Hymnen

Part 2

Chapter 21,725 wordsPublic domain

Und des Körpers letztes Geheimnis ist der Schmerz, des Kosmos Gewicht, von der Seele erfühlt. Er wälzt sich durch alle Blutquellen, durch tausend tötliche Düfte. Er treibt alle Mühlen des Lebens und zart wie der Äther auch die Windmühlen des Traums auf den höchsten Gipfeln.

Es zittern Schattenhände auf den Tasten, leicht wie schwarze Falter, jeder unserer Atemzüge füllt das geheimnisvolle Instrument mit Luft; Akkorde wirbeln im Wahnsinn, hundert Seelen klagen in den Resonnanzen, Tag und Nacht wie Seiten eines Blattes wechseln im Buche mystischer Komposition . . . Was bedeutet das Flüstern der Küsse in dieser tragischen Musik, welche donnert aus der Stille unzähliger Empfängnisse im Mutterleib in die Stille der feuchten Erde, ewig erneut und doch voll tausendjähriger Reminiszenzen? Im Stöhnen der Winde, Wälder, Gewässer steigt sie zum Himmel, der Erde Geschenk in der Welten Symphonie, Lärm der Kämpfe mit unsichtbaren Feinden, tausendfältig verklingender Schrei, der in entschwundenen Zeiten im Beben der Schuld sich erhob . . . Sieh, die Augen, jahrhundertelang vergebens ersehnend den Schlummer, kaum geschlossen öffnen sich wieder bei ihrem klagenden Echo, und den Tiefen unserer Tage und Nächte entlodern wie Phosphor die Noten der höchsten Töne!

-- Alles ist voll Durst. Und es suchen uns ständig die trockenen Lippen im Dunkel und schlürfen gierig von unserem Blute. Und unserm Ermatten lächeln die Lenze mit um so feurigern Blüten. Bitter ist die Arbeit im Geheimnis der Erde wie die Arbeit von Sklaven im Bergwerk. Und das Licht unserer Flammen reizt im dröhnenden Hauche der Tiefen die im Dunkeln webenden Kräfte. Die Garben unserer Ernten wurden feucht in den Stürmen, wurden schwer und verwuchsen; wie heben wir sie auf, sie den Brüdern zu reichen, wenn unsere Hände zerfetzt von der Mühe hundertjährigen Ackerns erzittern?

-- Sieh, die Seelen Tausender erschlossen sich endlich und hinter all ihrer Bläue liegt ein Abgrund. Wir wissen, Fluch fiel auf Alles. Die Vögel der Höhe und was kreucht auf der Erde beben vor den Stärkeren. Hundertjährigen Krieg führen die Völker der Insekten. Auch in der reinsten Welt der Pflanzen herrscht Kampf und Verwelken, drin die duftige mondhafte Zartheit erliegt dem Anprall barbarischer Stärke. In des Kampfes Getümmel brodelt das Leben voll Glut und auf seinem Dampfe schaukelt unsre Hoffnung: wir leben vom Schmerze unzähliger Wesen. Unser Blut, scheint es, entströmt einer geheimnisvollen Wunde des Alls und ist geflossen in unseren Körper und wirbelt darin mit krampfhaftem Pulse. Umsonst lassen wir unsere Lichter im Gewitter in die Nacht lohn: mit dem Kreuze der Blitze zerteilt sie die Wahrheit. Aufgelöste Massen unserer vom Leben verwirrten Brüder wälzen sich über alle Wege unseres Gedankens von einem Zeitalter ins andere. Und ähnlich den Wahnsinnigen, die auf ihre Phantome starren in der Lust des Vergessens, träumen von neuen Schreien der Wonne wir in Betten, die unter Sterbenden erkaltet sind.

-- Und der Westen, der in fernen Jahrhunderten sich wölbte wie die Pforte der ewigen Stadt, aus der die Engel über des Todes schwarze Abgründe strahlende Fallbrücken herablassen und wo aus Tiefen weißen Lichtes das Hosianna der seligen Geister ertönt, das Firmament über dem Schmerze der Erde gewölbt aus der reglosen Ewigkeit des Glückes, hat durch Fluch sich verwandelt: ein Blutwirbel ist die versinkende Sonne, bis zum Zenith spritzt sie ihren erkaltenden Schaum nach den Sternen und es naht ihr in immer kleineren Kreisen unser erstarrtes Leben, um in ihrer Tiefe ins Dunkel zu tauchen. In die flammende Gehenna sahen unsere Augen und erblindeten vor Glut: Spiegel, gestürzt in die schwellende Esse, und zerflossen in gläserne Tränen. Gespenstiges Lachen kam aus dem Dunkel und unser Gehör wurde zu Stein: wie in einem verkalkten Schneckenhaus hören wir gleichartig brausen des Meeres tückische Wellen und der Engelsschwingen rhythmischen Schlag. -- Stille . . . Wie über toten Körpern knieten über uns in Gebeten die Seelen, es steht in den Blicken:

Die Zeit durchflog die Höhen, im Sturm des Ruhms und des Todes, mit dem mystischen Gespann der Sterne über die Kreuzwege der Unendlichkeit, der Triumphwagen des Höchsten, vom leuchtenden Sturmwind der Sieger geleitet. Wohin fliegt diese Fahrt, donnernd durch die Harmonien, in der sich die Schreie von Millionen seufzender Seelen verlieren, wie stiller fruchtbarer Regenfall in der Musik, die den Sieger begrüßet, und die Zyklone des Schreckens und Todes, das Weltall erschütternd, dem Wind gleichen, der der Festglocken Einladung mit _einem_ Hauch von tausend Türmen verbreitet? Wohin fliegt diese Fahrt? Wo hält sie einst inne? Die Räder wirbelten, wie Sonnen strahlten die geheimnisvollen Achsen in weißen Flammen, Wolken von Funken bedeckten die Inseln der Seelen und vom Korn des heiligen Feuers stammten die Schläfer. Es erstanden leuchtende Heere von Äonen zu Äonen wie ein Lied, das der Erste auffing aus dem göttlichen Worte und in die Scharen hineinsang und welches anschwillt von Lippe zu Lippe, bis es alle erfaßt hat, Millionen Seelen, in einem einzigen flammenden Rhythmus!

Die Propheten

In die Städte, deren Türme und Paläste einmal ein Erdbeben zerrütteln wird, bis die seltsam gestalteten Wolken aufstöhnen vor Zorn, von den Blitzen der eigenen Tiefen verwundet, und das Feuer, das in tausend verborgenen Höhlen vom Ruhme geträumt hat, sich rührt, zu rächen den ewig Eingekerkerten, und mit all seinen Stimmen aufschreit deinen Namen, und die Sonne ihr Antlitz, wie's den Zeiten vertraut war, verändert: kommen sie, unbemerkt, deine Gesandten, die deines Königreichs Eroberer sind.

Umringt von Musik und tanzenden Mädchen und Liedern lauschen sie deinem heiligen Odem, der den Sterblichen auslöscht die Lichter, doch die Brände der Welten zu Weißglut entfachet; in welchem die Blumen regungslos bleiben, wenn er dahinbraust in ihren Tiefen, aber der uralte Felsen zerschmettert wie Brocken duftenden Brotes, für die zarten Lippen des harrenden Lebens. Ihre Stimme, vom Sturmwind der Zeiten entbunden, weht ihnen nach, süß wie der Duft hinter Einem mit Rosen, bitter wie Fackelrauch; und die eigenen heimlichsten Gedanken, von Allwissenheit erschreckt, hören sie über sich mit den Sternen hoch singen, unter sich schweigen mit Feuer und Geheimnis in den Tiefen der Erde, der Lichter und Nächte wechselnder Chor!

Sie reden von dir und von deinem Ruhme, vom Fluch, der auf der Seelen Bruderschaft liegt und die Sprache der Bauenden gespaltet hat; und es irrt ihre Liebe über den Ländern von Jahrhundert zu Jahrhundert wie der Sommer aus Siedlungen, wohin Sonne ewig steil fällt. Neues Obst gedeiht auf den Bäumen der Erde, Ableger aus ihren geheimnisvollen Gärten; doch ihre Hoffnungen, fähig so hoher Flüge und Lieder, baun ihre Nester ganz tief nah der Erde wie Nachtigallen!

Und nahet die ihnen bestimmte Stunde, dann verdunkelt die Sonne ihnen die tote Welt; und wie aus des Liebenden Herzen die Wunde sich gießet, verwandelt das Licht sich ihnen in Blut; und vor ihrem Blicke breitet es Landschaften künftiger Zeiten, strahlend in neuen Konstellationen. Dein Hauch treibt Millionen vor ihnen her wie Wellen des ewigen Meers, das in breiten Buchten die Erde umspület und durch Jahrtausende ihr Festland verwandelt. Durch den Schnee, mit dem der Zeiten Geheimnis die von dir gesäete Wintersaat decket, barfuß, wie Vertriebene, gehn sie einher und ihrer Gedanken zahllose Schar blutet in tausenden Fußstapfen bei jeglichem Schritte! Stürmen werden sie über die brennenden Städte künftiger Zeiten, wie auf feurigem Teppich, gedeckt auf den Stufen deiner heiligen Hoheit! Und ihr jeder Gedanke, der sich in Mitleid wendet zurück, wird im Erkennen zu Steine erstarren! --

Und immer neue hundertjährige Wolken erdonnern vor ihnen: Blitze, totfahl bestreichend das Antlitz der Schnitter! Schwerer Zusammenprall kühner Schiffe im Nebel! Heulen der Menge auf düsteren Bauten, von Blute starrend ihr schwarzes Gerüste, Hinrichtungsstätten! O Lieder der Leidenschaft, entsteigend den Flammen! Blicke künftig Leidender, Magie ihrer Berührung! Küsse, neue Ewigkeit Lichts und der Trauer erschließend! Wahnsinn _einer_ Seele, auf deren lodernden Wogen die Erde schaukelt! Leidende Zeiten, Jahrhunderte schwindend, unsterbliche, tragend die Schwere jedwedes Sternbilds, erkennend den eigenen Ruhm!

Und wenn sie endlich in festlicher Stille die Spitzen der Flotten künftiger Geschicke, welche aussegelten, als entstand diese Welt, herannahen sehen von trübfernen Küsten, die Ruder verdeckt noch von der Höhlung der Fläche:

Da schreit ihre Freude stark auf und von Gluten und Ungeduld voll! Und sie, die die Wollust noch nicht erkannten, erwachen zur Wollust aus dem was sie sehen, und Schmerz, einzig wert ihrer Kraft, verschließt ihre Seelen: der Schmerz der saumseligen Zeit. Zu langsam kreist ihnen die Erde, zu langsam kommen die Morgen, und allzu lang weilen die Mittage in den Schatten der Bäume, unter den Schnittern. Sie wünschen sich durch die Jahrtausende mit des Windes Schnelle zu fliegen, tausend Herzen zu haben, um mit ihrem Blut ihre Ekstasen zu stillen und mit einer Röte wie der Aufgang der Sonne und mit Polarlicht und dem Brande der Welten das Antlitz ihrer Liebe! Alle Seelen mit Wein aufzuheitern, der ihnen so festlichen Schmerz bot und Räusche und der aus einer verborgenen Quelle emporschießt, durchduftend das Weltall aus der glücklichen Erde, nur ihren Kindern noch für Jahrhunderte vergebens!

ARKADIA

EIN JAHRBUCH FÜR DICHTKUNST

HERAUSGEGEBEN VON MAX BROD

BUCHAUSSTATTUNG VON E. R. WEISS

Geheftet M 4.50 · Gebunden M 6.--

INHALT:

DRAMATISCHES: _Robert Walser_, Tobold / _Franz Werfel_, Das Opfer / _Franz Blei_, Der Mäcen. EPISCHES: _Franz Kafka_, Das Urteil / _Otto Stoessl_, Aus der Villa Obweger / _Moritz Heimann_, Ein Begräbnis im November / _Max Mell_, Jugendgeschichte Zeno Balderonis von Jeruditz / _Oskar Baum_, Der Antrag / _Willy Speier_, Christus in den Weizenfeldern / _Martin Beradt_, Der Neurastheniker / _Max Brod_, Notwehr / _Alfred Wolfenstein_, Dika / _Hans Janowitz_, Ein Ausbruch / _Hans Janowitz_, Szene der Erfüllung / _Kurt Tucholsky_, Kindertheater / _Heinrich Eduard Jacob_, Fremder Schläfer im Kupee / _Robert Walser_, Zwei Aufsätze: Rinaldini -- Lenau. LYRISCHES: _Franz Blei_, Liebeslied des Sardinischen Seeräubers / _Robert Walser_, Handharfe am Tage / _Max Brod_, Vier Gedichte / _Heinrich Lautensack_, Beichte / _Otto Pick_, Gedichte / Franz Janowitz, Gedichte.

KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG

GEORG HEYM

_DER EWIGE TAG_

Zweite Auflage

Geheftet M 3.-- · Halbpergamentband M 4.--

_Herbert Eulenberg in der B. Z. am Mittag:_ Es ist der bedeutendste unter den wenigen von unsern jungen Lyrikern, die überhaupt heute in Frage kommen. -- Er hat die empfindlichsten Nerven und Sinne, die ein Dichter haben muß.

_Frankfurter Zeitung:_ Welch ein Anschauen, welche Leidenschaft bildlicher Gestaltung! Ewige Helligkeit, unbarmherziges Licht breitet er über jede Erscheinung der Wirklichkeit u. der Träume, über Leben u. Sterben, Schrecken und Beruhigung. Georg Heym war ein Dichter. Es gibt in der deutschen Lyrik keinen, dem er irgendwie geglichen hätte.

_UMBRA VITAE_

_GEDICHTE AUS DEM NACHLASS_

Zweite Auflage

Geheftet M 3.-- · Halbpergamentband M 4.--

_Dr. Rudolf Fürst in der Vossischen Zeitung:_ Bei all dem ganz Besonderen, dem schier Unerhörten, das er in den feinsten Gefühl- und Vorstellungsnüancen ausdrücken will, zeigt der rasch Gereifte eine ungewöhnliche Beherrschtheit der Ausdrucksmittel. Wir haben viel in Georg Heym, dem Fünfundzwanzigjährigen, verloren. Artifex periit.

_DER DIEB_

_EIN NOVELLENBUCH_

Geheftet M 3.-- · Gebunden M 4.--

_Leipziger Tageblatt:_ . . . Novellen, in denen auf engstem Raume alle Qual der Menschheit von der kindlichen Verzweiflung erster Enttäuschung bis zu Hunger, Entartung, Wahnsinn, Krankheit und Tod mit einer unheimlichen Klarheit und Kraft zu einer fürchterlichen Anklage zusammengepreßt erscheint.

KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG