Im Banne der Furcht

Part 13

Chapter 133,163 wordsPublic domain

Doch zurück zu unserm Hausbesitzer. Dieser schreitet nämlich jetzt zur Zeremonie des Feueranzündens. Hierzu darf er sich keine glühende Kohle vom Nachbar holen, sondern er muß selbst neues Feuer mit Hilfe der Reibhölzer erzeugen. Dieses heilige Feuer ist ein Bild der alle Morgen neues Leben gebenden Sonne. Dann opfert er den Ahnen, indem er etwas Bier an den Fuß der Mittelstütze gießt und betet: „Ihr ~nkoma~ (Ahnen), nehmt euer Bier! Ich beziehe heute mein neues Haus. Laßt mich hier guten Schlaf finden und von Krankheiten verschont bleiben. Laßt mich hier viele Kinder zeugen und Kühe, Ziegen und Hühner züchten. Teilt das Opfer mit den Ahnen der männlichen und weiblichen Linien. Freuet euch und schlaft! -- ~nkoma shinjiani!~“ Die Erschienenen trinken den „Rest“ des Bieres (nebenbei bemerkt, übertrifft er wie immer so auch hier die Menge des Opferbieres um ein Erkleckliches) und nehmen wohl auch einen kleinen Imbiß, den die Hausfrau zurechtgestellt hat.

Zum Schluß noch die Bemerkung, daß der Polygamist früher für jede Frau eine besondere Hütte baute. Seit der Einführung der Hüttensteuer unterläßt man es jedoch. Dies hat allerlei das Volksleben schädigende Folgen nach sich gezogen, auf die ich schon hingewiesen habe. Mädchen- und Knabenhäuser gibt es bei unsern Wapare nicht, ebensowenig besondere Häuptlingshütten.

Die Koch- und Hausgeräte.

Die Töpferei ist ausschließlich Arbeitsgebiet der Frau, genau so wie die Anfertigung der Fasersäcke. Hat die Frau sich in einem Sack genügend Tonerde geholt, so geht sie an deren Bearbeitung. Zu dem Zwecke breitet sie den Ton auf einem großen flachen Stein aus, zerkleinert die großen Stücke und liest Steine und andre Unreinigkeiten aus. Mit Hilfe eines Holzstößers wird der reichlich angefeuchtete Ton ganz fein gestampft und dann noch mit den Händen wie Kuchenteig auf dem Stein durchgeknetet. Aus dieser Masse formt die Frau einen je nach Umfang des gewünschten Topfes verschieden großen Tonzylinder, der mit dem Stampfer durchstoßen wird. Aus diesem Mantel formt sie nun unter fortwährendem Anfeuchten und Abschaben mit einfachen Modellierhölzern die obere Hälfte des Topfes. Das untere noch auf dem Stein haftende Ende bedeckt sie sorgfältig mit grünen Bananenblättern, um den Ton dort feucht zu erhalten. Das obere Ende ist am nächsten Tage bereits soweit an der Luft erhärtet, daß die Frau den Topf umstürzen kann, um den Boden anzufertigen. Die Öffnung wird immer kleiner, so daß sie schließlich nur noch einen Finger zur Glättungsarbeit durchläßt, und schließlich wird sie sauber mit einem kleinen Stückchen Ton geschlossen. Etwa fünf Tage lang bleibt das Kunstwerk auf dem Boden stehen, um völlig auszutrocknen. Dann werden meistens mehrere zusammen in einem offenen Feuer gebrannt. Das Feuerholz wird von bestimmten Bäumen genommen (~mugi~, ~kisosongo~) und ist von zunderartiger Beschaffenheit. Es wird unter und zwischen den Töpfen aufgeschichtet. Die Frau wendet die Gefäße mit einem Stock und prüft durch gleichzeitiges Beklopfen ihre Beschaffenheit. Klingen sie endlich, dann sind sie „gar“ d. h. durchgebrannt und werden zum Abkühlen hingestellt. Mit einer grünen Banane zieht die Künstlerin von der Mitte des Topfbodens ausgehend gerade Striche nach dem Rande hin, die sich sofort weiß färben und so auf dem Markte den neuen Topf, wenn auch in recht bescheidener Weise, verzieren. Die zum Wasserholen bestimmten Töpfe werden mit Blättern des Nkasha-Strauches rot gefärbt. Diese Gefäße sowie auch die kleineren Eßnäpfe werden vor dem Brennen mit einem etwa 4 ~cm~ breiten Punktierhölzchen am Halse bzw. am Rande verziert. Abbildungen siehe unter dem Abschnitt Negerküche auf S. 102. Während diese eigentliche Töpferarbeit ausschließlich von Frauen verrichtet wird, werden die tönernen Pfeifenköpfe nur von Männern angefertigt.

Wie schon erwähnt, gehört auch das Säckeknüpfen zu den Arbeiten, die nur von Frauen ausgeführt werden. Nachdem man aus den grünen Sansiveren-Blättern durch Klopfen die Fasern gewonnen, dann gewaschen und gereinigt hat, werden sie in langen Strähnen von etwa 5 ~mm~ Dicke zusammengeknüpft. Die Art des so gebildeten Gewebes, das übrigens meist recht weitmaschig ist, ersieht der Leser an der Skizze.

Des weiteren verfertigen die Frauen Strohteller (~vitangu~), in denen u. a. Maisbrei und Kartoffeln aufgetragen werden. Sie dienen auch im Handel je nach Größe als Korn- und Fruchtmaße. Die Vitangu bestehen aus einem spiralförmig aufgewickelten Stück Bananenbast, das mit einer etwa 2-4 ~cm~ breiten Palmblattschnur umsponnen wird. Die Körbchen sind äußerst haltbar. Der Preis belief sich auf etwa 15 Pfennig. Während die meisten Frauen, wenigstens im Gebirge, solche Teller und Säcke machen können, wird die Töpferkunst nur von kundigen Meisterinnen ausgeübt. Sie vererbt sich auf die Töchter und entbehrt auch nicht eines gewissen religiösen Einschlages, da oft Säumige von den Ahnen an ihre Pflicht, das Gewerbe auszuüben, erinnert werden.

Als Handwerker könnte man wohl die Männer ansprechen, die, wenn auch nur im Nebenberuf, Mörser, Stühle, Bienenstöcke usw. verfertigen. Eine geschlossene Hauswirtschaft im Sinne der Lehre Büchers existiert also nicht oder wenigstens nicht mehr. Nach ihr ist auf einer primitiven Stufe jeder Haushalt imstande, alle seine Bedürfnisse aus sich selbst heraus und ohne Zuhilfenahme des Tausches oder des Handels zu befriedigen. Man ist also in Erzeugung und Verbrauch von niemand außerhalb der eignen Sippe abhängig. Die Tatsache, daß im Gebirge solche Unabhängigkeit selbst heute noch größer ist als in den bereits zivilisierten Steppenlandschaften, spricht dafür, daß sie nur allmählich verlorengegangen ist bzw. verlorengeht. Dazu trägt hauptsächlich die Kultur bei. Dem schwarzen Diener, Wäscher, Maurer, Aufseher, Soldaten, Eisenbahn- oder Postbeamten fehlt die Zeit und vor allem die durch Übung erworbene Geschicklichkeit, irgendwelche Geräte selbst zu verfertigen. Er ist also mehr als sein fern von der „Zivilisation“ lebender Stammesgenosse auf den ~fundi~, den Handwerker oder Meister angewiesen, und auch unter diesen haben sich mit der Zeit immer mehr Spezialisten ausgebildet: der eine macht Hocker, der andre Mörser oder Betten, der dritte flicht die starken Ochsenstricke. Für Pfeilgift und Schmiedearbeiten ist diese Abhängigkeit von Nachbarstämmen bzw. besonderen Schmiedemeistern wohl uralt, aus dem einfachen Grunde, weil Pfeilgifte nicht überall hergestellt werden können und die Schmiede von jeher eine besondere Kaste gebildet haben (s. S. 138).

Hocker werden aus 25 ~cm~ hohen Holzklötzen geschnitzt, Mörser aus etwa 50 ~cm~ hohen Holzzylindern. Die Werkzeuge des Fundi sind kleine Äxte, Kratzer und Stemmeisen mit langen und kurzen Griffen. Die langen Hefte der Stemmeisen erhalten an dem Ende, wo das Eisen befestigt wird, als Verstärkung einen Ring aus der Schale der Dumpalmenfrucht, der festsitzt wie Eisen und ein Spalten des Griffes völlig unmöglich macht. Die Abbildungen lassen auch weitere Gebrauchsgegenstände erkennen, die von Männern angefertigt werden. Interessant ist die Tatsache, daß Kürbisflaschen, die geborsten sind, wieder genäht werden unter Anwendung der gleichen Technik die unsre Schuhmacher beim Nähen haben. Die Naht wird außen mit der Milch des Mwasi-Baumes wasserdicht verklebt.

Der Apparat zur Feuererzeugung besteht aus dem Quirlholz (~kinindi~, Zweig des Mrinditi-Baumes) und dem untergelegten flachen Holz, ~nke~ genannt. In den Rand des Nke schneidet man einen Kerb, durch welchen dann beim Quirlen mit dem Kinindi die glühend gewordenen Holzteilchen auf das untergelegte Messer fallen. Mit Hilfe eines aus zerriebenen trocknen Bananenblattscheiden gebildeten Zunders wird die glimmende Asche zum Feuer entfacht.

Bienenstöcke verfertigt man auf folgende Weise. 100-125 ~cm~ lange Baumstämme werden mit langen Holzkeilen in der Mitte gespalten und beide Hälften ausgehöhlt. Eine etwa handbreite Öffnung auf einer der Längsseiten dient zum Ausnehmen des Honigs und wird mit einem hineingesteckten Holzplättchen verschlossen. Die beiden den Bienenstock bildenden Holzschalen werden zusammengeschnürt und auf einen Baum gehängt. Den Honig nimmt man gewöhnlich abends aus. Mittels Rauch werden die Bienen verscheucht bzw. in das Innere des Stockes zurückgetrieben. Dann entnimmt der Pare-Imker dem Stock soviel der begehrten Süßigkeit, wie ohne Gefahr für das Volk möglich ist. Das Bild zeigt elf übereinandergelegte Bienenstöcke, die als Taubenhaus benutzt wurden.

Die Schmiedekunst.

Die Schmiede bilden eine besondere Kaste. Das Waldfest begehen sie mit den andern Vaasu zusammen, die Frauenfeste dagegen feiern sie streng nur innerhalb der eignen Kaste. Meine Untersuchungen sind leider durch den Krieg unterbrochen worden und meine Aufzeichnungen verloren gegangen, so daß ich von den mystischen Schmiedefesten unsrer Wapare nur sehr wenig schreiben kann. Man erzählte mir, wie ich mich erinnere, daß z. B. dem Hammer als dem Hauptschmiedewerkzeug bei seiner Anfertigung geopfert würde. Der Novize, der in die „Innung“ aufgenommen werden soll, muß in der Festnacht einen großen und zwei kleine Hämmer schmieden. Dabei sollen die Teilnehmer eigentümliche Lieder singen und Totenklage halten. Den Text dieser Lieder habe ich leider mit so manchem andern Material in Afrika lassen müssen.

Die Mädchen aus der Schmiedekaste werden von den Burschen der meisten andern Sippen gemieden. Verkehr mit ihnen würde eine bestimmte Krankheit zur Folge haben. Nur Jünglinge aus der gleichen Kaste können sie ohne Gefahr ehelichen.

Die Eisengewinnung ist Arbeit der Frau. Sie holt sich zu dem Zweck am Bach den schwarzen, eisenhaltigen Sand, trägt ihn auf einen Haufen und wäscht ihn aus. Dann baut sie sich ihren primitiven Hochofen auf, der in seiner Einfachheit gegenüber den bei andern afrikanischen Völkern gebräuchlichen Öfen wohl den Urtyp darstellt. Er besteht nämlich nur aus bis zu einer Höhe von etwa 30 ~cm~ ringförmig aufgebauten Feldsteinen und ist in den Fugen und Ritzen nicht einmal mit Lehm abgedichtet. In das Innere dieses sehr primitiven Hochofens schiebt sie eine 100-150 ~cm~ lange Tondüse zur Luftzuführung ein. Abwechselnd stapelt sie nun Holzkohlen und Eisenstaub in dem Ringofen übereinander auf. Die Holzkohlen hat sie sich auch vorher selbst dazu gebrannt, indem sie hierfür geeignetes Holz angezündet und im rechten Augenblick mit Wasser und Erde gelöscht hat. Am Ende der Tondüse stellt sie nunmehr den Blasebalg auf, und hält diesen, nachdem das Feuer angezündet ist, mit Hilfe einer Nachbarin einige Stunden lang in Tätigkeit. Der Sand hat sich inzwischen durch die Einwirkung der Hitze in große Schlackenklumpen verwandelt. Aus diesen Schlacken (~maganga~) gewinnt sie dann durch Zerklopfen das darin eingebettet liegende ausgeschmolzene Eisen (~menya~). Diese Stückchen bringt sie zum Schmied, der sie stark erhitzt, Staub als Schweißpulver im Feuer darüberstreut und alle zu einem größeren Stück zusammenschweißt.

Die Schmiede verfertigen Waffen (wie solche aus den Abbildungen ersichtlich sind), außerdem allerlei Schmucksachen: Hals- und Armringe, kleine Eisenketten und andre Dinge, die ein Negerherz erfreuen. Da wir gerade von Waffen sprechen, will ich den Parebogen erwähnen. Er ist glatt und an beiden Enden zugespitzt. Man benutzt nur das Holz des Gare-Baumes. Die Bogensehne wird aus Rücken- und Fußsehnen des Rindes gefertigt. Zur Herstellung von Pfeilen eignet sich eine große Anzahl von Bäumen. Den Werdegang bei der Herstellung lassen die Abbildungen erkennen. Mit den Blättern des Mshasha-Baumes, dem Glaspapier der Eingebornen, werden die Pfeilschäfte schön glattgerieben.

Pareschilde sieht man nur noch selten. Sie bestanden aus Büffelhaut, die in der Längsrichtung durch eine mit Handgriff versehene Leiste gesteift wurde. Den Rand bildete ein Eisendraht, um den herum die Haut vernäht wurde. Zum Schutze der Hand erhielt der Schild in der Mitte eine Verstärkung. Zuletzt wurde er mit Fett eingerieben und am Feuer gehärtet. Der Köcher besteht aus Kuhhaut, die man durch ein- bis zweitägiges Lagern in einem Düngerhaufen geschmeidig macht. Das Maß für den Lederzylinder nimmt der Mwasu mittels eines Stückchens Bananenbast an seinem Arm in der gewünschten Stärke. Nach diesem Maß schneidet er sich ein rechteckiges Stück Leder für den Köcher, indem er die straffgespannte Bogensehne als Lineal benutzt. Die beiden Längsseiten werden mit Darm zusammengenäht und dann am unteren Ende eine feste, am oberen eine abnehmbare Lederkappe als Deckel angebracht.

Die Jagdgeräte.

Die hauptsächlichsten Jagdwaffen sind Bogen und Pfeile und vereinzelt, besonders bei Berufsjägern in der Steppe, der Vorderlader. Sind die Pfeile vergiftet, so bilden sie selbst für den Elefanten oder das Nashorn eine todbringende Waffe, und für solches Großwild nimmt man nur Giftpfeile. Der angehende Jäger läßt sich von einem Medizinmann behandeln, damit seine Furcht schwindet. Diese, auf Autosuggestion beruhende „Behandlung“ in Verbindung mit allerlei Amuletten, die seinen Leib schützen sollen, gibt ihm die nötige Kaltblütigkeit und Treffsicherheit. Auch am Bogen oder Gewehr werden Sympathiemittel zur Erhöhung der Schußwirkung angebracht.

Den heimkehrenden Jäger begrüßt man: ~Mgosi maingo?~ = Mann, gibt es Beute? worauf er erwidert: ~Žangia!~ = sie ist da! Einzeljagd war ziemlich selten. Beliebter waren Jagdgesellschaften oder auch Treibjagden. Man versteht es, Hunde für die Jagd abzurichten, d. h. das angeschossene Wild zu verfolgen und gegebenenfalls niederzureißen. Nach glücklich verlaufener und erfolgreicher Jagd wird das Fleisch der Beute in ganz dünne Streifen geschnitten und an Sansiverenstricken in der glühenden Steppensonne zum Trocknen aufgehängt.

Beliebt ist die Jagd mittels Fallen und Fallgruben. Runde Fallgruben gegen die Wildschweine findet man allerorts in den Feldern. Jäger fangen damit auch gerne Giraffen. Die verschiedenen Arten der Fallen beruhen fast alle auf dem gleichen Prinzip und sind sehr wirksam. Durch die Spannkraft eines niedergebogenen Bäumchens oder durch das Gewicht eines Klotzes wird der Falle die nötige Druck- oder Zugkraft gegeben. Das vorzeitige Losschnellen der Fallenschnur wird durch ein kleines, an ihr befestigtes Querhölzchen verhindert. Dieses ist so angebracht, daß in der gespannten Falle der Druck auf den Köderträger übertragen und dieser solange in seiner Lage festgehalten wird, bis der Köder berührt wird. Im gleichen Augenblick wird die Hemmung ihres Haltes beraubt und die Schlinge durch die nunmehr unmittelbar auf sie wirkende Spannkraft des aufschnellenden Astes zugezogen, oder bis dahin in der Schwebe gehaltene Gewichte, wie Bohlen, Klötze, Steine, werden zum Fallen gebracht.

Fische fängt man mit der Angel. Auch Fischgift wird gerne angewandt. Man gewinnt es aus den Blättern des Mkala-Baumes. Diese werden zerstampft und in das Wasser des Flusses ausgepreßt. Durch den Saft werden die Fische alsbald betäubt und schwimmen an der Oberfläche. Sie sollen sich aber, wie die Eingebornen mir versicherten, im Wasser nach einiger Zeit wieder vollständig erholen.

Die Kleidung.

Die kleinen Kinder der Wapare laufen in den ersten Lebensjahren meist nackt umher. Etwa vom dritten bis vierten Jahre an machen die Eltern ihnen Schurzfelle. Die Mädchen tragen vorn einen kleinen Schamschurz und hinten ein langes schmales Fell, das bis auf die Waden reicht. In diesem Alter heißen sie ~vabora va masambi~ = Mädchen der (beiden) Schurzfelle. Später, wenn sie die Frauenfeste durchgemacht und sie die von den erwachsenen Frauen getragenen großen Schurzfelle erhalten haben, nennt man sie bis zu ihrer Verheiratung ~vai va shuke~ = bekleidete Jungfrauen im Gegensatz zu den völlig unbekleideten ~vai va nyumba~ der Festzeit und der nur notdürftig durch die zwei Schurzfelle verhüllten Jugend.

Die Felle der Männer heißen ~lukopwa~, wenn es sich um eine Art Toga handelt, die auf der einen Schulter zusammengebunden wird. Sie besteht aus mehreren zusammengenähten Ziegenfellen. Eine andre Art nennt man ~kizurwa~. Wird eine Kuhhaut zum Fellkleid verarbeitet, nennt man es ~ikunya~. Die Frauenfelle heißen ~mizia~. Sie bestehen aus drei mittels Darm zusammengenähten Ziegenfellen.

Die Kunst des Gerbens ist den Wapare unbekannt. So versuchen sie sich ihre Kleidung auf andre und zwar ziemlich mühsame Weise geschmeidig zu erhalten. Die Technik ist ungefähr folgende: Nachdem das frische Fell in der Sonne ausgespannt und getrocknet worden ist, wird es an beiden Enden mit Verzierungen versehen, indem man zwei zickzackförmige oder sonstwie gemusterte Haarstreifen stehen läßt und die übrigen Haare abschabt. Bei den Mizia (Frauenschurzfellen) z. B. werden dann noch aus zwei weiteren Fellen Seitenteile und Querstreifen zugeschnitten. Die einzelnen Teile werden mit beiden Händen in kreisförmiger Bewegung gewalkt bis sie schmiegsam sind und sich gut zusammennähen lassen. Ist der ganze Schurz fertig, wird er wieder auf die Erde gespannt und mit Fett und roter Erde (~ngetwa~) oder einer pulverisierten Baumwurzel (~ikorobohwa~) eingerieben. Nunmehr werden die äußersten Streifen mit den Spannlöchern abgeschnitten (~kuvambaa~); das Fell wird abermals durchgewalkt und kann dann getragen werden. Das Walken (~kusuka~) hat jeden Morgen zu geschehen. Unterläßt man es, so wird das Fell steif, und sein Träger bewegt sich recht geräuschvoll auf seinem Lebenswege. Die Vaasu nannten die Schurzfelle wegen des Lärmes, den selbst die gut gewalkten beim Gehen verursachen, ~mtuka~. Das Wort kam während des Krieges auf, und zuerst war ich mir über den sprachlichen Ursprung nicht klar, bis ich nach langem Bemühen auf des Rätsels Lösung kam. Mtuka ist eine Zusammenziehung des englischen Wortes ~motor-car~, d. h. Automobil. Auf meine erstaunte Frage, die ich nach dieser Entdeckung an einige Schwarze richtete, erwiderte einer von ihnen, die Felle machten das gleiche Geräusch wie die Automobile, und außerdem röchen sie genau so schlecht wegen des zum Einreiben benutzten Fettes. Das war mir dann allerdings auch sofort einleuchtend und der anfangs ziemlich dunkle Zusammenhang klar.

Im übrigen haben die europäischen Baumwollstoffe die Fellkleidung fast gänzlich verdrängt. Als während des Weltkrieges Ostafrika völlig von der Außenwelt abgeschnitten war, kam sie allerdings wieder zu Ehren. In einer der Landschaften unsres Missionsgebietes behauptete ein Medizinmann sogar, er sei von den Ahnengeistern beauftragt, die Wapare vor dem Abfall von den väterlichen Sitten auch bezüglich der Kleidung zu warnen und forderte zum schleunigen Verkauf der noch in ihrem Besitz befindlichen europäischen Stoffe auf. Einige Heiden ließen sich einschüchtern und verschleuderten ihre Baumwollstoffe an die hocherfreute aufgeklärte Jugend. Die Kleidernot wurde nachher so groß, daß die Neger gerne 30 Mark und mehr für ein Stück Stoff von ca. 2 ~m~ Länge zahlten, wenn sie es nur bekommen konnten.

Als Schmuck werden Kettchen am Oberarm und über den Waden getragen. Häufig sieht man bis zu 25 ~cm~ lange Armspiralen aus Eisen oder Messingdraht, Hals- und Armringe sowie die verschiedenartigsten Halsketten aus eingeführten Glasperlen. Auch die Schamschurze der Vai va nyumba werden oft, wie aus dem Bild ersichtlich, mit Kaurimuscheln bestickt. Ziernarben (~mitambara~) am Körper macht man auf folgende Weise: Mit einem spitzen Haken wird die Haut an der betreffenden Stelle leicht gehoben und dann mit einem Messer geritzt. Ist auf diese Weise das Muster aufgezeichnet, dann reibt man die Schnittwunden mit einem leicht angerösteten entkernten Maiskolben. Diese Prozedur wird bis zur Heilung der Wunden fortgesetzt. Es bilden sich auf diese Weise etwa 1 ~cm~ lange „Zierschmisse“, allerdings auf ganz ungefährliche Art und Weise erworben. Beliebt bei Mädchen und jungen Frauen ist die Gesichtsbemalung mittels ätzender Pflanzensäfte. Früher war das Muster ein großer Strich von der Stirn bis auf die Nasenspitze und ein Ring von je 6-10 Punkten unter den Augen. Später entschied sich die Mode für einen Kreis mit dickem Punkt auf Stirn und Backen. Der Pflanzensaft ätzt die Haut völlig ab. Es entsteht eine Wunde, die nach ihrer Verheilung das Muster in zuerst heller, später tiefschwarzer Farbe erkennen läßt. Auch durch nur stellenweises Abrasieren der Kopfhaare versteht der Paremann sowie auch sein Weib sich das Haupt zu schmücken. Da das Haar Seelenstoffträger ist, liegen hier sehr oft animistische Vorstellungen zugrunde.

Der Leser wird aus dem Vorstehenden schon ersehen haben, daß auch im dunklen Afrika die Mode herrscht. Wenn die Schwarzen auch oft recht eigentümliche Formen wählen, sich zu schmücken, z. B. mit Ohren- und Lippenpflöcken, so haben wir dennoch kein Recht, deshalb auf sie herabzusehen; sie würden uns ihr schönes Sprichwort vorhalten: „Der Affe lacht nur deshalb über den Buckel seines Genossen, weil er den eignen nicht sieht.“ Was für Europa lange Zeit Paris war, das ist für Afrika die Küste. Von dort her dringen die jeweiligen Moden ins Innere vor: heute grellfarbige Stoffe, morgen oft recht ansprechende bunte Muster, dann wieder Tücher, die mit allerlei tiefen Sinnsprüchen in Deutsch, Arabisch oder Kisuaheli bedruckt sind, wie: „Guten Morgen Bibi, wie geht es dir?“ oder: „Guten Tag, mein Liebling!“ und dergleichen mehr. Doch wollen wir uns nun von der Mode, deren Herrschaft auch den schwarzen Ehemann recht viel Geld kostet, etwas Produktiverem zuwenden und von

Ackerbau und Viehzucht