Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe
Part 5
Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter am Himmel. Die Wolken hingen schwarz und schwer über dem Dörfchen. Die Luft war wie ein Feuermeer und wenn der Donner krachte, zitterten die Fensterscheiben und wackelte mein alter Tisch an der Wand. Jetzt fuhr wieder ein Blitz hernieder, so blendend, daß ich die Augen zumachen mußte, und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum, etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten Flammen. Damit hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt erreicht. Nun öffneten sich die Schleusen des Himmels. Bald grollten nur noch die Donner in der Ferne und langgezogene Blitze erleuchteten das Firmament.
Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues Abbild, wie es des Abends in meinem Gemüthe stürmte und wetterte. Man hatte mich auf das schmählichste beschimpft. Man hatte das Interesse, welches ich an dem Schicksal Babettens nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das ich offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten es die Leute gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen Bauernstand und die altväterliche Sitte repräsentirten und zu denen ich mich noch am meisten hingezogen fühlte.
Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin erlebt hatte. Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer umher. Alles war in mir in fessellosem Aufruhr und Empörung. Die Finger habe ich öfters in das Fleisch meiner Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen: »Demüthige Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß Dir an meiner Gnade genügen!«
Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten mich zu mir selber. Wie aber dann die Schleusen des Himmels sich öffneten, so stürzte auch eine Thränenfluth aus meinen Augen. Hernach habe ich noch lange am offnen Fenster gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen.
Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das unglückliche Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht, am leichtesten könnten alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn die alte Balzerwäs die Einwilligung zu der Verbindung mit ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht die Frau Heimerdinger gesagt: »Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre, so solltest Du nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der leiseste Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein?
Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der Sache, denn in einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die Balzerische war, steckt ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die jeder Einwirkung trotzt. Dabei herrscht eine Nüchternheit und trockne Verständigkeit der Auffassung, daß eine Begeisterung oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu unmöglich erscheint. Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle verknöchert hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht die geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt und die Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und die Weiber, bei denen man gern einen idealeren Zug und ein lebhafteres Gefühl voraussetzen möchte, sind die schlimmsten. Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas von der alten Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht auch schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes Gewicht auf die freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der Familie stand, in der ich regelmäßig meine Winterabende zuzubringen pflegte. Die Balzerswäs hatte sogar meinem Vater, der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht so viel nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen Stande Etwas zu bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem Apostel Jakobus die Zunge eine solche Macht zum Bösen, ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt voll Ungerechtigkeit, so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein, wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig durfte ich auch auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen.
Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner Meinung nach sehr fein und klug ausgedacht und mußte von Erfolg sein. Er wäre es vielleicht auch gewesen, wenn er überhaupt zur Ausführung gekommen wäre. Aber ich konnte ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich in Gottes Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging, merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht Alles stand, wie sonst. -- Sonst sagte die ganze Familie feierlich »guten Abend!« Der achtzigjährige Großvater oder Eller erhob sich hinter dem Ofen, that die Pelzmütze ab, das kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und sagte besonders »guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke Adam. Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben. Während der Zeit putzte die Balzerswäs einen Stuhl ab und stellte ihn oben an den Tisch. Der Friedrich, der unverheirathete Sohn, holte ein Glas frisches Wasser am Brunnen und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange Pfeife von der Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag von J. mitgebracht hatte und auf deren Kopf die ganze Stadt abgemalt war und lieh sich vom Eller den Tabaksbeutel; denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die Schwiegertochter und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe. Recht gemüthlich aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen vom Ofensims nahm. »Denn den Kaffee trinke ich für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs. »Morgens wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein Tröpfchen auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags, gleich nach dem Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen der Verdauung. Um vier Uhr trinke ich mit den Andern und da schmeckt er mir am besten. Abends, sehen Sie, da kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da machen sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich auch gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.«
Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr Mundwerk besonders gut, das ganz gewiß auch sonst nicht stille stand. Es wurden meistentheils Ortsverhältnisse besprochen. Ich machte meine Bemerkungen dazu und betheiligte mich sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der eine merkwürdige Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen Erfahrungen zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen wurde.
Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich wurde so kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft an, daß ich merkte, man hatte eben noch über mich gesprochen und zwar nichts Gutes. Es bot mir sogar Niemand einen Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen und wollte eben fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als der dicke Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise die Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von dem Stühlchen auf, auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe ab und das Reis, an dem er rauchte, aus dem Mund und sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten Abend, Herr Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die Schwiegertochter hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und der Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis die alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß nicht, Dorth, ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch ein Töpfchen mit Kaffee stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!«
Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink und die Mädchen, die er für Californien gemiethet hatte. »Es ist ein Schimpf und eine Schande für unser Dorf und unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche Zustände walten! In allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt: keine Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her -- es seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten es ihnen noch besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes Mal, wann ich so Etwas lese, preßt sich mein Herz zusammen und Flammenröthe bedeckt mein Gesicht. Ich meine immer, auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß doch Nichts anzufangen, um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte, verstockte Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt noch von »Herz« die Rede sein, wo Väter und Mütter ihre eigenen Kinder für Geld dahingeben? Man wundert sich über die Unmenschlichkeit der Neger an der Westküste Afrikas, wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und die Väter ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen werden! Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten, unwissenden Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur zu Sklaven, aber hier verkaufen christliche Eltern ihre Kinder zu H... Wenn irgendwo das Wehe, das der Herr über die Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine Anwendung findet, dann ist es hier.«
»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen Pause, »die Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach Brod schreien, dann thut man Manches, was man vor seinem Gewissen nicht verantworten kann.«
»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot Gottes darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und im Vertrauen auf Gottes Hülfe sich redlich mühet, dem hat es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt. Nur muß mit dem Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten verbunden sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand fehlen könnte, wenn er nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte und die Sorgen und den Segen dem Herrn überlassen würde. Was gibt es öde und wüste Gegenden in der Welt, wo kaum noch die naschende Ziege einen Grashalm findet in dem Steingeklüft, nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft zu unseren Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren sich redlich und ernähren sich reichlich. Denket nur an die Schwarzwälder Uhrmacher und an die Tyroler Geigenmacher, von denen Ihr in der letzten Spinnstube gelesen habt. Und wenn man solche Kunst nicht versteht und erlernen kann, warum ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und Handlangerarbeit? Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die Wetterau gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen hinunterwandern, als um gestohlenes Holz zu verkaufen und um zu betteln. -- Wenn jedoch selbst die Noth nahezu unerträglich wäre, so dürfte immerhin nicht aller Sitte Hohn gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der Menschennatur unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem Treiben hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht die Triebfedern, als die Armuth.«
»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,« murmelte Hanjost vor sich hin und die Mädchen fingen an zu kichern.
»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu halten. Und es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege, würden die Steine schreien, so auffallend sind die Beispiele, die Ihr ständig vor Augen habt. Nehmet die alte Justine! Was treibt diese greise Frau mit ihren schlottrichten Knien, ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken? Kann sie nicht längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und wird es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem einsamen Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat denn solch ein Herz gar kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem sie ihren Mann so früh begraben hat und ihr ein Kind nach dem andern dahingesunken ist, sollte man nicht meinen, sie hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat ihr Gott darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld seine Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein Hoffen auf das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein himmelschreiender Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl zu ersticken, weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende Noth sie zwang? Hat sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus, Aecker und Wiesen, ja sogar Geld ausgeliehen und war nicht die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente, sehr mit ihm zufrieden und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt Ihr noch, es war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche Vorstellungen machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da wüthend ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater hinter dem Ofen aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie ein Prophet weissagte, sie würde elend in die Grube fahren und wie sie bleich wurde, als hätte sie ein Gesicht gesehen, aber dennoch ihr Kind verkaufte?«
Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der immer nach seiner Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben Recht, Herr Pfarrer, ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel alles Uebels und treue Gesellen im Schlechtmachen sind Fleischeslust und hoffärtiges Wesen. Wann aber der Teufel einmal Herberge gemacht hat in so einem lüsternen Menschenherzen, dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich auf und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens. Die Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein; denn der Tod ist nahe und das Gericht!«
»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis nach dem Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus dem Kinderhandel. Oder könnt ihr mir ein Elternpaar nennen, das nicht zum mindesten von seinen Kindern Vernachlässigung und Mißhandlung im Alter geerntet hätte? Da ist noch jüngst der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde gegangen. Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet und im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige Hand geregt, um ihm sein letztes Leiden zu erleichtern? Warum mußten fremde Leute ihm die nothdürftigsten Handreichungen thun? Warum mußte er auf seiner öden Kammer einsam und verlassen den letzten schrecklichen Kampf auskämpfen? --
Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich auf seinem Karren krank heimgebracht wurde. Was haben ihm seine Kinder für einen Empfang bereitet! In den Kuhstall haben sie ihn gebettet! Und da er jetzt wieder auf sein kann, darf er um keinen Preis in die Stube. Sein Kaffeetöpfchen hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen, daß die Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich eingeschritten wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können. Aber es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft gesäet. Was gibt das Gatten! Was gibt das wieder für Eltern! Die Sünden der Väter werden heimgesucht bis in's dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen auch die Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt, daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei Malter Weizen verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr bei Kaffee und Kuchen und Wein und Bier freuen, daß sie endlich von ihrem Manne erlöst sei, der sich doch nur für sie in den englischen Fabriken das schmerzliche Rückenmarksleiden zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit ihrem Buhlen hervortreten.
Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose Verderbtheit bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen Sonntag mit dem braven Leonhard copulirt habe. Was hatte sie Gott mit reichen Gaben des Leibes und des Geistes ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es kann mich immer unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete Flur, eine vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so trauriger Anblick, als solch ein durch und durch vergiftetes Menschenleben. --
Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in New-Orleans entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken etwas zu derb mit dem spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch machte sie kein Geheimniß aus der traurigen Weise, wie sie die reichen Putzgegenstände und das blitzende Gold, das sie mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich noch recht wohl ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches sie allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger war sie Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie verrückt mit ihren seidenen Kleidern und der Straußenfeder auf dem Hut; die Burschen und Männer verlockte sie durch ihre schwarzen frechen Augen und ihre Buhlerkünste. Ihre fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen hatte, waren der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. -- Als sie einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater draußen auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte der aus und sagte ganz laut: »Pfui Teufel!« Selbst aus der Stadt kamen die sauberen Herren und umschwärmten sie, und sie trug ein Kapital nach dem andern auf die Landesbank. Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und die Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag ihr alter Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem Schmerzenslager und ernährte sich von dem Bettelbrod, was ihr achtjähriger Bruder in der Wetterau zusammenbettelte. Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr Vater auch diese dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder das Kind halten. -- Der Vater ist gestorben -- ob an der Gicht oder an Hunger -- das wird wohl einst entschieden werden. -- Da war es denn eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr Bruder bei fremden Leuten untergebracht wurde; denn nun mußte sie selbst für ihr Kind sorgen und das wurde ihr nach gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines Morgens ihr schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen: nun könne er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was mich am meisten bei ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche triumphirende Blick, den sie mir am Altare zuwarf; nicht daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein Spottlied sangen, sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen« zu dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu gerathen und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als ich ihm die ganze Geschichte leid machen wollte. Er hat sich darauf berufen!«
»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie auch jetzt noch gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist fleißig und sparsam. Sie ist gut für das Land, gut für die Haushaltung und versteht alle Feldarbeit. Was will der Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm wie eine Kirchenmaus.«
»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie ist die abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. -- Das ist es gerade, was mich so empört, daß man Nichts hierin findet. Man ist so tief gesunken, daß man über die gemeinste Gesinnung und die schamlosesten Handlungen keine Entrüstung mehr hat. Man hat sich so sehr an das Laster gewöhnt, daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht und es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde schätzt. -- Und was enthält der Begriff »brauchbar für's Land« für entsetzliche Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen darf! und was ist das für sauberes Geld! Mancher würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange anzurühren. -- Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht! Darum ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende Versunkenheit so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß. Wenn noch ächte, unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet Ihr entschieden auf meine Seite treten und mich mit Rath und That unterstützen! Euer Ansehen und Einfluß mit in die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz anderes Gewicht verleihen.«
Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen erfolgte, glaubte ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der Zeitpunkt gekommen, meinen Antrag anzubringen. Ich sagte also: »Ich will Euch noch diesen Augenblick eine Gelegenheit bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch besseres Gefühl in Euren Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein Opfer zu bringen vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid! Frau Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele vom Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele retten! Denn wer einer Seele vom Tode hilft, der wird die Menge der Sünden bedecken. Bedenket die Nähe Eures Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat erklärt: wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr diese Hoffnung! Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That, die Euch der Herr durch mich anbietet, und ladet Euch nicht den Fluch der Versäumniß auf!«
Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre, die Gesichter hätten nicht verblüffter aussehen können, als durch diese meine Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich nach Athem. Endlich hatte sie die Sprache wiedergefunden. Sie war aufgesprungen und trippelte vor mir auf und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen Sie, Herr Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir, wir sollen das schlechte Mensch, die Lumpenbagage, in unsere Familie aufnehmen! Dazu haben Sie die lange Einleitung gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten Sie den Athem sparen können!«
Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner gewiß guten Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen wohl, aber wenn Sie es »schlecht« nennen, versündigen Sie sich! Wer weiß, ob nicht ein besseres Herz unter ihren Lumpen schlägt, als unter Ihrem feinen Tuchmieder.«
»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten wir nicht, warum er so warmen Antheil an der Babett nimmt, warum er ihr immer die Hand gibt und so freundlich zunickt und oft stundenlang mit ihr spricht! Man ist endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind gestern mit ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen Pfarrer und für so einen frommen Mann, wie Sie sein wollen! Doch was ich sagen wollte, mit einem Wort: Mein Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu heirathen.«