Im Banne der freien Reichsstadt

Part 16

Chapter 163,691 wordsPublic domain

Dann hob ein dritter sein Sprüchlein an: „Wer einen Raben will baden weiß und darauf legt seinen ganzen Fleiß, und an der Sonne Schnee will dörren, und allen Wind in ein’ Kasten sperren, und Unglück will tragen feil und Wasser will binden an ein Seil, und einen Kahlen will bescher’n -- der thut auch unnütze Arbeit gern.“

Lautes Gelächter lohnte dem Sprecher, und von allen Seiten regneten ähnliche Scherzreime, bis von der Tafel der Alten ein Zeichen Stillschweigen gebot. „Wir wollen eine Singschule halten,“ hieß es, und jeder war damit wohl zufrieden, denn weitaus die meisten in der Gesellschaft gehörten zur löblichen Meistersingerzunft, und wer nicht selbst sang, der besaß doch ein geübtes Ohr, um das Gehörte nach feststehenden Regeln zu beurteilen. Der Meistergesang stand in Nürnberg in höchster Blüte und wurde von jung und alt eifrig gepflegt.

Heute, unter grünen Bäumen, beim hellen Becherklang, ging es natürlich nicht so ernst und feierlich zu, wie bei der eigentlichen Singschule, die man entweder auf dem Rathause oder in der Kirche abhielt. Dort durften nur geistliche Dinge den Inhalt der Gesänge bilden, und das Gemerk, d. h. die erwählten Richter, achteten sorgfältig auf jeden Verstoß, der gegen Inhalt und Form begangen wurde. Heute herrschte größere Freiheit und Ungebundenheit, dennoch wurde einer der älteren Meister zum Merker ernannt, welcher die Ordnung aufrecht zu halten und eine gewisse Kritik zu üben hatte, und dem sich jeder der Anwesenden ohne Widerspruch unterwarf.

Schon hatten mehrere der älteren Männer allerlei kunstreich verschnörkelte Dichtungen zum besten gegeben, die mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, da erging der Ruf an die Jungen, sich auch hören zu lassen. Ohne Zögern sprang ein junger Geselle auf, der schon lange still und in sich gekehrt dagesessen hatte, bat um gütige Erlaubnis und hub also an:

„Ein Weidmann fing ein Vögelein Von kleiner Art, doch zart und fein, Ein’ Nachtigall war es genannt. Als er es hielt in seiner Hand Um ihm den Todesstoß zu geben, Da rief es: ‚schenk mir doch mein Leben! Fürwahr, du wirst nicht satt von mir. Drei gute Lehren geb’ ich dir, Die bringen, wohl von dir bewahrt, Dir Nutzen mannigfacher Art.‘ Er sprach: ‚sag’ an, was mag das sein?‘ Da sprach das kleine Vögelein: ‚Erstens: nie sollst du Glauben schenken Dem, was unglaublich ist zu denken. Zum zweiten: mache dir kein Leid Um Dinge der Vergangenheit. Zum dritten: trachte nie voll Angst Nach dem, was du doch nie erlangst. Die Lehren nun bewahre wohl, So wirst du aller Weisheit voll.‘ Das hört’ der Jäger mit Vergnügen Und ließ danach das Vöglein fliegen. Doch als es saß im hohen Tann, Da sprach es also zu dem Mann: ‚Gar thöricht ward dein Sinn gelenkt, Als du die Freiheit mir geschenkt. Denn wisse, in dem Leibe mein Bewahr’ ich einen Edelstein. Krankheit zerstöret er und Gift, Ein Straußenei er übertrifft An Größe -- den hast du verloren.‘ Der Thor! er hätte gleich geschworen, Des Vogels Rede wäre wahr! Vergessen hat er ganz und gar Die Lehren, die er just empfangen. Das Vöglein wieder zu erlangen, Danach stand nun sein ganzer Sinn. Das aber sprach: ‚Du Narr, fahr hin! Schlecht paßt mein Sprüchlein in dein Haupt. Du hast Unmögliches geglaubt: Nicht könnt’ ich bergen solchen Stein, Denn dazu bin ich viel zu klein. Zum zweiten läßt dir’s keine Rast, Daß du mich nun verloren hast. Zum dritten trachtest du voll Angst Nach mir, den du doch nie erlangst, Nie wieder kreuz’ ich deinen Gang: Du bleibst ein Thor dein Leben lang!‘“

(Ulrich Boner.)

Unter der Jugend blieb es ziemlich still, als der Sänger geendet, aber bei den älteren Männern sah man beifälliges Nicken, und der Merker sagte: „Ihr habt Euch in der ‚Schwarztintenweis’‘ wacker geübt, Veit Nägelein, und könnt bei fortgesetztem Fleiß wohl einmal aus dem Schüler ein Meister werden.“

„Wollt Ihr nicht auch singen, Hans Fiedler,“ flüsterte Sabine Dürerin ihrem Nachbar zu, „Ihr versteht es doch viel besser, und aus Eurem Munde klingt es viel frischer und fröhlicher.“

„Meint Ihr?“ fragte Hans zurück, indem er vor Freude über das Lob errötete; „ich habe noch nie vor den großen Meistern gesungen, und ich fürchte, sie werden nicht so milde urteilen, wie Ihr, Jungfer Sabine.“ Dennoch konnte er der Lockung nicht widerstehen und meldete sich zum nächsten Gesang, den er mit heller Stimme also ertönen ließ:

„Es thront auf einsam kahler Höh’ Der königliche Aar, Und rings auf allen Gipfeln, In grünen Waldeswipfeln Haust eine stolze Vogelschar.

Doch auch im niedrigen Gezweig Ein fröhlich Völklein schwärmt. Sie nisten selbst in Mauern Zufrieden, sondern Trauern. Hört nur, wie froh es singt und lärmt.

Denn droben wohnt ein reicher Herr Im blauen Himmelssaal. Der deckt mit vollen Händen Hier und an allen Enden Den Tisch den Vögeln allzumal. --

Und kannst du auch kein König sein In güldner Krone Glanz, Und fliegst auch nicht als Ritter Ins Schlachtenungewitter, Und ins Turnier zum Waffentanz:

Sei dennoch froh und wohlgemut, Verbanne jeden Harm, Denn sieh, vor Gott im Himmel Ist in dem Weltgetümmel Der größ’te auch nur klein und arm.

Auf +jeder+ Menschenseele ruht Ein Gottesauge lind, Er läßt die Sonne scheinen Den Großen und den Kleinen, Denn jedes ist sein liebes Kind.

Wohlauf! stimmt ein in meinen Spruch, Den laut ich bringe aus: In Lieb’ und Treu’ zusammen Laßt stehen, die da stammen Aus eines lieben Vaters Haus!“

Diesmal erscholl lauter Beifall an der jungen Tafel, während an der der älteren Leute besonders die Frauen befriedigt aussahen und Meister Andreas seinem lieben Neffen gar vergnügt zunickte. Der Merker aber sagte ernsthaft: „In welchem Ton habt Ihr das Lied gesungen, Hans Fiedler? Zuerst meinte ich, es sollte die ‚Hageblüt-Weise‘ sein, aber die Reime stimmten nicht dazu; dann schien es ‚Cupidinis-Handbogen-Weise‘ zu werden, aber die Verse waren zu kurz.“

„Ich habe in meinem eignen Ton gesungen,“ versetzte Hans, kühn gemacht durch die Zustimmung der Genossen und den verstohlnen Händedruck der warmherzigen Nachbarin, „oder nennt es die ‚lustige Vöglein-Weise,‘ nach der stimmt es gewiß.“ Der Merker schüttelte den Kopf über die kecke Rede und vermahnte den jungen Gesellen, sich noch eine Zeitlang in den bewährten Weisen älterer Meister zu üben, ehe er eigne Töne zu erfinden suche.

Der sinkende Abend mahnte endlich an den Aufbruch; noch einmal stand Hans Rosenblüt, der geschätzte Briefmaler, auf, erhob seinen Becher und sprach folgenden Weinsegen: „Nun gesegne Euch Gott, lieben Freunde mein, den wir getrunken, den goldenen Wein, bis wir wieder zusammenkommen. Sein Name der heißt Kitzelgaumen; er ist unsrer Zunge eine süße Naschung und unsrer Kehle eine reine Waschung, er ist unserm Herzen ein edles Zufließen und unsern Gliedern ein heilsam Begießen, und schmeckt uns besser, als alle Bronnen, die je aus den Felsen sind geronnen. Beschirm’ mich Gott nun vor dem Strauchen, wenn ich die Stiege hinab muß tauchen, daß ich auf meinen Füßen bleib’ und fröhlich heimzieh’ zu meinem Weib und alles wisse, was sie mich frag’. Nun behüt’ Euch Gott vor Niederlag’. Amen.“ -- --

Als Hans den Meister Andreas heimgeleitet hatte und seinen Rückweg antrat, stieß er unversehens auf einen Mann, der ihm entgegenkam; der Mond schien ihm hell ins Gesicht, so daß er ihn erkennen konnte. „Willkommen, tausendmal willkommen daheim, Junker Ulrich!“ rief er freudig erregt, „Gott und Sankt Sebald seien gelobt, daß Ihr wieder da seid! Wie ist es Euch ergangen in all den langen Jahren? o wie froh bin ich, Euch wiederzusehn, liebster, bester Junker!“

„Empfindet wirklich einer der alten Freunde noch Freude über meine Rückkehr?“ fragte Ulrich wehmütig. „Habe Dank für deinen herzlichen Gruß, mein wackerer Hans; ich meinte schon, ich wäre Euch allen fremd geworden!“

„Ihr müßt es freilich daheim sehr verändert gefunden haben,“ sagte Hans teilnehmend, „auf der Burg ist es wohl leer geworden, seit Herr Werner und Fräulein Irmgard fehlen. Auch Berthold ist nicht mehr da, -- aber Jungfer Margarete ist die alte geblieben, habt Ihr sie schon gesehen?“

„Nein,“ versetzte Ulrich abwehrend, „als ich im Ebnerhause vorsprach, war nur Frau Ursula daheim, und ich muß morgen in aller Frühe fort.“

„Wie, Junker Ulrich, Ihr wollt fort, ohne Margarete gesprochen zu haben? Und sie hat Euer doch so treu gedacht, und unzählige Male haben wir von Euch gesprochen!“

„Du vielleicht, mein treuer Hans; sie hat, wie ich fürchte, die Kinderfreundschaft längst vergessen.“

„Wie Ihr nur redet, Junker!“ rief Hans entrüstet, „Margarete ist keine von denen, die so schnell vergessen, und Ihr habt sie noch nicht einmal auf die Probe gestellt. Ihr werdet Euch wahrlich Eurer Zweifel schämen, wenn Ihr ihren freudigen Empfang sehen werdet!“

„Meinst du, alter Freund?“ sagte Ulrich mit schmerzlichem Lächeln, „nun wohl, wir wollen es abwarten.“

Als Margarete an diesem Abend nach Hause kam, konnte sie ihre Thränen kaum zurückhalten und eilte, sobald sie konnte, in ihre Kammer, um ungestört zu weinen. Sie fühlte, daß sie den Freund, der ihr so warm entgegengekommen war, tief verletzt habe; sie sehnte sich, ihm all ihr Mitgefühl auszusprechen und das seine zu empfangen -- und hatte doch die Empfindung, als würde das nie geschehen, als hätte sie den Freund ihrer Kindheit für immer verloren!

Vierzehntes Kapitel.

Zwei Heimgekehrte.

Kehret der Wandrer zurück, der lang’ in der Ferne verweilte, Fremd schaut alles ihn an, fremde erscheinet er selbst.

Mehrere Jahre waren vergangen, seit Junker Veit von Rotenhahn die Burg Hohenheiligen verlassen hatte; ungefährdet waren seitdem die Warenzüge auf jener Straße gefahren, und man hatte den gefürchteten Wegelagerer fast vergessen, oder man erinnerte sich seiner nur mit einem Gefühl der Genugthuung darüber, daß man des adligen Räubers Herr geworden war. Da geschah es eines Tages, daß einige Knechte schreiend und jammernd am Stadtthor erschienen, mit der Nachricht, sie wären plötzlich von einer Schar vermummter Reiter überfallen worden, als sie nichts ahnend durch den Reichswald zogen; man hätte die Mehrzahl der Begleiter gefesselt und nebst den Wagen unter lautem Hallo fortgeführt. Eine große Aufregung bemächtigte sich der Stadt; sollte Junker Veit die Frechheit besessen haben, zurückzukehren und sein räuberisches Handwerk von neuem aufzunehmen? -- Die Überfälle mehrten sich, und jede Woche brachte neue Klagen; doch war die Sache diesmal viel besser geordnet, als früher; die Ritter vom Stegreif waren zahlreicher und besser bewaffnet, sie lauerten bald hier, bald da den Zügen auf und hatten verschiedene Schlupfwinkel, in denen sie mit ihrem Raube verschwanden. Die Erkundigungen, welche Herr Wilibald Ebner von seinem Vogt im Dorf Hohenheiligen einzog, führten zu der Erkenntnis, daß man es nicht allein mit dem von Rotenhahn, sondern mit einer ganzen Räuberbande zu thun habe, welche auf einer Anzahl fester Burgen in der Umgegend hause und sich zu Schutz und Trutz verbündet habe. Man bemerkte, daß jeder der Raubritter an der Satteldecke das Zeichen eines weißen Wolfes trage, und daß sie stets mit demselben Ruf auf ihre Beute einzudringen pflegten. „Die Wölfe kommen!“ das wurde bald der Schreckensschrei, mit welchem die reisenden Kaufleute ihre Bedeckung zur äußersten Wachsamkeit und zum mannhaften Widerstande aufriefen; dennoch blieben die Wölfe nur zu oft die Sieger im Streit. --

Ebenso groß wie in Nürnberg war der Schrecken auf Maltheim gewesen, als dort eines Tages Frau Walburg erschien und ihr väterliches Erbe in Anspruch nahm. Frau Kunigunde, die ganz allein war, wußte nicht, wie sie sich der Stieftochter erwehren sollte, deren Anmaßung durch keine Autorität mehr in Schranken gehalten wurde. Man solle ihr Dorf und Flur Hohenheiligen als Erbteil übergeben, so lautete ihr Begehr, Maltheim möge Ulrich behalten. Die Antwort, daß Hohenheiligen längst verkauft sei, versetzte sie in die bitterste Entrüstung, und mit rauhen Worten verlangte sie eine Summe, welche diesem Besitz entspräche, widrigenfalls sie sich an das kaiserliche Landgericht wenden werde, um ihr gutes Recht zu erlangen. Sie habe schlagende Beweise in Händen, daß Irmgard nicht des Ritters Kind gewesen sei, also auch keinen Anspruch an seine Hinterlassenschaft habe, und sie riete Frau Kunigunden, das alte Märchen nicht noch einmal vorzubringen.

Was sollte die Edelfrau thun? das bare Geld war immer ein knapper Artikel auf Maltheim gewesen, seit Herr Werner seine Tasche nicht mehr auf Kriegszügen durch Beute und Lösegeld gefüllt hatte; das Kaufgeld von Hohenheiligen hatte nur hingereicht, um Ulrichs Studienjahre zu sichern und Irmgards Brautschatz beim Eintritt in das Kloster zu erlegen. Schon lange lebte Frau Kunigunde aufs sparsamste, und ihr ganzes Streben war darauf gerichtet, Maltheim von den Schulden zu befreien, die darauf lasteten, um ihrem Sohne sein väterliches Erbe ohne Pfandlehen zu übergeben. An Walburg hatte sie nicht mehr gedacht; sie hoffte, Junker Veit und seine Familie würden nie wieder in die Heimat zurückkehren. Nur mit Mühe und durch mancherlei Opfer ließ sich die Stieftochter bewegen, sich bis zu Ulrichs Rückkehr zu gedulden.

Es war ein schmerzliches Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn: der Vater tot, die Schwester im Kloster, der alte Besitz gefährdet, überall Unsicherheit und Streit. Ulrich war inzwischen zum Manne gereift; er hatte Philosophie und altes Recht studiert und sich auf der Universität Ehren erworben, die sonst erst älteren Gelehrten zufielen, aber sein Sinn war auf das Ideale gerichtet geblieben und unter den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens wußte er nicht Bescheid. Er hatte sich daher bald nach seiner Rückkehr nach Nürnberg begeben, um sich Rats zu erholen und die alten Freunde zu begrüßen; beides war nicht nach seinen Wünschen ausgefallen. Die Rechtskundigen hatten sich Bedenkzeit ausgebeten, ehe sie sich in dieser Sache entscheiden könnten, und das Wiedersehen, auf das er sich am meisten gefreut, hatte ihm eine bittre Täuschung gebracht.

Eine Woche nach dem Sebaldusfeste machte er sich wieder auf den Weg nach der Stadt, um das Urteil sachverständiger Männer über die Teilung des väterlichen Erbes zu hören. Der ganze Zank um das Mein und Dein war seinem feinfühligen Sinn unendlich lästig; er hätte am liebsten Maltheim verkauft, den Erlös mit Walburg geteilt und wäre mit seiner Mutter fortgezogen in ein anderes Land, um ein neues Leben der Arbeit und des geistigen Strebens zu beginnen. Was fesselte ihn denn noch an die Heimat? überall stieß er auf wehmutsvolle Erinnerungen, auf traurige Veränderungen; die Enthüllungen über Irmgards Herkunft entrissen seinem Herzen die geliebte Schwester, -- es schien ihm, als lägen die vier Jahre seiner Abwesenheit wie eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Einst und dem Jetzt.

In der Stadt angekommen, fand er es noch zu früh, um zu dem berühmten Rechtsgelehrten, Herrn Pirkheimer, zu gehen, und er beschloß daher, erst bei Meister Andreas Fiedler vorzusprechen, dem er von seiner Knabenzeit her ein herzliches Andenken bewahrte. Manchmal hatte er mit Berthold und Margarete zu den Füßen des alten Mannes gesessen und seinen guten, frommen Worten gelauscht, die zwar mitunter ganz anders klangen, als die seines Lehrers, aber dennoch einen tiefen Eindruck auf sein Gemüt machten. Frau Eva begrüßte ihn mit herzlicher Freude und führte ihn in das Vorderzimmer, wo immer noch, wie vor Jahren, der Alte auf seinem Lehnstuhl am Fenster saß, zeichnend und schneidend. Vor ihm stand eine schlanke, jugendliche Frauengestalt, die dem Eintretenden den Rücken zukehrte. Bei dem freudigen Ausruf des Meisters wendete dieselbe sich schnell um -- Margarete Ebnerin stand Ulrich gegenüber. Eine glühende Röte stieg in ihre Wangen, als sie ihn wiedersah; ihr erstes Gefühl trieb sie, auf ihn zuzueilen und ihm beide Hände zum Gruß zu reichen, aber bei einem Blick in sein ernstes Gesicht, auf seine förmliche Verneigung sanken ihre Arme schlaff herab, und sie wendete sich traurig ab.

Ulrich trat zu dem Alten und begrüßte ihn mit Herzlichkeit; er zog einen Schemel heran und begann lebhaft zu fragen und zu erzählen, ohne auf das Mädchen zu achten. Sie wollte aufstehen und fortgehen, aber sie konnte sich nicht rühren; wie gebannt blieb sie sitzen und betrachtete verstohlen die wohlbekannten Züge des schönen Gesichts, das durch die zunehmende Männlichkeit und das weiche Bärtchen auf der Oberlippe nichts von seinen edlen Linien verloren hatte. Aufmerksam lauschte sie dabei auf jedes seiner Worte.

„Ja, ich bin auch in Rom gewesen,“ erwiderte Ulrich jetzt auf eine Frage des Meisters, „und herrliche Wunder der Kunst haben sich dort meinem staunenden Blick gezeigt. Welche Kirchen! alles strahlt von Glanz und Farben, von allen Wänden grüßen uns die herrlichsten Gemälde, unser Ohr schwelgt in Wohllaut, die Pracht der Gottesdienste nimmt alle Sinne gefangen. Und doch hatte ich zuweilen das Gefühl, als ob in unserm ärmeren und kälteren Deutschland mehr Tiefe und Innigkeit des Glaubens zu finden sei, als in jenem gesegneten Lande voll Glut und Schönheit, wo alles nach außen drängt; als ob an den reichbesetzten Tafeln, wo man dem Auge und dem Ohr die auserlesensten Leckerbissen auftischt, das deutsche Gemüt hungrig und durstig bliebe.“

„Ähnliches habe auch ich empfunden, als ich das Welschland durchwanderte,“ sagte Meister Andreas nachdenklich. „So überreiche Nahrung auch den Sinnen zuteil wird -- in meinem Innersten fing ich an zu darben, und erst, als ich in eine deutsche Kirche trat, ward mir wieder heimisch und wohl zu Mut. Aber auch bei uns liegt vieles im argen, manche Dinge fordern dringend eine Erneuerung, und die Besten schauen sehnsüchtig nach dem aus, der unsre teure Kirche von allen Schlacken reinigen soll. Und der Schwan wird kommen -- sicherlich! doch die hundert Jahre sind noch nicht um, und ich werde es nicht mehr erleben, daß die Weissagung sich erfüllt.“

„Wie meint Ihr das, Vater?“ fragte Ulrich.

„Es sind nun bald siebzig Jahre her,“ erzählte der Alte, „und ich war noch ein Knabe, als ich meine Eltern nach Kostnitz begleitete, wo Kaiser Sigismund ein großes Konzil zusammenberufen hatte, um über Abstellung vieler Schäden in der Kirche zu beraten. So jung ich war, so hat sich jene Zeit meinem Gedächtnis doch unvergeßlich eingeprägt, und über vieles, was damals unverstanden an mein Kinderohr schlug, ist mir später das Verständnis aufgegangen. Wenn wir auf der Straße gingen, wies man uns fortwährend kirchliche und weltliche Würdenträger, denn alles, was Europa an geistlichen und gelehrten Größen, an hohen Staatsmännern besaß, war dort zusammengeströmt. Einen Mann aber gab es unter den fremden Gästen, der aller Augen auf sich zog, ob ihn gleich weder die Tiara, noch der Fürstenmantel schmückte, und er in keinem Palast wohnte. Das war Johann Huß, der furchtlose Böhme, dessen Name seitdem freilich durch falsche Anhänger einen blutigen Ruhm erworben hat, der aber damals nur eine reinere Lehre auf Grund des ewigen Gotteswortes predigte und unter kaiserlichem Geleit nach Kostnitz gekommen war, um seinen Glauben zu verteidigen. Seine schlichte Güte, seine überzeugende Wahrhaftigkeit gewannen ihm die Herzen; wenn er sein Haus verließ, grüßten ihn die Bürger freundlich, und wir Kinder hingen uns an seine Hände und lauschten seiner milden Rede. Mein Vater schloß sich mit Hingebung an Huß an, ließ sich mit seinen Freunden von ihm belehren und pries ihn als einen wahren Christen. Eines Tages aber ging ein Schreckensschrei durch unsere Reihen; man hatte Vater Huß der Ketzerei angeklagt und eingekerkert, -- nicht lange danach ward er zum Feuertode verurteilt. Ehe er seine reine Seele aushauchte, rief er laut aus: ‚Heute braten sie eine Gans, aber über hundert Jahre wird ein Schwan kommen, den werden sie nicht verbrennen! Das Wort blieb der Trost der Unsrigen, darauf hoffen und warten wir geduldig, bis es Gott gefällt, die Zeit zu erfüllen.‘“

Mit gespannter Teilnahme hatte Ulrich zugehört. „Vielleicht, mein Vater, ist der Schwan der Prophezeiung schon erschienen!“ rief er mit leuchtenden Augen. „In Florenz hörte ich einen Dominikaner-Mönch -- etwas Ähnliches habe ich nie vernommen, denn er predigte gewaltig und nicht wie die andern. In tief einschneidenden Worten wies er auf die Gebrechen der Kirche hin und forderte jeden Einzelnen auf, Hand anzulegen, daß sie gebessert würden. Das könne nur durch wahre Herzensbuße und eifriges, einmütiges Gebet geschehen, damit, wie einst in der Urzeit der Kirche, Fluten des Geistes herniederströmten und ein neues Leben schüfen. So erschütternd war Savanarolas Rede, daß keiner in der großen Versammlung ungerührt blieb; Frauen sanken laut schluchzend auf die Kniee, Männer schlugen an ihre Brust und gelobten Reue und Besserung -- -- es war, als sei wieder ein Pfingstmorgen angebrochen, wie damals, als sich dreitausend an einem Tage taufen ließen. Könnte das nicht der Retter sein, dessen Ihr harrt?“

„Gott gebe, daß Ihr recht hättet, teurer Herr!“ sagte der alte Meister inbrünstig. „Und doch hatte ich immer gedacht, der Befreier sollte ein Deutscher sein und zuerst unser liebes deutsches Volk zum reinen Glauben erwecken! Aber wie Gott will -- Er weiß am besten, was seiner Kirche notthut.“

Hingerissen hatte Margarete diesen Reden gelauscht; in diesem Augenblick hatte sie alles vergessen, was sich feindselig zwischen sie und den Jugendfreund gedrängt hatte. „So habt Ihr also doch gefunden, wonach Eure Seele verlangte, Ulrich?“ fragte sie mit der alten Wärme und Teilnahme; „ich fürchtete schon bei Eurer Schilderung von Rom, daß Euch Italien das nicht gehalten hätte, was es Euch versprach.“

Er wendete sich lebhaft zu ihr hin: „Ich habe dort viel gelernt und erfahren, aber ich habe auch eingesehen, daß Ihr recht hattet, Margarete, als Ihr mich vor dem Fluge des Ikarus warntet. Wie oft habe ich mit geknickten Flügeln am Boden gelegen, wenn mir im Widerstreit der Meinungen die reine Wahrheit zu entfliehen schien und ich schier verzweifelte, sie jemals zu erfassen! Dann habe ich an Euch gedacht, liebe Margarete; Ihr schient mir tröstend zuzuwinken und mich zu neuem Suchen zu ermutigen, und wenn ich im Streben und Forschen nicht müde wurde, so habe ich’s Euch zu danken.“

Sie sah ihn beglückt an und senkte dann das errötende Antlitz, wie eine Blume vor dem heißen Sonnenstrahl. „So habt Ihr wirklich meiner gedacht in all den langen Jahren Eurer Abwesenheit?“ flüsterte sie.

„Täglich, Margarete, und bei jeder neuen Erkenntnis, zu der ich hindurchdrang, freute ich mich auf die Zeit, da ich sie Euch würde mitteilen dürfen. Aber habt Ihr die alte Freundschaft auch so treu bewahrt?“

„Gewiß!“ sagte sie fest und sah ihn treuherzig an; „was hätte mir auch das Andenken an die glückliche Kindheit rauben sollen? Bin ich doch viel ärmer geworden, seit Ihr uns verließt, Ulrich, da ich Berthold und Irmgard hingeben mußte.“

Das Eis war plötzlich durchbrochen, unaufhaltsam strömte die Flut dessen, was beider Herzen bewegte, herüber und hinüber. Lächelnd sah Meister Andreas sich gänzlich bei Seite geschoben, aber er war darüber nicht erzürnt, sondern beschäftigte sich eifrig mit seinem Holzstock, um den Erguß nicht zu stören. Erst, als draußen die Turmuhr die vierte Nachmittagsstunde verkündigte, sprang Ulrich auf. „Verzeiht, wenn ich Euch verlassen muß,“ sagte er hastig; „ich vergaß meine dringenden Geschäfte. Darf ich abends bei Euch einsprechen, liebe Margarete?“

„Ihr werdet uns allen herzlich willkommen sein, und ich hoffe Ihr seid zu Nacht unser Gast, wie in alter Zeit. Die Mutter wird sich freuen, Euch zu sehen.“