Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe

Part 4

Chapter 43,956 wordsPublic domain

Und horch! Raschelt es jetzt nicht im Gebüsch, fällt jetzt nicht ein Schatten auf die Wiese? Er schießt los. Aber klang das nicht wie menschlicher Schrei? Er läuft hin. Aber da liegt ja auch kein Rehbock. Da liegt die alte Krexline, die sich dürren Reisig sammeln wollte für ihren Kaffee. Sie verwendet noch einmal die Augen, macht eine Faust und ist mausetodt. -- Meister Guntram weiß nicht, wie er heimgekommen ist. Ist auch nimmer auf die Jagd und zum Apfelwein gegangen. Aber dort an der Eiche, wo die Krexline erschossen lag, mitten im dichten Wald, wo die prächtigen Waldwiesen liegen und das Sauerbrünnlein quillt, hat er sich eine Bank gepolstert aus Rasen und Moos und hat oft da gesessen und heiße Thränen geweint. Jetzt ist er längst gestorben und begraben, aber das Voll nennt es dort noch immer »+an der Guntramseiche+«.

An der Guntramseiche war der Tummelplatz der Jugend an den Sonntagnachmittagen zum lustigen Tanzen, Spielen und Singen. Dagegen an den Werktagen war es still dort und einsam. Und in der lieblichen Waldeinsamkeit habe ich gar manchmal gesessen, in mein Buch vertieft und mein Pfeifchen schmauchend.

So war ich wieder einmal hinausgewandert. Ich suchte die herrliche Kühle und einen frischen Trunk ans dem Sauerborn, denn das Thermometer zeigte im Schatten 25 Grad Réaumur. Aber siehe, mein Plätzchen war bereits besetzt. Es saß auf der Moosbank die Enkelin der alten Krexline, Babette Heimerdinger. Ich hatte sie schon von Weitem erkannt. Doch als ich nun näher trat, erschrak ich heftig bei ihrem Anblick. Bleich wie der Tod war ihr Antlitz, aus dem sonst das frische, gesunde Leben lachte; die sinnigen, blauen Augen blickten starr und glanzlos in das Weite; das blonde, reiche Haar ringelte sich in wilder Unordnung um ihre Schultern; die kräftigen Arme ruheten wie gelähmt in ihrem Schoos. Es war die Erscheinung einer an Leib und Seele Gebrochenen, die abgestorben ist für die Außendinge. So klang auch ihre Stimme eintönig und hohl. So war auch ihre Rede fast die einer Geistesabwesenden.

Ich dachte nicht, daß sie mich bemerkt hätte, denn sie war in ihrer halbliegenden Stellung verblieben und hatte keinen Zug in ihrem Gesichte verändert; aber plötzlich redete sie mich an:

»Es ist gut, daß Sie kommen. Ich habe gebetet, daß Sie kommen möchten. Es mußte Jemand kommen, sonst wäre ich verzweifelt.« Sie schwieg hierauf eine Weile, dann begann sie wieder: »Ich bin arm -- arm -- entsetzlich arm. Ich habe Niemand -- Nichts mehr in der Welt. Alles ist todt -- leer -- fort. Ich habe keine Eltern mehr, nicht Vater -- nicht Mutter, keine Heimat -- keine Liebe. Alles -- Alles ist fort. Das Haus ist schuld -- der Fink, der Erzbösewicht!« -- Hier war wieder eine Pause, dann rief sie: »Ernst! Du lieber, lieber Bub! -- Dich haben sie mir genommen! Wir sind geschieden auf immer und ewig! Sie beschmutzen und besudeln mich! Ernst!« schrie sie laut auf und immer lauter -- »Ernst! Ernst!« Zuletzt war sie aufgesprungen, mit den Händen in der Luft umhergefahren, war eine Weile hin und her geschwankt und dann leblos auf den Rasen hingesunken. Man kann mir glauben, daß ich tüchtig erschrak. Ich glaubte anfangs, sie wäre todt. Und da ich gar nicht wußte, was ich beginnen sollte und auch weit und breit Niemand entdecken konnte, rief ich um Hülfe. Aber Niemand antwortete. Da fiel mir erst ein, daß sie ohnmächtig sein könnte. Ich eilte rasch mit meinem Glase an den Sauerborn und besprengte sie tüchtig mit Wasser. Aber es half Nichts. Ich wiederholte das Manöver. Da endlich, nachdem ich schon zu verzweifeln begann, schlug sie die Augen auf und kam nach und nach zu sich. Ich sagte: »Gott sei Dank!« Sie aber war ganz verwundert. Endlich begann sie sich über ihre Lage klar zu werden und brach nun in einen Strom von Thränen aus, der allmählich in krampfhaftes Schluchzen überging. Da ich dieses für sehr wohlthätig erachtete, ließ ich sie ruhig gewähren. Und als sie sich herzlich satt geweint hatte, begann sie von selbst gleichsam zur Rechtfertigung der Scene, die ich eben angesehen hatte, ihre Erzählung: »Wenn Sie Alles wissen, Herr Pfarrer, werden Sie nicht erstaunen, daß mir schwach geworden ist. Ich habe es schon lange kommen sehen. Seit etlichen Tagen aber wußte ich es ganz gewiß, daß Etwas wegen mir im Werk war. Denn mein Vater saß nicht umsonst die Tage her so oft und so lange mit dem Bürgermeister und dem alten Fink im Wirthshaus und hatte nicht umsonst mit meiner Mutter so viel heimlich zu verkehren. Dazu kommt noch vorgestern Abend Försters Anna zu mir geschlichen und sagt: »Weißt Du auch etwas Neues? Wir sind veraccordirt: ich, Du, Fuchse Greth, Schulheimbuk's Lisbeth, Zimmers Dine und Treppe Dorth. In drei Wochen geht es nach Californien. Sie freuen sich schon Alle über den Staat und die Herrlichkeit. -- Die schlechten Dinger! An das Andere denken sie nicht. Ich habe mir schon fast die Augen aus dem Kopf geheult. Doch, ich muß heim. Verrath' nichts, sonst bin ich verloren!« Damit war sie auch schon fort. Ich aber war ganz starr vor Schrecken, daß ich gar nichts sagen konnte. Doch war ich bald wieder ruhig, denn ich mußte immer denken: Deine Mutter hilft Dir! Deine Mutter läßt es nimmer zu. Sie hätte es auch nicht zugelassen und hätte es bei meinem Vater auch durchgesetzt; denn so nachgiebig sie sonst gegen ihn ist; was uns Kinder angeht, hat sie immer ihren Willen behauptet. Aber sie hatten es zu pfiffig angefangen. Sie wollten ihr das Haus nehmen -- ihr letztes Eigenthum -- und das läßt sie sich nicht nehmen. Dazu ist sie viel zu stolz. Ach, die Zwei: der Bürgermeister und der alte Fink -- das sind zwei Bösewichte, so schlecht und schlau! Die kennt Niemand aus. Früher hatten wir als allerhand Waaren beim Krämerheimbuk geborgt und der Vater hat auch noch als baar Geld bei ihm gelehnt. Auf einmal waren es dreihundert Gulden und wir wußten gar nicht, wie sie zusammengekommen waren. Aber sie waren da. Der Krämerheimbuk hat es uns vorgerechnet bis auf den letzten Pfennig. Und es wäre schon damals Alles zur Versteigerung gekommen, wenn wir ihm nicht das Haus verschrieben und sich meines Vaters Bruder für uns verbürgt hätte. Jetzt hat der alte Fink dem Krämerheimbuk die Schuldforderung abgekauft. Und der will nun entweder mich oder das Haus. Auf etwas Anderes will er sich nicht einlassen. Das Alles habe ich nicht so gewußt. Gestern Abend hat es mir meine Mutter erst gesagt und dabei bemerkt: »Du wirst Dich doch wohl fügen müssen.« Ach, ich bin gar so sehr erschrocken, als ich erfuhr, daß wir in der Gewalt des schrecklichen Menschen wären und meine Mutter ihm beistimmte.

»Lieb Mutterchen,« habe ich gesagt, »Du wirst es nicht thun! Nicht wahr, Du hast mich lieber als das Haus? Du weißt, ich wäre verloren hier und dort, wenn Du mich diesem Manne übergibst. Ebensogut könntest Du mich, Dein eigen Fleisch und Blut, mit diesen Deinen Händen in die Hölle hineinstoßen, wie Du mich zu Schmach und Verbrechen verkaufst?« Da wurde sie feuerroth im Gesicht und ich dachte schon, ich hätte gewonnen Spiel, da meine Worte solchen Eindruck machten. Aber es kam anders. Sie sagte: »Wie redest Du doch, mein Kind? Wo nimmst Du nur die Worte her, die einen ja ordentlich ergreifen? Doch, denke ja nicht, daß Du mich erschüttern könntest. Du kennst mich einfach nicht, sonst würdest Du Dich gar nicht mühen. Mein Herz ist todt und leer. Sie haben es draußen getödtet. Ich weiß von keinem Erbarmen, denn man hat kein Erbarmen mit mir gehabt. Sieh' ich habe Dich lieb, wie meine eigene Jugend, denn Du bist das Bild derselben. Ich hätte Dir auch gern die Leiden und Kämpfe erspart, die ich durchzumachen hatte. Aber es sollte nicht sein. Und wer kann seinem Schicksal entfliehen? Es ist so, wie ich es schon oft gedacht habe. Die Tugend ist recht schön, aber sie ist einmal für uns arme Leute nicht. Ich habe es nicht anders gefunden in der weiten Welt. Wo Armuth war, war auch Schlechtigkeit, Laster und Verbrechen. Es herrscht wohl auch viel Verdorbenheit unter den Reichen und Wohlhabenden. Aber es gibt immer noch Brave und Gute. Dagegen der Arme kämpft vergebens gegen sein Schicksal. Man glaubt gar nicht an seine Tugend. Wir heißen nur Spitzbuben, Strauchdiebe, Vagabonden, feile Dirnen, Bettelpack und Lumpengesindel. Und weil man einem alles Schlechte zutraut, so muß man auch schlecht werden.

Doch ich muß Dich einmal einen Blick in mein Leben thun lassen. Du sollst erfahren, was ich noch keinem Menschen gesagt habe.

Ich war ein junges, unschuldiges Ding und schön -- wie alle Leute sagten -- da hat mich auch Einer mitgenommen nach Amerika. Es ist schwer, wenn man so allein und schutzlos ist, sich der Frechheit der wilden Männer zu erwehren, aber ich wehrte mich. Eines Tages verfolgten mich zwei: ein Irländer und ein Italiener, die Haupthelden unseres Tanzlokals, auf die Straße. Ich jagte flüchtigen Fußes durch die Straßen von New-York. Aber die Beiden mir ständig nach, wie zwei wilde Bestien. Es war schon Alles öde und vereinsamt und nirgends Hülfe zu erwarten. Meine Kräfte fingen an nachzulassen. Noch einen Augenblick und ich war rettunglos in ihrer Gewalt. Schon streckten sie ihre Arme nach mir aus, da schrie ich Hülfe! Hülfe! so laut ich konnte. Und noch schrie ich -- da kam es plötzlich wie eine Windsbraut über die beiden Kerle. Der eine flog in diese -- der andere in jene Ecke der Straße. Ein Jüngling, hoch und gewaltig, war plötzlich zwischen sie getreten mit dem Rufe: »Weg, ihr amerikanischen Schurken! Ein deutsches Mädchen schreit um Hülfe!«

Nie werde ich seinen Anblick und seine Worte vergessen. Es war eine große, kräftige Gestalt mit langen, blonden Locken und blauen, blitzenden Augen und einem Gesicht, so fein, wie ein Mädchenangesicht. Er hatte mich an seinen Arm genommen und nun stand er da, hochaufgerichtet, mit einem einfachen Stock bewaffnet, um seine Gegner zu empfangen. Denn diese hatten ihre Messer gezogen und drangen wüthend auf ihn ein. Mit etlichen wohlgezielten Streichen trieb er die Feiglinge in die Flucht. Und da ich noch sehr entkräftet war, nahm er mich mit in ein naheliegendes Kaffeehaus und ließ mir eine Tasse Kaffee reichen. Er betrachtete mich eine Zeitlang unverwandt, ging dann mehrmals durch die Stube, in der außer uns Niemand war. Dann fing er auf einmal an und sagte: »Ich bin ein deutscher Student. Ich mußte flüchten, weil ich mein Vaterland zu heiß geliebt habe. Zu Hause sitzt eine alte Mutter und eine bleiche Braut. Die weinen um mich. Ich werde sie nie wiedersehen. Ich bin daheim zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. Da draußen, in den Wäldern, habe ich mir ein Haus gebaut. Aber es ist mir zu einsam dort, wo ich nur den Schall meiner Stimme und meiner Büchse höre. Darum kam ich in die Stadt. Ich suchte Menschen. Hier fand ich Dich. Du gleichest, liebes Mädchen, meiner Braut: dieselben treuen, braunen Augen, derselbe süße Mund und Deine Stimme ist meiner Mutter Stimme. Ich habe einen Entschluß gefaßt. In Amerika freit man schnell. Kannst Du mich lieben? Willst Du mein Weib werden?« Dann blieb er vor mir stehen -- die Arme gekreuzt -- und schaute mich an so ernst und so liebreich.

Ich war erst ganz erschrocken und verschüchtert. Endlich wagte ich die Augen aufzuschlagen. Ich spürte aber ordentlich, wie mein Herz und meine Seele zu ihm hinübergezogen wurden. Auf einmal lagen wir uns in den Armen und er drückte einen langen, heißen Kuß auf meinen Mund. So mag eine Zeitlang vergangen sein. Es waren die seligsten Augenblicke meines Lebens. Plötzlich schlug er sich wider die Stirn und sagte: »Da habe ich mich wieder einmal schön vergallopirt. Mädchen, wie heißt Du denn? Was bist Du? Und kannst Du auch über Dich verfügen?« Ich fühlte, wie mir alles Blut aus dem Gesichte zurücktrat. Mir war so angst, so angst. Ich wußte, daß ich mit dem einen Wort mein ganzes Glück vernichtete. Ich wollte lügen, aber ich konnte nicht. Ich nannte meinen Namen und sagte: ich sei eine Hurdy-Gurdy. Da wurde er bleich wie der Tod. Er schaute mich mit einer furchtbaren Verachtung an; dann aber so grenzenlos traurig, daß mir schon die Thränen aus den Augen stürzten.

»Mädchen,« sagte er, »Du weißt nicht, wie entsetzlich wehe Du mir gethan hast! Es ist nicht blos die schreckliche Täuschung -- nicht blos, daß ich meine Liebe, die so plötzlich und so stark in mir entstanden war, unterdrücken muß, -- es ist die Schmach, die meinem lieben deutschen Vaterlande angethan wird durch solche deutsche Mädchen.« Und damit wankte der starke Mann wie ein Trunkener zur Thüre hinaus. Ich wollte rufen -- ich streckte die Arme nach ihm aus -- da wurde es dunkel vor meinen Augen und ich stürzte ohnmächtig zusammen. Ich verlebte schreckliche Tage. Ich hatte ihm sagen wollen, daß ich rein und tugendhaft geblieben wäre mitten in diesem wüsten Treiben. Ich suchte ihn auch überall und forschte nach ihm, um es ihm noch zu sagen. Aber ich fand ihn nicht. Er war wahrscheinlich wieder nach seinen Wäldern. Ich dachte zuletzt: Und wenn du es ihm nun auch sagst -- wird er dir auch glauben? Wird dir es überhaupt Jemand glauben? Ein furchtbarer Zorn gegen das Schicksal bemächtigte sich meiner. Warum sollte ich denn besser sein als die Welt mich machte? Warum sollte ich unnöthigerweise die Mißhandlungen erdulden? Ich stürzte mich mitten hinein in das wüste Leben und war bald eine der Schlimmsten.

So kam ich nach Californien, nach San Franzisco. Es war ein großer Saal und ein blendender Lichterglanz von den vielen Kronleuchtern. Mein Blut war wie Feuer durch vielen Punsch und das wilde Tanzen. Da stand ich da mit fliegendem Athem und klopfender Brust; ein bärtiger Goldgräber hielt mich um die Taille und streichelte meine heißen Wangen. Da sah ich ganz in meiner Nähe wieder das Jünglingsangesicht und diese blauen Augen mit so unendlich traurigem und doch so strafendem Blick auf mich gerichtet. Ich hätte vor Scham in die Erde sinken mögen und bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen. Als ich wieder aufblickte, war er verschwunden. Aber die Augen -- die Augen habe ich nicht los werden können, bis heute noch nicht -- sie haben mich weggetrieben von Amerika. Als ich heimkam, trug man eben meine Mutter zum Dorfe hinaus. Der Meister Guntram von Friedberg hatte sie wie ein Wild des Waldes todtgeschossen. Ich war nun ganz allein. Mein Vater war schon längst todt. Ich hatte ein paar Aecker und unser jetziges Haus von meiner Mutter schuldenfrei geerbt. Dort wohnte ich nun ganz einsam. Es war mir lieb, daß das Haus fast völlig im Walde stand. Er hatte ja auch ein Haus im Walde. -- Es war eine Zeit voll Träumens und Schwärmens. Den ganzen Tag konnte ich sinnen über Vergangenes und Zukünftiges. Die Hoffnung, mit ihm vereinigt zu werden, hatte ich noch immer und baute Luftschlösser, wie es ermöglicht werden könne. So hätte ich noch lange fortgelebt, aber mein erspartes und ererbtes Geld ging zur Neige. Heirathen wollte ich nicht, obwohl ich viele Gelegenheit dazu hatte. Ich mußte darum auf einen Erwerb denken. Es sollte vor allen Dingen leichte und bequeme Arbeit sein. Ich wandte mich an die alte Barb. Sie verschaffte mir auch einen guten Dienst in der Stadt. Aber bald sollte ich erfahren, warum sie so geheimnißvoll gethan hatte. Mein Herr ging mir überall zu Gefallen, und als ich seine Zumuthungen stolz zurückwies, lachte er mich aus: »Er hätte nicht umsonst ein Mädchen aus unserm Dorfe genommen.« Er drohte mich fortzujagen. Was sollte ich machen? Der Winter war vor der Thür; das Essen war ausgezeichnet; die Arbeit war kaum zu nennen und --« »Mutter! Mutter!« rief ich -- das Herz wollte mir zerspringen -- »schweig still! Soll ich denn gar Nichts mehr von Dir halten? Soll ich denn meine Mutter ganz verlieren? Ach, wie dachte ich mir Dich immer so rein! Wie warst Du mir immer Vorbild und Muster und jetzt -- jetzt!« »Du mußt Alles hören. Es ist Zeit, daß Du es hörst. Das war das Schlimmste nicht, es ging immer mehr abwärts. In Wien lebte ich in Saus und Braus. Ich hatte Geld in Ueberfluß. Ich besuchte Theater, Concerte und Bälle. Die schönsten Bücher standen mir zu Gebote. Ich lernte außerordentlich viel. Es wurden oft die witzigsten und geistreichsten Gespräche bei mir geführt und ich konnte mitreden, mitlachen und mitspotten, aber ich weiß nicht -- ich hatte doch keine Befriedigung. Inwendig kam ich mir so hohl, so leer vor. Dein Vater, den ich kurz vorher geheirathet hatte, war mir ein ständiger Vorwurf. Er hatte sich aus Aerger über mein Leben ganz dem Trunke geweiht und wurde bei Tag und Nacht nicht mehr nüchtern. Ich kümmerte mich gar nicht mehr um ihn. Damals sah ich in einer Nacht in einem halbwachenden Zustande wieder »die Augen!« Und nun ging es gerade wie in Californien. »Die Augen« verließen mich nicht mehr. Aus jeder Ecke schauten sie mich an -- so unendlich traurig und doch so strafend; im dunklen Zimmer daheim, im hellerleuchteten Ballsaal, im Theater -- überall waren sie. Ich konnte es nicht mehr aushalten. So habe ich das glänzende Leben aufgegeben und bin mit Deinem Vater heimgereist. Wir hatten uns gar Nichts gespart, obwohl wir es gekonnt hätten. Dazu war Dein Vater ein Trinker geworden. Ich hatte ihn dazu gemacht und konnte ihm deshalb auch keinen Vorhalt thun. Und wenn seine Launen noch so toll wurden -- ich habe immer nachgegeben -- ich hatte es ja um ihn verdient. Euch, Kinder, habe ich immer gern gehabt. Du thust mir auch gewissermaßen leid, daß ich Dich hergeben muß. Wenn es mit dem Hause nicht gekommen wäre -- es wäre auch niemals geschehen. Aber hier -- in mein Herz -- hat sich eine Verbitterung und ein Haß eingefressen, von dem Du Dir gar keinen Begriff machen kannst. Es steht mir immer vor Augen: was hätte aus dir werden können und was ist aus dir geworden! Und wer ist schuld an Allem? Doch allein das Schicksal und die Welt. Wer arm ist, kommt zu keinem sicheren Glück. Du bekommst nie Deinen Ernst! Wenn nur die geringste Hoffnung wäre, so solltest Du nicht nach Californien! Du entgehst auch Deinem Schicksal nicht, wenn Du selbst diesmal noch nicht mitgingest! Wenn dazu nur die geringste Hoffnung wäre, so wollte ich Dich bewahren! Aber da ja doch gar kein Gedanke daran ist -- was soll ich mir mein Haus nehmen lassen? Ich habe Demüthigungen und Spott und Lästerung genug erfahren müssen! Sie sollen es nicht erleben, daß die stolze Frau Heimerdinger, die sie Alle nicht leiden können und der sie alles Böse gönnen, noch aus ihrem Hause hinausgeworfen wird! -- Doch genug, ergib Dich in Dein Schicksal! Es ist bereits Alles abgemacht.«

»Mutter! Mutter!« schrie ich, »morde mich lieber! Hier ist ein Messer, stoße es mir in die Brust!« Aber sie that als hörte sie mich gar nicht. »Mutter, ich will ja das, was das Haus kostet, mit meiner Arbeit verdienen; ich will arbeiten, daß mir das Blut zu den Nägeln herausläuft und Gott, der in den Schwachen mächtig ist, wird mir helfen«.

»Kind, du redest Unsinn! Das kannst du nicht.« »Mutter, jetzt sehe ich, was Dir immer gefehlt hat, Du glaubst nicht an Gott!«

»Nein in der Art nicht, wie Du gelernt hast. Doch davon spreche ich nicht mit Dir.«

»Aber ich will mit Dir davon sprechen. Siehst Du, »die Augen«, die Dir erschienen sind, das war der erste Ruf Gottes an Dich, und als Du dem Leichenzug Deiner Mutter begegnet bist, das war die zweite Mahnung. Sie ist so gräßlich um's Leben gekommen, weil sie Dich verkauft hat für ein Blutgeld und Du wirst ebenso schrecklich um's Leben kommen, wenn Du mich verkaufst.«

Da wurde aber meine Mutter zornig und fing an mich zu schelten. Ueberdem kam mein Vater, und als er hörte, von was die Rede war, hat er mich getreten und geschlagen und mit den Haaren durch das Zimmer geschleift. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, aber auch nicht klar denken. Dunkle Träume quälten mich. Und zuletzt ergriff mich eine Angst, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich herausgelaufen in den Wald und habe mich hierher gesetzt. Ich habe immer dagesessen. Es lag wie ein Alp, wie eine Betäubung über mir. Ich wußte Alles, aber ich konnte mich nicht rühren. Alles, was meine Mutter gesagt hat und ich gesagt habe, ist mir Wort für Wort wieder eingefallen. Dann habe ich heiß und lange gebetet. Und so sind auch Sie gekommen, aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich war wie gebannt.«

»Das war irgend ein mir unbekannter Nervenzustand, der über Dich gekommen ist in Folge der starken Aufregung,« erwiderte ich, »der ist nun überstanden. Wäre auch das Andere ebenso glücklich überstanden! Dein Vater hat wie ein Unmensch an Dir gehandelt. Deine Mutter hast Du richtig erkannt. Hätte sie Gott vor Augen und im Herzen gehabt, sie hätte gewiß ein glücklicheres Loos gezogen. Nicht die Welt und das Schicksal, sondern ihr stolzes, vergnügungssüchtiges Herz hat sie in das Verderben gejagt. Aber wie Du Deiner Mutter den Namen Gottes zugerufen hast, als sie über Dich und Deine Zukunft entschied, so rufe ich Dir in diesen schweren Stunden den Namen Gottes zu. Denn nur des Herrn mächtiges Wort kann den Sturm Deiner Gefühle bedrohen, daß es stille in Deinem Herzen wird, ganz stille. Und unter den schwierigen Verhältnissen, denen Du jetzt entgegengehst, kann nur seine Hand Dich führen und seine Rechte Dich halten. »Gott ist getreu und lässet Dich nicht über Vermögen versucht werden.« »Der gute Gott im Himmel wird Dich nicht verlassen, noch versäumen.« »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« heißt es, und: »Harre des Herrn, sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!«

Was ich für Dich thun kann, ist unbedeutend. Mein Einfluß auf diese verhärteten Gemüther ist gering und mit ihrer List und Verschlagenheit kann ich es nicht aufnehmen. Doch was ich zu thun vermag, will ich thun. Auf Etwas kann ich Dich übrigens noch aufmerksam machen: Du brauchst hier Deinen Eltern keinen Gehorsam zu leisten. Es tritt hier der Fall ein, wo es heißt: »Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen!« Sie haben Dich zur Sünde verkauft. Und wenn Du ihnen folgst, gibst Du Dich zum wenigsten in große Gefahr. Auch haben sie vollständig ihre Elternrechte an Dich aufgegeben, indem sie offenbar das Gegentheil von dem in Dir pflanzen wollen, wozu Dich Gott ihnen anvertraut hat.«

»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte sie, »fortzulaufen in die weite Welt und dort für mich allein mein Glück zu suchen, aber ich kann nicht. Ich bleibe und gehorche. Und wenn es noch schwerer wäre, ich bliebe doch! Ich will es versuchen, meinen Eltern treu zu sein und auch meinem Gott nicht untreu zu werden.«

»Du unternimmst fürwahr Großes und Schweres, Babette und ich will Gott danken, wenn es Dir gelingt. Doch des Herrn Rath ist wunderbar! Vielleicht soll es so sein. Und hier war es, als ob mich ein Geist der Weissagung ergriff. Vielleicht sollst Du drüben in Amerika den Ruf einer frommen deutschen Jungfrau wieder zur Ehre bringen und Deinen gesunkenen Kamerädinnen ein Stachel werden zur Reue und Nacheiferung. Wenn Dich aber Gott zu dieser hohen Mission als Rüstzeug auserwählt hat, dann sei getrost; der Dich auserwählt hat, der weiß, daß Du die Kraft dazu hast und führet Alles herrlich hinaus!«

Wir hatten uns auf den Heimweg gemacht, weil es stark zu dunkeln begann. Ich hatte ihr noch manches Tröstliche gesagt. Auch das noch, daß Gott dem zarten und schwachen weiblichen Geschlecht gerade in der Unschuld einen mächtigen Schild geschenkt habe, den selbst die größte Rohheit nicht anzutasten wage, wenn sie in ihrer kindlichen Reinheit bewahrt bliebe.

Am Rande des Waldes hatte ich sie verabschiedet und schaute ihr wohlgefällig nach, wie sie so rüstig und strack dahinschritt und schickte ein leises Gebet zum Himmel empor für ihr Wohlergehen.

»Ein Rendezvous gehabt, Herr Pfarrer?« zischelte neben mir eine Stimme, und eine Gestalt eilte flüchtig an mir vorüber, in der ich die »Anne-Mile«, eine der verdorbensten Frauen des Dorfes erkannte.

VI.

Die Balzerswäs.