Idisa: eine thüringisch-fränkische Sage für unsere Jugend

Part 2

Chapter 23,198 wordsPublic domain

»Lieber Mann«, sprach er, »viele Tage habe ich mich abgemüht, hierher zu kommen, laßt mich ein, ich will Euch zahlen, was ihr begehrt, zweifach und dreifach, wenn ich wieder gesund bin.«

»Erst das Geld«, so fuhr ihn der Harte an, »dann öffnet sich das Tor.«

Der Alte ging nicht von der Stelle, und unter Tränen bat er um Einlaß zu der Gottesquelle.

Vergeblich!

»Bedenkt, daß heute Sonntag ist«, sagte der Greis, »der ein Vater ist der Armen und Reichen, der jedes Unrecht bestraft und jede gute Tat belohnt, -- er wird Euch eure Wohltat vergelten hundertfältig und wird Euch segnen, wenn Ihr mich einlaßt.«

»Was kümmert mich das?« sprach der Geizhals höhnisch, »Idisa ist meine Herrin; sie will ich lieb haben, sie soll mich reich machen. An deines Gottes Segen ist mir gar nichts gelegen.« --

Da ward des Alten bleiches Gesicht rot vor Zorn; die matten Augen leuchteten wie Feuer, und seine Stimme klang furchtbar, als er rief:

»So soll Gottes Fluch dich treffen, wenn du seinen Segen verspottest.«

Schluchzend hinkte er von dannen. Im Kirchlein zu Stelzen fand man ihn am Abend. Gott hatte sein letztes Gebet erhört und ihn erlöst von seinen Leiden.

Alle Leute rührte das Schicksal des Armen; der hartherzige Reiche aber spürte nicht das geringste Mitleid. Geiz und Habsucht erfüllten seine Seele wie böse Geister und ließen keinen Raum für das Gute. Die nächste Woche sollte seine Glückswoche werden. Da kamen die Wallfahrer vom Lande nördlich des Thüringer Waldes bis aus der Gegend des Eichsfeldes und der goldenen Aue. Lahme und Kranke brachten sie mit zum Idisa-Wasser, die hatten Geld und zahlten wohl ein Silberstück für ihre Genesung. Die Wallfahrer kamen. In Steinheid ließen sie sich nach alter Sitte die Pilgerpässe weihen, doch zum Idisa-Wasser kam keiner. Bis zum Harz und bis zur Unstrut war es schon bekannt geworden, und viele erfuhren es auf dem Wege, daß ein Geizhals das gottgesegnete Wasser der Idisa als Erbe und Eigentum sich beimaß und um des schnöden Gewinnes halber das Bad gesperrt hatte. Vorüber ging der Zug der frommen Wanderer und ging zum ersten Male hinab bis ins sonnige Frankenland. Im Maintale gegenüber dem Kloster Banz war jüngst eine neue Wallfahrtskirche gegründet worden, die hatte als Gnadenort einen Ruf weit und breit. Dorthin strömten am Tage Peter-Paul die Wallfahrer zu tausenden und beteten zu den vierzehn heiligen Nothelfern, denen die Kirche geweiht war und von deren Fürsprache man Hülfe und Beistand für alle Schwachen und Kranken erwartete. Es war auch in Thüringen manche Heilquelle bekannt geworden, die Genesung und Gesundheit spendete. Im unteren Frankenlande, wo die Saale den Fuß der Bodenlaube umrauscht, hat der Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn bald darauf Brunnen und Bäder errichtet, die spendeten Kraft allen, die da kamen, schwächlich und gebrechlich. Heute geht der Ruf dieses Bades bis weit über die deutschen Grenzen hinaus.

Dort an der Bleßbergquelle der Mann, der mit so harten Worten den guten Alten soweit gebracht hatte, daß er lieber sterben als leben wollte, fand keine Ruhe mehr von jenem Sonntage an, da die Wallfahrer die Quelle umgingen und zum ersten Male Vierzehnheiligen besuchten. Heftige Schmerzen stellten sich bei ihm ein, so daß er selbst sein Bad aufsuchen mußte. Täglich schleppte er die müden Glieder dahin, aber von Stärkung, von Genesung keine Spur; schwach und immer schwächer wurde sein Leib. Er warf sich vor der Felsenschlucht der Idisa auf die Knie und tat, was er schon fast verlernt hatte: er betete. Flehentlich rief er Idisa beim Namen und schwur bei allen Heiligen, ihr alles zu opfern, was er besitze, -- umsonst!

Bleich vor Schrecken und zitternd vor Angst stieg er wieder und wieder in das Wasser seiner angebeteten Göttin, kalt und schaurig umfängt es ihn, ein Frösteln zieht ihm durch alle Glieder, er ruft nach seinem Golde, nach allen Schätzen, sie dem Wasser zu opfern, er stößt einen gräßlichen Fluch aus gegen Idisa, die dem Wasser die Heilkraft genommen: da sieht er in Todesängsten zwei weiße Arme aus der kalten Flut sich erheben, die ihn eisern umfassen und niederziehen. Die Erde erbebt, der Felsblock zerspringt und zum Strom wird Quelle und Bächlein. Die stolze Mauer stürzt und rauschend strömt die Flut durch den blühenden Garten, alles mit sich niederreißend, Haus und Steinwand, Büsche und Bäume. Verschüttet und verschollen blieb der talwärts getriebene Leichnam des Fremdlings. Versagt blieb ihm ein ehrliches Begräbnis.

Als die angstvoll in ihren Häusern verborgenen Bewohner von Stelzen nach dem Sturm sich wieder herauswagten, war von aller Herrlichkeit um Haus und Quelle keine Spur mehr zu sehen. Ruhig war das Wasser zurückgetreten in sein kleines Bett, und murmelnd floß es talabwärts wie ehedem.

Wenn heute dein Weg dich hinführt zur Quelle der Idisa, dann siehst du sie ganz nahe der Kirche und dem Schulhause von Stelzen aus einem Felsen springen und in ein winziges Bächlein sich ergießen, das still und friedlich zunächst dem Dorfe zufließt, bis es in munterem Laufe seinen Weg zum Tale nimmt. Vor der Quelle findest du im Bleßbergwald noch ein freies, wundersam lauschiges Plätzchen, umrahmt und beschattet von hochstämmigen Buchen, Fichten und Edeltannen. Bei der ganzen Lage und Beschaffenheit des Platzes ist es der Phantasie leicht, Ort und Zeit, von denen die Sage dir erzählt, wieder vor’s Auge zu zaubern. Verschwunden ist der Segen der Heilkraft, von dem eine alte Überlieferung aus vorlutherischer Zeit erzählt: der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen! Das Hervorbrechen der Quelle aber und das Bächlein, das heute als _Itz_ hinabfließt ins Tal, das als Fluß durch Wiese und Wald, durch Dorf und Stadt sich drängt, die Erde befruchtend und seine treibende Kraft in den Dienst frohtätiger Menschen stellend, ist zu einem dauernden Segen geworden: Der Name des Herrn sei gelobt!

In Stelzen zieht heute noch dann und wann die aus den Dörfern der Umgegend sich vereinende Gemeinde hinaus in den nahen, von allen guten Geistern belebten Wald, um ihrem Herrn und Gott ein Fest zu feiern. Über der Quelle ist dann eine einfache Kanzel erhöht. Die Ruhebänke ringsum werden zu Kirchenbänken, und über Priester und Gemeinde spannt sich die grüne Kuppel des Waldes. Die gläubigen Herzen empfinden die Wahrheit des uralten Bibelwortes: »Gewißlich ist der Herr an diesem Ort,« und in allen Seelen bezeugt sich die Vererbung des altväterlichen, frommen Glaubens, der im geheimnisvollen Wehen und Rauschen des Waldes, im Flüstern und Sprudeln der Quellen und in allen Regungen der Natur Äußerungen des allgegenwärtigen Gottes vernahm. Man gedenkt der alten Zeiten, da die Güte und Gnade des Herrn in der Heilkraft des Idisaquells sich offenbarte, man bedenkt, daß der Herr auch im Leben und Wesen der neuen Zeit durch Wohltun und Segen sich bezeugt, und man erkennt, daß das Wort von der Offenbarung Gottes eine ewige Wahrheit ist.

Anmerkungen.

Zu Seite 3.

=Schwarzenbrunn=, an der Poststraße, die von Eisfeld durch den Saargrund nach Steinheid und weiter nach Neuhaus a. R. führt, kann sein Bestehen bis zum Jahre 1317 zurück nachweisen. Auch der Beweis des Vorkommens von Gold ist erbracht. Bis in die neueste Zeit fand man dort Spuren von Edelmetallen. Obwohl Herzog Ernst Friedrich I. von Hildburghausen noch 1716 einige Münzen von bei Schwarzenbrunn gefundenem Golde prägen ließ, ist ein bergmännischer Betrieb nicht im geringsten mehr lohnend. Die 1716 geprägte Münze trug auf der einen Seite neben dem Bild und Namen des Herzogs die Umschrift: »Zu Schwarzenbrunn aus der Goldwäsche. Hildburghausen 1716«; auf der anderen Seite standen die Worte:

»Der Schwarzenbrunn gibt Gold, Dergleichen auch Schalkau, Das Salz schenkt Lindenau, Gott ist dem Lande hold.«

Zu Seite 3.

=Werra.= Das Bächlein »dringet und wirret sich gleich mit Macht und Gewalt hin und wieder, bald da herümb, bald dort herümb, durch die unwegsame und wirrsame Gründe daselbst abhin, bei anderhalb Viertelmeil wegslang, auffs Dorf Schirnroda (oberhalb Schwarzenbrunn) zu: darum es auch von den Einwohnern in, an und für dem Walde daselbst herumb von solchen vielen Vermischen und fast unsäglich wunderbaren Verwirren, das Wirre- oder Werre-Wasser und die Werra genannt wird«. (Seb. Güth, Meininger Chronica 1676.)

»In den mitlern Zeiten Vierra, Werraha, Werra, Wisera, Veseraha, Weseraha, itzo die Werra, und Weser, einer von den großen Flüssen Deutschlands«. (Chr. Junker »Anleitung zu der Geographie der mittleren Zeiten 1712«.)

Nach jetzt allgemein gültiger Annahme ist die Werra als Oberlauf der Weser anzusehen und das Wort Werra als eine Zusammenziehung von Wisera, Weseraha bezw. Werraha zu erklären. Das Schluß-a findet sich bei Flußnamen häufig; es ist eine Zusammenziehung des althochdeutschen ~aha~ = Wasser, Bach.

Die Werra wird aus zwei Quellbächen gebildet, die oberhalb Schwarzenbrunn zusammenkommen und von denen der östliche den Saargrund durchfließt. Dieser Bach wurde früher »trockene Werra« genannt, wird aber jetzt meist als Saar bezeichnet.

Zu Seite 4.

=Steinheid=, an der Poststraße Eisfeld-Neuhaus a. R., bis 1160 zurück nachzuweisen, einer der höchstgelegenen (814 ~m~) Orte des Thüringer Waldes, war früher eine reiche Bergstadt. Verfallene Stollen und Schachte sind heute noch Zeugen früherer, umfangreicher bergmännischer Tätigkeit. Wenn auch in der langen Spanne Zeit, die zwischen dem Eingehen der Werke und der Gegenwart liegt, bezüglich des Goldreichtums die Überlieferung etwas übertreibend und ausschmückend eingegriffen hat, so war doch der Gewinn an Gold durchaus nicht gering. Durch die Hussitenkriege (besonders um 1430) erlitt das gewerbfleißige Leben große Einbuße. Die Zerstörung der Bergwerke war eine so nachhaltige, den ganzen Ort schädigende, daß auch die von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen, von Herzog Johann Kasimir, Herzog Ernst dem Frommen und Herzog Albrecht gewährten Freiheiten und die auf gewinnbringende Regelung des Betriebs bedachten Bergordnungen eine wesentliche Förderung nicht brachten. -- Im Jahre 1533 wurden die Bergwerke energisch wieder in Stand und Betrieb gesetzt, und die Jahre 1576--1580 scheinen auch wieder eine etwas höher gehende Entwicklung gebracht zu haben, aber durch den Dreißigjährigen Krieg und durch spätere Feuersbrünste kam über den Ort solches Unglück, daß er sich nicht wieder zu erholen oder auch nur annähernd zu seiner früheren Bedeutung zu erheben vermochte.

Zu Seite 22. -- Vor dem Jahre 1528 stand in Steinheid eine der Mutter Gottes geweihte Kapelle (»Zu unsrer lieben Frauen Berg«), in der die vorüberziehenden Wallfahrer um gesegnete Pässe für eine glückliche und ihrem Seelenheil gedeihliche Reise vorsprachen oder auch ihre Reisepässe sich weihen ließen. Die überaus große Zahl der Besucher brachten der Kirche und dem Ort reiche Einkünfte.

Zu Seite 6.

=Bären=, Wölfe, Wildschweine, Luchse waren im südlichen Teil des Thüringer Waldes und in den angrenzenden Gebieten durchaus keine Seltenheit. Sie gehörten zu den friedlosen Tieren und waren jagdfrei. Ja, man machte es den Bewohnern gewisser Gegenden geradezu zur Pflicht, diese Tiere abzuschießen, um sie auszurotten. Die Bewohner von Wiesenfeld hatten z. B. die Pflicht, in ihren Gemarkungen jährlich einen Wolf zu fangen, wenn sie aber deren zehn in einem Jahre erlegten, sollten sie auf zehn Jahre frei sein. (Henneberg. Urbarium ca. 1340.) Im Jahre 1656 wurden auch Gothaer Gemeinden gesetzlich zur Wolfsjagd verpflichtet. -- Bei Schloß Hohenstein gibt es eine Wüstung Wolfersdorf; unsere Wohlsbach hießen früher Wolfeswac = Wolfstümpel. Auch verschiedene Flur- und Forstbezeichnungen lassen auf das Vorhandensein von Wölfen, Bären u. s. w. schließen, z. B. Wolfsrangen am Nordabhang des Festungsberges, Bärenstange, ein Forstort an der Wildbahn, Bärenhölzchen zwischen Coburg und Neuses.

1571 wurde der Förster Wolff bei Sachsendorf (direkt bei Schwarzenbrunn) von einem Bären angefallen und zerfleischt. In der Nähe des Inselsberges kam der Bär bis zum 16. Jahrhundert häufig vor. Bei Schmalkalden fanden 1587, 1592, 1594 und 1603 Bärenjagden statt, bei Brotterode 1585. Der letzte Bär in Thüringen wurde 1686 in der gothaischen Forstei Winterstein erlegt. Das Vorhandensein von Wölfen läßt sich im Thüringerwald bis 1859 nachweisen. Im Winter 1858/59 trieb sich ein Wolf vagabundierend bei Friedrichroda umher; 63 Stück Rotwild waren ihm zum Opfer gefallen. Am 6. Mai 1859 wurde er bei Heldburg erlegt. Auch 1785 war bei Heldburg ein Wolf getötet worden, der besonders unter den Schafen der Umgegend großen Schaden angerichtet hatte. Der letzte Luchs wurde am 24. März 1819 im Gothaer Revier Stutzhaus geschossen. Im Norden des Thüringer Waldes wurden Luchse im 18. Jahrhundert vielfach nachgewiesen, Wildschweine kamen da und dort noch in späterer Zeit vor.

Zu Seite 6.

Der =Bleßberg=, 864 ~m~ hoch, einer der höchsten Punkte des südöstlichen Thüringer Waldes, bietet eine der schönsten Rundsichten und weitesten Fernsichten über das thüringische und fränkische Land. Drei Türme auf fernen Berggipfeln zeigen uns nach Norden hin aussichtsreiche Höhen des Thüringer Waldes, den etwa 24 ~km~ in der Luftlinie entfernten Adlersberg bei Suhl, den Kirchberg mit dem Fröbelturm bei Oberweißbach und die Kursdorfer Koppe. Nach Osten hin sehen wir das Fichtelgebirge, nach Westen schweift der Blick bis zu den Bergen der Rhön. Im Süden soll man die etwa 64 ~km~ entfernte Altenburg bei Bamberg sehen, man begnügt sich jedoch gern mit dem klaren Ausblick bis zum Staffelberg, bis zur Veste und Stadt Coburg, aus deren Häuserreihen man die Moritzkirche deutlich herausragen sieht. Der Bleßberg, der auf den verschiedensten Wegen bequem zu erreichen ist, war wegen seiner Aussicht zu allen Zeiten vielbesucht und war einer der ersten Berge im südlichen Teil des Thüringer Waldes, der mit einem Aussichtsturm versehen war. Der frühere, hölzerne Turm wurde schon vor mehrern Jahren durch einen eisernen ersetzt.

Zu Seite 12.

Die Sage vom =Mönch auf dem Moritzturm= findet sich abgedruckt bei

v. Heeringen, G., Wanderungen durch Franken, Seite 35,

Heckenhayn, Th., Lesebuch II, Seite 389, Neues »Coburgisches Lesebuch«, 1. Teil,

Bechstein, L., Der fränkische Sagenschatz, 1. Band.

Zu Seite 16.

Der reiche Mann von =Würzburg=, der am Wunderbrunnen der Idisa Heilung gefunden hat, findet sich übereinstimmend in den verschiedensten Aufzeichnungen.

Zu Seite 17.

Die Kapelle =Mariahilf= hat verschiedene Wandlungen in ihrem Auf- und Ausbau durchgemacht und stand bis 1647. Eine Pfeilerinschrift an der Ostseite der heutigen Kirche (~MCCCCLXVII Walpurgis wart angehobn diss Bau Maria~) weist auf einen vorgenommenen Neubau im Jahre 1467 hin. Die gottesdienstlichen Verrichtungen besorgten vormals die Augustinermönche von Königsberg in Franken. Die erste Ansiedelung hieß Mariahilf; der Name Stelzen ist für den Ort erst später aufgekommen.

Zu Seite 17.

=Wallfahrer und Wallfahrtswege.= Mehrfach erwähnt wird in geschichtlichen Aufzeichnungen, daß noch im 15. Jahrhundert alljährlich Hunderte von Grafen, Rittern, Edlen und noch viele, viele aus dem gemeinen Volk zur Wunderquelle Mariahilf gewallfahrt sind. Die Hauptwege führten von Eisfeld, von Schalkau und von Steinheid aus zur Quelle. Am Wege zwischen Eisfeld und Stelzen, ganz in der Nähe des letztgenannten Ortes, steht heute noch ein etwa 2 ~m~ hoher, steinerner Bildstock aus der Wallfahrtszeit. Auch nach der Schalkauer Seite zu hatte sich bei Stelzen ein Stein als Überrest einer heiligen Station jahrhundertelang erhalten. Der angrenzende Flurteil heißt heute noch »der weiße Stein«. An der Straße von Stelzen nach Schalkau steht bei Mausendorf ein großer, eigenartig behauener Stein, der, wie die Leute sagen, »der heiligen Zeit« entstammt.

Zu Seite 18.

=Stelzen.= Die Annahme, daß der Ortsname von den daselbst aufbewahrten Krücken, Stöcken, Stelzbeinen herkommen kann, wird bestärkt durch die Tatsache, daß noch bis zum Jahre 1830, in dem eine umfassende Reparatur der Kirche vorgenommen wurde, Stelzen u. s. w. auf dem Kirchboden des Ortes als für den Ortsnamen charakteristische Wahrzeichen aufbewahrt wurden.

Zu Seite 19.

=Eisenindustrie im Hüttengrund.= Schon im 15. Jahrhundert führte der zwischen Köppelsdorf und Blechhammer sich hinziehende Teil des Steinachtales auf eine Stunde lang den Namen Hüttengrund. Die Bewohner, die in ihren einzeln oder zerstreut liegenden, zuweilen auch in kleinen Gruppen zusammenstehenden Häusern bis 1848 eine Gemeinde für sich bildeten, hatten schon frühzeitig gelernt, das im Thüringer Wald gewonnene Eisen in Eisenhämmern, Blechhämmern u. a. Werken in verschiedenster Weise zu verarbeiten. Der Bergbau in Thüringen läßt sich im allgemeinen etwa bis zum Jahre 1000 zurück nachweisen; der Sage nach soll man bei Schmalkalden allerdings schon im 4. Jahrhundert Erzlager gefunden und deren praktische Ausnutzung gekannt haben. In der frühesten Zeit wurden Abbau, Schmelzen und Verarbeiten des Eisens oft von ein und derselben Person, meist von einem Schmiede im Walde, betrieben. Er grub sein Eisen selbst, schmolz es im Holzkohlenfeuer und gab ihm unter dem Druck der vom reißenden Waldbach in Betrieb gesetzten Hämmer die gewünschten Formen.

Zu Seite 23.

=Vierzehnheiligen=, das »fränkische Mekka«, ist noch heutzutage einer der Hauptwallfahrtsorte Bayerns. An den Hauptfesttagen »Himmelfahrt« und »Peter-Paul« (29. Juni) soll sich die Zahl der Wallfahrer schon auf 50000 belaufen haben. Die wunderbare Erscheinung des von vierzehn Heiligen umgebenen Christuskindes, die ein junger Schäfer um 1445 gesehen haben will, gab dem Abt von Langheim Veranlassung zur Gründung der ersten Kapelle, die mit reichem Ablaß begnadet wurde. Im Jahre 1485 pilgerte Kaiser Friedrich III., 1518 Albrecht Dürer, 1562 Kaiser Ferdinand I. zu den vierzehn heiligen Nothelfern, von deren Wundertätigkeit zahllose Stiftungen in einer Seitenkapelle der Kirche Zeugnis geben sollen.

Zu Seite 23.

=Kissingen=, an der fränkischen Saale am Fuß der Ruine Bodenlaube, jetzt Weltbadeort, verdankt seine Begründung dem Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn, geboren 1544.

Zu Seite 24.

Der =Schauplatz der Sage= ist heute ein von Buchen, Fichten und Edeltannen beschattetes, freies, lauschiges Plätzchen am Fuße des Bleßbergwaldes. Bänke stehen ringsum, eine einfache Kanzel über der niederen Grotte weist auf irgend ein frommes Fest (Gustav-Adolf-Fest, Missionsfest u. dergl.) hin, das an dem alten Heiligtum abgehalten wurde. In früherer Zeit, bis 1750, standen am Eingang zur Grotte vier mächtige uralte Linden, deren Alter auf tausend Jahre geschätzt wurde, und die Annahme, daß schon in alter Heidenzeit hier eine den Göttern geweihte Stätte bestanden hat, ist nicht direkt von der Hand zu weisen.

Zu Seite 25.

=Idisa = Itz.= Früher hat man das Wort Itz vielfach auf wendischen Ursprung zurückgeführt, jedoch ist die Silbe als selbständiges Wort im Wendischen bezw. Slavischen nicht nachzuweisen. Die Slaven, in Deutschland vielfach Wenden genannt, bewohnten im 6. Jahrhundert u. a. die Gegend zwischen Thüringerwald und Main, also auch das Gebiet des heutigen Herzogtums Coburg. Der Name Wende = wind, mit einem deutschen Personennamen zusammengesetzt, findet sich südlich des Thüringer Waldes vielfach bei Ansiedelungen, in denen nach dem Zurückschlagen der Slaven unfreie, einem deutschen Herren unterworfene und zugehörige Wenden untergebracht waren. So entstand im Coburgischen Ottowind, dicht an der Grenze Rückerswind, Almerswind, Herbartswind, nicht weit von der Grenze Gundelswind, Poppenwind u. a. Die Endung itz in unseren Ortsnamen Creidlitz, Meischnitz, Mödlitz und in den uns mehr oder weniger benachbarten Mürschnitz, Schierschnitz, Käßlitz, Föritz, Köditz, Oberloquitz, Siegritz, Eichitz, Marktgölitz-Schwürbitz, Mitwitz, Redwitz, Kirchenlamitz, Teuschnitz u. v. v. a. wird gern als ein Rest ursprünglich slavischer Benennung bezw. für den Ort als ein Beweis slavischen Ursprungs angesehen. Wie schon erwähnt, bestreitet man bei dem selbständigen Wort Itz eine Abstammung aus dem Slavischen und nimmt eine Ableitung aus dem Deutschen an. »Die ältesten überlieferten Formen des Namens lauten _Itesa_ (Schannat, ~corpus traditionum Fuldensium~), um 1071 _Itisa_ (Sprenger, Banz 1050--1251), um 1227 _Ytisa_ und _Itysa_ (Sprenger, Banz). Slavischen Charakter tragen diese Formen nicht, vielmehr lassen sie mit Wahrscheinlichkeit eine Erklärung aus dem Deutschen zu, indem das Wort als ein Kompositum aus ahd. ~itis~ und ~aha~ betrachtet werden kann. Itis (starkes Femininum) bedeutet eine hehre, ehrwürdige Frau; nach Grimm, Mythol. 372 scheint es schon in frühster Zeit gleich dem griechischen νύμφη (Nymphe) vorzugsweise auf übermenschliche Wesen angewandt worden zu sein, die geringer als Göttinnen, höher als irdische Frauen angesehen wurden. Vergleiche auch den Merseburger Zauberspruch, der beginnt: ~=eiris sâzun idisî=~ ... (= =einst setzten sich Idise=). ~Aha~ ist schon früh in einfaches a übergegangen, wie denn z. B. Steinaha (die Steinach) im 10. Jahrhundert Steina heißt ...« -- Siehe auch Anm. Werra, Seite 28. -- »Danach bedeutete _Itisaha_, _Itisa_ das Wasser göttlicher Jungfrauen«. (~Dr.~ F. Riemann, die Ortsnamen des Herzogtums Coburg.)

Druck: Union, Coburg.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Korrekturen:

S. 30: Wustung → Wüstung Hohenstein gibt es eine {Wüstung} Wolfersdorf