Im Banne der Furcht

Part 1

Chapter 12,470 wordsPublic domain

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Für einige fremdsprachliche Begriffe wurden verschiedene Schreibweisen verwendet. Diese wurden nicht vereinheitlicht, wenn die einzelnen Varianten im Text mehr als einmal auftreten.

Die Fußnote wurde an das Ende des betreffenden Kapitels versetzt.

Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Abweichende Schriftvarianten werden durch die folgenden Sonderzeichen dargestellt:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

####################################################################

Im Banne der Furcht

Sitten und Gebräuche der Wapare in Ostafrika

Erzählt von =Ernst Kotz=

Advent-Verlag (E. V.) Hamburg * Basel * Wien * Budapest * Den Haag

Text und Buchschmuck urheberrechtlich geschützt.

Meinem hochverehrten Lehrer,

Herrn Professor D. Carl Meinhof,

Direktor des Seminars für afrikanische und Südseesprachen an der Universität zu Hamburg,

in tiefgefühlter Dankbarkeit gewidmet.

Zur Einführung.

Dem Wunsche des Herrn Missions-Sekretärs E. Kotz, seinem Buche ein kleines Geleitwort beizugeben, entspreche ich mit aufrichtiger Freude und wahrer Dankbarkeit. Aus genauer Kennerschaft von Land und Leuten hat uns der Verfasser in diesem Buche eine wissenschaftlich völlig einwandfreie Monographie über die +Wapare+ geschenkt, die für die Völkerkunde von Ostafrika dauernd von großem Wert sein wird. Der Titel „Im Banne der Furcht“ klingt freilich etwas belletristisch, aber wer je ernsthaft über die Psyche der Farbigen in Afrika nachgedacht hat, weiß, wie schwer jeder einzelne früher unter abergläubischen und Wahnvorstellungen gelitten hat und wie erst durch die Bestrebungen der Missionare und durch die Berührung mit anderen wohlmeinenden Europäern diese schwere Last allmählich von den Schultern der Farbigen genommen wird.

Es hat eine Zeit gegeben und sie liegt nicht einmal sehr ferne zurück, in der es in vielen wissenschaftlichen Kreisen üblich war, die Mission als solche gering zu schätzen und in jeder Art zu bekämpfen; kaum daß die rein sprachlichen Arbeiten einzelner Missionare anerkannt wurden, aber das ganze Missionswesen als solches galt als sentimental und überflüssig, ja als staatsfeindlich, und es in jeder Weise einzuengen und zu hemmen, erschien manchen fast wie eine wissenschaftliche Pflicht. Gerade als ich 1885 als Direktorial-Assistent an das Berliner Museum für Völkerkunde berufen wurde, war eine solche Kampagne in vollem Gange. Ein Missionar hatte berichtet, er habe einen ganzen Berg von Götzenbildern aufgetürmt, „eine Kanne Petroleum und ein Streichholz“ und das Christentum hätte einen neuen großen Sieg gefeiert; der Mann sollte zurückberufen und wegen Vernichtung unersetzlicher wissenschaftlicher Schätze zur Verantwortung gezogen werden. Ich sandte ihm damals aus eignen Mitteln einen bescheidenen Geldbetrag und die unbescheidene Bitte, künftighin solche alte Schnitzwerke erst genau zu studieren und dann an ein heimisches Museum zu senden; damit war das Eis gebrochen; es entwickelte sich rasch ein für beide Teile gleich vorteilhafter Verkehr zwischen Missionaren aller Richtungen und dem Berliner Museum; zahlreiche Missionare hörten Jahr für Jahr meine Vorlesungen an der Universität, und auf dem Kolonial-Kongreß von 1910 konnte ich öffentlich erklären, daß die Interessen der Mission und die der Völkerkunde durchaus solidarisch seien. Von dieser wahren und echten Solidarität gibt das hier vorliegende Buch ein in jeder Beziehung glänzendes Beispiel. Frei von jeder törichten Prüderie berichtet es auch über allerhand intime Vorgänge im Leben der Farbigen, die dem flüchtigen Reisenden in der Regel völlig unbekannt bleiben und andererseits von den älteren Missionaren fast durchwegs als „unanständig“ mit Bewußtsein ignoriert wurden. Der Verfasser behandelt derlei Dinge aber in einer so absolut dezenten und doch wissenschaftlich korrekten Art, daß niemand an seiner Darstellung Anstoß nehmen kann.

Uneingeschränktes Lob verdienen auch die sorgfältig ausgewählten und gut reproduzierten Abbildungen, deren Zahl schon an sich darauf schließen läßt, daß der Verleger auf einen großen Absatz des Buches rechnet. Tatsächlich wird es in keiner ethnographischen oder afrikanistischen Bibliothek fehlen dürfen und ebenso wird es sicher in den weiten Kreisen der Missionsfreunde sehr viele und begeisterte Leser finden.

Ganz besonders aber sei das Buch den gebildeten Laien empfohlen, die sich aus ihm rascher und leichter ein Bild von dem Geisteszustand des farbigen Afrikaners machen können, denn aus sehr vielen größeren Reisewerken. Diese Laien werden das Buch jedenfalls alle mit der Anschauung aus der Hand legen, wie völlig verkehrt es ist, wenn immer und immer wieder von schwarzen „Wilden“ gesprochen wird. Die Kultur der Farbigen ist sicher eine ganz andere als die unserige, aber sie ist darum nicht an sich schlechter.

=v. Luschan.=

Berlin, 10. April 1922.

Inhaltsverzeichnis.

Erstes Kapitel: =Negerpsychologie und Negersprache= 15

Zweites Kapitel: =Geburt= 22

Drittel Kapitel: =Die ersten Lebensjahre des Mädchens= 30

Namengebung 30

Zahnzauber 31

Schutzzauber 34

Beschneidung des Mädchens 36

Viertes Kapitel: =Das erste Frauenfest= 37

Fünftes Kapitel: =Das zweite Frauenfest= 42

Sechstes Kapitel: =Die ersten Lebensjahre des Knaben= 53

Der Zahnzauber 53

Erziehung bis zur Beschneidung und nachher 54

Die Beschneidung 57

~Kuliwa masoro~ 58

Siebentes Kapitel: =Das Waldfest= 60

Eine Skizze nach dem Leben über das Pare-Waldfest 73

Achtes Kapitel: =Die Heirat= 84

Werbung, Hochzeit, Haussklave 84

Ehescheidung 95

Einblick in die Negerküche 100

Neuntes Kapitel: =Auszüge aus dem Pare-Recht= 105

Das Familienrecht 105

Das Erbrecht 107

Das Vermögensrecht 109

Das Recht an beweglichen Sachen 113

Der Leih- und Kaufvertrag 114

Bürgschaft 117

Das Strafrecht 119

Diebstahl 120

Körperverletzung 121

Totschlag 121

Das Prozeßrecht 121

Zehntes Kapitel: =Technik und Wirtschaftsform= 130

Der Hausbau 130

Die Koch- und Hausgeräte 134

Die Schmiedekunst 138

Die Jagdgeräte 141

Die Kleidung 143

Ackerbau und Viehzucht 145

Elftes Kapitel: =Formen des Kultus bei den Wapare= 153

Allgemeine Seelenvorstellungen 153

Das Blut als Seelenträger 156

Die Wachstumsprodukte 159

Der Speichel 161

Ausscheidungsprodukte als Seelenträger 163

Die Seele im Blick 163

Hauch- oder Schattenseele 164

Der Name als Seelenträger 165

Der Seelenwurm und andre Seelentiere 167

Baumseelen 172

Flüsse als Seelenträger 174

Der Totemismus 176

Der Nkoma-Dienst und Opfergebräuche 178

Der Dämonen- und Fetischglaube 183

Der Vegetations- und Dämonenkultus 183

Der Fetischdienst 189

Die Himmelskörper 192

Zwölftes Kapitel: =Der Aberglaube im täglichen Leben= 194

Das Orakel 203

Dreizehntes Kapitel: =Der kranke Heide= 207

Wenn Heiden sterben 213

Vierzehntes Kapitel: =Mission, Islam und Neger= 219

Fünfzehntes Kapitel: =Dichten und Denken= 225

Sechzehntes Kapitel: =Die Not der Heiden und das Evangelium= 239

Verzeichnis der Kunstdruckbeilagen.

gegenüber Seite

Pare-Medizinmann (Titelbild)

Kilimandjaro am Abend 16

Goma-Wasserfall, oberer Teil 16

Goma-Wasserfall, unterer Teil 17

Schlucht im Paregebirge 32

Trägerkarawane 33

Vor Abfahrt der Zentralbahn 33

Bogenschützen aus Pare 48

Aus dem Mädchenfest: Zwei Novizen mit ihrer Führerin 48

Einholen der Novizen zum letzten Mädchenfest 49

Negertanz 49

Pare-Mädchen 64

Mwai mit Fellschurz und Schellengurt 65

Mwai vor der Hütte mit ihren Handtrommeln 65

Mgaia mit Ohrschmuck 80

Darstellung auf dem Markt nach Beendigung des letzten Mädchenfestes 80

Tanz der Frauen beim letzten Mädchenfest 81

Pare-Frauen 81

Schülerinnen, im Vordergrunde ~vabora va masambi~ 96

Kleinkinderschule 96

Tor, das zum Festplatz in dem Hain des Stammesfestes führt 97

Christenfrauen beim Maisstampfen 112

Wapare beim Mpure-Essen 113

Muhamed bin Ali, Kihurio 128

Zahmer Hundsaffe mit seinem schwarzen Wärter 129

Kiondo in Tränen 129

Mwanangwa von Ntusu mit Frau und Kind 144

Hirsehüter in Ntusu 145

Eingeborene bei der Feldbestellung 160

Bananenstauden 161

Maisstapel 161

Große Wäsche am Mombobach 176

Missionszöglinge mit einer hl. Riesenschlange vor einem Affenbrotbaum 177

Frau mit Elefantiasis 192

Taubenhaus aus übereinandergetürmten Bienenstöcken 192

Kleines Hospital auf der Missionsstation Friedenstal 193

Schlafkrankes Mädchen 193

Pare-Häuptlinge 208

Missionsdirektor Conradi überreicht dem Sultan von Majita eine elektrische Taschenlampe 208

Taufe in Friedenstal, Südpare 209

Missionar Kölling und Pare-Lehrer 209

Missionsstation Majita 224

Sprachkonferenz in Friedenstal 224

Die Missionsglocke 225

Verzeichnis der Textzeichnungen.

Chirurgisches Messer 29

Senamwai 79

Zwei Quirle 100

Trinkschalen 101

Holzmörser und Stampfer 101

Töpfe 102

Kürbisflaschen 103

Hütte im Rohbau 131

Feuerstelle 132

Erfindung der „Herdringe“ 132

Mattensackgewebe 135

Wie ein Kitangu entsteht (Boden) 135

Fertiges Körbchen 135

Hocker 136

Werkzeuge des Fundi 137

Feuerzeug 137

Bienenstock 137

Schwerter 138

Buschmesser 138

Verschiedene Pfeilspitzen 139

Befestigte Pfeilspitzen 139

Umwickelter Pfeilgriff 139

Befestigen der Federfahnen am Pfeilschaft 139

Die Fahne der Feder wird stückweise von der Spule losgelöst 139

Einquirlen der Pfeilspitze in den Schaft 139

Bogen 140

Schild 140

Köcher 140

Würgefalle 142

Bohlenfalle, je nach Größe für Ratten und Raubtiere 142

Hacke und Axt 149

Ifingo 197

Erstes Kapitel.

Negerpsychologie und Negersprache.

Wer auch immer mit den Schwarzen zu tun hat, sei es als Pflanzer, Kaufmann, Beamter oder Missionar, ein ersprießlicher Verkehr kann sich nur da entwickeln, wo man versucht, sich gegenseitig zu verstehen. Dies verlangt aber ein Studium. Wißmann sagt einmal: „Gerade weil der Neger die weit höhere Stellung des Europäers anerkennt, besteht das wirksamste Erziehungsmittel darin, ihn bis zu einem gewissen Grade als seinesgleichen anzuerkennen.“ Dieser Ausspruch ist interessant, weil er den Standpunkt vertritt, den die Mission von jeher hat einnehmen müssen und der vielfach als übertriebene Liebe zu den Eingebornen mißdeutet worden ist. Nur auf diesem Wege findet man den Schlüssel zur Erkenntnis der Negerpsyche.

Paulus schreibt an die Galater (4, 12): „Seid doch wie ich bin, denn ich bin wie ihr!“ Wir dürfen den Schwarzen immer wieder sagen: Seid doch wie wir, indem wir ihren sittlichen und kulturellen Stand zu heben suchen; erkennt ja doch auch die Bibel die bevorzugte Stellung Japhets Ham und verwandten Völkern gegenüber an. Aber der Nachsatz: „denn ich bin wie ihr“, bewahrt entschieden vor einer der übelsten tropischen Erkrankungen -- dem Tropenkoller. Boetcher schreibt in seinem Buche „Rund um Afrika“, daß er nur wenige Europäer gesehen habe, die im Verkehr mit den Schwarzen ihre natürliche Stimme beibehalten hätten. „Sobald sie mit Negern sprechen, nimmt der Ton eine gewisse Schimpffärbung an, in die einige Tropfen Galle geträufelt sind.“ Das ist leider sehr wahr. Doch wer auch immer den Neger erziehen will, sei es auf religiösem oder wirtschaftlichem Gebiet: in dem Augenblick, wo er sich schämt, im Neger den Menschen anzuerkennen, hat er einen Weg beschritten, der einen wahren und dauernden Erfolg ausschließt. Je mehr man sich dagegen bemüht, den oft verschlungenen Wegen der Negerpsyche nachzugehen, desto leichter fällt es, sich den paulinischen Grundsatz zueigen zu machen. Und warum auch nicht? Wenn man sieht, wie die Schwarzen lieben, hassen, leiden und sich freuen, nach Stellung und Ansehen streben; wenn man in ihre Sprache eindringt und ihre Märchen und Sprichwörter liest, stellt man unwillkürlich Vergleiche mit den heimatlichen Verhältnissen an und wundert sich über die Fülle verwandter Anschauungen.

Manches wird uns bei solchen Betrachtungen mit Recht abstoßend vorkommen; aber auch der Neger ist in vielen Dingen, und ebenfalls oft mit Recht, bei weitem nicht von der Überlegenheit unsrer Sitten überzeugt. Manches wird uns zuerst unverständlich erscheinen, genau so wie der Inlandneger z. B. mit Staunen wahrnimmt, daß wir im Gasthaus für Lager und Essen bezahlen müssen, während wir dem Wirte doch wie unserm alten Bekannten die Hand drücken. Verächtlich spinnt er den Gedanken weiter aus und glaubt es fest: Die Europäer schreiben alles auf, was ihre Kinder essen oder an Kleidung gebrauchen, damit sie nachher sich alles zurückzahlen lassen können. So wenig sie für so manche unsrer Sitten die Voraussetzungen kennen, können wir uns oft ihre Beweggründe klarmachen.

~Dr.~ Karstedt sagt in seinem lesenswerten Büchlein „Beiträge zur Praxis der Eingebornen-Rechtsprechung“: „Wenn mir ein Neger im tiefsten Unyamwezi alle Fragen glatt mit den handgreiflichsten Phantasien beantwortet, so kann ich ihn allerdings einen Lügner nennen, weil ich in keiner europäischen Sprache den Ausdruck finde, der ihn in seinem Bestreben charakterisiert, den Europäer das hören zu lassen, was er nach seiner -- des Eingebornen -- Meinung hören will. Trotzdem lügt der Mann im Sinne des Negers nicht [s. auch S. 165. 166]; denn was ihn zu seinen Lügen veranlaßt, ist nicht die Absicht der Täuschung des Fragenden, sondern zunächst sein Unverständnis für den Zweck dieser Fragen. Diesen allerdings klar zu machen, erfordert eine Geduld und Konzentrierung aller Sinne, die im Einzelfall aufzubringen nicht immer möglich ist. Ist es aber gelungen, dann ist die gegenseitige Verständigung nicht mehr schwer, denn es gibt kein leichter zu behandelndes Wesen als unsern Inlandsneger!“

Wer sich berufen fühlt, den Neger zu erziehen und versucht, ihm innerlich näherzukommen, wird seine Bemühungen von Erfolg begleitet sehen. Eins der wichtigsten Hilfsmittel bei diesem Versuche, die Negerpsyche zu verstehen, ist die Sprache. Das ist ein Gebiet, auf welchem manchmal unglaubliche Anforderungen an die Kombinationsgabe des -- Schwarzen gestellt werden. Daß der Erzieher auch die Pflicht hat, sich seinen Schülern verständlich zu machen, wird zu oft vergessen. Entweder betrachtet man die Negersprache als eine derartig einfache Sache, daß sie ein eingehenderes Studium überhaupt nicht lohnt, oder man tröstet sich damit, daß man sagt: Der Neger mag Deutsch lernen! Meiner Ansicht nach wäre dann der Umgang mit den Schwarzen gerade kein Genuß mehr, ganz abgesehen von den großen Schwierigkeiten, die unsre Sprache dem Eingebornen bietet. Um so leichter wird ja dem Europäer das Erlernen der Bantusprache fallen, und erst dann, wenn diese Brücke zum Verständnis geschlagen ist, kann die Erziehung richtig einsetzen. Doch wie schon gesagt, man muß sich oft wundern, wie gut der Neger selbst das wenige, was ihm hier geboten wird, noch zu verarbeiten versteht. Und wie oft wird er bestraft, weil er zufällig nicht richtig kombiniert hatte, oder weil er genau das ausführte, was sein Herr ihm sagte, aber nicht hatte sagen wollen!

Wer an das Studium der Negersprachen mit dem Gedanken herangeht, die Sache mit einigen Lektionen abzutun, hat sich gründlich getäuscht und wird allerlei unliebsame Überraschungen erleben. Er wird Formen finden, die unsre grammatikalischen Ansichten auf den Kopf stellen, und dabei einen Reichtum z. B. der Verbformen, der direkt verwirrend wirkt und der selbst nach langen Jahren der intensiven Beschäftigung mit der Sprache noch nicht erschöpft ist. Die Buchstaben unsres Alphabetes sind bald zu Ende, aber noch lange nicht alle Laute bezeichnet. Die Hauptwörter haben keinen Artikel, werden aber dafür z. B. im Chasu in 24 Singular- und Pluralklassen eingeteilt. Noch schwieriger wird die Sache bei den Tonhöhen. Da hat ein und dasselbe Wort vier oder mehr Bedeutungen, die gänzlich voneinander verschieden sind. Der Schwarze verwechselt sie nie, weil sein Ohr geschult ist, die feinen Tonunterschiede zu hören. Der Europäer steht da in vielen Fällen vor einem fast hoffnungslosen Unternehmen. Dasselbe gilt von vielen Hauptwörtern, die, falsch betont, dem Redner oft zu einer unfreiwilligen Komik verhelfen. Wie schwer die rechte Wiedergabe der Tonhöhe in diesen „primitiven“ Sprachen ist, dafür im folgenden nur einige wenige Beispiele. ~Enekukoma~ heißt je nach der Betonung: Er wird sich töten. -- Wird er sich töten? -- Er wird dich töten! -- Wird er dich töten? Bei allen Wörtern spielt der Ton für die wahre Bedeutung eine große Rolle und der Neger versteht uns meistens nur, weil er durch das Zusammenleben mit uns die „deutsche Art der Betonung“ gelernt hat, oder er errät die Bedeutung des jeweiligen Wortes aus dem Zusammenhang. Je nach der Betonung heißt ~makuku~ grüner Mais oder Schmutz oder große Hühner, ~mwezi~ Mond oder Amme, ~mvera~ Tor oder Dank, ~nkanga~ Kleiderstoff oder Rost oder Perlhühner, ~muto~ Kissen oder lange Reihe von Leuten oder Spitze, ~musi~ Stampfer oder Tag, ~mwaži~ krank oder offen, ~muvwa~ Dorn oder Blasebalg, ~nkungu~ Knöchel oder Sturm oder Nuß. Dieser kurze Hinweis wird genügen, den Leser verstehen zu lassen, wie schwer es ist, die Negersprachen wirklich richtig zu sprechen.