Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe

Part 2

Chapter 22,836 wordsPublic domain

Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen war. Es wäre die größte Grausamkeit gewesen, hier störend einzugreifen, selbst wenn man ein Feind von solchen Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß ich sogar eine starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und mir die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt hatte. Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte schon oft im Stillen gedacht, was das ein herrliches Paar gäbe, wenn das leidige Geld, Stand und Verwandtschaftsverhältnisse nicht wären. Darum sagte ich: »Aber liebe Frau Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses und Schlechtes.« »Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch einmal! Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt Nichts« -- und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und immer lauter schreiend, als könnte sie mir das schreckliche Verbrechen desto klarer machen, rief sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie desto mehr,« erwiderte ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen Eifer und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und haben den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann man's Ihnen nicht so übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, daß wir einen schönen Wohlstand haben. Glauben Sie, man hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von den Fingern gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel das Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten nicht gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden lassen, um ihn hernach an das Bettelmensch wegzuwerfen? Ich darf gar nicht daran denken, was es uns schon gekostet hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel mit Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die Wurst, die Butter und Eier erst rechnen wollte, die ich oder der Hanjost hinübergeschleppt haben und die feine Montur und das Weißzeug -- es macht ja ein Heidengeld zusammen. Aber man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon ganz stolz und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist wahrhaftig gut, daß er diese Geschichte mit dem Ernst nicht mehr erlebt hat. Es hätte ein Unglück gegeben! -- Aber ich sage es immer: er ist nicht schuld daran; er war ja sonst immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding hat ihn verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer, und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über seine Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den Ernst aufgibt. Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern heiße!«

Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das durchaus nicht thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der Babette Heimerdinger mit mehr Achtung zu reden, denn diese verdiene es. Wenn die zwei jungen Leute ein Vorwurf träfe, so wäre es der, daß sie mit mehr Ueberlegung hätten zu Werk gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse bedenken und bei Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen. Sie hätten sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? Nun sei es wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht hindern, das Ihrige zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts die Hand reichen. Sie würde auch wahrscheinlich durch alle ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur noch stärker anblasen. Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand ihren Lauf zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle auch ja nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders wohlgefällig wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses Urtheil seien vielmehr durchaus unchristlich.

Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. Sie sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so unbefriedigtem Gesicht hinweg, daß durchaus nichts Günstiges für die Liebenden darin zu lesen war.

Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, war etwa folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß verlassen kann:

Theurer Ernst!

Vielgeliebter Schatz!

Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich bin doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du kannst einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß man gar nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar zu gern. -- Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß Du fragst, ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern Buben nicht besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr Babette und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu lieben. Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für einander geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen werden könnten, in alle Ewigkeit nicht.

Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach J.! Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit einem scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, wenn Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest mir gelobt, Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn Gott uns auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit so Vieles denken. Und meine Gedanken waren so anders, als früher. Abends sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter dem alten Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich gemacht hattest und mit Moos gepolstert. Und Niemand hat es entdeckt. Aber wenn dann der Abendwind so durch den Wald hinrauscht und über das Gras fährt und die Unken rufen und die Eulen schreien, dann wird mir's so grausig und ich muß an's Sterben denken und daß es uns noch schlimm, recht schlimm gehen kann.

Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und mein Vater -- mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. Ich fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich Dir auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war doch viel besser und schöner, als wir noch Kinder waren, wenn wir uns dort im Hüttchen über Alles besprachen und Du immer die schönen Geschichten wußtest aus den Büchern, die Dir die Schullehrer gaben. Ich mußte immer die verwunschene Prinzessin sein und Du warst dann der Prinz, der die Zauberer und Ungeheuer todt machte. Ein andermal wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und Ritter werden und dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und dann hast Du mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch Alles so werden und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst Du noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren schon fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: »Du bist mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein Schatz, aber ich will's nicht machen, wie die Andern -- Du sollst auch meine Frau werden.« Und als ich Dir sagte: »das geht nicht, Deine Eltern leiden's nicht und Du kannst als Lehrer keine Holzdiebin heirathen;« da sagtest Du: »Du bist ja unschuldig, Deine Eltern zwingen Dich dazu, und meine Eltern müssen nachgeben. Ich lasse Dich nicht. Lieber werde ich gar kein Lehrer.« -- Damals habe ich Wochen lang geglaubt, ich wäre gar nicht mehr auf Erden, ich lebte im Himmel. -- Doch ich bin recht einfältig, daß ich lauter solche Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich muß Dir recht kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß immer an diese Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht nicht, es kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder, was Du für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so glücklich, so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so unglücklich, daß ich Dir's gar nicht sagen mag.

Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. So ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich denke, Du wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen habe ja Nichts und wollte doch Etwas mitschicken. Da habe ich die Wolle genommen, die mir meine Goth' vom Hauserhof zu Weihnachten geschenkt hat und habe sie Abends im Hüttchen gestrickt. -- Weißt Du auch schon, daß der alte Fink, der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe ist. Es wundert mich nur, daß so einen schlechten Menschen das Meer nicht verschlingt. Er war in Californien und hat erstaunlich viel Geld mitgebracht. Und die Mädchen, die mit waren, haben alle seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß wie! Und sie tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.

Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern nicht auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. -- Ich glaube, ich würde es nicht erleben.

Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück geschehen. Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse Dich vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.

Deine Dich bis in den Tod liebende

Babette Heimerdinger.

III.

Der alte Fink.

Die Furcht Babettens vor dem alten Fink war durchaus nicht unbegründet. Es war nicht die eitle Besorgniß eines liebenden Herzens, das im Bewußtsein der Wandelbarkeit des Glücks Alles schwarz sieht. Sie kannte die Dorfverhältnisse, kannte ihre Eltern und kannte den alten Fink. Und ehe sie noch diese Unglück ahnenden Zeilen niederschrieb, hatte bereits der kundige Blick des alten Fink mit Wohlgefallen auf ihrer herrlichen Gestalt geruht. Und ehe Ernst erfuhr, daß der alte Fink da sei, war Babette schon für ihn verloren. Denn da hatte der alte Seelenverkäufer bereits den festen Entschluß gefaßt, daß sie um jeden Preis sein werden müsse für Californien und erwog schon die Mittel, die ihm zu Gebote ständen und war im Geheimen außerordentlich thätig.

Um dieses jedoch recht zu verstehen, muß der Leser noch einen Blick in das Dorf thun. Einen Theil der Ortsbewohner hat er zwar schon kennen gelernt, aber nur den unwichtigeren, die Invaliden, die Ruinen. Die Landgänger, die dem Dorf seinen eigenthümlichen Charakter verleihen, kennt er noch nicht. Aber wenn er sie kennt, dann müßte kein deutsches Christenherz in seiner Brust schlagen, wenn es nicht überflösse vor Zorn und Ingrimm über diese Schmach und diese Schändung des deutschen Namens. Das Landgängerdorf liegt sonnig und anmuthig auf den nordwestlichen Abhängen des Taunus, mit einem weiten Ausblick bis in die Gegend von Gießen und Marburg. Rings ist es umgeben von einem grünen Kranz von Buchen- und Eichenwäldern, der sich gar lieblich ausnimmt zu den rothen Ziegeldächern und den schön bemalten Häusern, etwa wie ein grüner Brautkranz zu den erröthenden Wangen einer geschmückten Braut. Freilich ist es eine gewagte Sache, hier von Brautkranz zu reden, wo längst alle Bräutlichkeit und Jungfräulichkeit in wüstem, schändlichem Treiben untergegangen ist. Aber es hat ihn doch einst verdient und kann ihn vielleicht wieder verdienen. -- Wer heutzutage kommt, um Land und Leute zu beobachten, der muß im Spätherbst oder Winter kommen. Erst wenn die Blätter fallen und die Schwalben heimwärts ziehn, kehrt auch der Landgänger heim. Im Sommer sind die meisten Häuser unbewohnt und Thüren und Läden geschlossen. Man trifft nur hier und da einen Ackersmann im Feld. Alles ist so still und leer, wie ausgestorben. In der Umgegend heißt es: »Nur die alten Weiber und Schulkinder sind daheim.« Erst wenn es draußen im Feld und Wald stille wird, wird es im Dorfe laut und lebendig. Hier rauscht ein rasselndes Tambourin, dort klagt eine einsame Violine; hier orgelt eine Harmonika die neuesten Lieder, dort übt sich ein ganzes Orchester. Dazwischen tönen dann die gellenden Stimmen keifernder Weiber, schreiender Kinder, das Fluchen der Männer, das Singen und Juchzen der Jugend. Die Männer sind meistens im Wirthshaus bei Karten, Würfeln und starken Getränken. Es ist, da ein wildes Lärmen und Gedränge, und englische und französische und ganz fremdtönende Flüche schallen durcheinander. ~Goddam~ und ~sacré Dieu~ heißt es herüber und hinüber; denn im Dorfe werden fast alle europäischen Sprachen gesprochen, vorzugsweise aber englisch und französisch. Mancher Junge und manches Mädchen müssen erst in Deutschland deutsch sprechen lernen. Aber auch die Weiber bleiben hier nicht im Hause. Kochen und alle weiblichen Handarbeiten sind ihnen ein Gräuel, dem sie sich nur im Nothfall unterwerfen. Man kann sie zu allen Tageszeiten in größeren und kleineren Gruppen schwatzend zusammenstehen sehen. Am liebsten sammeln sie sich jedoch zu Kaffee- und Theekränzchen, wo Mürbes und feines Gebäck geschmaust und sehr oft süßer Branntwein getrunken wird. Es sind meistens große, üppige Gestalten. Doch haben auch Viele ein gar krankes, armes Aussehen in Folge ihres Lasterlebens. Ihre Kleidung ist, wenn sie die übliche Landestracht abgelegt haben, oft sehr reich, aber geschmacklos und ungeordnet. Man merkt eben, daß sie auf dem Trödelmarkt gekauft oder durch Bettel zusammengebracht ist. Die Jungen wollen nicht hinter den Alten zurückbleiben. Darum versammeln sich auch Burschen und Mädchen, aber besonders in solchen Häusern, wo Niemand eine Autorität geltend machen kann und will und gar keine Aufsicht herrscht. Hier wird denn getanzt und gespielt. Auch fehlt es nicht an berauschenden Getränken. Und ungescheut und ungestraft geben sie sich allen möglichen Zügellosigkeiten hin.

Um die zahlreichen Kinder kümmert sich Niemand. Die wälzen und balgen sich ungebändigt auf den Straßen umher -- ein hoffnungsvolles, heranwachsendes Geschlecht! So geht es den ganzen Winter in Saus und Braus. Da wird geschlachtet, gebacken, gesotten und gebraten; da wird getrunken, gesungen und getanzt, bis der Schnee schmilzt und der Boden aufthaut und die erste Lerche trillert. Dann ist keine Ruhe mehr unter dem Wandervölkchen. Dann verstummen die Gesänge und die Harmonika's. Und wenn der Kukuck schreit, und die erste Schwalbe kommt, ist Niemand mehr da von diesen Zugvögeln. Aber was treiben sie draußen? und wo ist der Schauplatz ihrer Thätigkeit? Ihre Thätigkeit lassen sie sich nicht gerne beschränken. Sie besuchen alle bekannten und zugänglichen Theile der Erde. Doch beehren sie am liebsten den Westen: England, Frankreich, Amerika, Californien. Indessen ist Australien auch recht beliebt unter ihnen. Der alte Fink hat sogar bereits China und Japan bereist.

Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus. Doch ist man darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer treiben hauptsächlich Handel und Musik. Die Kinder betteln. Weiber und Mädchen leben vom Tanz oder von noch schlimmeren Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen sein, daß nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch öfters hausiren gingen und Musik machten.

Da wird bereits aller Sitte und Zucht Hohn gesprochen. Die Familienbande sind gelöst. Eheliche Liebe ist nicht da. Kindliche Pietät muß zu Grunde gehen. Die heiligsten Triebe werden geschändet und gemordet. Aber noch schändlicher -- weil hier die Bettelei und die Prostitution gewerbsmäßig betrieben wird -- ist die Seelenverkäuferei. Sie wird aber nur von den kühneren Naturen und solchen, die über ein Kapital zu verfügen haben und zwar auf eine doppelte Weise ausgeführt.

Die unbedeutenden Art ist die, daß Kinder zum Betteln zusammengemiethet werden, wofür die Eltern sehr anständige Summen erhalten. Hierbei werden die Reisen nicht besonders weit ausgedehnt. Der Norden Deutschlands, Schweden und Rußland sind gewöhnlich die Zielpunkte der Unternehmung. Die Kinder werden natürlich zur Verstellung, zum Lügen und Stehlen professionsmäßig angelernt -- ein schöner Same für die Zukunft! Sie sind dabei vollständig in die Gewalt und Willkür roher gewissenloser Menschen gegeben und müssen Unsägliches erdulden. Jedes kann Gott danken, wenn es wohlbehalten die Heimat wieder erreicht.

Von dem Raffinement und der Frechheit dieser Bettelfahrer nur ein Beispiel: Eine deutsche Prinzessin, in's russische Czarenhaus verheirathet, hatte einst besonderes Wohlgefallen an so einem blondlockigen rothbackigen Mädchen gefunden. Dieses Wohlgefallen aber mußte sie büßen, indem man ihr dafür die Verpflegungskosten einer langwierigen Krankheit und endlich das Geld zum Begräbniß abschwindelte. Und während die Prinzessin ihre Dukaten hergab und Thränen über die Leiden und den Tod ihres Liebling weinte, war derselbe frisch und gesund. Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere Art von Seelenverkäuferei: das Miethen von +Tanzmädchen+, oder wie die Amerikaner sie nennen: +Hurdy-Gurdy's+. Es sind dabei reichlichere Auslagen und mehr List, Muth und Geschick nöthig. Es werden aber auch ganz enorme Summen verdient -- zwanzig- bis dreißigtausend Thaler haben Etliche schon nach wenigen Jahren mit heimgebracht. An Mädchen fehlt es nur selten. Denn auch vermögendere Bauern und Pächter geben ihre Kinder her und die Armen helfen sich dadurch aus ihren Schulden. Es handelt sich fast nur um den Preis. Die Mädchen wissen es nicht besser. Sie werden in die Seehäfen Nord- und Südamerika's, nach Australien, ganz vorzüglich aber nach Californien gebracht. In den dortigen Tanzhäusern dienen sie den spitzbübischen Wirthen und Dienstherren als Lockvögel, um den leichtsinnigen Matrosen, Goldgräbern und Bergleuten die vollen Taschen auszuleeren. Und aller Humbug der neuen Welt und alle Gaunerei der alten Welt wird dabei angewendet.

Aus den Mädchen haben bald Mißhandlungen und hitzige Getränke die letzten Reste von Scham hinausgetrieben. Und die meisten dieser leichtfertigen Geschöpfe geben sich von ganzem Herzen dem zuchtlosen Leben hin. Es muß übrigens ein schmähliches Gewerbe sein, denn keine Nation der Erde -- auch die gesunkenste nicht -- liefert Contingent dazu. Die Hurdy-Gurdy sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen.