Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe
Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.
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Hurdy-Gurdy.
Bilder aus einem Landgängerdorfe
von
Ottokar Schupp.
Bielefeld und Leipzig.
Verlag von Velhagen & Klasing.
1867.
I.
Das exercirende Ehepaar.
Ich hatte den Gipfel des Dachsbergs wieder erreicht und war somit in den Bezirk meines Kirchspiels eingetreten. Hier pflegte ich mich von dem ermüdenden Steigen zu erholen und einen kleinen Umblick zu halten. Denn die Aussicht von dort in die gesegneten Fluren der Wetterau, die einem weit und breit, umgränzt von den blauen Höhen des Vogelbergs, zu Füßen liegt, und in die vielen Dörfer, Städte und Burgen ist eine so reizende, daß man sich immer wieder gefesselt fühlt, wenn man sie auch schon hundert und tausendmal betrachtet hat.
Heute bedurfte ich der Ruhe mehr, als gewöhnlich, da ich von einer ziemlich weiten Fußtour zurückkehrte und die Sonne mit ihren heißen Glutblicken mir an dem langen Sommertage gehörig zugesetzt hatte. Ich suchte mir deshalb ein bequemes, schattiges Plätzchen im nahen Buchengehölz, und nachdem ich mir eine Cigarre angesteckt und meine müden Glieder behaglich auf dem schwellenden Moose ausgestreckt hatte, genoß ich mit allen Sinnen den herrlichen Abend, den Gott über das Land hereinsandte.
Die Cigarre schmeckte besser, als heute den ganzen Tag. Der kräftige Waldesduft stärkte die erhitzten Lungen und gab neuen Lebensmuth. Zu meinem besonderen Ohrenschmause schienen Finken und Drosseln einen kleinen Sängerkrieg veranstaltet zu haben. Das Auge hingegen ruhte vergnüglich auf der mit Schönheiten gesättigten Landschaft. Aber all' dieser beneidenswerthe Genuß konnte mich nicht der Art erfassen, daß nicht der müde Leib, durch die bequeme Lage verführt, in jenen träumerischen Halbschlummer gefallen wäre, der nur wenig bedurfte, um in festen Schlaf überzugehen.
Aus diesem süßen Hindämmern wurde ich durch Stimmen auf der Landstraße aufgeschreckt. Es war sonderbarer Weise ein militärisches Commando, was ich hörte. Ich glaubte anfangs noch zu träumen. Denn wie kam hier Militär her? hier auf die einsame Gränze? -- Sollte eine Räuberbande entdeckt worden sein? Sollte der Schmuggel eine solche Ausdehnung gewonnen haben, daß man Militär requirirt hatte? -- daß sich dieselben Scenen wiederholten, wie etwa vor vierzig Jahren, wo auf der nämlichen Stelle ein furchtbares Gemetzel mit den Schmugglern stattfand? Ich verwarf bald diese Gedanken, die mir nur so durch den Kopf schossen, als zu abenteuerlich. Und doch hörte ich jetzt ganz deutlich durch den Wald hin: »Bataillon halt! Gewehr ab! Auf der Stelle ruht!« -- Freilich vernahm ich nicht das Aufstampfen der Füße, das Rasseln der Gewehrkolben. Aber jetzt hieß es wieder: »Bataillon Achtung! Gewehr auf! Vorwärts marsch!«
Ich war neugierig geworden und schob die Zweige auseinander, um besser die Straße überblicken zu können und sah dann zu meinem Erstaunen nichts weiter, als einen Mann und eine Frau in der üblichen Landestracht, die jetzt ganz in meine Nähe gekommen waren.
Von ihnen mußten die Stimmen herrühren. Und so war es auch. Ich bemerkte es nun ganz deutlich. -- Der Mann, obwohl er nur im Kittel war, wußte sich eine Würde zu geben, wie sie nur ein Unteroffizier zu haben vermag. Wie warf er sich in die Brust -- wie legte er das Gesicht in gemessene, gewichtige Falten, wenn er das Commandowort aussprach! Leicht voltigirte er neben der Frau her, die groß, stramm und strack, wie Frankreichs erster Grenadier dahergeschritten kam, die eine Hand fest angepreßt an den kurzen Unterrock, in der andern eine lange Stange mit eisernem Haken statt des Gewehrs haltend, den Kopf hoch aufgerichtet, aber nur mit einem kleinen Hessenhäubchen bedeckt, statt mit einem Czako oder Helm. Ich hätte herzlich lachen mögen, so komisch war das Alles. Und doch lachte ich nicht. Die Frau that mir so leid.
Ich kannte die Leute. Sie waren aus meinem Kirchspielsdorf. Es war ein verdorbener Schneider, Namens +Heimerdinger+ und seine Frau.
Das Sitzfleisch hatte ihm gefehlt, wie so vielen dieser beweglichen Naturen, und er hatte deshalb sein Handwerk aufgegeben. Um seiner finanziellen Lage aufzuhelfen, war er mit Weib und Kind in's Ausland gezogen und hatte sich besonders im Oestreichischen umhergetrieben, Alles angreifend und probirend, aber ohne Geduld und Erfolg. Abwechselnd wirkte er bald als Hausknecht, bald als Gärtner, bald als Schornsteinfeger, bald als Bretzeljunge; zuletzt wurde er Hanswurst bei einer Seiltänzerbande und dann noch gar Schauspieler bei einer umherziehenden Truppe. Viel heimgebracht hatte er nicht. Aber Eins hatte er draußen gelernt und das verstand er jetzt aus dem Fundamente: das Schnapstrinken. Und so war bald der Rest des Vermögens durch die Gurgel gejagt: zuerst ein Acker nach dem andern und zuletzt wurde das Häuschen, worin sie noch wohnten, über und über verpfändet. Um sich das Nöthigste zu erwerben, hatte er jenen leidigen Ernährungszweig ergriffen, wie so viele Arme und Heruntergekommene aus dem Dorfe, daß er mit Frau und Tochter, jedes mit einem eisernen Haken versehen, um die Aeste herunterzureißen, täglich in die weiten Gebirgswaldungen zog, eine tüchtige Partie dürren Holzes zusammenstahl und dieses in der eine Stunde entfernten Stadt verkaufte. Was er erlöste, vertrank er. Was Frau und Tochter verdienten, davon wurde die Haushaltung bestritten.
Die Frau dagegen war mir in jeder Hinsicht ein Räthsel. Sie war durchaus kein gewöhnliches Weib. Schon ihre körperliche Erscheinung bekundete dieses. Mit ihrer hohen, majestätischen Gestalt und ihrem schönen feinen Gesicht hätte sie in andrer Kleidung und in anderen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade Aufsehen erregt, doch imponirt und wäre nicht unbeachtet geblieben. Aber wie ihr Auftreten nicht harmoniren wollte mit ihrer Beschäftigung, so paßte auch ihre Sprache nicht dazu. Denn diese war edel und verrieth Bildung und Belesenheit, so daß man leicht zu der Vermuthung kommen konnte, sie sei kein Dorfkind, sondern eine Dame von Stand wäre durch ganz außerordentliche Begebenheiten in diese Verhältnisse gekommen. Ich dachte anfangs, es sei Alles nur äußerer, glänzender Firniß, angelerntes Wesen. Inwendig sei sie so gemein und niedrig gesinnt, wie die Andern. Denn ein gebildetes Weib kann sich selbst in der größten Noth kaum an solcher elenden und schmachvollen Ernährungsart betheiligen. Es kann aber absolut einen solchen Mann nicht achten und noch weniger sich den so excentrisch tollen Launen seines trunkenen Muthes fügen, die es selbst der Lächerlichkeit preisgeben.
Doch dagegen sprach gar Mancherlei. Ihre stille und nachdenkliche Art, womit sie dem Treiben des Dorfs auswich und sich abschloß; ihre Klugheit, da sie mit den beschränktesten Mitteln eine ganz schöne Haushaltung führte; ihr Schönheitssinn, denn ihr Gärtchen war stets am zierlichsten und in ihrem Zimmerchen sah es immer nett und behaglich aus; die Weise, wie sie ihre Kinder erzog, indem diese nicht blos ständig reinlich und hübsch gekleidet gingen, sondern auch so etwas Vornehmes in ihrem ganzen Wesen hatten, -- eine ganz andere Art zu denken und zu fühlen, als die übrigen Dorfkinder.
Und so war es mir wie eine Ahnung, diese unbedingte Fügsamkeit und dieses Hergeben zu den niedrigsten Beschäftigungen sei nichts Anderes, als strenge Buße, welche sie sich für ein vergangenes sündiges Leben auferlegt hatte. Wenn es aber wirklich Buße war, so fehlte ihr jedenfalls die rechte Weihe des Glaubens. Denn es war dabei etwas so Verbittertes, Stolzes, Abstoßendes in ihr, daß Niemand sich in ihrer Nähe wohl fühlte. Und seit sie den Plan gehabt hatte, ein Geschäft zu gründen und sich durch ihre nicht geringe Geschicklichkeit in weiblichen Handarbeiten zu ernähren und die ganze Anlage mißglückt war, war sie noch stolzer und herber geworden. Ich war noch liegen geblieben, bis das seltsame Paar eine Weile fort war. Als ich mich aber endlich von meinem königlichen Lager erhob, traf ich gerade mit einer Schaar Leute zusammen, die ich alsbald für lauter heimkehrende Holzhändler der eben beschriebenen Sorte erkannte. Da war vor Allen der Nestor dieser Helden des Holzfrevels und des Amtsgefängnisses »+der Maulwurf+«, ein alter verwetterter Gesell, der schon von Jugend auf unverdrossen dieses Geschäft trieb, weil er zu jedem andern als untauglich erfunden worden war. Ich weiß nicht, ob er diesen ehrenden Beinamen deshalb erhalten hatte, weil er eine besondere Geschicklichkeit besaß, Höhlen und Löcher aufzusuchen und sich darin zu vergraben und den nachstellenden Förstern und Holzschlägern zu entgehen, oder weil er die Gewohnheit hatte, Alles, was er verdiente, in Speise umzuwandeln, um seinen breiten, liebenswürdigen Mund damit zu füttern, oder gar wegen der wulstigen, aufgeworfenen Lippen. Das ist aber gewiß, wenn er über einen gefüllteren Geldbeutel hätte verfügen können, er wäre einer der ausgemachtesten und renommirtesten Feinschmecker geworden; so blieb er nur ein besonderer Liebhaber von Weißbrod, Kuchen, frischer Leberwurst und Kartoffelsalat mit Speck.
Da war weiter »+das Käschen+«, ein spitzer, kleiner Geselle, die dürre Gestalt ganz in englisches Leder gehüllt. Er gab gewiß in der Klugheit dem vielgewanderten Odysseus nichts nach, denn er hatte aus lauter Klugheit sein schönes Vermögen verloren. Aus lauter Klugheit ging er nie die offene Straße, sondern stets die Schleichwege, er kam nie die Vorder-, sondern stets die Hinterthüre herein. Ein ehrlicher Handel war ihm ein Gräuel. Dagegen in alle Stänkereien und schlechte Geschichten der ganzen Gegend war er verwickelt, hatte aber auch meistens den Schaden zu tragen. Und während alle Welt glaubte, er müsse im Geld sitzen bis über die Ohren, machte er plötzlich Bankerott. Natürlich war es ein betrügerischer, aber es half ihm doch nichts. Jetzt wandte er hauptsächlich seine Klugheit dazu an, um Käse zu erlangen, der eine leidenschaftliche Liebhaberei von ihm war, und den Wächter des Amtsgefängnisses zu betrügen. Denn jedes Vierteljahr wurde beim Amte große Abrechnung gehalten und da mußten die Herren Holzhändler die verschiedenen Holzfrevel absitzen, wobei sie erwischt worden waren. Im Amtsgefängniß war aber besonders »das Rauchen und Kartenspielen« verboten und der Wächter wachte mit Argusaugen. Aber Käschen-Odysseus wußte Pfeife, Tabak und Karten dennoch hinein zu schmuggeln. Eine brennende Pfeife gab er ab, sagte aber dem arglosen Wächter nicht, daß er eine andere im Strumpfe bei sich führe. Den Tabak hatte er in einem Töpfchen, worüber Käsematten gebreitet waren und die Karten waren in das Futter seiner Mütze eingenäht. -- Eigentlich die hervorragendste Gestalt unter den Männern war der schwarzbärtige, große Mann, der um eines Hauptes Länge über die ganze Gesellschaft hinaussah: »+Der Herr Baron+«. Er war in seiner Blüthenzeit ein Hauptschwindler gewesen, der bald die Rolle eines russischen Grafen, bald die eines englischen Lords spielte und sich Tausende erschwindelte. In einem amerikanischen Gefängniß hatte er »+die Rothe+« kennen gelernt, und war er schlau, sie war noch schlauer, und war er stolz, sie hat ihn klein gekriegt. Jetzt war er nur noch eine Ruine, ein gebrochner, blöder Mensch.
Doch wo der Ruhm so manches Anderen gemeldet wird, darf ich auch Deiner nicht vergessen, edler »+Heckenkonrad+!« Denn wenn Du auch nicht gerade der Reinste in Gesicht, Händen und Kleidung warst, so warst Du doch der Unschuldigste von ihnen. -- Der dicke Kopf und der stiere Blick des Heckenkonrad verrieth sofort den Cretin. Und doch hatte ihm einst der Gemeindevorstand die Heirathserlaubniß ertheilt. Aber, als er sich die nöthigen Papiere und den Proklamationsschein auf dem Amt geholt hatte und er sie triumphirend unter seiner Kappe heimtrug, kam ein großer Wind und jagte Kappe und Papiere in den Bach. Die Kappe bekam er wieder, aber die Papiere rissen die Wellen mit sich fort. Wenn man ihn jetzt noch fragt: »Konrad, warum hast Du nicht geheirathet?« ist seine ständige Antwort: »das Glück ist mir fortgeflogen.« Aber noch immer sammelt er für seine künftige Heirath und nähet jeden Kreuzer, den er verdient, in das Futter seiner Hosen. Es mögen zwar diese Schilderungen den Leser ein wenig ermüden, aber es wäre doch unartig, die Damen ganz zu übergehen. Zumal darf »+die Florentine+« oder auch sonst »+die Speckdine+« genannt, nicht übergangen werden. Dazu wäre sie auch etwas zu groß, (denn sie mißt wohl eher etwas über als unter sechs Fuß) und die wasserblauen Augen zu schmachtend und der spitze Mund zu süß. Freilich thut die Magerkeit ihrer Liebenswürdigkeit etwas Eintrag. Ihr Fuß ist etwas sehr groß und breit, ihre Schultern etwas sehr schmal, ihr Hals etwas sehr lang und ihr Köpfchen etwas sehr klein, und nun hat sich auch ein Zöpfchen losgemacht, und der Wind treibt es hin und her. Sie hat früher ihre Nachtigallenstimme neben einer Orgel ertönen lassen und in ihre süßen Flötentöne mischte sich melodisch der dumpfe Baß ihres Geliebten. Aber der Geliebte verließ sie, und sie mußte einsam wandern mit der Harfe. Sie legte nun allen Schmerz getäuschter und alle Sehnsucht hoffnungsloser Liebe in ihre Lieder und stimmte andere schöne Seelen zu gleichem Schmerz, zu gleicher Sehnsucht. Aber die Harfe ward verstimmt und der Schmerz vertrocknete und die Einnahmen versiegten. Sie mußte Holzhändlerin werden. Aber noch immer sind ihre Augen schmachtend, und Abends in der Dämmerung singt sie zur Harfe.
Neben ihr ging »+das Schnuckeschen+«, eine alte Flamme »des Maulwurfs«. Die Zeit, die Alles verzehrt, hatte ihr nur noch einen Zahn gelassen. Dafür hatte sie ihr in den alten Tagen einen üppigen Bartwuchs gegeben, zum Theil um das Kinn, aber auch zum Schrecken der Menschheit auf der Nase, um eine breite rothe Warze herum. Ihre tückischen, kleinen Augen, ihr verschrumpftes Gesicht und ihre hohe Schulter vermehrten nicht grade die Schönheit, doch soll sie, als »der Maulwurf« sie »Schnuckeschen« nannte, etwas reizender gewesen sein.
Etwas zurückgeblieben war »+die Rothe+«, nach Zigeunerart ein Kind auf dem Rücken und einen Rothkopf an der Hand. Sie war, wie ihr geduldiger Eheherr sagte, »etwas rasch mit dem Maul« und manchmal wäre sie, meinte er, doch »etwas gar scharf«. In Wirklichkeit galt aber von ihr, was der ungerechte Richter im Evangelio von sich rühmt: sie fürchtete Gott nicht und scheute sich vor keinem Menschen. Zucht und Scham hatte sie schon als Tanzmädchen in Californien gelassen und sah auch jetzt noch dieselben als etwas höchst Ueberflüssiges, ja Störendes an. Ein Schwarzwälder Uhrenhändler sagte mir einst: »Ich verkaufe schon dreißig Jahre Uhren und bin in aller Herren Länder gekommen und habe in viele Haushaltungen geblickt und weiß der Himmel! viel Frauen kennen gelernt. Lange habe ich die Lügengreth' von Niederallendorf für die Schlimmste gehalten, aber fürwahr, vor »der Rothen« müßte die klein beigeben. Das ist ja ein wahrer Satan. Ich glaube, vor der müßte der Gottseibeiuns selber die Segel streichen.« -- Neben her trabte »+der junge Maulwurf+«, baarhäuptig und baarfüßig, mit Aermeln so blank, wie weiland der Spiegelschwab, die verrätherische Warze auf der Nase und den Wurstlippen.
Das war die ehrenwerthe Gesellschaft, zu der ich jetzt trat. Aber in ihrer Mitte schritt ein wirklich liebliches Mädchen, ein Bild von Schönheit, Gesundheit und unverdorbener Jugendkraft. Mit ihren hellen blauen Augen, ihren langen, blonden Zöpfen, ihrem hohen zierlichen Wuchs und dem ächt jungfräulichen Wesen, was über ihre ganze Erscheinung ausgegossen war, bildete sie einen solchen Gegensatz gegen diese unsauberen, verkommenen Gestalten, daß man denken mußte: »Sie ist nicht in dem Thal geboren«, ein andrer Boden hat sie erzeugt, eine andere Sonne sie beschienen.
Es war +Babette+, die Tochter des versoffenen Schneiders Heimerdinger. Aber es war nicht blos ein schönes Mädchen, sondern auch edel und hoch begabt und von einer kindlichen Frömmigkeit. Ich kannte sie noch aus der Schule und der Confirmandenstunde her.
Ich war ein Stück Wegs mit ihnen gegangen, hatte einige gleichgültige Worte mit ihnen gewechselt und wollte eben voraus eilen, als Heimerdinger und seine Frau zu uns stießen, die an einer Waldecke auf uns gewartet hatten. Er spielte jetzt nicht mehr den Unteroffizier, sondern den stolzen Spanier, der mit seiner Sennora am Arm, jeder Zoll ein Cavalier, auf uns zugeschritten kam. Seine Frau schämte sich und wollte sich losmachen. Aber er duldete es durchaus nicht, sondern trat auf mich zu und redete mich leicht und vornehm an, indem er seinen Schnurrbart drehte: »Eine Reise gemacht, Herr Pfarrer? Hm -- Bin früher auch gereist. Hab's jetzt aufgegeben. Man wird alt, Herr Pfarrer, man wird alt. Denke jetzt oft an die Reise in die Ewigkeit. Sind ja hier nur Fremdlinge und Pilgrime. Haben keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir. Spreche als manchmal, wie Paulus sprach: Habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.«
»Lästert nicht, Heimerdinger«, entgegnete ich ernst, »Gott läßt sich nicht spotten.«
»Herr Pfarrer! Ich werde verkannt. Alles verkennt mich. Mein Weib verkennt mich, meine Kinder verkennen mich. Sie verkennen mich auch. Ich habe ein butterweiches Herz und kann durchaus die Sünde nicht leiden. Wie oft sprach ich zu dem Maulwurf: »Alter! Alter! Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken« und zu dem Baron: »Die sich selbst erhöhen, werden erniedrigt werden, und Hochmuth kommt vor dem Fall.« Sie meinen mit Ihrem Schelten gewiß den Branntwein, Herr Pfarrer! Ich weiß es. Sehen Sie, das hat seine eigene Bewandtniß. Alles hat seine zwei Seiten, nur die Buchecker hat ihrer drei. Und prüfet Alles; aber das Gute behaltet, spricht Paulus. Ich trinke gern Branntwein, das ist wahr; aber ich trinke auch gern Wein. Nun läßt unser Herr Gott für jeden Menschen seinen Theil Wein wachsen, hat mir einmal ein alter Mönch in Ungarn gesagt. Ich bekomme aber meinen Wein nicht. Und der Mensch hat doch Durst. So trinke ich als Branntwein. Und weil der Andere mir meinen Wein trinkt, so trinke ich seinen Branntwein und das von Rechtswegen. -- Doch nun muß ich eins singen: Sie erlauben es, Herr Pfarrer! --
Der Branntewein, der Branntewein! Das ist so mein Vergnügen. Da saug' ich frisches Leben ein In langen, langen Zügen. Gluck, Gluck, Gluck, Gluck, Gluck. Des Morgens, wenn ich früh aufsteh', Thu ich mein Gläschen trinken, Und wo ich bin und wo ich geh' --
Herr Pfarrer! die Babette zupft mir fast den Kittel vom Leib und stört meinen Gesang. Sie ist ihrer Kindespflichten durchaus nicht eingedenk. Ich werde ihr wohl eine kleine Ermahnung geben müssen. Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen, heißt es, und: Ehre Vater und Mutter, auf daß dir es wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Jetzt hast du Deines alten Vaters ganze Gesangesfreude vernichtet. Nun zieht die Sorge wieder in meine Brust, wie ich Euch ernähren sollte und nicht ernähren kann. O, ich möchte weinen!« Und damit liefen ihm wirklich die hellen Thränen die Backen herunter, zum lauten Gelächter seiner ganzen Umgebung. Ich aber war froh, daß wir in den Bereich des Dorfes gekommen waren und eilte auf einem näheren Pfade meiner Wohnung zu.
II.
Der verhängnißvolle Brief.
Des andern Morgens kam die alte +Balzerswäs+ zu mir, beiläufig bemerkt: die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. Sie hatte etwas Wichtiges, denn sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze an und machte mir einen Teller voll rother Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung über das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich heraus.
Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« in J. gewesen, um ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte so lange Jahre immer die Lehrer in Kost und Logis gehabt, daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer ihrer Söhne sich auch dem Lehrerstande widme.
Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr ermüdet, wie sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen gesäumt. Und des andern Morgens lag sie noch in guter Ruhe, als ihr Sohn schon wieder »auf das Seminario« mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell herausgemacht. Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu thun wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, wurden auch alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück nach dem andern vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche Mutter mußte sie Alles wissen und kennen, was ihren Sohn anging. So hatte sie auch eine Weste in die Hand bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in dem schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr leid gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne Brille konnte sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte sie doch nicht ruhen lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und sich an's Fenster gestellt und endlich nach langem Buchstabiren die Unterschrift herausgebracht. Sie wollte aber ihren Augen nicht trauen, denn die lautete höchst sonderbar: +Deine Dich bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger+. Da war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als an des versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber erst so recht klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes erinnerte, über das ihr jetzt erst ein Licht aufging, wurde es ihr bald heiß, bald kalt und sie meinte, sie bekäme das Gallenfieber. Sie konnte es kaum erwarten, bis ihr Sohn heimkam. Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn, sie hätte es ihm tüchtig gesagt. --
»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte nicht an Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« --
»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und um es noch kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche Rede keinen Erfolg gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues Haupt und sprach mehrmals hintereinander: »Nein, er gab sich nicht -- nein, er gab sich nicht. Er sagte, er würde nicht von dem Mädchen lassen und wenn wir ihn enterbten. Nur der Tod könne sie scheiden.«
Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde in einen Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen Schürze abwischte.
Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den Brief, dessen sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! Da können Sie sehen, was das heilige Babettchen für ein sauberes Mensch ist! Wenn Gerechtigkeit wäre, müßte solch' eine Verführerin in das Zuchthaus.«