Hunger

Part 9

Chapter 93,923 wordsPublic domain

Ohne weiteres gehe ich ins Oplandske und suche meinen jungen Bekannten von der Bank, um mir zehn Öre für eine Kerze zu verschaffen. Man ließ mich ungehindert durch alle Zimmer gehen. Ich kam an einem Dutzend Tische vorbei, an denen plaudernde Gäste saßen und aßen und tranken, ich drang bis zum Ende des Cafés vor, bis in das Rote Zimmer, ohne meinen Mann zu finden. Flau und ärgerlich verzog ich mich wieder auf die Straße und ging in der Richtung zum Schlosse weiter.

War es nun nicht auch um zum Teufel zu fahren, daß meine Widerstände kein Ende nehmen wollten! Mit langen wütenden Schritten, den Rockkragen brutal in den Nacken heraufgeschlagen und die Hände in den Hosentaschen geballt, ging ich und schimpfte während des ganzen Weges auf meinen unglücklichen Stern. Seit sieben, acht Monaten nicht eine einzige wirklich sorgenfreie Stunde, keine einzige kurze Woche das nötigste Essen, -- nun zwang die Not mich abermals auf die Knie. Bei alledem war ich tätig gewesen und mitten in allem Elend ehrlich geblieben, ehrlich, hehe, bis zum alleräußersten! Gott bewahre mich, wie närrisch war ich gewesen! Und ich erzählte mir selbst, wie ich sogar ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, weil ich einmal Hans Paulis Decke versetzen wollte. Ich lachte höhnisch über meine zarte Rechtschaffenheit, spuckte verächtlich auf die Straße und fand kein Wort, das stark genug war, mich wegen meiner eigenen Dummheit zum Narren zu halten. Das sollte nur jetzt sein! Fände ich in diesem Augenblick den Sparpfennig eines Schulmädchens auf der Straße, den einzigen Ör einer armen Witwe, ich würde ihn aufheben und ihn in die Tasche stecken, ihn mit bestem Gewissen stehlen und danach die ganze Nacht wie ein Stein schlafen. Nicht umsonst hatte ich für nichts und wieder nichts so unsäglich viel gelitten, meine Geduld war zu Ende, ich war zu allem bereit, was es auch sein mochte.

Ich ging drei, vier Mal ums Schloß, faßte darauf den Entschluß, heimzugehen, machte noch einen kleinen Abstecher in den Park und nahm endlich den Weg durch die Karl Johanstraße zurück.

Es war ungefähr elf Uhr. Die Straße war ziemlich dunkel und überall wanderten Menschen umher, stille Paare und lärmende Scharen. Die große Stunde war da, die Paarungszeit, in der geheime Dinge geschehen und die frohen Abenteuer beginnen. Raschelnde Mädchenröcke, das eine und andere kurze sinnliche Lachen, wogende Brüste, heftige, keuchende Atemzüge; weit unten beim Grand ruft eine Stimme: Emma! Die ganze Straße war ein Sumpf, aus dem heiße Dämpfe aufstiegen.

Unwillkürlich durchsuche ich meine Taschen nach zwei Kronen. Die Leidenschaft, die in jeder Bewegung der Vorübergehenden zittert, sogar das dunkle Licht der Gaslaternen, die stille, schwangere Nacht, alles zusammen beginnt mich anzupacken, diese Luft, die erfüllt ist von Flüstern, Umarmungen, bebenden Geständnissen, halb ausgesprochenen Worten, kleinen Seufzern. Einige Katzen lieben sich mit hohen Schreien im Tor von Blomquist. Und ich hatte keine zwei Kronen! Es war ein Jammer, ein Elend ohnegleichen, so verarmt zu sein! Welche Demütigung, welche Entehrung! Und wieder fällt mir das letzte Scherflein der armen Witwe ein, das ich gestohlen hätte, die Mütze oder das Taschentuch eines Schulknaben, eines Bettlers Brotsack, die ich ohne Umstände zum Lumpensammler gebracht und den Erlös dann verpraßt hätte. Um mich zu trösten und mich schadlos zu halten, fing ich an, an diesen frohen Menschen, die an mir vorbeiglitten, alle möglichen Fehler aufzusuchen, ich zuckte zornig mit den Schultern und sah sie geringschätzig an, wie sie, Paar auf Paar, an mir vorbeizogen. Diese genügsamen, Süßigkeiten naschenden Studenten, die glaubten, europäisch ausschweifend zu sein, wenn sie einem Nähmädchen auf die Brust patschten! Diese Stutzer, Bankleute, Großhändler, Boulevardlöwen! Nicht einmal die Seemannsfrauen und dicken Weiber vom Kutorv, die für ein Seidel Bier im ersten besten Torweg umfielen, verschmähten sie! Welche Sirenen! Der Platz an ihrer Seite war noch warm von der vergangenen Nacht, die sie mit einem Feuerwehrmann oder mit einem Stallknecht verbracht hatten, der Thron war immer frei, gleich weit geöffnet, bitte sehr, steigen Sie hinauf!.... Ich spuckte weit über das Pflaster, ohne mich darum zu kümmern, ob ich jemand treffen könnte, war wütend, erfüllt von Verachtung für diese Menschen, die sich aneinander rieben und sich vor meinen Augen paarten. Ich erhob den Kopf und fühlte mich erhaben und gesegnet, weil ich auf reinen Wegen wandeln durfte.

Am Stortingsplatz traf ich ein Mädchen, das mich starr ansah, als ich an ihre Seite kam.

Guten Abend! sagte ich.

Guten Abend! Sie blieb stehen.

Hm. Ob sie so spät noch spazieren gehe? War es denn nicht ein wenig gefährlich für eine junge Dame, um diese Tageszeit auf Karl Johan zu gehen! Nicht? Ja, aber wurde sie denn niemals angesprochen, belästigt, ich meine, gerade herausgesagt, gebeten mit nach Hause zu kommen?

Sie starrte mich verwundert an, forschte in meinem Gesicht, was ich wohl damit meinen könnte. Dann schob sie plötzlich die Hand unter meinen Arm und sagte:

Also gehen wir!

Ich ging mit. Als wir einige Schritte an den Droschken vorbei waren, hielt ich an, machte meinen Arm frei und sagte:

Höre, mein Kind, ich besitze nicht einen Ör. Und ich schickte mich an, meines Weges zu gehen.

Im ersten Augenblick wollte sie mir nicht glauben; aber nachdem sie alle meine Taschen durchsucht und nichts gefunden hatte, wurde sie ärgerlich, schüttelte den Kopf und nannte mich einen Stockfisch.

Gute Nacht! sagte ich.

Warten Sie ein wenig! rief sie. Ist das eine Goldbrille, die Sie tragen?

Nein.

Dann scheren Sie sich zum Teufel!

Und ich ging.

Gleich darauf kam sie mir nachgelaufen und rief mich wieder.

Sie können trotzdem mitkommen, sagte sie. Ich fühlte mich von diesem Angebot einer armen Straßendirne gedemütigt und sagte Nein. Es sei außerdem spät in der Nacht, und ich hätte noch eine Verabredung; sie könne sich auch solche Opfer nicht erlauben.

Doch, jetzt _will_ ich Sie mit mir haben.

Aber ich gehe auf diese Art nicht mit.

Sie wollen natürlich zu einer anderen, sagte sie.

Nein, antwortete ich.

Ach, ich hatte nicht mehr das richtige Zeug in mir. Mädchen waren für mich beinahe wie Männer geworden, die Not hatte mich ausgedörrt. Ich hatte das Gefühl, daß ich mich dieser aparten Dirne gegenüber in einer jämmerlichen Lage befand und beschloß, den Schein zu retten.

Wie heißen Sie? fragte ich. Marie? Na! Hören Sie nun zu, Marie! Und ich erklärte ihr mein Betragen. Das Mädchen wurde immer erstaunter. Ob sie also geglaubt habe, daß auch ich einer von denen sei, die an den Abenden auf die Straßen gingen und kleine Mädels kaperten? Ob sie wirklich etwas so Schlechtes von mir geglaubt habe? Hatte ich vielleicht zu Beginn etwas Unartiges zu ihr gesagt? Betrug man sich so wie ich, wenn man etwas Böses vor hatte? Kurz und gut, ich habe sie angesprochen und sei ein paar Schritte mit ihr gegangen, um zu sehen, wie weit sie es treiben würde. Übrigens sei mein Name der und der, Pastor so und so. Gute Nacht! Gehe hin und sündige nicht mehr.

Damit ging ich.

Entzückt über meinen guten Einfall rieb ich mir die Hände und sprach laut mit mir selbst. Welche Freude war es doch, umherzugehen und gute Werke zu tun! Vielleicht hatte ich diesem gefallenen Geschöpf einen Anstoß zur Besserung für das ganze Leben gegeben! Und sie würde das anerkennen, wenn sie sich darauf besänne, sich sogar in ihrer Todesstunde, das Herz voll Dank, meiner erinnern. Oh, es lohnte sich trotzdem, ehrlich zu sein, ehrlich und rechtschaffen! Meine Laune war strahlend, ich fühlte mich frisch und mutig zu allem, was es auch sein mochte. Wenn ich nur ein Licht hätte, dann könnte ich vielleicht meinen Artikel fertig schreiben! Ich ging und schlenkerte mit meinem neuen Torschlüssel, summte, pfiff und sann darüber nach, wie ich mir Kredit verschaffen konnte. Es blieb nichts anderes übrig, ich mußte meine Schreibsachen herunterholen, auf die Straße heraus, unter die Gaslaterne. Und ich öffnete das Tor und ging hinauf, um meine Papiere zu holen.

Als ich wieder herunterkam, schloß ich das Tor von außen zu und stellte mich in den Lichtschein. Es war überall still, ich hörte nur den schweren, klirrenden Schritt eines Schutzmannes unten in einer Querstraße, und weit weg, in der Richtung von St. Hanshaugen, einen bellenden Hund. Nichts störte mich, ich zog den Rockkragen über die Ohren und begann aus allen Kräften zu denken. Es würde mir großartig weiterhelfen, wenn ich so glücklich wäre, den Schluß dieser kleinen Abhandlung zustande zu bringen. Ich befand mich eben an einem etwas schwierigen Punkt, es sollte ein ganz unmerklicher Übergang zu etwas Neuem kommen, darauf ein gedämpftes, gleitendes Finale, ein langes Knurren, das zuletzt in einer Klimax enden sollte, so steil, so aufwühlend, wie ein Schuß oder wie der Krach eines berstenden Felsens. Punktum.

Aber die Worte wollten mir nicht einfallen. Ich las das ganze Stück von Anfang an durch, las jeden Satz laut, konnte aber meine Gedanken durchaus nicht zu dieser berstenden Klimax sammeln. Während ich dastand und daran arbeitete, kam obendrein der Schutzmann, stellte sich ein Stück weit von mir entfernt mitten in der Straße auf und verdarb meine ganze Stimmung. Was ging es nun ihn an, daß ich in diesem Augenblick dastand und an einer ausgezeichneten Klimax zu einem Artikel für den „Kommandeur” arbeitete? Herrgott, es war rein unmöglich, mich über Wasser zu halten, was ich auch versuchte! Ich stand eine ganze Stunde da, der Schutzmann ging seines Weges und die Kälte wurde zu groß, um ruhig stehen zu bleiben. Mutlos und verzagt über diesen neuen vergeblichen Versuch öffnete ich endlich wieder das Tor und ging in mein Zimmer hinauf.

Es war kalt da oben, und ich konnte in dieser dicken Finsternis kaum mein Fenster sehen. Ich tastete mich zum Bett vor, zog die Schuhe aus und wärmte meine Füße zwischen den Händen. Dann legte ich mich nieder -- so wie ich es seit langer Zeit zu tun pflegte, ganz einfach wie ich ging und stand, in allen Kleidern.

* * * * *

Sobald es am nächsten Morgen hell wurde, setzte ich mich im Bett auf und nahm meinen Artikel wieder in Angriff. In dieser Stellung saß ich bis zum Mittag und hatte dann ungefähr zehn, zwanzig Zeilen zustande gebracht. Und ich war noch nicht zum Finale gekommen.

Ich stand auf, zog die Schuhe an und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, um warm zu werden. Auf den Fensterscheiben lag Eis; ich sah hinaus, es schneite, unten im Hinterhof lag eine dicke Schicht Schnee auf dem Pflaster und auf dem Pumpbrunnen.

Ich kramte im Zimmer umher, ging willenlos auf und ab, kratzte mit den Nägeln an der Wand, legte meine Stirne vorsichtig an die Türe, klopfte mit dem Zeigefinger auf den Boden und horchte aufmerksam, alles ohne irgendeinen Sinn, sondern still und nachdenklich, als hätte ich eine wichtige Sache vor. Und dabei sagte ich ein über das andere Mal laut, so daß ich es selbst hörte: Aber, du guter Gott, das ist doch Wahnsinn! Und so trieb ich es ununterbrochen weiter. Nach Verlauf langer Zeit, vielleicht einiger Stunden, nahm ich mich fest zusammen, biß mich in die Lippe und straffte mich auf, so gut ich konnte. Es mußte ein Ende haben! Ich suchte einen Splitter, um darauf zu kauen, und setzte mich entschlossen wieder zum Schreiben hin.

Ein paar kurze Sätze kamen mit großer Mühe zustande, ein Dutzend ärmlicher Worte, die ich mir mit Gewalt abrang, um nur überhaupt vorwärts zu kommen. Dann hielt ich an, mein Kopf war leer, ich konnte nicht mehr. Und da ich durchaus nicht mehr weiterkommen konnte, starrte ich mit weit offenen Augen auf diese letzten Worte, diesen unbeendeten Bogen, gaffte diese seltsamen zitternden Buchstaben an, die mich vom Papier aus wie kleine stachelige Figuren anstarrten, und zuletzt begriff ich das Ganze nicht mehr, ich dachte an nichts.

Die Zeit verging. Ich hörte den Verkehr auf der Straße, den Lärm von Wagen und Pferden. Jens Olais Stimme stieg aus dem Stall zu mir herauf, wenn er mit den Pferden schwätzte. Ich war ganz schläfrig, saß da und schmatzte ein wenig mit dem Mund, tat aber sonst gar nichts. Meine Brust war in einer traurigen Verfassung. Es begann zu dämmern, ich fiel immer mehr zusammen, wurde müde und legte mich auf das Bett zurück. Um meine Hände ein wenig zu wärmen, strich ich mit den Fingern durch das Haar vor und zurück, kreuz und quer; es gingen kleine Zotteln mit, losgelöste Büschel, die sich zwischen die Finger legten und auf das Kopfkissen fielen. Ich dachte nichts dabei, es war, als ginge es mich nichts an, ich hatte auch noch genug Haare. Ich versuchte wieder, mich aus dieser seltsamen Betäubung aufzurütteln, die mir wie ein Nebel durch alle Glieder glitt, setzte mich aufrecht, schlug mir mit der flachen Hand auf die Knie, hustete, so fest es meine Brust zuließ -- und fiel wiederum zurück. Nichts half. Ich starb mit offenen Augen hilflos dahin, geradeaus auf die Decke starrend. Zuletzt steckte ich den Zeigefinger in den Mund und sog daran. In meinem Gehirn begann sich etwas zu rühren, ein Gedanke, der sich da drinnen hervorarbeitete, ein ganz toller Einfall: Wenn ich nun zubiß? Und ohne mich einen Augenblick zu bedenken, kniff ich die Augen zu und schlug die Zähne zusammen.

Ich sprang auf. Endlich war ich wach geworden. Es sickerte ein wenig Blut aus dem Finger, und ich schleckte es immer wieder ab. Es tat nicht weh, die Wunde war auch nicht der Rede wert. Aber ich war mit einem Mal zu mir selbst gekommen, schüttelte den Kopf, ging zum Fenster und suchte nach einem Lappen für die Wunde. Während ich dastand und mich mit ihr beschäftigte, trat mir das Wasser in die Augen, ich weinte leise vor mich hin. Dieser magere, zerbissene Finger sah so traurig aus. Gott im Himmel, wie weit war es nun mit mir gekommen.

Die Dunkelheit wurde dichter. Vielleicht war es nicht unmöglich, daß ich mein Finale im Laufe des Abends fertig schreiben konnte, wenn ich nur eine Kerze hatte. Mein Kopf war wieder klar geworden, die Gedanken kamen und gingen wie gewöhnlich, und ich litt nicht sehr. Nicht einmal den Hunger fühlte ich so schlimm wie vor einigen Stunden, ich konnte gut bis zum nächsten Tag aushalten. Vielleicht gelang es mir, einstweilen eine Kerze auf Kredit zu bekommen, wenn ich in den Kramladen ging und meine Lage erklärte. Ich war so gut bekannt da unten; in guten Tagen, als ich noch Geld dazu besaß, hatte ich manches Brot in diesem Laden gekauft. Ohne Zweifel würde ich auf meinen ehrlichen Namen eine Kerze bekommen. Und zum ersten Mal seit langer Zeit raffte ich mich dazu auf, meine Kleider ein wenig zu bürsten und die losen Haare auf meinem Rockkragen zu entfernen, soweit sich dies in der Dunkelheit machen ließ. Dann tastete ich mich die Treppe hinunter.

Als ich auf die Straße kam, bedachte ich, ob ich nicht vielleicht lieber ein Brot verlangen solle. Unentschlossen blieb ich stehen und grübelte darüber nach. Auf keinen Fall! antwortete ich mir endlich selbst. Ich war leider nicht in dem Zustand, daß ich nun Nahrung vertrug; die gleichen Geschichten würden sich wiederholen, mit Gesichten und Wahrnehmungen und wahnsinnigen Einfällen, mein Artikel würde niemals fertig werden, und es galt doch, zum „Kommandeur” zu kommen, bevor er mich wieder vergessen hatte. Auf gar keinen Fall! Und ich entschloß mich zu einer Kerze. Damit ging ich in den Laden.

Am Ladentisch steht eine Frau und macht Einkäufe; mehrere kleine Pakete, in verschiedene Sorten Papier gewickelt, liegen in meiner Nähe. Der Gehilfe, der mich kennt und weiß, was ich gewöhnlich kaufe, verläßt die Frau und packt ohne weiteres ein Brot in eine Zeitung und legt es vor mich hin.

Nein -- ich wollte heute abend eigentlich eine Kerze, sage ich. Ich sage das sehr leise und demütig, um ihn nicht ärgerlich zu machen und mir nicht die Aussicht auf die Kerze zu verspielen.

Meine Antwort kam ihm unerwartet, es war das erste Mal, daß ich etwas anderes als Brot von ihm verlangt hatte.

Ja, dann müssen Sie ein wenig warten, sagt er und wendet sich wieder zu der Frau.

Sie erhält ihre Sachen, bezahlt mit einem Fünfkronenschein, auf den sie herausbekommt, und geht.

Nun sind der Gehilfe und ich allein.

Er sagt:

Ja, Sie wollen also eine Kerze. Und er reißt ein Paket Kerzen auf und nimmt eine für mich heraus.

Er sieht mich an und ich sehe ihn an, ich kann meine Bitte nicht über die Lippen bringen.

Ach, richtig, Sie haben ja bezahlt, sagt er plötzlich. Er sagt einfach, daß ich bezahlt hatte; ich hörte jedes Wort. Und er beginnt das Silbergeld aus der Kasse herauszuzählen, Krone um Krone, blankes, fettes Geld -- er gibt mir auf fünf Kronen heraus, auf die fünf Kronen der Frau.

Bitte schön! sagt er.

Nun stehe ich da und sehe dieses Geld eine Sekunde lang an. Ich empfinde, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist, ich überlege nicht, denke an gar nichts, falle nur in Erstaunen über all diesen Reichtum, der vor meinen Augen daliegt und leuchtet. Und mechanisch streiche ich das Geld zusammen.

Ich bleibe vor dem Ladentisch stehen, dumm vor Verwunderung, geschlagen, vernichtet. Mache dann einen Schritt gegen die Türe und bleibe wieder stehen. Ich richte meinen Blick auf einen bestimmten Punkt an der Wand. Dort hängt eine kleine Glocke an einem Lederhalsband und darunter ein Bündel Schnüre. Und ich stehe da und starre diese Sachen an.

Der Gehilfe glaubt, ich will ein Gespräch anfangen, da ich mir soviel Zeit lasse und sagt, indem er einige Packpapiere ordnet, die auf dem Tisch umherliegen:

Es sieht aus, als wollte es nun Winter werden.

Hm. Ja, antworte ich, es sieht aus, als wollte es nun Winter werden. Es sieht so aus. Und kurz darauf füge ich hinzu: O ja, es ist nicht zu früh. Aber es sieht wirklich so aus, ja. Es ist übrigens wirklich nicht zu früh.

Ich hörte selbst mich dieses Gefasel sagen, faßte aber jedes Wort, das ich sagte, so auf, als käme es von einer anderen Person.

Ja, finden Sie das eigentlich? sagt der Gehilfe.

Ich steckte die Hand mit dem Geld in die Tasche, griff nach der Klinke und ging; ich hörte, daß ich Gute Nacht wünschte und daß der Gehilfe antwortete.

Als ich ein paar Schritte von der Treppe weggekommen war, hörte ich, daß die Ladentüre aufgerissen wurde und der Gehilfe mir nachrief. Ohne Erstaunen wandte ich mich um, ohne eine Spur von Angst; ich faßte nur die Münzen in der Hand zusammen und bereitete mich darauf vor, sie zurückzugeben.

Bitte, Sie haben Ihre Kerze vergessen, sagt der Gehilfe.

Oh danke, antworte ich ruhig. Danke! Danke!

Und ich wandere wiederum die Straße hinunter, die Kerze in der Hand.

Mein erster vernünftiger Gedanke galt dem Geld. Ich ging zu einem Laternenpfahl und überzählte es von neuem, wog es in der Hand und lächelte. So war mir also herrlich geholfen -- großartig, wunderbar geholfen für lange, lange Zeit! Und ich steckte die Hand mit dem Geld wieder in die Tasche und ging.

Vor einem Speisekeller in der Storstraße blieb ich stehen und überlegte kalt und ruhig, ob ich mich erdreisten sollte, sogleich eine kleine Mahlzeit zu genießen. Ich hörte das Klirren von Tellern und Messern, hörte, wie Fleisch geklopft wurde. Die Versuchung war zu stark, ich trat ein.

Ein Beefsteak! sage ich.

Ein Beefsteak! rief die Kellnerin durch die Luke. Ich ließ mich an einem kleinen Tisch nieder, ganz allein für mich, gleich bei der Türe und wartete. Es war ein wenig dunkel, wo ich saß, ich fühlte mich gut versteckt und fing an zu denken. Ab und zu sah die Kellnerin mit neugierigen Augen zu mir her.

Meine erste eigentliche Unehrlichkeit war begangen, mein erster Diebstahl, gegen den alle meine früheren Streiche nicht zu zählen waren; mein erster kleiner, großer Fall.... Und wenn auch! Daran war nichts zu ändern. Übrigens stand es mir frei, es mit dem Krämer wieder zu ordnen, späterhin, wenn ich besser Gelegenheit dazu hatte. Es brauchte nicht weiter abwärts mit mir zu gehen; außerdem hatte ich mich nicht verpflichtet, ehrlicher zu leben als alle anderen Menschen, das war keine Abmachung....

Glauben Sie, daß das Beefsteak bald fertig ist?

Ja, gleich. Die Kellnerin öffnet die Luke und sieht in die Küche hinein.

Aber wenn nun die Sache eines Tages aufkäme? Wenn der Gehilfe Mißtrauen faßte, über den Vorgang mit dem Brot nachzudenken begänne, über die fünf Kronen, auf die die Frau herausbekommen hatte? Es war nicht unmöglich, daß er eines Tages daraufkommen würde, vielleicht das nächste Mal, wenn ich hineinging. Na ja, Herrgott!.... Ich zuckte verstohlen mit den Schultern.

Bitte schön! sagt die Kellnerin freundlich und stellt das Beefsteak auf den Tisch. Aber wollen Sie nicht lieber in ein anderes Zimmer gehen? Hier ist es so dunkel.

Nein, danke, lassen Sie mich nur hierbleiben, antworte ich. Ihre Freundlichkeit macht mich mit einem Mal bewegt, ich bezahle das Beefsteak sofort, gebe ihr aufs Geratewohl, was ich in der Tasche zwischen die Finger bekomme, und drücke ihr die Hand zu. Sie lächelt, und ich sage im Scherz, mit nassen Augen: Für den Rest kaufen Sie sich ein Haus.... Wohl bekomm's!

Ich begann zu essen, wurde immer gieriger und schluckte große Stücke hinunter, ohne sie zu kauen. Wie ein Menschenfresser riß ich an dem Fleisch.

Die Kellnerin kommt wieder zu mir her.

Wollen Sie nichts zu trinken haben? sagt sie. Und sie beugt sich ein wenig zu mir herab.

Ich sah sie an; sie sprach sehr leise, beinahe schüchtern. Sie schlug die Augen nieder.

Ich meine ein Glas Bier oder was Sie wollen.... Von mir.... dreingegeben.... wenn Sie mögen....

Nein, vielen Dank! antwortete ich. Nicht jetzt. Ich will ein anderes Mal wiederkommen.

Sie zog sich zurück und setzte sich hinter den Schenktisch; ich sah nur ihren Kopf. Ein sonderbares Menschenkind!

Als ich fertig war, ging ich sofort zur Türe. Ich fühlte bereits Würgen. Die Kellnerin erhob sich. Ich scheute mich, ins Licht zu treten, fürchtete, dem jungen Mädchen, das mein Elend nicht ahnte, mich zu sehr zu zeigen und sagte deshalb schnell Gute Nacht, nickte und ging.

Das Essen begann zu wirken, ich litt sehr darunter und konnte es nicht lange bei mir behalten. Ich ging und entleerte meinen Mund in jedem dunklen Winkel, an dem ich vorbeikam, kämpfte damit, dieses Würgen, das mich von neuem aushöhlte, zu unterdrücken, ballte die Hände und machte mich hart, stampfte auf das Pflaster und würgte wieder wütend hinunter, was herauf wollte -- vergebens! Schließlich sprang ich in einen Torweg hinein, vornübergebeugt, blind von dem Wasser, das mir in die Augen drang, und entleerte mich wieder.

Ich wurde verbittert, ging durch die Straße und weinte, fluchte den grausamen Mächten, die mich so verfolgten, verwünschte sie für ihre Niederträchtigkeit in die Verdammung und ewige Qual der Hölle. Wenig Ritterlichkeit war diesen Mächten eigen, wirklich sehr wenig Ritterlichkeit, das war nicht zu leugnen!.... Ich ging zu einem Mann hin, der in ein Schaufenster gaffte, und fragte ihn in größter Eile, was man seiner Meinung nach einem Menschen geben solle, der lange Zeit gehungert habe. Es gelte das Leben, sagte ich, er vertrüge kein Beefsteak.

Ich habe gehört, daß Milch gut sein soll, gekochte Milch, antwortet der Mann äußerst erstaunt. Für wen fragen Sie übrigens?

Danke! Danke! sage ich. Ja, das ist vielleicht das beste, gekochte Milch.

Und ich gehe weiter.

Ich ging in das erste beste Café und bestellte gekochte Milch. Ich bekam die Milch, trank sie, so heiß wie sie war, hinunter, schluckte gierig jeden Tropfen, bezahlte und ging nach Hause.

Nun geschah etwas Seltsames. Vor meinem Tor, an den Laternenpfahl gelehnt und mitten in dessen Licht, steht eine Gestalt, die ich schon von weitem erspähe. -- Es ist wieder die schwarzgekleidete Dame. Die gleiche schwarzgekleidete Dame wie an den früheren Abenden. Es konnte kein Irrtum sein, sie war zum viertenmal an die selbe Stelle gekommen. Sie steht vollkommen unbeweglich.