx Sievers seinen Ältesten mit zwei Tonnen auf dem Wagen von dort oben herunterkommen. >Na, Hans,< sag' ich, als er näher kommt; >du holst dir auch wohl dein Bier jetzt von dem neuen Brauer?< -- >Ja,< sagt er, >Lorenz, das tu' ich.< -- >Und warum,< frag' ich, >tust du das? Seit deines Großvaters Zeiten habt Ihr euer Bier doch immer nur bei uns geholt.< -- >Ja,< antwortet er und schlägt schon wieder auf seine Pferde; >dazumal lebte auch Peter Liekdoorn noch, und wir hatten noch keinen Finger in unserem Bier gefunden!< Und damit war er schon in vollem Trab davongefahren.<
Unser Vater sah voll Bekümmernis auf seinen alten Knecht. Als dieser schwieg, sagte er leise: >Dann stehe Gott uns bei; denn Marx Sievers und seine Söhne sind wahrhaftige Leute!<
Meine Mutter hatte seine Hand ergriffen; aber er entzog sie ihr und ging unruhig in der Stube auf und ab. Als jedoch Lorenz Miene machte, sacht hinauszugehen, zog er seine Uhr und sagte: >Das hat uns auch um Gottes Wort gebracht; es ist zu spät, um nun noch in die Kirche zu gehen. Spann den Braunen vor die Karriole, Lorenz! Ich will gleich selber mit Marx Sievers sprechen.<
-- -- So fuhren sie denn hinaus; und mein Vater hat es uns damals und auch später oft genug erzählt! >Unterwegs,< sagte er, >nahm ich Lorenz Zügel und Peitsche aus der Hand, weil er immer noch zu langsam fuhr; aber mit unserer Ungeduld ist nichts getan!<
Als sie endlich vor Marx Sievers großem Haustor hielten und dann mein Vater in die weite Lohdiele trat, war dort alles tot und still und keine Menschenseele sichtbar. Nach einer Weile kam eine Magd. >Sie sind noch alle in der Kirche,< sagte sie, >des Pastors Sohn, der Student, predigt; aber es muß bald aus sein.< -- >So will ich warten,< sagte mein Vater, und ließ sich die Tür zur Wohnstube öffnen. Aber der junge Gottesmann mußte einen weiten Weg genommen haben bis zum heiligen Vaterunser. Draußen saß Lorenz auf der Karriole und klatschte dann und wann mit seiner Peitsche; drinnen stand mein Vater und studierte die Glasmalerei auf den alten Fensterscheiben, welche die Belagerung Tönnings durch den General Steenbock darstellte. >Wohl hundertmal,< sagte er, >hatte ich schon die schwedischen Soldaten gezählt, ohne was dabei zu denken, oder doch nur, um wieviel leichter es sein müßte, in diesem gelben Kriegshaufen mit zu fechten, als eine Reise zu tun, wie ich sie heute machen mußte.<
Endlich aber war es draußen auf der Lohdiele lebendig geworden; nach ein paar mit der Magd gewechselten Worten trat der Bauer mit seinem ältesten Sohn ins Zimmer. Den Gruß meines Vaters erwiderte er kurz und trocken, und ging erst an den Türhaken, um seinen Hut daran zu hängen; dann stemmte er beide Fäuste mit den Knöcheln auf den Tisch und sagte:
>Ihr Fuhrwerk, Herr Ohrtmann, wär' ich am mind'sten vor meiner Tür vermuten gewesen; aber Sie kommen wohl, um sich das Geld für Ihre letzte Tonne Bier zu holen?<
Und bevor mein Vater ihm darauf antworten konnte, fuhr er fort:
>Bin ich Ihnen auch nur einmal einen Sechsling in der Schuld geblieben? Ich denk' doch nicht! Aber diese letzte Tonne< -- und dabei schlug er heftig auf den Tisch -- >die bleib' ich schuldig bis in alle Ewigkeit! Und wollen Sie mir was, so zitieren Sie mich vor meinen Landvogt; hier bin ich nicht für Sie zu sprechen!<
>So hört doch,< rief mein Vater; >ich will kein Geld von Euch; um dessentwillen bin ich nicht zu Euch gekommen!<
>So,< sagte der Bauer, >was wollen Sie denn?<
-- >Ihr hättet's Euch wohl denken können, Sievers; die Leute reden ja, Ihr hättet was in meinem Bier gefunden, was nicht in der Ordnung ist!<
Der Bauer lachte. >Nicht in der Ordnung? Nein, bei dem Teufel! So was ist nicht in der Ordnung!<
>Es soll der Daumen von dem Hingerichteten gewesen sein,< fuhr mein Vater fort; >und ich wollte Euch nur bitten, mich das sehen zu lassen, was Ihr gefunden habt.<
>Die Leute reden nicht umsonst,< sagte der Bauer, >das Ding ist drin im Hahn gesessen; meine Nachbarn haben beide das gesehen.<
>Nun, so zeigt es jetzt auch mir!<
>Da hätten Sie früher kommen sollen; ich weiß nicht, wo das Ding geblieben ist.<
>Sievers!< rief mein Vater, >so sucht oder lasset suchen; das ist Eure Schuldigkeit! Denn dieser Finger steht als ein Kläger wider mich auf und drohet, mich zum armen Mann zu machen; er muß mir Rede stehen, wie er in mein Gebräu gekommen ist!<
Aber der Bauer sagte: >Das ist Ihre Sache, Herr Ohrtmann; ich lass' mein Bier bei einem anderen holen, und damit hopp und holla!<
Mein Vater besann sich ein paar Augenblicke, während Marx Sievers seine Pfeife vom Haken nahm und aus dem zinnernen Tabakskasten stopfte. Als er schon angezündet hatte und die Rauchwolken trotzig vor sich hinblies, begann mein Vater wieder: >Ich hab' doch recht vernommen, Sievers? Ihr wollt mir diese letzte Tonne nicht bezahlen!<
-- >Ganz recht, Herr Ohrtmann; ich denk' ich hab' das deutlich genug gesagt!<
>Nun, ich verlange das auch nicht; aber wenn Ihr mein Bier nicht bezahlt, so gehört mir auch der Finger, der darin gewesen ist.<
Der Bauer stutzte; aber nicht lange, so zog er seinen vollen Lederbeutel aus der Tasche und zählte das Geld für die Tonne Bier in blanken Banktalern vor meinem Vater auf den Tisch. >Nun ist der Finger mein,< sagte er, >und ich tu' damit nach meinem Dünken.<
Es wäre wohl umsonst gewesen, daß mein Vater das Geld zurückschob, wenn nicht der Sohn sich jetzt hineingemischt hätte. >Vater,< sagte er, >soll ich den Finger holen? Ich mein', er liegt in unserem Nagelkasten.<
Der Alte brummte etwas in den Bart; aber der Sohn ging hinaus und kam bald darauf mit einem Kasten voll alten Eisenzeuges wieder in die Stube. Als er darin umherkramte, gewahrte mein Vater ein gelblichgraues Ding, das er nicht anders als für den Daumen eines Menschen anerkennen konnte; zwar schien er dick mit Gest oder, wie es auf Hochdeutsch heißt, mit Hefe überzogen; aber auch die Form des Nagels war noch deutlich sichtbar.
>Und das hier,< frug er den Bauern, >habt Ihr in meinem Bier gefunden?<
>Ich sagt' es schon,< versetzte dieser, >als wir das Letzte aus der Tonne zapfen wollten, da hat's den Hahn verstopft.<
>Nun, Marx Sievers, Ihr könnt wohl denken, daß ich mir dies Unheil nicht selber angerichtet habe! Ihr seid sonst als ein gerechter Mann bekannt, so bitte ich Euch, fahrt jetzt gleich mit mir zum Bürgermeister und gebt da Zeugnis, wo und wann Ihr dieses Ding gefunden habt; denn jeder neue Tag ist mir zu Spott und Schaden!<
Der Bauer hatte sich bereits in seinen Lehnstuhl niedergelassen. >Ins Gericht, Herr Ohrtmann? Zum Bürgermeister? -- Ja, wenn meine eigene Obrigkeit mir das befiehlt; sonst nicht. Ich habe Spott und Schaden auch in meinem Haus; meine Frau ist heut noch krank vor lauter Abscheu!<
Mein Vater mußte sich das alles bieten lassen; denn der Finger lag leibhaftig vor ihm, und die Sievers waren als wahrhaftige Leute überall bekannt; er stand, wie er selber sagte, da als ein geschlagener Mann.
Endlich wurde dennoch ein Abkommen getroffen; der Sohn durfte das unheimliche Ding in eine Schachtel packen und damit und mit meinem Vater in die Stadt zum Bürgermeister fahren.
-- -- Daß dies geschehen war, aber von weiterem auch nichts, erfuhren wir zu Hause schon durch Lorenz, der zu Fuße wieder ankam, während wir noch immer mit dem Mittag warteten und vor Angst und Spannung nicht wußten, wie wir unsere Zeit verbringen sollten.
Endlich kam unser Vater, und ich sah, wie seine Hand zitterte, als er die unserer Mutter drückte und lange in der seinen hielt. >Übermorgen,< sagte er, >soll ich wieder zum Bürgermeister kommen. Wenn es doch erst übermorgen wäre!<
Als er sich dann nicht an den gedeckten Tisch, sondern an dem kalten Ofen in den Lehnstuhl gesetzt hatte, standen wir alle um ihn her, bis er endlich zu erzählen anhub. -- In dem Studierzimmer des Bürgermeisters, als er mit dem jungen Sievers dorthin kam, war eben der alte, lustige Apotheker Hennings zugegen gewesen. Der hatte geraten, den Finger erst ein paar Tage in Spiritus zu setzen, damit sich der Überzug von Hefe löse und dann gründlich untersucht werden könne, ob er zu der Hand des Hingerichteten gehöre oder nicht. Nach der Zustimmung des Bürgermeisters war er selbst nebenan in seine Apotheke gelaufen und bald mit einem vollen Glashafen zurückgekommen. Sehr genau hatte er hierauf den Finger besehen, daran gerieben und geschabt und ihn um und um gewandt. >Aber ein wunderlicher Kauz,< sagte mein Vater, >ist der alte Hennings doch; denn er schmunzelte dabei, als ob er einen Allerweltsspaß in den Händen drehe!< -- >Man sollte kaum meinen,< hatte er zuletzt gesagt und dabei meinen Vater ganz listig durch seine runden Brillengläser angesehen, >daß Peter Liekdoorn bei seinen Lebzeiten mit diesem Daumen allzuviel Hühneraugen hätte operieren können!<
Weiteres war aus ihm nicht herauszubringen gewesen; aber übermorgen sollte mein Vater wieder zum Bürgermeister kommen. Der Finger war in den mit Spiritus gefüllten Glashafen getan und dieser, nachdem man ihn mit dem Gerichtspetschaft versiegelt hatte, in dem großen Aktenschrank verschlossen worden. -- --
Nun, es wurde denn auch übermorgen; -- langsam genug. -- Um elf Uhr vormittags ging mein Vater aus dem Hause. Während meine Mutter und ich uns durch Putzen und Scheuern die Angst von der Seele wegzuarbeiten suchten, kam unsere alte Krautfrau zu uns in die Küche und erzählte, Peter Liekdoorn habe heute nacht in der Bürgermeisterei ans Fenster geklopft; denn er habe seinen Daumen wieder haben wollen, der jetzt dort in dem großen Schrank verschlossen liege. >Letzten Sonntag,< sagte sie, >haben die Diebe ihn über die Türschwelle dem Bürgermeister in das Haus geschoben, weil sie vor dem Gespenste keine Nacht mehr Ruhe hatten; aber heut vormittag ist groß' Verhör, und dann kommt alles an den Tag; und hernach mögen alle Reu' und Leid geben, die so ihre bösen Mäuler über unseren Herrn Ohrtmann haben laufen lassen! Gott soll mich bewahren, daß ich an so was nur gedacht hätte!<
Ich seh' das alte dumme Weib noch vor mir,« sagte unsere treffliche Wirtin, »wie sie das alles wie Kraut und Rüben durcheinander wälschte; Gott weiß, wo sie es sich aufgesammelt hatte! Wir freuten uns nur, da sie endlich fort war und wir wieder, wie am Sonntag, hangend und bangend allein beieinander in der Stube saßen.
Da endlich hörten wir die Haustür gewaltsam aufreißen.
>Das ist Christian!< sagte meine Mutter. >Was wird der wieder zu erzählen haben!< Aber es war unser Vater, dem freilich Christian mit seiner Rechentafel auf dem Fuße folgte.
>Nun,< rief meine Mutter, >haben sie gestanden? Sind die Diebe festgenommen?<
Aber er schüttelte den Kopf und schwenkte, ganz außer Atem, ein beschriebenes Papier in seiner Hand. >Mutter, Kinder!< rief er endlich, >es ist lauter Dunst gewesen; nun wird alles wieder gut! Aber dem alten Hennings, dem Mann hätt' ich die Füße küssen mögen! Und das, das hier -- das kommt ins Wochenblatt!< Seine Augen glänzten, seine Stimme bebte; uns war, als ob er alles durcheinanderspräche. Aber dann gab er mir das Blatt und sagte: >Lies, Nane; aber laut und deutlich! Siehst du, des Bürgermeisters Name steht darunter, und das Siegel ist auch dabei gedrückt!<
Und dann las ich, und noch heute weiß ich jedes Wort; denn uns allen war, als ob eine Himmelsbotschaft in unser dunkles Haus gekommen wäre. >Wenn< -- so stand da -- >einer unserer geachtetsten Mitbürger, der Brauer Josias Christian Ohrtmann, durch unbedachte Zungen in Verdacht geraten, als ob der von dem Körper des hierselbst hingerichteten armen Sünders abhanden gekommene Finger sich in seinem Biere vorgefunden, so wird zur Steuer der Wahrheit, und um unverdienten Schaden von einem ehrenwerten Manne abzuwenden, hierdurch bekannt gegeben, daß nach sorgsamer, durch den hiesigen Herrn Apotheker Hennings unter Zuziehung der Behörde vorgenommener Untersuchung der Verdacht erregende Gegenstand sich lediglich als eine verhärtete Gest- oder Hefemasse herausgestellt, welche durch besondere Zufälligkeiten die Form eines menschlichen Daumens angenommen hatte.<
So lautete der Inhalt Wort für Wort,« sagte die Erzählerin; »wer sollte so was auch vergessen können! Mein Vater aber hatte plötzlich seine Hände vor der Brust gefaltet. >Mutter! Kinder!< sagte er ruhig, >Gott ist barmherzig und ein Gott der Liebe! Er prüfet wohl, doch er verlässet keinen, der in seiner Schwachheit gerecht vor ihm zu wandeln trachtet.< Und dann betete er laut; ich habe niemals ein so heißes Dankgebet aus eines Menschen Munde gehört. Meine vierzehnjährige Schwester war auf die Knie gesunken und sprach ebenso laut die Worte nach, die über seine Lippen strömten.
Auf unseren Christian aber hatte die Freudenbotschaft auch noch eine andere Wirkung. Als wir noch alle schweigend um unseren Vater standen, bemerkte ich auf einmal, daß er wiederholt mit der doppelten Faust als wie zur Übung in die leere Luft hineinschlug.
>Christian! Christian!< rief unsere Mutter, >was treibst du da für Faxen?<
Christian tat erst noch einen Lufthieb und schaute dabei sehr fröhlich aus seinem heut ganz braun und blauen Angesicht. >Verdamm mich, Mutter!< sagte er, denn er fluchte wirklich mitunter ganz gotteslästerlich; >verdamm mich, Mutter! Nun sollen die Jungens aber Prügel haben!<
>Pfui, schäm dich!< rief sie. >In solchem Augenblick an so was nur zu denken!<
Er ließ zwar etwas beschämt den Kopf hängen, dann aber murmelte er: >Ja, Mutter, verdamm mich! Sie sollen es aber doch!< Und geschwinde tat er noch einmal einen Fausthieb durch die Luft.
Mein Vater, der dergleichen sonst nicht leiden konnte, strich heute seinem hitzköpfigen Knaben nur lächelnd übers Gesicht; er war zu glücklich, um jetzt ein tadelndes Wort zu sprechen.
>Hole mir lieber unseren Lorenz, Christian,< sagte er, >damit wir auch ihm den Stein von seinem Herzen nehmen!<
Und dann wurde Lorenz geholt; und ich las noch einmal. Als ich fertig war, standen dem alten Menschen die Augen dick voll Tränen.
>Sehen Sie wohl, Herr!< sagte er und schlug sich leise mit der Hand gegen seine Brust:
>Lorenz Hansen is mein Nam'; Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!<
>Amen,< sagte mein Vater. Dann wurde Christian mit dem Schriftstück in die Druckerei geschickt.
-- Als wir später bei unserem Nachmittagskaffee saßen, bemerkte ich, daß unser Vater einige Male ganz schelmisch nach seinem Pfeifenbrett hinüberblinzelte. >Was meinst du, Nane,< sagte er heiter, >wenn du mir heut einmal den großen Meerschaum stopftest?< -- Ich war fast verwundert; denn da er das Rauchen eigentlich nur für reiche Leute schicklich hielt, so erlaubte er sich sonst nie vor Feierabend seine Pfeife Portoriko; die silberbeschlagenen Meerschaumköpfe aber, die beide sorgsam mit einem Seidentuch umwunden waren, die kamen stets nur Sonntags von der Wand. Als ich dessen ungeachtet jetzt die schöne Pfeife stopfte, nickte er mir freundlich zu: >Und nun geh auch in die Küche,< fuhr er fort, >und brenn sie mir selber an; und wenn du das getan hast, dann hole den Kalender und ziehe unter diesen Tag mit deinem Rotstift einen breiten Strich! Unser Wandsbecker Bote hat so viel Haus- und Jahresfeste; nun haben auch wir eines! Und wenn der Tag sich jährt, dann vergiß niemals, mir schon beim Kaffee meinen großen Meerschaumkopf zu stopfen!<
-- Unser Vater war wohl kein schöner Mann, er hatte nur seine treuen, blauen Augen; aber an diesem Tage, und wie er so seelenfroh aus seinem Meerschaum rauchte, fanden meine Schwester und ich ihn beide so hübsch, daß wir gegenseitig ihn uns immer wieder zeigen mußten.«
Die alte Dame schwieg, als ob ihre Erzählung hier zu Ende sei; mir aber war, als sei das eigentliche Ziel derselben noch von ihr zurückgehalten.
»Und weiter?« frug ich nach einer Weile, da auch niemand anders sprach.
»Weiter?« rief eine muntere Frau an meiner Seite. »Was wollen Sie noch weiter? Ende gut, alles gut! Es war ja alles nur um nichts gewesen!«
Ich sah auf unsere Wirtin, deren sonst so heitere Augen jetzt mit einem durchdringenden Blick auf die Sprecherin gerichtet waren. »Da haben Sie recht,« sagte sie; »es war alles nur um nichts.«
»Aber die Kundschaft,« frug ich, »sie kam jetzt doch wieder? Und in der nächsten Erntezeit mußte die flinke Nane vor all den durstigen Krügen und Gemäßen doch wieder auf den Tritt, und von dem Tritt aufs Fenster flüchten?«
Die alte Dame tat einen tiefen Atemzug. »Nein,« sagte sie, »so etwas ist niemals wieder vorgekommen; in der Erntezeit des folgenden Jahres passierte etwas anderes, das ich gleichfalls nie vergessen werde. Nein, die Kundschaft, wie wir sie früher hatten, kam nicht wieder, obgleich es an redlichem Willen im Hause und an Bemühungen gutherziger Freunde nicht gefehlt hat. Der alte Hennings, wenn die Bauern in seine Apotheke kamen, ließ nicht ab, ihnen die Geschichte von dem Gestfinger und die Güte des Ohrtmannschen Bieres zu verdeutschen; und zuweilen kam er selber mit einer so eroberten Bestellung angelaufen; aber Marx Sievers nebst seinem ganzen Dorfe hat niemals wieder unseren Hof betreten; vielleicht -- ich hab' das später mehr erfahren -- weil er dem sich zu begegnen scheute, gegen den er sich im Unrecht wußte. -- Die Geschichte wurde weit und breit bekannt; aber nur der arge Teil davon fand Glauben! Wenn auswärts Freunde unser Bier empfahlen, so hieß es jetzt wohl: >Ohrtmann? Ohrtmann? Ist das nicht der Mann, der den Finger in seinem Biere hatte?< Und wurde dann auch der ganze Dunst ersichtlich aufgeklärt, es hieß am Ende doch: >Man braucht ja eben nicht vor diese Tür zu gehen; es gibt ja andere noch, bei denen gutes Bier zu haben ist!<
Dergleichen kam uns oft genug zu Ohren. Ja, ein verkommener Winkelschreiber, ein Altersgenosse meines Vaters, wagte es sogar, ihm seine Hilfe anzubieten und zutraulich dabei zu äußern, die zwölf Wochenblattzeilchen hätten ihm wohl einen schönen Haufen Geld gekostet; aber das brauche man ja keinem auf die Nas' zu binden.
Es mochte nicht viel helfen, daß mein Vater den miserablen Kerl zur Türe hinauswarf; es wurde vielleicht nur um desto mehr geglaubt.
>Der sprach für viele!< sagte mein Vater, als er uns voll Entrüstung das erzählte. Sonst habe ich ihn niemals klagen hören; er war nur stiller, als er sonst gewesen, und es kam mir oft vor, als ob ein heißes Dankgebet ihm die Seele drücke. Dagegen bemerkte ich, daß er, zumal an Markttagen, jetzt öfter aus dem Brauhaus auf den Weg hinaustrat; nicht als ob dort die Wagen nach dem roten Dach jetzt weniger als sonst vorbeigefahren wären; aber es war, als triebe ihn etwas hinaus, daß er sie alle zählen müsse.
Meine Mutter vermochte das Unglück und die Entbehrungen, die es mit sich brachte, nicht immer so geduldig zu ertragen; das fühlten nicht bloß wir Kinder; sie konnte mitunter sogar dahingeraten, ihrem guten Manne die Schuld des ganzen Unheils beizumessen; und immer kam sie dann auf die schon früher getadelte Nachsicht, womit er das abergläubische Getue seines Knechts geduldet habe. >Ich lass' es mir nicht nehmen,< sagte sie eines Abends, >hättest du ihm nur das Salzen und Bekreuzen ausgetrieben, die Leute wären nimmer auf das Stück gekommen, den dummen Finger in unserem Bier zu suchen! Aber konnte er den einen Hokuspokus machen, warum denn nicht den anderen? Und warum nicht heute oder morgen wieder einen anderen?<
Für gewöhnlich ging derartiges, da mein Vater seine kleine, heftige Frau immer bald wieder ins Gleiche brachte, ohne weitere Spur vorüber. Das aber sollte diesmal nicht so sein. Es war eben vor dem Abendessen, und beide standen schon an ihren Stühlen, wobei sie die Stubentür im Rücken hatten; nur ich hatte gesehen, wie diese sich auftat und Lorenz, im Begriff hereinzutreten, plötzlich stehen blieb, eben als meine Mutter jenen wohl nicht ganz unbegründeten Vorwurf aussprach. Bevor ich mich in meinem Schrecken noch besann, hatte schon die Tür sich wieder leis geschlossen; dann kamen die Kinder und die Magd herein; aber Lorenz mußte erst durch Christian gerufen werden.
Noch heute danke ich meinem Schöpfer, daß ich damals meinen Eltern nichts verraten habe; denn von nun an war Lorenz wie verwandelt: vor den Gebinden, die im Hausflur lagen oder hinten vor seiner Braupfanne oder auch nur vor einem Tisch oder Stuhl im Hause, konnte er lange mit starren Augen stehen bleiben; ging er aber fort, so sah ich mehrmals, wie er mit der Faust sich über beide Augen fuhr.
>Was mag denn Lorenz fehlen?< hörte ich eines Abends meine Mutter fragen, die sonst dem alten Manne herzlich gut war. >Er geht ja umher, als ob er über schwere Dinge brüte.<
Mein Vater schüttelte den Kopf. >Ich denke nichts weiter, als uns anderen auch; du weißt, er trägt an unseren Sorgen allzeit schwerer als an seinen eigenen.<
Aber am anderen Morgen trat Lorenz vor ihn hin und bat um seinen Abschied; er wisse einen jungen Menschen, der sogleich an seine Stelle treten könne. Mein Vater äußerte nachher, ihm sei gewesen, als ob sein altes Erbhaus über ihm zusammenbräche. Doch Lorenz wollte sich nicht halten lassen.
>Ich habe mich mit meinem Gott beraten.< Auf alle Fragen hatte er nur diese eine Antwort; er mochte fürchten, sonst nicht stark genug zu sein.