Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe
Part 8
Ich steh' am Schiffsgeländer Und blicke in die See; Ich möcht' so gern hinunter, Begraben alles Weh!
Es ist so tief da drunten, So tief bis auf den Grund, Mein Schmerz ist noch viel tiefer; Ich werd nicht mehr gesund.
Mein Ernst, du lieber Bube, Dein Schatz sagt dir: Ade! Du siehst Dein Mädchen nimmer; Es liegt in tiefer See.
Im Meer ist gar viel Wasser, Wo man mit säubern mag; Ich möcht' mich drunten waschen Von aller meiner Schmach!
Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild in die Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war angst und bang, und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel sie auf die Knie und betete laut:
Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut! Mach's nur mit meinem Ende gut.
Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.
Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte und tobte, als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien und weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts wäre. Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput gehen, da leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie daheim. -- In Californien wollte sie ganz apart sein. Sie hat uns als recht geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten beten und in der Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir uns predigen wollten lassen, gingen wir in die Kirche. All' ihr Heiligthun hat ihr auch Nichts geholfen. Sie mußte mit wie wir Andern. Was ist sie geschlagen und gepeinigt worden! Die Schottin ist noch schlimmer als der alte Fink und der ist wahrhaftig schlimm genug. Sie hat jedoch nie geklagt und auch nie geschrien. In die Lippen hat sie sich gebissen, daß das Blut herunterlief und die Thränen sind ihr aus den Augen gestürzt. Wir mußten als laut weinen, wenn sie so mißhandelt wurde. Im Tanzsaal that sie gar stolz. Sie hat mit Niemandem getanzt und wenn's Einer fertig bringen wollte, mußte er sie mitschleppen. Und doch waren die Herrn gleich in sie vernarrt, als sie zum ersten Mal mit mußte. Es war, als wenn sie allein im Saal wäre. Alle hatten Respekt vor ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von Orleans.« Da war aber Einer -- sie nannten ihn den »schwarzen Tom«, -- das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen brannten wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß wie Elfenbein. Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle gehorchen. Der machte eine Wette: er wollte die Babett küssen mitten im Saal vor den Leuten. Und er that's auch; aber die Babett, die immer so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, daß er den langen Weg in den Saal fiel. Alle lachten, spotteten und uzten; denn es waren Viele, die ihn nicht leiden mochten. Er wurde dadurch wüthend, nahm seinen Revolver und schoß der Babett durch die Brust. Es war ein furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich retten können, aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er nur zappelte. Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen. Man erfuhr hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch der Babett ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die Babett zu sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang warten wollen, um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde schon den andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt, sondern hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam vor ein paar Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem von unsern Mädchen zusammen.
Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen mögen! Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, wie er sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben und nun fand er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar ruhig und getrost. Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist Alles gut! Der Tod ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt werden. Sie sah fast aus wie ein Engel und Alle hat sie getröstet. Und wie ein Engel ist sie hinübergegangen. Der Ernst ist ganz niedergeschmettert. Er ist vorläufig noch bei dem alten Herrn. Ich habe ihm die Geschichte von unserer Reise so oft erzählen müssen, daß ich sie fast auswendig kann. Doch jetzt thun mir die Finger weh, so viel habe ich geschrieben und es ist auch Zeit, daß ich an meine Toilette denke. Heute Abend ist großer Maskenball und Alle haben gesagt: »Die Königin darf nicht fehlen!«
Haltet Euch gesund und seid gegrüßt von
Eurer treuen Tochter
Anna Klein.
+Nachschrift+: Ihr findet auch ein Bankbillet von fünfzig Dollars in dem Brief; der alte Fink braucht nicht Alles zu wissen.
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Ich hätte vielleicht noch Ausführlicheres von den Heimkehrenden in Erfahrung bringen können, wenn ich nicht etliche Monate darauf in eine der schönsten Gegenden des Lahnthals versetzt worden wäre.
Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Der Schmutztitel wurde entfernt.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Korrekturen:
S. 94: Hangost → Hanjost Der {Hanjost} hat's aus dem Mund
S. 95: war → wahr Artig sind sie -- das ist {wahr}