Hunger

Part 8

Chapter 83,967 wordsPublic domain

Aber ich blieb wiederum stehen. Ich mußte ganz unbegreiflich mager sein. Und die Augen waren auf dem Weg in den Kopf hinein. Wie sah ich eigentlich aus? Es war ja nun auch, um zum Teufel zu fahren, daß man sich bei lebendigem Leib schon nur durch Hunger entstellen lassen mußte. Ich fühlte noch einmal die Raserei in mir, ihr letztes Aufflackern, ein Muskelzucken. Gott bewahr mich, welch ein Gesicht, was? Hier ging ich mit einem Kopf, der im Lande nicht seinesgleichen fand, mit einem Paar Fäusten, die, Gott steh mir bei, einen Dienstmann zu Mehl und Staub zermalmen konnten und hungerte bis zur Entstellung mitten in der Stadt Kristiania! War das eine Art und Weise? Ich hatte mich wie ein Roß abgeschunden, Tag und Nacht, hatte mir die Augen aus dem Schädel studiert und mir den Verstand aus dem Gehirn gehungert -- was, zum Teufel, hatte ich nun davon? Sogar die Straßendirnen baten Gott, sie von diesem Anblick zu befreien. Aber nun soll Schluß sein -- verstehst du! -- _Schluß_ soll es sein, hol mich der Satan!.... Mit ständig wachsender Wut, mit unter dem Gefühl meiner Mattheit knirschenden Zähnen, unter Weinen und Fluchen fuhr ich fort, loszupoltern, ohne der Leute zu achten, die an mir vorbeigingen. Ich fing wieder an, mich selbst zu martern, rannte mit Absicht meine Stirne gegen die Laternenpfähle, grub die Nägel tief in meine Handflächen, zerbiß im Wahnsinn meine Zunge, wenn sie nicht deutlich sprach, und ich lachte jedesmal rasend, wenn es weh tat.

Ja, aber was soll ich tun? antwortete ich mir zuletzt selbst. Und ich stampfe mehrere Male auf den Boden und wiederhole: Was soll ich tun? -- Ein Herr geht gerade vorbei und bemerkt lächelnd:

Gehen Sie hin und lassen Sie sich einsperren.

Ich sah ihm nach. Es war einer unserer bekannten Frauenärzte, der „Herzog” genannt. Nicht einmal er verstand sich auf meinen Zustand, ein Mann, den ich kannte, dessen Hand ich gedrückt hatte. Ich wurde still. Einsperren? Ja, ich war verrückt; er hatte recht. Ich fühlte den Wahnsinn in meinem Blut, fühlte sein Jagen durch das Gehirn. So sollte es also mit mir enden! Ja ja! Und wieder begann ich meinen langsamen traurigen Gang. Da also sollte ich landen!

Mit einem Mal stand ich wieder still. Aber nicht einsperren! sage ich; nur das nicht! Und ich war beinahe heiser vor Angst. Ich bat, flehte ins Blaue hinein: nur nicht eingesperrt werden! Dann würde ich wieder aufs Rathaus kommen, in eine dunkle Zelle eingeschlossen werden, in der es nicht einen Funken Licht gab. Nur das nicht! Es gab ja noch andere Auswege, die mir offen standen. Und ich wollte sie versuchen; ich wollte fleißiger sein, mir gut Zeit dazu nehmen und unverdrossen von Haus zu Haus umhergehen. Da war nun zum Beispiel der Musikalienhändler Cisler, bei ihm war ich noch gar nicht gewesen. Es gab schon noch Rat.... So ging ich und sprach, bis ich wieder vor Rührung weinen mußte. Nur nicht eingesperrt werden!

Cisler? War dies vielleicht ein höherer Fingerzeig? Sein Name war mir ohne Grund eingefallen, und er wohnte so weit weg; aber ich wollte ihn dennoch aufsuchen, wollte langsam gehen und dazwischen ausruhen. Ich kannte den Laden, ich war oft dort gewesen, hatte in guten Tagen dort ein paar Noten gekauft. Durfte ich ihn um eine halbe Krone bitten? Das würde ihn vielleicht genieren; ich mußte um eine ganze bitten.

Ich kam in den Laden und fragte nach dem Chef; man führte mich in sein Bureau. Da saß der Mann, hübsch, modisch gekleidet, und sah Papiere durch.

Ich stammelte eine Entschuldigung und brachte mein Anliegen vor. Von dem Drang gezwungen, mich an ihn zu wenden.... Es sollte nicht sehr lange dauern, bis ich es zurückbezahlen würde.... Wenn ich das Honorar für meinen Zeitungsartikel bekäme.... Er würde mir eine so große Wohltat erweisen.

Noch während ich sprach, wandte er sich wieder zum Pult und setzte seine Arbeit fort. Als ich fertig war, sah er schräg zu mir herüber, schüttelte seinen hübschen Kopf und sagte: Nein! Nur Nein. Keine Erklärung. Kein Wort.

Meine Kniee bebten heftig und ich stützte mich gegen die kleine polierte Schranke. Ich mußte es noch einmal versuchen. Warum sollte mir gerade sein Name eingefallen sein, als ich weit unten im „Vaterland” gestanden? Es riß ein paarmal in meiner linken Seite, und ich begann zu schwitzen. Hm. Ich sei wirklich höchst heruntergekommen, sagte ich, leider ziemlich krank; es würden sicher nicht mehr als ein paar Tage vergehen, bis ich es zurückzahlen könne. Ob er nicht so freundlich sein wolle?

Lieber Mann, warum kommen Sie ausgerechnet zu mir? sagte er. Sie sind mir ein vollständiges X, von der Straße hereingelaufen. Gehen Sie zu der Zeitung, bei der man Sie kennt.

Aber nur für heute abend! sagte ich. Die Redaktion ist schon geschlossen und ich bin jetzt sehr hungrig.

Er schüttelte andauernd den Kopf, schüttelte ihn sogar immer noch, als ich schon die Klinke erfaßt hatte.

Leben Sie wohl! sagte ich.

Dies war kein höherer Fingerzeig gewesen, dachte ich und lächelte bitter; so hoch könnte ich auch zeigen, wenn es darauf ankäme. Ich schleppte mich durch ein Viertel nach dem anderen, hie und da rastete ich auf einer Treppe. Wenn ich nur nicht eingesperrt wurde! Das Entsetzen vor der Zelle verfolgte mich die ganze Zeit, ließ mich nicht in Frieden; so oft ich einen Schutzmann auf meinem Weg sah, huschte ich in eine Seitenstraße, um die Begegnung zu vermeiden. Jetzt zählen wir hundert Schritte, sagte ich, und dann versuchen wir wieder unser Glück! Einmal wird doch wohl Rat werden ....

Es war ein kleiner Weißwarenladen, ein Geschäft, das ich nie vorher betreten hatte. Ein einzelner Mann hinter dem Ladentisch, im Hintergrund das Kontor mit dem Porzellanschild an der Türe, beladene Regale und Borde in langer Reihe. Ich wartete, bis der letzte Kunde, eine junge Dame mit Lachgrübchen, den Laden verlassen hatte. Wie glücklich sie aussah! Ich, mit meiner Stecknadel im Rock, versuchte nicht, Eindruck auf sie zu machen, sondern wandte mich ab.

Wünschen Sie etwas? fragte der Gehilfe.

Ist der Chef da? sagte ich.

Er ist auf einer Gebirgstour in Jotunheimen, antwortete er. War es etwas Besonderes?

Nur ein paar Öre zum Essen, sagte ich und versuchte zu lächeln; ich bin hungrig und habe nicht einen Ör.

Dann sind Sie ebenso reich wie ich, sagte er und fing an, Garnpakete zu ordnen.

Ach, weisen Sie mich nicht fort -- nicht jetzt! sagte ich, auf einmal kalt über den ganzen Körper hinab. Ich bin wirklich beinahe tot vor Hunger. Seit vielen Tagen habe ich nichts mehr gegessen.

Im tiefsten Ernst, ohne etwas zu sagen, begann er seine Taschen umzudrehen, eine nach der anderen. Ob ich seinen Worten nicht glauben wolle?

Nur fünf Öre, sagte ich. Dann werden Sie in ein paar Tagen zehn wieder bekommen.

Lieber Mann, wollen Sie denn, daß ich sie aus der Kasse stehle? fragte er ungeduldig.

Ja, sagte ich, ja, nehmen Sie fünf Öre aus der Kasse.

Könnte mir einfallen! Und er fügte hinzu: Und lassen Sie es sich nur gleich gesagt sein: jetzt ist's genug.

Ich schob mich hinaus, krank vor Hunger und heiß vor Scham. Nein, nun sollte es ein Ende haben! Es war wirklich zu weit mit mir gekommen. Ich hatte mich so viele Jahre oben gehalten, war in so harten Stunden aufrecht gestanden, und nun war ich mit einem Mal bis zur brutalen Bettelei herabgesunken. Dieser eine Tag hatte mein ganzes Denken verroht, mein Gemüt mit Schamlosigkeit beschmutzt. Ich hatte mich nicht entblödet, mich vor den kleinsten Krämern zu demütigen und mich vor sie hinzustellen und zu weinen. Und was hatte es genützt? War ich nicht vielleicht immer noch ohne einen Bissen Brot, den ich in den Mund stecken könnte? Ich hatte nur erreicht, daß es mich vor mir selbst ekelte. Ja ja, nun mußte es ein Ende haben! Gleich würde man das Tor daheim schließen, ich mußte mich beeilen, wenn ich nicht heute nacht wieder auf dem Rathaus schlafen wollte....

Dies gab mir Kräfte; im Rathaus wollte ich nicht übernachten. Mit vorgebeugtem Körper, die Hand an die linken Rippen gestemmt, um die Stiche ein wenig abzuschwächen, tappte ich vorwärts, hielt die Augen aufs Pflaster geheftet, um nicht etwaige Bekannte zum Grüßen zu zwingen, und hastete zur Brandwache. Gott sei Dank, es war erst sieben Uhr an der Erlöserkirche, ich hatte noch drei Stunden, bis das Tor geschlossen wurde. Wie hatte ich mich geängstigt.

So war also kein Ding unversucht geblieben, ich hatte alles getan, was ich konnte. Daß es wirklich einen ganzen Tag lang nicht ein einziges Mal glücken wollte! dachte ich. Wenn ich das jemand erzählte, so würde es keiner glauben, und wenn ich es niederschriebe, würde man sagen, daß es erfunden sei. An keiner einzigen Stelle! Ja ja, es gab keinen Rat mehr; vor allem nicht mehr rührselig sein. Pfui, das war ekelhaft, ich versichere dir, daß es mich vor dir ekelt! Wenn alle Hoffnung verloren war, so war es aus. Konnte ich mir übrigens im Stall nicht eine Hand voll Hafer stehlen? Ein Lichtstrahl, ein Streifen -- ich wußte, daß der Stall verschlossen war.

Ich ertrug es mit Ruhe und kroch in langsamem Schneckengang heimzu. Ich fühlte Durst, erfreulicherweise zum ersten Mal am ganzen Tag, und sah mich nach einer Stelle um, wo ich trinken konnte. Ich war schon zu weit von den Basaren entfernt, und in ein Privathaus wollte ich nicht gehen; ich konnte vielleicht auch warten, bis ich heimkam; das würde eine Viertelstunde dauern. Es war auch gar nicht gesagt, daß ich einen Schluck Wasser bei mir behalten konnte; mein Magen vertrug überhaupt nichts mehr, ich fühlte sogar von dem Speichel, den ich hinunterschluckte, ein Würgen.

Aber die Knöpfe! Mit den Knöpfen hatte ich es noch gar nicht versucht! Da stand ich sofort still und begann zu lächeln. Vielleicht gab es doch noch Hilfe! Ich war nicht ganz verurteilt! Zehn Öre würde ich ganz bestimmt dafür bekommen, morgen bekam ich dann sonst irgendwo zehn dazu, und am Donnerstag könnte ich vielleicht das Geld für meinen Zeitungsartikel erhalten. Ich würde es schon noch erleben, es machte sich! Daß ich wirklich die Knöpfe vergessen konnte! Ich holte sie aus der Tasche und betrachtete sie, während ich wiederum weiter ging; meine Augen wurden dunkel vor Freude, ich sah die Straße nicht mehr vor mir.

Wie genau ich den großen Keller kannte, meine Zuflucht an den dunklen Abenden, mein blutsaugender Freund! Meine Besitztümer waren eins nach dem anderen da unten verschwunden, meine Kleinigkeiten von daheim, mein letztes Buch. An den Auktionstagen ging ich gerne hin, um zuzusehen, und ich freute mich, wenn meine Bücher in gute Hände zu kommen schienen. Der Schauspieler Magelsen hatte meine Uhr, und darauf war ich beinahe stolz; einen Jahreskalender, in dem mein erster kleiner poetischer Versuch stand, hatte ein Bekannter gekauft, und mein Überrock landete bei einem Photographen zum Ausleihen im Atelier. Also daran war weiter nichts auszusetzen.

Ich hielt meine Knöpfe in der Hand bereit und trat ein. Der „Onkel” sitzt an seinem Pult und schreibt.

Ich habe keine Eile, sage ich, ängstlich, ihn zu stören und ungeduldig zu machen. Meine Stimme klang so seltsam hohl, ich kannte sie beinahe nicht wieder, und mein Herz schlug wie ein Hammer.

Er kam mir wie immer lächelnd entgegen, legte seine Hände flach auf den Ladentisch und sah mir ins Gesicht ohne etwas zu sagen.

Ja, ich hätte etwas dabei und wollte ihn nur fragen, ob er keine Verwendung dafür habe.... etwas, das mir daheim nur im Weg lag, ich versichere, nur zur Plage, einige Knöpfe.

Na, was ist es denn, was ist es denn mit den Knöpfen? Und er senkt seine Augen ganz auf meine Hand hinunter.

Ob er mir nicht einige Öre dafür geben könne? Soviel ihm selbst gut dünke.... Ganz nach seinem eigenen Ermessen....

Für die Knöpfe? Und „Onkel” starrt mich verwundert an. Für _diese_ Knöpfe?

Nur zu einer Zigarre oder dergleichen. Ich ging eben vorbei und da wollte ich hereinschauen.

Da lachte der alte Pfandleiher und drehte sich zu seinem Pult zurück ohne ein Wort zu sagen. Nun stand ich wieder da. Ich hatte eigentlich nicht viel erhofft, und trotzdem hatte ich es für möglich gehalten, daß mir geholfen würde. Dieses Lachen war mein Todesurteil. Nun konnte wohl auch ein Versuch mit der Brille nichts mehr nützen?

Ich würde natürlich meine Brille mit dreingeben, das ist selbstverständlich, sagte ich und nahm sie ab. Nur zehn Öre, oder wenn er wolle, fünf Öre.

Sie wissen doch, daß ich Ihnen auf Ihre Brille nichts leihen kann, sagte „Onkel”; ich habe Ihnen das schon früher gesagt.

Aber ich brauche eine Briefmarke, erwiderte ich dumpf; ich könne nicht einmal die Briefe abschicken, die ich schreiben müsse. Eine Briefmarke für fünf oder zehn Öre, ganz wie Sie es selbst für gut finden.

Nun machen Sie um Gotteswillen, daß Sie fortkommen! antwortete er mit einer abwehrenden Handbewegung.

Ja ja, dann muß ich es wohl sein lassen, sagte ich zu mir selbst. Mechanisch setzte ich die Brille wieder auf, nahm die Knöpfe in die Hand und ging. Ich sagte Gute Nacht und schloß die Türe wie gewöhnlich hinter mir. Hieran war also nichts mehr zu ändern! Draußen vor dem Treppenschacht blieb ich stehen und sah die Knöpfe noch einmal an. Daß er sie durchaus nicht haben wollte! sagte ich; es sind doch fast neue Knöpfe. Das kann ich nicht verstehen!

Während ich in diese Betrachtungen vertieft dastand, kam ein Mann vorbei und ging in den Keller hinunter. Er hatte mir in der Eile einen kleinen Stoß versetzt, wir baten beide um Entschuldigung, und ich drehte mich um und sah ihm nach.

Nein bist du es? sagte er plötzlich unten auf der Treppe. Er kam herauf, und ich erkannte ihn. Gott behüte dich, wie siehst du aus! sagte er. Was hast du da unten getan?

Ach -- Geschäfte. Du willst hinunter, wie ich sehe?

Ja. Was hast denn du hingebracht?

Meine Knie bebten, ich stützte mich an die Wand und streckte meine Hand mit den Knöpfen aus.

Was, zum Teufel? rief er. Nein, das geht aber doch zu weit!

Gute Nacht! sagte ich und wollte gehen; ich fühlte das Weinen in der Brust.

Nein, warte einen Augenblick! sagte er.

Worauf sollte ich warten? Er war doch selbst auf dem Weg zum „Onkel”, brachte vielleicht seinen Verlobungsring hin, hatte mehrere Tage gehungert, war seiner Wirtin Geld schuldig.

Ja, antwortete ich, wenn du bald....

Natürlich, sagte er und ergriff mich beim Arm; aber ich will dir sagen, ich trau dir nicht, du bist ein Idiot; es ist am besten, du gehst mit hinunter.

Ich begriff, was er wollte, verspürte plötzlich wieder ein Gefühl von Ehre aufsteigen und antwortete:

Kann nicht! Ich habe versprochen, um halb acht Uhr in der Bernt Ankersstraße zu sein, und....

Halb acht, ganz richtig, ja! Aber jetzt ist es acht Uhr. Hier habe ich die Uhr in der Hand, die da hinunter soll. So, hinein mit dir, du hungriger Sünder! Ich bekomme mindestens fünf Kronen für dich.

Und er puffte mich hinein.

Dritter Abschnitt

Eine Woche verging in Herrlichkeit und Freuden.

Ich war auch dieses Mal über das Schlimmste hinweggekommen, hatte jeden Tag zu essen gehabt, mein Mut stieg, und ich schob ein Eisen nach dem anderen ins Feuer. Ich hatte drei oder vier Abhandlungen in der Arbeit, die mein armseliges Gehirn um jeden Funken beraubten, um jeden Gedanken, der darin entstand, und ich fand, daß es besser ging als je vorher. Der letzte Artikel, für den ich so viel Lauferei gehabt und auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte, war mir bereits vom Redakteur zurückgesandt worden, und ich hatte ihn sofort vernichtet -- zornig, beleidigt, ohne ihn nochmals durchzulesen. In Zukunft wollte ich es bei einer anderen Zeitung versuchen, um mir mehrere Auswege zu eröffnen. Im schlimmsten Fall, wenn auch dies nichts half, hatte ich noch die Schiffe als Zuflucht. Die „Nonne” lag segelklar unten am Kai, gegen Arbeit nahm sie mich vielleicht mit nach Archangel, oder wo es eben hingehen sollte. Es fehlte mir also nicht an Aussichten nach verschiedenen Seiten hin.

Die letzte Krise hatte mir böse mitgespielt. Ich verlor das Haar in großen Mengen, das Kopfweh war auch sehr lästig, besonders am Morgen, und die Nervosität wollte sich nicht geben. Tagsüber saß ich da und schrieb und hatte die Hände in Tücher eingebunden, nur weil ich meinen eigenen Atem auf ihnen nicht ertragen konnte. Wenn Jens Olai die Stalltüre unter mir hart zuschlug, oder ein Hund in den Hinterhof kam und zu bellen anfing, drangen mir kalte Stiche durch Mark und Bein und trafen mich überall. Ich war ziemlich heruntergekommen.

Tag für Tag mühte ich mich mit meiner Arbeit, gönnte mir kaum die Muße, mein Essen zu schlucken, und setzte mich schon wieder zum Schreiben hin. In dieser Zeit waren sowohl das Bett wie mein kleiner wackeliger Tisch mit Notizen und beschriebenen Blättern, an denen ich abwechselnd arbeitete, überschwemmt. Ich fügte neue Dinge hinzu, die mir im Laufe des Tages einfielen, strich durch, frischte die toten Punkte da und dort mit einem farbigen Wort auf, schleifte mich mit der größten Mühe von Satz zu Satz weiter. Eines Nachmittags endlich war einer meiner Artikel fertig und ich steckte ihn glücklich und froh in die Tasche und begab mich hinauf zum „Kommandeur”. Es war hohe Zeit, daß ich trachtete, wieder ein wenig Geld zu bekommen, ich hatte nicht mehr viele Öre übrig.

Und der „Kommandeur” bat mich, einen Augenblick Platz zu nehmen, er würde sofort.... Und er schrieb weiter.

Ich sah mich in dem kleinen Bureau um: Büsten, Lithographien, Ausschnitte, ein unmäßiger Papierkorb, der aussah, als könne er einen Mann mit Haut und Haar verschlingen. Mir wurde traurig zumute beim Anblick dieses ungeheuren Rachens, dieses Drachenmaules, das immer offen stand, immer bereit, neue abgelehnte Arbeiten -- neue zerbrochene Hoffnungen aufzunehmen.

Welches Datum haben wir? sagt plötzlich der „Kommandeur” am Tisch dort.

Den 28., antworte ich, froh darüber, daß ich ihm zu Diensten sein konnte.

Den 28. Und er schreibt immer noch. Endlich legt er ein paar Briefe in die Umschläge, wirft einige Papiere in den Korb und legt die Feder weg. Dann schwingt er sich auf dem Stuhl herum und sieht mich an. Als er merkt, daß ich noch an der Türe stehe, gibt er mir einen halb ernsten, halb scherzhaften Wink mit der Hand und deutet auf einen Stuhl.

Ich wende mich von ihm ab, damit er nicht sehen soll, daß ich keine Weste anhabe, wenn ich den Rock öffne, und hole das Manuskript aus der Tasche.

Es ist nur eine kleine Charakteristik Correggios, sage ich, aber sie ist wohl leider nicht so geschrieben, daß....

Er nimmt mir die Papiere aus der Hand und beginnt in ihnen zu blättern. Er wendet mir sein Gesicht zu.

So sah er also in der Nähe aus, dieser Mann, dessen Namen ich schon in meiner frühesten Jugend gehört hatte, und dessen Zeitung alle diese Jahre her den größten Einfluß auf mich gehabt hatte. Sein Haar ist gelockt und die schönen braunen Augen sind ein wenig unruhig; er hat die Gewohnheit, ab und zu die Luft durch die Nase zu stoßen. Ein schottischer Pfarrer hätte nicht milder aussehen können, als dieser gefährliche Skribent, dessen Worte dort, wo sie hinfielen, stets blutige Striemen schlugen. Ein eigentümliches Gefühl der Furcht und der Bewunderung erfaßt mich diesem Menschen gegenüber, ich bin nahe daran, Tränen in die Augen zu bekommen, und ich rücke unwillkürlich einen Schritt vor, um ihm zu sagen, wie innig ich ihn verehre für all das, was er mich gelehrt hatte, und um ihn zu bitten, mir kein Leid zuzufügen. Ich sei nur ein armseliger Stümper, dem es schon schlimm genug gehe.

Er sah auf und legte das Manuskript langsam zusammen, während er dasaß und nachdachte. Um ihm eine abschlägige Antwort zu erleichtern, strecke ich die Hand ein wenig vor und sage:

Ach nein, natürlich ist es nicht brauchbar? Und ich lächle, um den Eindruck zu machen, daß ich es leicht nehme.

Wir können nur ganz populäre Sachen verwenden, antwortet er. Sie wissen, welche Art von Publikum wir haben. Aber könnten Sie es nicht wieder mitnehmen und ein wenig vereinfachen? Oder sich etwas anderes ausdenken, was die Leute besser verstehen?

Seine Rücksichtnahme setzt mich in Erstaunen. Ich begreife, daß mein Artikel abgelehnt ist, und doch könnte ich keine schönere Zurückweisung bekommen haben. Um ihn nicht länger aufzuhalten, antworte ich:

Doch ja, das kann ich wohl.

Ich gehe zur Türe. Hm. Er möge entschuldigen, daß ich ihn damit in Anspruch genommen habe.... Ich verbeuge mich und fasse nach dem Türgriff.

Wenn Sie etwas brauchen, sagt er, können Sie lieber einen kleinen Vorschuß bekommen. Sie können ja dafür schreiben.

Nun hatte er ja gesehen, daß ich zum Schreiben nicht taugte, -- sein Angebot demütigte mich deshalb ein wenig. Ich antwortete:

Nein, danke, ich reiche noch eine Zeitlang aus. Ich danke übrigens vielmals. Leben Sie wohl!

Leben Sie wohl! antwortet der „Kommandeur” und wendet sich gleichzeitig seinem Schreibtisch zu.

Er hatte mich doch unverdient wohlwollend behandelt und ich war ihm dankbar dafür; ich wollte das auch zu würdigen wissen. Ich nahm mir vor, nicht wieder zu ihm zu gehen, bevor ich ihm nicht eine Arbeit bringen konnte, mit der ich selbst ganz zufrieden war, und die den „Kommandeur” ein wenig in Erstaunen setzen sollte und ihn veranlassen konnte, mir ohne einen Augenblick der Überlegung zehn Kronen anweisen zu lassen. Und ich ging wieder heim und machte mich von neuem an meine Schreiberei.

An den folgenden Abenden, gegen acht Uhr, wenn das Gas schon angezündet war, geschah mir regelmäßig folgendes:

So oft ich aus dem Torweg herauskomme, um mich nach des Tages Mühe und Beschwer auf einen kleinen Spaziergang durch die Straßen zu begeben, steht immer eine schwarzgekleidete Dame an dem Laternenpfahl gleich vor dem Tor und wendet mir das Gesicht zu, folgt mir mit den Augen, wenn ich an ihr vorbeikomme. Ich beobachte, daß sie beständig dasselbe Kleid anhat, den gleichen dichten Schleier, der ihr Gesicht verbirgt und über ihre Brust herunterfällt, und daß sie einen kleinen Schirm mit einem Elfenbeinring am Griff in der Hand trägt.

Drei Abende nacheinander hatte ich sie nun schon hier gesehen, immer an derselben Stelle. Sowie ich an ihr vorbeigekommen bin, dreht sie sich langsam um und geht die Straße hinunter, von mir fort.

Mein nervöses Gehirn streckte seine Fühlhörner aus, und mir kam sofort der unsinnige Gedanke, daß ihre Besuche mir galten. Ich war zuletzt fast im Begriff, sie anzusprechen, sie zu fragen, ob sie jemand suche, ob sie irgendeine Hilfe brauche, ob ich sie heimbegleiten, sie, so schlecht gekleidet, wie ich leider sei, in den dunklen Straßen beschützen solle. Aber ich hatte eine unbestimmte Furcht davor, daß es vielleicht Geld kosten könnte, ein Glas Wein, eine Wagenfahrt, und ich hatte gar kein Geld mehr; meine trostlos leeren Taschen wirkten allzu niederschlagend auf mich. Ich hatte nicht einmal den Mut, sie ein wenig forschend anzusehen, wenn ich vorbeiging. Der Hunger hauste schon wieder bei mir, seit dem vorhergegangenen Abend hatte ich nichts gegessen; -- das war allerdings noch keine lange Zeit, ich hatte es oft mehrere Tage lang aushalten können, aber ich ließ bedenklich nach, ich konnte gar nicht mehr so gut hungern wie früher, ein einziger Tag konnte mich betäuben, und ich litt an häufigem Erbrechen, sobald ich Wasser trank. Dazu kam, daß ich in den Nächten dalag und fror, in allen Kleidern, wie ich tagsüber ging und stand, und vor Kälte blau wurde. Daß mich jeden Abend Frostschauer durcheisten und ich im Schlaf erstarrte. Die alte Decke konnte die Zugluft nicht abhalten, ich erwachte am Morgen davon, daß mir die Nase durch die scharfe Reifluft, die von außen zu mir hereindrang, zugeschwollen war.

Ich gehe durch die Straßen und denke darüber nach, wie ich es anstellen könnte, mich aufrecht zu halten, bis ich meinen nächsten Artikel fertig hätte. Wenn ich nur eine Kerze besäße, würde ich versuchen, bis in die Nacht hinein loszulegen. Es würde ein paar Stunden dauern, falls ich nur erst richtig in Schwung käme; morgen könnte ich mich dann wieder an den „Kommandeur” wenden.