Part 5
Davon, daß bei einem gesunden, normalen Manne das Verlangen nach Beischlaf +unüberwindlich+ ist, so daß es befriedigt werden +müßte+, kann keine Rede sein. Es ist unleugbar, daß manchem geschlechtsreifen Manne der nicht befriedigte Trieb erhebliche Beunruhigungen schafft, und daß es ihm zeitweise große Anstrengungen kosten kann, ihn im Zaume zu halten. Bei den meisten Männern ist der Geschlechtstrieb aber gar nicht so stark, als manchmal behauptet wird, und bei jedem Manne hängt die Stärke seiner Regungen in hohem Maße von seiner Lebensweise und von seinem ganzen Verhalten ab. Wenn wir unsere Vernunft und unseren Willen gebrauchen wollten, würde es der ungeheuren Mehrheit der gesunden Männer nicht allzu schwer werden, sich des geschlechtlichen Verkehrs zu enthalten und sich auch bei mangelnder geschlechtlicher Befriedigung von stärkerer Belästigung und Störung des Wohlbefinden freizuhalten. Um darüber klar zu werden, müssen wir zunächst genauer betrachten, wie die geschlechtliche Erregung zustande kommt.
Auch der leidenschaftlichste Mann ist nicht +immer+ sexuell erregt. Die geschlechtliche Erregung tritt stets nur zeitweise, in der Regel nur auf äußere Anstöße hin, ein und läßt von selbst nach einer gewissen Dauer wieder nach, wenn der äußere Anlaß zu wirken aufgehört hat. Von dem Zustande, in dem sich die Hoden befinden, namentlich von ihrer Blutfülle und der Füllung ihrer Ausführungsgänge mit Samen, hängt der Grad der Erregbarkeit ab, d. h. ob schwächere oder stärkere Einwirkungen erforderlich sind, damit die geschlechtliche Erregung wirklich eintritt.
Die Erregung kann zunächst durch örtliche Reizung der Empfindungsnerven veranlaßt werden. Von den Geschlechtsteilen, insbesondere vom Gliede, laufen Empfindungsnerven zum Rückenmarke. Werden sie, z. B. durch Berührung des Gliedes, erregt, so leiten sie diese Erregung zum Rückenmarke fort, wo sie unmittelbar auf Nerven übergeht, die wieder zum Gliede zurücklaufen, und zwar zu seinen Blutgefäßen. Die Erregung dieser Nerven hat zur Folge, daß den Schwellkörpern des Gliedes reichlicher Blut zugeführt wird, während gleichzeitig der Abfluß des Blutes aus ihnen erschwert wird. Das Blut häuft sich also im Gliede an; diesem schwillt an, richtet sich auf und wird steif. Dieser Vorgang der Erektion (Aufrichtung) kann völlig unabhängig von unserem Bewußtsein verlaufen, kann ein reiner +Reflexvorgang+ sein -- wie wir zu sagen pflegen. Er kann auch ohne jede Wollustempfindung stattfinden, wie z. B. bei ganz jungen Knaben bei Harndrang. Bei älteren Knaben aber erwecken die Erregungen, die von den sensiblen Nerven der Geschlechtsteile zum Rückenmark und zum Gehirne weitergeleitet werden, oft schon lange vor dem Eintritte der Pubertät eigentümliche Lustgefühle; beim Geschlechtsreifen erweckt die Steifheit des Gliedes außerdem Bedürfnis nach Entspannung und Verlangen nach dem Weibe. So kommen z. B. wollüstige Träume zustande, wenn während des Schlafes infolge des Reizes, den der Druck der gefüllten Blase auf die Nachbarschaft ausübt, das Glied steif geworden ist (was am häufigsten gegen Morgen eintritt, daher die Bezeichnung „Morgensteifheit“). Wie durch den Druck der gefüllten Blase kann auch durch den Druck des gefüllten Mastdarmes auf seine Nachbarschaft, durch Druck und Reibung der äußeren Geschlechtsteile seitens der Kleidung oder der übereinandergeschlagenen Beine, durch Jucken infolge von Unreinlichkeit der Haut oder von Hautausschlägen Erektion und durch diese wieder geschlechtliches Verlangen erregt werden.
Es ist ohne weiteres klar, daß man sehr vieles tun kann, um diesen Erregungen vorzubeugen. Man vermeide, abends viel zu trinken, man sorge für geregelten Stuhlgang, man trage weite Hosen und vermeide auch sonst jeden stärkeren Druck auf die Geschlechtsteile, wie durch Übereinanderschlagen der Beine oder durch schwere Bettdecken und Überbetten; man vermeide jede überflüssige Berührung der Geschlechtsteile mit der Hand, man halte durch Waschungen und Bäder die Haut rein, sorge für frühzeitige ärztliche Behandlung von Hautausschlägen usw.
Ebenso wie örtliche Erregung wollüstige Vorstellungen hervorrufen kann, führen umgekehrt gewisse Vorstellungen zur Erregung der Geschlechtslust und zur Erektion. Wenn man derartige erregende Vorstellungen zu vermeiden sucht, kann man unendlich viel in der Beherrschung des Triebes erreichen. Aber nur allzu häufig geschieht das Gegenteil: der Geschlechtstrieb wird durch leichtfertige Gespräche, durch Lesen unzüchtiger Bücher, durch Anblick obszöner Bilder und Theatervorstellungen u. dgl. künstlich erweckt und gestachelt! Wenn der Geschlechtstrieb heute bei so vielen Knaben und unreifen Jünglingen frühzeitig zur Äußerung kommt, so ist dies nicht ein natürliches Erwachen, sondern sicherlich bei 90 von 100 die Folge von Verführung. Und dieselbe verruchte Afterkunst und Afterliteratur, die unsere Sinnlichkeit mit allen Mitteln unablässig reizt und stachelt, lehrt dann die angebliche Unüberwindlichkeit des Triebes!
Ebenso, wie wir in hohem Maße fähig sind, der geschlechtlichen Erregung vorzubeugen, so sind wir auch imstande, die eingetretene Erregung zu bändigen. Wenn so viele junge Männer dem geschlechtlichen Verlangen ohne weiteres Folge leisten und es durch unehelichen Beischlaf befriedigen, so ist dies keineswegs ein Beweis dafür, daß sie ihm folgen müssen. Sie +wollen+ nur nicht ernstlich sich beherrschen! Weichlichkeit, Neugierde und kindischer Ehrgeiz, es den anderen gleichzutun, Betäubung des Gewissens und der Urteilskraft durch Alkohol spielen dabei eine viel größere Rolle als der Trieb selbst. Die meisten wohlerzogenen jungen Leute machen ihren ersten Besuch bei Prostituierten und holen sich ihre venerischen Erkrankungen in „angeheitertem“ Zustande, wenn sie nicht mehr fähig sind, die Folgen ihres Tuns klar zu überblicken.
Vom Gehirne gehen nicht allein Erregungen des Geschlechtsapparates aus, sondern auch +Hemmungen+ des Reflexvorganges der Erektion. Diese Hemmungen kommen häufig von selbst, ganz unwillkürlich zustande. So ist z. B. bekannt, daß Schrecken, Schmerz und andere heftige Empfindungen, daß lebhaft auftauchende Vorstellungen überhaupt, welche die Aufmerksamkeit ablenken, ganz plötzlich Erlöschen des Verlangens und Erschlaffen des Gliedes herbeiführen können. Intensive geistige Beschäftigung pflegt die Erregungen, die von den Geschlechtsorganen ausgehen, von vornherein zu übertönen. Wir können nun auch willkürlich solche Vorstellungen erwecken, welche die Erregung hemmen, z. B. die Vorstellung von unseren Pflichten oder von den Gefahren, welche die Befriedigung des Triebes mit sich bringt.
Nicht allein auf dem Gebiete des Geschlechtslebens, sondern allen Einwirkungen der Außenwelt gegenüber ist nur derjenige +Herr seiner selbst und daher frei+, der die Hemmungseinrichtungen, die in seinem Gehirne vorhanden sind, zu gebrauchen gelernt hat; diese Fähigkeit kennzeichnet den Kulturmenschen. Der andere bleibt der Sklave des Augenblicks.
Wir stehen also keineswegs machtlos da. Die wichtigste Regel aber für den, der Selbstbeherrschung üben soll und üben will, ist: +Widerstehe dem Anfange!+ „_Principiis obsta!_“ +In ihrem ersten Beginne+ ist die einzelne geschlechtliche Erregung meist so schwach, daß sie mit leichter Mühe unterdrückt werden kann. Versäumt man aber dies Stadium oder gibt man der Empfindung nach, dann schwillt sie lawinenartig an und erfordert schließlich eine gewaltige und peinliche Willensanstrengung zu ihrer Unterdrückung.
Daß aber die Gesundheit Schaden nimmt, wenn selbst heftigere derartige Kämpfe häufiger stattfinden, kommt bei Menschen mit einem von vornherein normalen und nicht geschwächten Nervensysteme wohl kaum vor. Jene krankhaften Erscheinungen, die man gerne der Enthaltsamkeit zuschreibt, sind nicht die Folge von dieser, sondern im Gegenteile in der Regel die Folge geschlechtlicher Ausschweifungen und Sünden. Es können aber auch nachweisbare Krankheiten des Geschlechtsapparates oder des Zentralnervensystems vorliegen. Es sind Fabeln, wenn behauptet wird, daß beim Manne Samenfluß oder schmerzhafte Entzündungen im Hoden und Nebenhoden, Samenaderbruch (Varikokele), Unfähigkeit zum Beischlaf (Impotenz), oder umgekehrt die sog. Satyriasis; beim Weibe weißer Fluß, Bleichsucht, Hysterie, Lageveränderungen und Geschwülste der Gebärmutter, die sog. Nymphomanie; bei beiden Geschlechtern Irrsinn, Neigung zum Selbstmord, zu Verbrechen aus der Nichtbefriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf entständen.
Allerdings zeigt der Vergleich der Sterblichkeitsverhältnisse der Verheirateten und der Ledigen, daß die Mortalität der verheirateten Männer in allen Altern über 20 Jahre und die Mortalität der Ehefrauen, nachdem das Alter der größten Geburtenhäufigkeit überschritten ist, erheblich geringer ist als die der Ledigen. Aber diese geringere Sterblichkeit, ebenso wie die geringere Häufigkeit von Irrsinn, Selbstmord, Verbrechen unter ihnen kann schon deshalb nicht auf die Befriedigung des Geschlechtstriebes bei den Verheirateten bezogen werden, weil die Ledigen leider zum großen Teile durchaus nicht Personen sind, die den Trieb nicht durch Beischlaf befriedigen. Die geringere Sterblichkeit der Verheirateten beruht zum Teile darauf, daß beim Abschlusse der Ehe auch heute schon eine gewisse Auslese stattfindet und körperlich elende, kranke oder verkümmerte Individuen, Idioten, Irrsinnige, Blinde, Lahme usw., in der Regel nicht geehelicht werden. Hauptsächlich aber beruht sie darauf, daß die Verheirateten in der Regel ein geordneteres Leben führen, weniger Alkoholmißbrauch treiben und viel weniger der Gefahr der Geschlechtskrankheiten ausgesetzt sind. Wie gering die Rolle ist, welche die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf dabei spielt, geht daraus hervor, daß Mönche und Nonnen trotz der Ungunst mancher ihrer Lebensbedingungen im allgemeinen keine wesentlich höhere Sterblichkeit aufweisen als ihre Altersgenossen unter den Laien.
Leichtere Störungen und Unbehaglichkeiten, wie unruhiger Schlaf infolge von Erektionen, häufigere Pollutionen, Kopfschmerzen und eine gewisse nervöse Aufregung infolge von Blutfülle, lassen sich durch die früher besprochenen Maßregeln, ferner durch Enthaltung von alkoholischen Getränken und stark gewürzten Speisen, kühles, nicht zu weiches Bett, kalte Waschungen und Bäder, ferner insbesondere durch intensive Pflege von körperlichen Übungen bis zu deutlicher Ermüdung in der Regel leicht vermeiden oder beseitigen. Je beharrlicher alles vermieden wird, was den Geschlechtstrieb erregen könnte, um so leichter fällt im allgemeinen die Enthaltsamkeit, da -- wie wir schon besprochen haben -- die Hoden bei Nichtgebrauch des Geschlechtsapparates ihre Tätigkeit einschränken.
5. Kapitel.
Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den ehelichen Geschlechtsverkehr.
Während kaum irgend etwas Sicheres von schädlichen Folgen der Enthaltsamkeit vom Beischlaf für Menschen mit gesundem Nervensystem bekannt ist, steht es fest, daß +geschlechtliche Unmäßigkeit+ sehr häufig schadet. Besonders häufig leidet beim Manne das Nervensystem darunter, was leicht begreiflich ist, wenn man die heftige Erregung bedenkt, unter welcher sich der Beischlaf vollzieht.[C] Schon deshalb darf also auch in der Ehe der Geschlechtstrieb nicht zügellos befriedigt werden.
Auch in jenen Perioden der Ehe, während deren der Beischlaf erlaubt ist, darf er nicht zu häufig ausgeübt werden. Viele alte Gesetzgeber haben darüber Vorschriften gegeben: Zoroaster erlaubte ihn alle neun Tage, Solon dreimal im Monate, Mohammed einmal wöchentlich. Eine uralte deutsche Regel, die auch ich früher fälschlich Luther zugeschrieben habe, lautet:
„Alle Wochen zwier Schadet weder ihr noch mir, Macht im Jahr hundertundvier“,
wobei allerdings auf die Menstruation vergessen wurde. Es ist nicht möglich, eine feste Regel aufzustellen. Wie oft der Beischlaf ausgeübt werden kann, ohne daß es schadet, hängt nämlich in hohem Maße von der persönlichen Anlage, vom Alter, der Ernährung und der Arbeitsleistung des Mannes ab. Stark geistig Arbeitende müssen in der Regel mäßig sein. Wer auf die Winke der Natur achtet, wird leicht selbst das zuträgliche Maß finden. Wenn lebhaftes Verlangen nach dem Beischlaf besteht, die Erektion rasch und kräftig eintritt, wenn nach vollzogenem Beischlaf eine angenehme Müdigkeit empfunden wird, die nach kurzer Ruhe dem Gefühle voller Frische Platz macht, tiefer und ruhiger Schlaf nachfolgt, so ist nicht zuviel geschehen, auch wenn die obige alte Regel weit überschritten wird. Dagegen lasse man sich durch träge Erektionen, durch das Gefühl von Ermüdung und Unlust, Gefühl von Druck in der Kreuzgegend, Aufgeregtheit und Schlaflosigkeit hinterher warnen. Der Satz: „Jedes Tier ist nach dem Beischlafe traurig,“ gilt nur für Kranke und Unmäßige.
Was die beste Tageszeit für die Vornahme des Beischlafes anbelangt, so bevorzugen die einen die Zeit unmittelbar nach dem Zubettlegen, wobei dann die ganze Nacht der Erholung dient, die anderen die Zeit unmittelbar nach dem Erwachen, wenn die Gatten völlig ausgeruht und frisch sind. Im letzteren Falle ist es aber ratsam, sich nach Vollendung des Beischlafs noch eine kurze Ruhezeit und ein Schläfchen zu gönnen. Überhaupt wird der Beischlaf am zuträglichsten sein, wenn er in voller Bequemlichkeit und Ungestörtheit, frei von Sorgen oder Gewissensbissen, vollzogen wird. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist deshalb viel zuträglicher als der außereheliche. Am zweckmäßigsten ist die Rückenlage der Frau mit gespreizten Schenkeln unter dem Manne. Diese Lage ist schon durch den Bau der Geschlechtsteile als die natürliche vorgezeichnet. Andere Stellungen ermüden stärker. Bei Lage des Mannes unten und der Frau oben sinkt die Gebärmutter zu sehr nach unten, sie wird schädlichen Erschütterungen ausgesetzt und an ihren Bändern gezerrt. Die Frau empfindet dann häufig hinterher Schmerzen, ja, es kann zu Entzündungen im Innern kommen. Jede Künstelei ist überhaupt zu vermeiden, insbesondere die willkürliche Verzögerung der Samenausschleuderung, um die Dauer der Wollustempfindung zu verlängern. Dagegen ist es für die physische und psychische Gesundheit der Frau und für das Glück der Ehe sehr wichtig, daß auch +die geschlechtliche Erregung der Frau durch den Eintritt des Orgasmus beim Geschlechtsakt voll befriedigt und gelöst wird+.
Man darf nie vergessen, daß die Ehe weder wegen des wirtschaftlichen Nutzens allein noch wegen der seelischen Freuden, die sie mit sich führt, sondern im wesentlichen um des physischen Zweckes willen, behufs regelmäßiger Befriedigung des geschlechtlichen Bedürfnisse geschlossen wird. Dies muß mit Nachdruck betont werden. Die verstiegene Sentimentalität und der fleischlose Intellektualismus sind ebensowenig imstande, eine befriedigende Ordnung in das Verhältnis von Mann und Weib zu bringen, als der brutale Sensualismus. Wohl niemals würden es zwei Menschen auf die Dauer ertragen, in der Weise von Ehegatten miteinander verkettet zu sein, wenn sie nicht dabei die physische Befriedigung ihres Geschlechtstriebes suchen und finden würden. Auch bei solchen Frauen, welche mit noch schlummerndem Geschlechtstriebe in die Ehe eingetreten sind, wird er durch die Ehe notwendigerweise geweckt. Erregung von Wollustempfindungen durch geschlechtliche Handlungen ohne nachfolgende vollständige Befriedigung aber wirkt schädlicher und verstimmt mehr als völlige Enthaltung vom geschlechtlichen Verkehr. +Der kluge und rücksichtsvolle Gatte wird sich daher nicht allein um seine eigene Befriedigung kümmern, sondern auch auf die seiner Frau bedacht sein.+ Mit einer Frau, die nur langsam in höhere Grade geschlechtlicher Erregung gerät, wird er den Beischlaf erst dann beginnen, wenn auch bei ihr starke Erregung eingetreten ist; etwa infolge fortgesetzter Liebkosungen.
Je einfacher man in seinen Genüssen bleibt, um so gesünder. Eheleute mögen sich immer vor Augen halten, daß, je mäßiger sie im Genusse sind, um so länger der normale Beischlaf seinen Reiz für sie behält, um so länger die beiderseitige geschlechtliche Gesundheit, besonders die Leistungsfähigkeit des Mannes vorhalten wird, sie um so länger also der ehelichen Genüsse sich erfreuen zu können hoffen dürfen. Eine gewisse zeitliche Regelmäßigkeit im Vollzuge des Beischlafes ist durchaus ratsam. Die ganze Funktion des männlichen Geschlechtsapparates richtet sich dann darauf ein, und der Beischlaf geht dann ohne schädliches Übermaß von Erregung vor sich. Selbstverständlich soll man aber nur dann beischlafen, wenn man sich vollkommen gesund und kräftig fühlt, und nur dann, wenn die Erektion sich von selbst eingestellt hat. Sie zum Zwecke des Beischlafes künstlich herbeizuführen, ist ein Mißbrauch, der sich mit der Zeit an der Gesundheit rächt. In berauschtem Zustande den Beischlaf auszuführen, ist durchaus verwerflich, weil die Gefahr besteht, daß ein in solchem Zustande erzeugtes Kind krank und schwächlich wird. Wer noch Kinder zu erzeugen die Absicht hat, sollte sich überhaupt regelmäßigen oder irgend häufigeren Genusses von alkoholischen Getränken enthalten und auch niemals ausnahmsweise ein Übermaß davon zu sich nehmen. +Je besser die Gatten für Gesundheit und Kraft ihres Körpers sorgen, um so gesündere und lebensfrischere Kinder dürfen sie erwarten. Diese Fürsorge für die eigene Gesundheit, die geordnete, vernünftige Lebensführung ist eine der größten und wichtigsten Pflichten derjenigen, welche Kinder in die Welt setzen wollen.+
Unmäßigkeit und Unordnung im Geschlechtsverkehre schaden hauptsächlich dem Manne. Die Frau, welche sich beim Beischlafe lediglich duldend verhält, kann in dieser Hinsicht viel mehr vertragen als er. Da die weiblichen Geschlechtsteile stets zum Vollzuge des Beischlafes bereit sind, während beim Manne erst Gliedsteife eingetreten sein muß, kann die Frau beliebig oft hintereinander den Beischlaf an sich vollziehen lassen. Wenn sie nur langsam in Erregung gerät, bleibt sie oft nach dem ersten Beischlafe noch in starker unbefriedigter Erregung und brächte ihr erst der zweite oder dritte Vollzug die volle Höhe des Genusses. Wenn solche Frauen einmal Erfahrung gewonnen und die schamhafte Scheu abgestreift haben, suchen sie mit allen Künsten den Mann möglichst rasch nach dem Beischlaf wieder zu einem neuen zu stacheln. Es gibt Frauen von wahrhaft unersättlicher Begierde, die den Mann buchstäblich bis auf den letzten Tropfen auszusaugen vermögen. Da ihnen Jünglinge mit unabgestumpfter geschlechtlicher Reizbarkeit besonders erwünscht sind, sei der junge Mann vor solchen Frau Potiphars auf der Hut.
Die ersten Folgen der Unmäßigkeit sind Abnahme der Wollustempfindung beim Beischlafe, damit zusammenhängend Verzögerung des Eintrittes der Ejakulation, Verminderung der Kraft, mit welcher der Samen ausgeschleudert wird. Nach dem Beischlafe Gefühl der Verstimmung, der Ermüdung, der Mattigkeit in den Beinen, die länger und länger anhalten, je länger und ärger die Unmäßigkeit fortgetrieben wurde. Als weitere Folgen können auftreten: Druck in der Lendengegend, nervöse Erregbarkeit, Gefühl von Druck im Kopf, von Eingenommensein des Kopfes, gestörter Schlaf, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen, Lichtscheu, zittriges Gefühl und wirkliches Zittern, Neigung zum Schwitzen. Es kann ferner Herzklopfen eintreten; Muskelschwäche, die sich schon in den schlaffen Mienen, in der schlaffen Haltung des geschlechtlich Ermüdeten und Erschöpften verrät; Unlust zu anhaltender, schwerer Arbeit und Unfähigkeit, sie zu leisten, Gedächtnisschwäche, Neurasthenie und Melancholie. Die Verdauungstätigkeit sinkt, die Ernährung wird schlechter; infolge davon Blutarmut und Schwächung der Widerstandskraft gegen äußere Schädlichkeiten, insbesondere gegen Infektionskeime und unter diesen wieder insbesondere gegen den Tuberkelbazillus. Auch der Geschlechtsapparat selbst funktioniert bald noch schlechter und weist die Erscheinungen der sog. reizbaren Schwäche auf: die Erektionen verlieren an Kraft und Dauer; bei unvollkommener Erektion oder alsbald nach der Einführung des Gliedes in die Scheide tritt die Ejakulation ein, ohne daß die Höhe des Wollustgefühles erreicht wird; die Fähigkeit zum Beischlaf geht damit mehr und mehr verloren; nächtliche Pollutionen treten häufig auf und hinterlassen eine gesteigerte nervöse Erregung und Mattigkeit.
Die leichteren Störungen des Wohlbefinden gehen übrigens im allgemeinen rasch wieder vorüber, wenn Enthaltsamkeit geübt wird, wenn die Ernährung gut und die ganze sonstige Lebensweise den hygienischen Grundsätzen gemäß ist. Insbesondere erholen sich vollkommen geschlechtsreife junge Männer, die von vornherein gesund und kräftig waren, von den Torheiten der Flitterwochen bald, wenn die Vernunft die Herrschaft wiedererlangt hat. Je länger die Exzesse gedauert haben, je schwächlicher das Individuum von vornherein war, um so schwieriger tritt volle Wiederherstellung ein. Am gefährlichsten wird die geschlechtliche Unmäßigkeit unreifen oder nicht voll erwachsenen Jünglingen, sowie Männern, die sich bereits dem Greisenalter nähern; sind sie etwa von vornherein nicht ganz gesund, so können sie sich dadurch dauerndes Siechtum, ja selbst raschen Tod zuziehen.
+Auch in der Ehe kommen Zeiten, in welchen vollständige Enthaltsamkeit geübt werden muß.+ Sie sind durch Rücksichten auf die Frau und auf die Nachkommenschaft unbedingt gefordert. Zur Zeit der Menstruation darf der Beischlaf nicht ausgeübt werden. Er verbietet sich übrigens für das feinere Empfinden von selbst durch den Zustand der weiblichen Geschlechtsteile. Während der Menstruation ist das Innere der Gebärmutter wund, der ganze Geschlechtsapparat des Weibes gereizt und mit Blut überfüllt. Unter diesen Umständen ist, wie bei allen Wundflächen, die Gefahr vorhanden, daß eine Wundinfektion eintritt, diese dann zu Entzündungen der Gebärmutter und ihrer Anhänge führt und so die Frau auf die Dauer krank macht. Diese Gefahr wird durch das Einführen des Gliedes in die Scheide sehr gesteigert.[D] Jedenfalls muß der Beischlaf während des Blutabganges unterbleiben; noch besser ist es, ihn auch während der darauffolgenden Woche zu unterlassen, bis die Innenfläche der Gebärmutter wieder vollkommen überhäutet ist.
Bei dieser Gelegenheit sei Ehemännern der Rat erteilt, das Glied durch Waschungen immer reinzuhalten, wobei insbesondere auf die Furche hinter dem Randwulst der Eichel und auf die Falten des Bändchens zu achten ist. Ebenso soll die Frau die äußeren Geschlechtsteile, namentlich die Schamspalte, reinhalten. Sehr empfehlenswert ist es, einige Zeit nach vollzogenem Beischlaf mit Hilfe eines +Irrigators+ und eines +Mutterrohres+ die Scheide mit lauwarmer, reiner Kochsalzlösung (1 Kaffeelöffel Kochsalz auf 1 _l_ Wasser) auszuspülen. Dies darf aber nicht sogleich nach dem Beischlafe geschehen, da sonst die Empfängnis verhindert werden könnte. Der Irrigator und das Mutterrohr müssen reingehalten und durch Waschen mit einer Desinfektionsflüssigkeit, z. B. mit 2 prozentiger Lysollösung (20 _ccm_ Lysol auf 1 _l_ Wasser), vor dem Gebrauche desinfiziert werden. Die Kochsalzlösung soll abgekocht sein. Desinfektionsmittel dürfen ihr aber nicht zugesetzt werden. Ich kenne Fälle, wo die sehnlichst gewünschte Schwängerung infolge solcher fehlerhafter Reinlichkeit ausblieb, aber sofort eintrat, als die „hygienischen“ Ausspülungen ausgesetzt wurden. Durch alle diese Maßregeln wird manchen Erkrankungen, namentlich dem sogenannten weißen Flusse, vorgebeugt, einem Katarrhe der Scheide, der der Frau wie ihrem Ehemann recht lästig werden kann.