Im Banne der freien Reichsstadt
Part 14
Die vier Jahre, welche für Ulrichs Studienzeit bestimmt waren, gingen ihrem Ende entgegen, und auf Maltheim zählten Mutter und Tochter schon die Wochen bis zu seiner Heimkehr. Frau Kunigunde war eben in ihrer Vorratskammer beschäftigt -- dieselbe war der Stolz und die Freude ihres Hausfrauenherzens, und sie würde den Schlüssel dazu keiner fremden Hand anvertraut haben --, als ihr ein Mädchen gemeldet wurde, das in einer dringenden Angelegenheit die Herrin zu sprechen wünschte. Sorgfältig verschloß diese den Raum, der die besten Schätze ihres Hauses enthielt, und stieg hinab in die Halle, wo sie die Dirne fand, welche ganz erschöpft auf einen Schemel gesunken war. Dieselbe beugte sich über die Hand der Edelfrau und bat sie in schluchzenden Tönen, ihr zu ihrer Mutter zu folgen, welche krank daniederläge und keine Ruhe finden könne, weil ein schweres Geheimnis sie drücke. Erst allmählich erkannte Frau Kunigunde in der Sprechenden die blonde Nelleke, Frau Barbaras Tochter, und eine bange Ahnung stieg in ihrem Herzen auf. Auf wen konnte das Geheimnis, von dem jene sprach, sich beziehen, als auf Irmgard, und was konnte die Sterbende ihr zu sagen haben, als etwas, was ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte? Dennoch war sie sogleich entschlossen, dem Rufe zu folgen, um endlich die volle Wahrheit zu erfahren. Sie traf ohne Zögern die nötigen Anstalten, sagte Irmgard, daß ein wichtiges Geschäft sie zwinge, sich in die Stadt zu begeben, legte ihr die Sorge für den Vater ans Herz und brach nach wenig Stunden auf, von einigen Dienern begleitet, deren einer Nelleke vor sich aufs Pferd nahm. Einige heiße, trockne Wochen hatten die Landstraße in einen leidlichen Zustand versetzt, man kam ziemlich schnell vorwärts und erreichte noch bei hellem Tage die Stadt. Die Edelfrau gönnte sich keine Ruhe nach dem ermüdenden Ritt; kaum vom Pferde gestiegen, eilte sie nach der Schenke zum blauen Affen und ließ sich in die Kammer führen, wo Frau Bärbel schon seit Wochen auf dem Krankenbette lag.
Die behäbige Frau war sehr verändert, die vollen Backen waren eingefallen und von fahler Blässe, die Augen irrten angstvoll suchend umher und leuchteten auf, als sie endlich auf Frau Kunigundens Antlitz hafteten. „Den Heiligen sei Dank, daß Ihr kommt, edle Frau!“ stöhnte sie, „ich konnte nicht sterben, ohne Euch alles bekannt zu haben. Neiget Euer Ohr zu mir, meine Kraft ist schwach -- die Mutter Gottes helfe mir, meine Beichte zu Ende zu bringen.“
Frau Kunigunde setzte sich neben das Lager und preßte Hände und Lippen fest zusammen, um das heftige Schlagen ihres Herzens zu unterdrücken. „Sprich ohne Scheu, Bärbel,“ sagte sie mit erkünstelter Ruhe, „ich höre jedes Wort.“
„Ich habe Euch einst belogen,“ begann die Sterbende leise und abgebrochen, „es war Euer eignes Kind, das ich im Garten begrub, und ein fremdes, das ich an seiner Statt in die Wiege legte.“
„Wo habt Ihr meine Irmgard begraben?“ fragte die Edelfrau tonlos.
„Unter der großen Linde, rechts vom Altan. Ich habe inbrünstige Gebete darüber gesprochen.“
„Und wo kam das fremde Kind her?“
„Mein Gatte hatte es auf der Landstraße gefunden.“
Ein langes Schweigen folgte. Durch Frau Kunigundens Seele ging wie ein zweischneidiges Schwert der Schmerz um den Tod des eignen Kindes und ein Gefühl, als ob Irmgard von ihrem Herzen losgerissen würde.
„Sagt, daß Ihr mir vergebt, gnädige Gebieterin,“ bat Barbara mit leiser, angstvoller Stimme.
„Vergeben? wie könnte ich das!“ erwiderte die beraubte Mutter mit unterdrückter Heftigkeit. „Warum, o warum habt Ihr mir das gethan?“
„Ich konnte Euren Schmerz nicht ansehen -- er brach mir fast das Herz. Und als an demselben Tage Klaus mir das fremde Kind brachte, das ebenso helle Härchen und dunkle Augen hatte wie das unsrige -- und so zart und fein war -- da meinte ich, es sei ein Fingerzeig der heiligen Jungfrau, die Euren Kummer lindern wollte. Während Ihr in tiefer Ohnmacht lagt, vertauschte ich die Kinder, ohne daß es jemand sah. Aber von Stund’ an hatte ich keine Ruhe mehr -- ich konnte Euch nicht mehr frei ins Gesicht sehen, es litt mich nicht länger auf der Burg. Jahrelang trug ich mein Geheimnis mit mir umher, ohne es zu verraten; erst, als Pater Benedikt nach Nürnberg kam, faßte ich mir ein Herz und beichtete ihm meine Schuld. Er strafte mich mit strengen Worten und legte mir harte Bußen auf, dennoch aber ließ er mich geloben, gegen jedermann darüber zu schweigen, solange Euer edler Gemahl am Leben sei. Aber nun tritt der Tod an mich heran -- ich konnte nicht scheiden mit der Lüge auf dem Herzen -- -- o laßt mich nicht sterben, ohne daß Ihr mir vergeben habt!“ Sie sank erschöpft in ihre Kissen zurück, und eine namenlose Angst malte sich auf dem abgezehrten Antlitz.
Die Todesqual der alten Dienerin ging Frau Kunigunden tief zu Herzen; welche Gedanken auch ihre Seele bestürmten, so drängte sie dieselben doch zurück und dachte mit gütigem Sinn nur daran, das arme Weib zu trösten. „Du hast es gut mit mir gemeint,“ sagte sie nach einer Pause mit bebender Stimme, „und du konntest wohl nicht ermessen, was deine That bedeute. Ich will dir deinen Tod nicht erschweren -- ziehe hin in Frieden, und möge dir Gott verzeihen -- wie ich es thue.“
Sie erhob sich schnell, denn ihre Fassung drohte sie zu verlassen, und, gefolgt von den Segenswünschen und Dankesworten der Sterbenden, eilte sie fort. --
Als Frau Kunigunde am nächsten Tage mit schwerem Herzen nach Hause zurückkehrte, wurde sie von verstörten Gesichtern empfangen und sah mit einem Blick, daß etwas Ernstes geschehen sei. Voll Angst und Sorge eilte sie hinauf in das Zimmer ihres Gatten, wo ihr Pater Anselmus, der neben seinem geistlichen Amt die Stelle eines Arztes auf Meilen in die Runde versah, mit ernster Miene entgegentrat. „Faßt Euch, edle Frau,“ begann er, „bereitet Euch auf eine traurige Kunde vor.“
„Was ist’s?“ fragte sie bebend, „ist mein Gatte ..?“ ihre Lippen weigerten sich, das schreckliche Wort auszusprechen.
„Euer Gatte lebt, aber die Hand des Herrn hat ihn schwer getroffen, Ihr werdet ihn sehr verändert finden.“
Die Edelfrau ließ sich nicht länger zurückhalten, sie trat an das Lager des Ritters, der still, mit geschlossenen Augen, dalag; nur der keuchende Atem verriet, daß in der bewegungslosen Gestalt noch Leben sei. Ein Schlagfluß -- selbst heute noch eine Erscheinung, die unvermittelt und unerklärt in das blühende Leben eingreift, die bei dem damaligen Stande der Wissenschaft aber vollends geheimnisvoll und unheimlich erscheinen mußte -- hatte den alten Herrn zu Boden geworfen und ihm die Fähigkeit der Sprache und Bewegung geraubt. Von Grauen erfüllt, hatten die Diener sich zurückgezogen und Irmgard und Pater Anselm allein bei dem Geschlagenen gelassen. Seit dem gestrigen Abend hatte das kleine Fräulein das Bett des Vaters nicht verlassen, jetzt hatte die Ermüdung der durchwachten Nacht sie übermannt; im großen Lehnstuhl zusammengekauert, war sie in so tiefen Schlaf gesunken, daß selbst das Kommen der Mutter sie nicht erweckte. Mit blutendem Herzen blickte jene von dem Gatten auf die Tochter, sollte sie beide hingeben müssen? sollte die weiße Rose, die sie so treu gepflegt hatte, von ihr genommen werden und sie nicht mehr durch ihren lieblichen Anblick und süßen Duft erquicken? --
Unermüdlich teilten sich die beiden Frauen in die schwere Pflege des Kranken, dem die geschwundenen Kräfte nicht wiederkehren wollten. Zuweilen glitt, wenn die Tochter zu ihm trat, ein schwacher Schimmer von Freude über das wachsbleiche Antlitz, oder es malte sich eine Unruhe darauf, sobald die Gattin das Gemach verließ; aber das waren auch die einzigen Spuren von Bewußtsein. Doch Frau Kunigundens Prüfungen waren noch nicht zu Ende: eines Morgens blieb Irmgard, welche sich immer müder umhergeschleppt hatte, auf ihrem Lager liegen, und Pater Anselmus erklärte, daß sich infolge übermäßiger Anstrengung ein schleichendes Fieber ihrer bemächtigt habe. Trostlos vernahm die Edelfrau diesen Ausspruch, wem sollte sie Irmgards Pflege anvertrauen? sie selbst war durch die Hilflosigkeit des Gatten vollauf in Anspruch genommen. In dieser Not wußte der Pater einen Rat und versprach, ihr eine Pflegerin zuzuführen, auf deren Gewissenhaftigkeit sie sich unbedingt verlassen könne.
An demselben Abend klopfte es an Frau Kunigundens Thür, und vor ihr stand eine Frau, deren Kopf ein großes Tuch verhüllte. „Pater Anselmus schickt mich,“ begann dieselbe mit leiser, stockender Stimme, „wollt Ihr mir gestatten, meine -- -- Eure -- -- das kranke Fräulein zu pflegen?“
„Wer seid Ihr?“ fragte die Edeldame, von banger Ahnung ergriffen.
Die Fremde hob flehend die Hände empor. „O, schickt mich nicht fort, ich beschwöre Euch,“ rief sie, und das herabfallende Tuch ließ Afras Züge erkennen, „erlaubt mir nur, Euch und dem Fräulein zu dienen wie die geringste Magd, ich begehre nichts darüber hinaus. Vergeßt, was ich einst gesagt und gedacht, laßt -- o laßt mich bei Euch bleiben!“
Ein paar Augenblicke vergingen, Frau Kunigunde kämpfte mit sich selbst, dann reichte sie Afra die Hand und sagte fest: „Es sei! ich will Euch unser geliebtes Kind anvertrauen -- ich weiß, Ihr werdet es treu versorgen, und der Himmel gebe seinen Segen dazu!“
Die Edelfrau sah bald ein, daß sie eine treuere Pflegerin, als Afra, nicht hätte finden können, denn jene war Tag und Nacht auf ihrem Platze. Die Kranke erkannte sie anfangs nicht, denn sie lag fast immer in einem Zustande, der halb Schlaf und halb Betäubung war; doch nach einigen Tagen bemerkte Afra, daß Irmgards Augen fest und mit Bewußtsein auf sie gerichtet waren. Sie unterdrückte eine zitternde Furcht vor einem heftigen Ausbruch des Abscheus, wie damals, als sie zuerst auf der Burg erschienen war, aber das Mädchen blieb ruhig und sagte nur leise: „Ich kenne Euch, wie kommt Ihr hieher?“
„Frau Kunigunde hat mich rufen lassen, um ihr beizustehn.“
„Euch? und warum gerade Euch?“
„Pater Anselm wußte, daß ich mit Kranken umzugehen verstehe. Ich gehe, sobald ich nicht mehr gebraucht werde. Soll ich gleich gehen?“
„Nein, bleibt!“ versetzte Irmgard kurz; „ich glaube, Ihr meint es gut mit mir.“ So blieb Afra, und es bildete sich allmählich ein freundliches Verhältnis zwischen ihr und dem Fräulein, das nur langsam genas. „Erzählt mir die Geschichte Eures Lebens,“ bat sie einmal, und Afra erzählte, anfangs vorsichtig und zurückhaltend, bei den Lichtpunkten ihrer Erinnerung verweilend, um die Genesende nicht zu erregen, nach und nach immer ausführlicher, denn Irmgard hörte nicht auf, zu forschen und zu fragen, bis sie alles erfahren hatte.
In der Seele des jungen Mädchens vollzog sich eine gewaltige Wandlung: der heftige Widerstand, den sie damals Afras Ansprüchen entgegengesetzt, war gebrochen; sie fühlte es mit unwiderleglicher Gewalt, daß sie wirklich die Tochter dieser Frau sei. Diese Überzeugung, welche durch Walburgs frühere Behauptung vorbereitet worden war, stürzte alles um, was bisher ihr Denken und Thun bestimmt hatte. Der Stolz, mit dem sie auf ihre adlige Geburt, auf die langen Reihen ritterlicher Ahnen geblickt hatte, war ein lächerliches Unding, wenn sie von einfachen Handwerkern abstammte, ihr ganzes Leben hier auf der Burg war eine Lüge! Ihr war es, als finge das goldene Kettlein, das sie seit ihrer Kindheit getragen, an ihrem Halse zu brennen an; sie öffnete das Schlößchen und legte das alte Schmuckstück ab. An einer feinen Kette hing ein Goldplättchen, auf dem fünf blaue Steine ein Vergißmeinnicht bildeten; das war wohl über zweihundert Jahre alt und stammte von einer Ahnfrau des Hauses, deren Andenken in hohen Ehren gehalten wurde. Wie stolz war Irmgard gewesen, als die Mutter ihr das einfache Kleinod umhing und sie ermahnte, es wohl zu bewahren und jener Frau Jutta von Maltheim und Buchenbühl ähnlich zu werden, ihren Eltern ebenso gehorsam, ihrem einstigen Gatten ebenso treu zu sein. Oft hatte ihr die Mutter die Geschichte jener Ahnfrau erzählen müssen, deren Bräutigam unter dem Zeichen des Kreuzes in das Heilige Land gezogen war, und von dem sie jahrelang nichts gehört hatte; wie sie ihm trotzdem die Treue bewahrt habe, obgleich jedermann von seinem Tode überzeugt gewesen sei; wie sie all ihren Schmuck, bis auf dies eine Kettlein, verkauft habe, um einen Spielmann auszurüsten und nach ihm auszusenden. Der aber habe allzu lange nach dem Ritter suchen müssen, und beide seien erst in dem Augenblick zurückgekehrt, als das Fräulein, dem Befehl ihres Vaters folgend, einem Kaufmann die Hand zum Ehebunde habe reichen sollen. Beim Anblick des Geliebten sei sie totenbleich zu Boden gefallen, der Ritter aber habe den Bräutigam zum blutigen Kampf herausgefordert, habe ihn besiegt, und als Siegespreis die Hand seiner Dame erhalten.
Wie oft hatte Irmgard das Vergißmeinnicht betrachtet und sich dabei an Fräulein Juttas Stelle gedacht, wie oft sich im stillen gelobt, nur einem Ritter angehören zu wollen, der so treu, so heldenhaft sei, wie jener Herr Diether. Sie hatte es sogar der Ahnfrau sehr verargt, daß sie sich je habe bestimmen lassen, an einen Städter auch nur zu denken, und sie war entschlossen, in diesem Punkt selbst dem Befehl ihres Vaters zu trotzen, der freilich ebenso dachte wie sie. Was war nun aus all diesen stolzen Träumen geworden? sie war das Kind einer armen Frau, die einst die Magd der Frau Ebnerin gewesen; selbst Berthold würde jetzt nicht mehr daran gedacht haben, sie zu seiner Gattin zu erwählen. Hans Fiedler, den sie stets mit huldreicher Herablassung behandelt, dessen ehrerbietige Huldigung sie hingenommen hatte, wie ein Königskind die Liebe des Schäferknaben -- er war ihr Bruder, der über ihr Geschick zu bestimmen haben würde; Ulrich aber stand so hoch, hoch über ihr, daß sie froh sein konnte, wenn er sie einmal zur Gürtelmagd seiner Gemahlin machte. O, es war unsäglich bitter! Irmgard mußte ihre Augen vom Lichte abwenden und ihr Antlitz gegen die Wand kehren, um das brennende Schamgefühl zu verbergen, das ihre bleichen Wangen mit Purpur färbte.
Was sollte nun geschehen? sie konnte nicht auf der Burg bleiben und noch fernerhin die Rolle des Edelfräuleins spielen, -- dagegen sträubte sich ihr Wahrheitsgefühl; sie konnte auch nicht auf den Annenhof ziehen und Afras gehorsame Tochter sein, -- dagegen bäumte sich ihr Stolz und die jahrelange Gewohnheit. Lange suchte sie vergebens nach einem Ausweg, dann kam ihr plötzlich, wie ein Lichtstrahl in tiefer Nacht, der Gedanke an das Kloster. Ja, das war eine Rettung, und sie griff begierig danach. Dann fiel ihr Berthold ein, und wie sie ihm einst verächtlich zugerufen hatte, sie würde lieber sterben, als eine Nonne werden. Und nun ging sie doch denselben Weg; es stirbt sich nicht so leicht, und der Tod kommt selten, wenn man ihn leidenschaftlich ersehnt. Im stillen bat sie dem fröhlichen Spielgefährten jedes schroffe Wort ab, ja sie fühlte sich ihm näher gerückt durch die Gleichartigkeit ihres Schicksals. „Erstaunlich, daß gerade wir beide der Welt entsagen müssen, wir, die wir uns doch so wohl darin fühlten, so glänzende Pläne machten, so hoch hinaufstrebten! Die Heiligen führen uns wunderbare Wege zu dem Ziel, das sie uns gesteckt haben, wir mögen wollen oder nicht!“ -- --
Der Ritter von Maltheim war sanft entschlafen und in der Schloßkapelle bei seinen Vätern beigesetzt. Afra hatte den trauernden Frauen treuen Beistand geleistet; nach dem Begräbnis aber war sie ohne Gruß und Abschied verschwunden. In tiefem Schmerz saßen Frau Kunigunde und Irmgard bei einander, jede von Gedanken erfüllt, die mühsam nach einem Ausdruck rangen.
„Es ist gut für Euch, daß Ulrich bald heimkehrt,“ sagte endlich das Mädchen gepreßt --, „so werdet Ihr doch nicht lange ganz einsam sein.“
Die Mutter blickte erstaunt auf; der förmliche Ton, in dem jene sprach, überraschte sie. „Ich habe ja noch dich, mein liebes Kind.“
„Aber nicht mehr für lange -- ich muß fort.“
„Du willst mich verlassen, jetzt, da ich traurig und einsam bin? Irmgard, hat deine Mutter das um dich verdient?“
„O macht mir das Herz nicht schwer, Frau -- Frau Kunigunde von Maltheim,“ rief das Mädchen, in Thränen ausbrechend, „Ihr wißt es doch besser als ich, daß ich Euer Kind nicht bin, daß Ihr den Findling nur aus Erbarmen aufgenommen habt! Ich kann nicht länger bei Euch bleiben, aber ich kann auch nicht bei meiner Mutter leben -- laßt mich ins Kloster gehn, das ist der einzige Ort auf Erden, wo ich Ruhe und Frieden finden kann.“
Mit namenlosem Erstaunen vernahm die Edelfrau diese Rede; wie hatte sie gesonnen und gegrübelt, auf welche Weise sie Irmgard die bittere Kunde beibringen könne, -- und nun kam jene ihr zuvor, sie wußte alles und hatte aus eignem Antrieb den Entschluß gefaßt, vor dem sie selbst noch zurückbebte, und den sie doch als den einzig schicklichen Ausweg in dieser Lage betrachten mußte. Sie that ihre Arme auf: „mein Kind, meine geliebte Tochter!“ rief sie, „komm an meine Brust und laß uns in alter Liebe alles miteinander besprechen, was uns beide so schmerzlich bewegt. Hat dich die heilige Jungfrau mir nicht übergeben, daß du mein Trost und meine Freude sein solltest? und bist du nicht deines Vaters teuerster Schatz bis an sein Ende gewesen? Und wenn du uns nicht durch deine Geburt angehörst, hat unsre jahrelange Liebe uns keinen Anspruch an dich erworben?“
Da schmolz die Rinde von Härte und Bitterkeit, die sich um Irmgards Gemüt gelegt hatte, sie sank in die Arme der treuen Mutter und sagte ihr alles, was ihr banges Herz erfüllte.
Einige Tage danach erschien Afra, nach der man geschickt hatte, wieder auf der Burg. Irmgard ging ihr entgegen und reichte ihr die Hand; sie war noch bleicher als gewöhnlich, aber in ihren Zügen lag eine tiefe Ruhe: der schwere Kampf war ausgestritten, in ihrer Seele volle Klarheit. „Seid willkommen, liebe Mutter!“ sagte sie sanft, „ich stehe an der Schwelle eines neuen Lebens und bitte um Euren Segen.“
Afra starrte sie an, als dürfe sie ihren Ohren nicht trauen. „Matthäa!“ rief sie dann jauchzend, „mein süßes Kind, erkennst du endlich deine Mutter? O Gott im Himmel, habe Dank für diese Gnade! Du hast mir meinen Liebling wiedergeschenkt!“ Sie zog Irmgard an ihr Herz und überschüttete sie mit heißen Küssen und Liebkosungen; dann schob sie sie einen Schritt von sich fort, um ihr Gesicht, ihre Gestalt mit trunknem Blick zu betrachten. Endlich faßte sie sich, verbarg ihr thränenbenetztes Gesicht einen Augenblick in ihren Händen und schaute ruhiger auf. „Fürchte nichts, mein Liebling,“ sagte sie wehmutsvoll, „denke nicht, daß deine Mutter dein Glück trüben, deine hohe Stellung dir rauben will. Du sollst für jedermann das Edelfräulein bleiben, und die edle Frau Kunigunde soll deine Mutter sein, wie bisher. Nur zuweilen, in dunkler Abendstunde, darf ich mich herschleichen, nicht wahr? und wenn kein Auge uns sieht und kein Ohr uns hört, dann darf ich dich meine Matthäa nennen und dich küssen; und wenn du krank bist, darf ich dich pflegen, und wenn du dich einmal verheiratest, darf ich dir folgen und dir dienen und dein Haus verwalten helfen -- nicht wahr, mein Kind? du sollst dich nie, nie meiner schämen dürfen, denn nie will ich es einem Menschenohr anvertrauen, daß du meine Tochter bist!“
Irmgard war tief ergriffen von so selbstloser Liebe. „O meine Mutter,“ sagte sie bewegt, „wie gut bist du! Nein, ich werde mich nie deiner schämen, denn du bist edel von Gesinnung und groß an Liebe und Aufopferung! Aber ich werde nicht hierbleiben und nie einem Gatten folgen -- ich gehe ins Kloster.“
„Ins Kloster!“ wiederholte Afra traurig, „ist dir die Welt vergällt, das frohe Leben zur Last geworden? Ins Kloster! dahin kann ich dir nicht folgen, dort kann ich meinem Kinde nicht dienen. O Matthäa, muß es so sein?“
„Es muß so sein, Mutter, es war von Anfang an der Wille der heiligen Jungfrau. Auch Frau Kunigunde denkt wie ich. Mit dem Beginn der nächsten Woche scheide ich aus diesem Hause und trete in mein neues, stilles Heim ein. Willst du bis dahin bei mir bleiben, Mutter?“ -- --
Wenige Tage später war Irmgards Stelle auf Maltheim leer, zwei einsame Frauen blickten ihr trauernd und sehnsüchtig nach. Frau Kunigunde hatte Afra nicht von sich gelassen, und auf ihr dringendes Bitten hatte diese sich entschlossen, bis zu Ulrichs Rückkehr auf Maltheim zu bleiben. Am Tage ging es noch an, da machten sich beide in Küche und Keller, im Garten und in der Milchkammer, am Waschfaß und auf dem Bleichplatze zu schaffen und ließen sich keine Zeit zu trüben Gedanken. Aber wenn der Abend kam und des Tages Arbeit ruhte, dann saßen die beiden Mütter bei einander und sprachen von ihrem Kinde und beweinten das herbe Schicksal, das beiden die liebliche Tochter von der Seite gerissen hatte. Dennoch waren beide davon durchdrungen, daß Irmgards Entschluß der einzig richtige gewesen, daß sie weder als Edelfräulein auf Maltheim, noch als die Tochter einer früheren Magd auf dem Annenhof hätte leben können. Das Kloster erschien beiden wie ein stiller Friedenshafen, in dem das zertrümmerte Lebensschifflein sicher vor Anker gehen durfte.
Dreizehntes Kapitel.
Sankt Sebaldus-Tag.
Kommt und laßt uns vereint den heiligen Sebald erheben! Dankt ihm in frommem Gebet, preist ihn mit jubelnder Lust.
Seit alten Zeiten wurde der neunzehnte August in Nürnberg als hoher Festtag gefeiert, galt er doch dem Andenken des heiligen Sebaldus, den die Stadt als ihren eigensten Schutzpatron verehrte. Sechshundert Jahre mochte es her sein, so erzählte die fromme Legende, als der heilige Sebald mit seinen Gefährten Wilibald und Wunibald die Länder an der Donau durchzog, lehrend und taufend und seine Predigt durch wunderbare Thaten bekräftigend. Da geschah es einst, als die frommen Männer den Strom erreicht hatten, daß die reißende Flut, welche mit Eisschollen trieb, die Brücke zertrümmerte; zagend sahen die Genossen den Führer an, der aber zog seine Kutte aus, legte sie auf das wildbewegte Wasser und stellte sich darauf. Siehe, da trug ihn die Flut gehorsam bis ans andre Ufer und netzte ihm kaum die Füße. Die andern folgten seinem Beispiel; fast erstarrt kamen die Gottesmänner drüben an und traten in eine dürftige Hütte, in der kein Feuer brannte, denn das Holz war den Bewohnern ausgegangen. Da hieß Sebaldus die Frau, Eisschollen auf den Herd tragen und anzünden, alsbald brannten sie lichterloh und verbreiteten liebliche Wärme. Anbetend sanken die Hüttenbewohner vor dem Heiligen auf die Kniee und wagten es, ihm eine Bitte vorzutragen. Ihr einziges Hab’ und Gut, ein paar Ochsen, war ihnen entlaufen; vergebens hatte der Mann sie gesucht, bis die Dunkelheit einbrach. „Geh noch einmal hinaus,“ gebot Sebaldus, „und bete auf dem Wege, und du wirst sie finden.“ „In der Nacht?“ fragte der Bauer zweifelnd; aber er folgte dennoch dem Gebot, und der Wald leuchtete ihm entgegen, wie von hellem Sonnenschein beglänzt. Er betete und fand die Tiere; zum Dank gelobte er sich dem Heiligen zu jedem Dienst, den dieser von ihm verlangen würde.