Part 6
Ich fühlte es bei meiner eigenen Dreistigkeit kalt über den Rücken hinunterlaufen, und um mir Mut zu machen, ballte ich im Gehen die Hände.
Das Gas brennt zehn Minuten lang, sagte der Schutzmann noch in der Türe.
Und dann wird es ausgelöscht?
Dann wird es ausgelöscht.
Ich setzte mich auf das Bett und hörte, wie der Schlüssel umgedreht wurde. Die helle Zelle sah freundlich aus; mir war gut und wohl zumute, heimisch, und ich lauschte dem Regen draußen mit Wohlbehagen. Ich konnte mir nichts Besseres wünschen, als solch eine behagliche Zelle! Meine Zufriedenheit stieg. Auf dem Bett sitzend, den Hut in der Hand und die Augen auf die Gasflamme an der Wand geheftet, fing ich an, über die Augenblicke meines ersten Zusammentreffens mit der Polizei nachzudenken. Dies war das erste Mal gewesen, und wie hatte ich sie genarrt! Journalist Tangen, wie bitte? Und dann das „Morgenblatt”! Wie hatte ich den Mann gerade ins Herz getroffen mit dem „Morgenblatt”. Darüber sprechen wir nicht, was? In Gala bis zwei Uhr im Stiftsgaard gesessen, den Torschlüssel vergessen und eine Brieftasche mit einigen Tausend daheim! Führen Sie den Herrn in die reservierte Abteilung hinauf....
Da verlöscht plötzlich das Gas, ganz wunderbar plötzlich, ohne abzunehmen, ohne einzuschrumpfen. Ich sitze in einer tiefen Finsternis, kann meine Hand nicht sehen, nicht die weißen Wände rund um mich, nichts. Was war da anderes zu tun, als zu Bett zu gehen? Und ich kleidete mich aus.
Aber ich konnte nicht schlafen. Eine Zeitlang blieb ich liegen und sah in die Finsternis, in diese dicke Massenfinsternis, die keinen Boden hatte, die ich nicht begreifen konnte. Meine Gedanken konnten sie nicht erfassen. Sie schien mir über alle Maßen dunkel und ich fühlte mich durch ihre Nähe bedrückt. Ich schloß die Augen, begann halblaut zu singen und warf mich auf die Pritsche, um mich zu zerstreuen; aber ohne Erfolg. Die Dunkelheit hatte mein Denken ergriffen und ließ mich keinen Augenblick in Frieden. Wie, wenn ich selbst in Dunkelheit aufgelöst und eins mit ihr würde? Ich richte mich im Bett auf und schlage mit den Armen um mich.
Mein nervöser Zustand hatte sich verschlimmert und ich versuchte, mich aus allen Kräften zu wehren, aber es half nichts. Da saß ich, eine Beute der seltsamsten Phantasien, mich selbst beschwichtigend, Wiegenlieder summend und schwitzend vor der Anstrengung, mich zur Ruhe zu bringen. Ich starrte in die Dunkelheit hinaus, ich hatte niemals in meinem Leben eine solche Finsternis gesehen. Es war kein Zweifel darüber, daß ich mich hier einer eigenen Art von Finsternis gegenüber befand, einem desperaten Element, auf das niemand vorher geachtet hatte. Die lächerlichsten Gedanken beschäftigten mich und jedes Ding erschreckte mich. Ein kleines Loch in der Wand bei meinem Bett nahm mich sehr in Anspruch. Ein Loch von einem Nagel, das ich in der Wand finde, ein Zeichen in der Mauer. Ich fühle es an, blase hinein und versuche seine Tiefe zu erraten. Das war nicht irgendein unschuldiges Loch, durchaus nicht; es war ein ganz tückisches und geheimnisvolles Loch, vor dem ich mich hüten mußte. Und von dem Gedanken an dieses Loch besessen, ganz außer mir vor Neugierde und Furcht, mußte ich zuletzt vom Bett aufstehen und nach meinem halben Federmesser suchen, um die Tiefe zu messen und mich zu vergewissern, daß es nicht ganz in die Nebenzelle hinüberführte.
Ich legte mich zurück, um Schlaf zu finden, in Wirklichkeit aber nur, um wiederum mit der Dunkelheit zu kämpfen. Der Regen draußen hatte aufgehört, und ich vernahm keinen Laut. Eine Zeitlang fuhr ich fort, nach Fußtritten auf der Straße zu lauschen, und ich gönnte mir keinen Frieden, bevor ich nicht einen Fußgänger vorbeigehen gehört hatte, den Schritten nach zu urteilen ein Schutzmann. Plötzlich knipse ich mehrere Male mit dem Finger und lache. Zum Teufel auch! Ha! -- Ich bildete mir ein, ein neues Wort gefunden zu haben. Ich richte mich im Bett auf und sage: Das gibt es in der Sprache noch nicht, ich habe es erfunden, ~Kuboaa~. Es hat Buchstaben wie ein Wort, beim süßesten Gott, Mensch, du hast ein Wort erfunden.... ~Kuboaa~.... von großer grammatikalischer Bedeutung.
Das Wort stand in der Dunkelheit ganz deutlich vor mir.
Mit offenen Augen sitze ich da, erstaunt über meinen Fund und lache vor Freude. Dann beginne ich zu flüstern; man konnte mich belauschen, und ich gedachte meine Erfindung geheimzuhalten. Ich war in den frohen Wahnwitz des Hungers verfallen, war leer und schmerzfrei und meine Gedanken waren ohne Zügel. Und still erwäge ich alles bei mir selbst. Mit den seltsamsten Gedankensprüngen suche ich die Bedeutung meines neuen Wortes zu erforschen. Es brauchte weder Gott noch Tivoli zu heißen, und wer hatte gesagt, daß es Tierschau bedeuten solle? Heftig ballte ich die Hand und wiederholte noch einmal: Wer hat behauptet, daß es Tierschau bedeuten soll? Wenn ich es recht bedachte, war es nicht einmal notwendig, daß es Anhängeschloß oder Sonnenaufgang bedeutete. Für ein solches Wort wie dieses war es nicht schwierig, einen Sinn zu finden. Ich wollte warten und mir Zeit lassen. Inzwischen konnte ich darüber schlafen.
Ich liege auf der Pritsche und lache leise, sage aber nichts, vermeide jede Entscheidung. Es vergehen einige Minuten, ich werde nervös, das neue Wort plagt mich ohne Unterlaß, kehrt stets zurück, bemächtigt sich zuletzt aller meiner Gedanken und macht mich ernst. Ich hatte mir wohl eine Meinung dafür gebildet, was es nicht bedeuten sollte, aber keine Bestimmung darüber gefaßt, was es bedeuten sollte. Das ist eine Nebenfrage! sage ich laut vor mich hin, packe mich am Arm und wiederhole, es sei eine Nebenfrage. Das Wort war Gott sei Lob gefunden, und das war die Hauptsache. Aber es plagt mich endlos und hindert mich daran, einzuschlafen; nichts war mir gut genug für dieses seltene Wort. Endlich erhebe ich mich wieder im Bett, greife mir mit beiden Händen an den Kopf und sage: Nein, gerade das ist ja unmöglich, Auswanderung oder Tabakfabrik darf es nicht bedeuten! Hätte es so etwas bedeuten können, würde ich mich längst dafür entschieden und die Folgen auf mich genommen haben. Nein, eigentlich war das Wort geeignet, etwas _Seelisches_ zu bedeuten, ein Gefühl, einen Zustand -- ob ich das nicht begreifen könne? Und ich besinne mich auf etwas Seelisches. Da ist es mir, als spräche jemand, mische sich in meine Auseinandersetzungen, und ich antworte zornig: Wie bitte? Nein, solch einen Idioten gibt es doch nicht wieder! Strickgarn? Fahr zur Hölle! Warum sollte ich dazu verpflichtet sein, es Strickgarn heißen zu lassen, wenn ich gerade dagegen etwas hatte, daß es Strickgarn bedeutete? Ich selbst hatte das Wort erfunden und war deshalb in meinem guten Recht, es bedeuten zu lassen, was ich nur wollte. Soviel ich wußte, hatte ich noch nichts darüber geäußert....
Aber mein Gehirn kam immer mehr in Verwirrung. Zuletzt sprang ich aus dem Bett, um die Wasserleitung zu suchen. Ich war nicht durstig, doch mein Kopf fieberte, und ich fühlte einen instinktmäßigen Drang nach Wasser. Als ich getrunken hatte, legte ich mich wieder nieder und versuchte mit Gewalt und Macht, nun zu schlafen. Ich schloß die Augen und zwang mich, ruhig zu sein. So lag ich mehrere Minuten ohne eine Bewegung, kam in Schweiß und fühlte das Blut heftig durch die Adern stoßen. Nein, das war doch zu köstlich, daß er in dieser Tüte nach Geld suchen konnte! Er hustete auch nur einmal. Ob er wohl noch da unten umhergeht? Auf meiner Bank sitzt?.... Das blaue Perlmutter.... Die Schiffe....
Ich öffnete die Augen. Wie sollte ich sie auch geschlossen halten, wenn ich nicht schlafen konnte! Und die gleiche Finsternis brütete um mich, die gleiche unergründliche schwarze Ewigkeit, an der meine Gedanken aufsteilten und die sie nicht fassen konnten. Womit war sie doch zu vergleichen? Ich machte die verzweifeltsten Anstrengungen, ein Wort zu finden, das schwarz genug wäre, diese Finsternis zu bezeichnen. Ein Wort, so grausam schwarz, daß es meinen Mund schwärzen mußte, wenn ich es aussprach. Herrgott, wie dunkel war es doch! Und wieder beginne ich an den Hafen zu denken, an die Schiffe, diese schwarzen Ungeheuer, die dort lagen und auf mich warteten. Sie wollten mich an sich saugen und mich festhalten und über Land und Meere mit mir segeln, durch dunkle Reiche, die noch kein Mensch erschaut hat. Ich fühle mich an Bord, vom Wasser angezogen, in den Wolken schwebend, sinkend, sinkend.... Ich stoße einen heiseren Angstschrei aus und klammere mich fest ans Bett; ich hatte eine gefährliche Reise gemacht, war wie ein Bündel durch die Luft herabgesaust. Wie erlöst ich mir nicht vorkam, als ich mit der Hand gegen die harte Pritsche schlug! So ist es, wenn man stirbt, sagte ich zu mir, nun mußt du sterben! Und ich lag eine kleine Weile da und dachte darüber nach, daß ich nun sterben sollte. Da richte ich mich im Bett auf und frage streng: Wer sagte, daß ich sterben soll? Habe ich das Wort erfunden? Dann ist es auch mein gutes Recht, selbst zu bestimmen, was es bedeuten soll....
Ich hörte, daß ich phantasierte, hörte es noch, während ich sprach. Mein Wahnsinn war ein Delirium der Schwäche und der Erschöpfung, aber ich war nicht bewußtlos. Und der Gedanke, daß ich wahnsinnig geworden sei, fuhr mir mit einem Schlag durch das Gehirn. Von Schrecken ergriffen, fahre ich aus dem Bett. Ich taumle zur Türe hin, die ich zu öffnen versuche, werfe mich ein paarmal dagegen, um sie zu sprengen, stoße meinen Kopf gegen die Wand, jammere laut, beiße mich in die Finger, weine und fluche....
Alles war ruhig; meine eigene Stimme nur wurde von den Mauern zurückgeworfen. Außerstande, länger in der Zelle umherzutoben, war ich zu Boden gefallen. Da erspähe ich hoch oben, mitten vor meinen Augen, ein graues Viereck in der Wand, einen Schimmer von Weiß, eine Ahnung -- es war das Tageslicht. Oh, wie köstlich atmete ich auf! Ich warf mich flach auf den Boden und weinte vor Freude über diesen gesegneten Schimmer des Lichts, schluchzte vor Dankbarkeit, küßte in die Luft gegen das Fenster hin und betrug mich wie ein Verrückter. Und auch in diesem Augenblick war ich mir bewußt, was ich tat. Aller Mißmut war mit einem Mal fort, alle Verzweiflung und aller Schmerz hatten aufgehört, ich hatte in diesem Augenblick keinen unerfüllten Wunsch, so weit meine Gedanken reichten. Ich setzte mich aufrecht auf den Boden, faltete die Hände und wartete geduldig auf den Anbruch des Tages.
Welch eine Nacht war dies gewesen! Daß man den Lärm nicht gehört hatte! dachte ich verwundert. Aber ich war ja auch in der reservierten Abteilung, hoch über allen Gefangenen. Ein obdachloser Staatsrat, wenn ich so sagen durfte. Beständig in der besten Stimmung, die Augen der immer helleren und helleren Scheibe in der Mauer zugewandt, belustigte ich mich damit, den Staatsrat zu agieren, nannte mich von Tangen und gab meiner Rede Departementsstil. Meine Phantasien hatten nicht aufgehört, nur war ich nun viel weniger nervös. Wenn ich doch nur nicht die bedauerliche Gedankenlosigkeit gehabt hätte, meine Brieftasche daheim zu lassen! Ob ich nicht die Ehre haben dürfe, den Herrn Staatsrat ins Bett zu bringen? Und mit äußerstem Ernst, mit vielen Zeremonien ging ich zur Pritsche hin und legte mich nieder.
Nun war es so hell geworden, daß ich den Umriß der Zelle einigermaßen erkennen konnte, und bald darauf konnte ich den schweren Handgriff an der Türe sehen. Dies zerstreute mich. Die einförmige Dunkelheit, so aufreizend dicht, daß sie mich daran hinderte, mich selbst zu sehen, war gebrochen; mein Blut wurde ruhiger und bald fühlte ich, wie meine Augen sich schlossen.
* * * * *
Durch ein paar Schläge an meiner Türe wurde ich geweckt. In aller Hast sprang ich auf und zog mich eiligst an; meine Kleider waren noch von gestern abend durchnäßt.
Ihr müßt Euch unten beim Jourhabenden melden, sagte der Schutzmann.
So sind also wieder Formalitäten zu überstehen! dachte ich erschrocken.
Ich kam unten in einen großen Raum, in dem dreißig oder vierzig Menschen saßen, alle obdachlos. Und einer nach dem anderen wurden sie aus dem Protokoll aufgerufen, einer nach dem anderen bekamen sie eine Karte auf ein Essen. Der Jourhabende sagte in einem fort zu dem Schutzmann an seiner Seite:
Bekam er eine Karte? Ja, vergessen Sie nicht, ihnen die Karten zu geben. Sie sehen aus, als könnten sie eine Mahlzeit brauchen.
Und ich stand da und sah diese Karten an und wünschte mir eine.
Andreas Tangen, Journalist!
Ich trat vor und verbeugte mich.
Aber Bester, wie sind denn Sie hierhergekommen?
Ich erklärte den ganzen Zusammenhang, gab die gleiche Geschichte wie gestern wieder zum besten, log mit offenen Augen und ohne zu zwinkern, log mit Aufrichtigkeit! Leider ein wenig zu lang aus gewesen, in einem Café, den Torschlüssel verloren....
Ja, sagte er und lächelte, so geht es! Haben Sie denn gut geschlafen?
Wie ein Staatsrat! antwortete ich. Wie ein Staatsrat!
Das freut mich, sagte er und erhob sich. Guten Morgen!
Und ich ging.
Eine Karte, eine Karte auch für mich! Seit drei langen Tagen und Nächten habe ich nichts gegessen! Ein Brot! Aber niemand bot mir eine Karte an, und ich wagte nicht, eine zu verlangen. Das hätte augenblicklich Mißtrauen erregt. Man hätte angefangen, in meine privaten Verhältnisse zu stieren und herausgefunden, wer ich wirklich war; man würde mich wegen falscher Angaben verhaften. -- Erhobenen Hauptes mit der Haltung eines Millionärs, die Hände in meine Rockaufschläge gesteckt, schritt ich aus dem Rathaus.
Die Sonne schien bereits warm, es war zehn Uhr, und der Verkehr auf dem Youngsplatz war in vollem Gange. Wohin sollte ich gehen? Ich klopfe auf die Tasche und fühle nach meinem Manuskript; um elf Uhr wollte ich versuchen, den Redakteur zu treffen. Ich stehe eine Weile auf der Balustrade und beobachte das Leben unter mir; unterdessen fingen meine Kleider zu dampfen an. Der Hunger fand sich wieder ein, nagte in der Brust, ruckte, gab mir kleine feine Stiche, die mich schmerzten. Hatte ich wirklich keinen einzigen Freund, keinen Bekannten, an den ich mich wenden konnte? Ich versuche in meinem Gedächtnis einen Mann zu finden, der mir zehn Öre leihen könnte und finde ihn nicht. Es war ein herrlicher Tag. Viel Sonne und viel Licht war um mich; der Himmel strömte wie ein zartes Meer über den Bergen hin....
Ohne es zu wissen, war ich auf dem Weg nach Hause.
Mich hungerte stark und ich fand auf der Straße einen Holzspan, auf dem ich kauen konnte. Das half. Daß ich daran nicht früher gedacht hatte!
Das Tor war offen, der Stallknecht wünschte mir wie gewöhnlich guten Morgen.
Feines Wetter! sagte er.
Ja, antwortete ich. Das war alles, was ich zu sagen wußte. Konnte ich ihn wohl bitten, mir eine Krone zu leihen? Er tat es gewiß gerne, wenn es ihm möglich war. Ich hatte außerdem ein Mal einen Brief für ihn geschrieben.
Er stand da und schluckte an etwas, das er sagen wollte.
Feines Wetter, ja. Hm. Ich soll heute meine Wirtin bezahlen. Sie könnten wohl nicht so freundlich sein und mir fünf Kronen leihen, wie? Nur für einige Tage. Sie haben mir schon früher einen Gefallen getan.
Nein, das kann ich wirklich nicht, Jens Olai, antwortete ich. Nicht jetzt. Vielleicht später, heute nachmittag vielleicht. Und ich schwankte die Treppe zu meinem Zimmer hinauf.
Hier warf ich mich auf mein Bett und lachte. Welches Schweineglück, daß er mir zuvorgekommen war! Meine Ehre war gerettet. Fünf Kronen -- Gott bewahre dich, Mensch! Du hättest mich ebenso gerne um fünf Aktien der Dampfküche oder um einen Herrenhof in Aker bitten können.
Und der Gedanke an diese fünf Kronen machte mich immer lauter und lauter lachen. War ich nicht ein Teufelskerl, was? Fünf Kronen! Ja, dazu war ich der rechte Mann! Meine Lustigkeit stieg, und ich gab mich ihr hin: Pfui Teufel, was ist das hier für ein Geruch nach Speisen! Richtiger, frischer Karbonadengeruch vom Mittag her, pfui! Und ich stoße das Fenster auf, um den abscheulichen Geruch hinauszulassen. Kellner, ein halbes Beefsteak! Zum Tisch gewandt, diesem gebrechlichen Tisch, den ich mit den Knieen stützen mußte, wenn ich schrieb, verbeugte ich mich tief und fragte: Befehlen Sie vielleicht ein Glas Wein? Nicht? Mein Name ist Tangen, Staatsrat Tangen. Leider bin ich ein wenig zu lang aus gewesen.... Der Torschlüssel .... Und zügellos laufen meine Gedanken wieder auf allen Wegen davon. Ich war mir ständig bewußt, daß ich unzusammenhängend redete und ich sagte kein Wort, ohne daß ich es hörte und verstand. Ich sagte zu mir selbst: Nun redest du wieder unzusammenhängend! Und ich konnte doch nichts dagegen machen. Es war, als läge ich wach und spräche im Schlaf. Mein Kopf war leicht, ohne Schmerz und ohne einen Druck, und mein Gemüt war ohne Wolken. Ich segelte dahin und leistete keinen Widerstand.
Herein! Ja, nur herein! Wie Sie sehen, alles von Rubin. Ylajali, Ylajali! Der rote, schwellende Seidendivan! Wie heftig sie atmet! Küß mich, Geliebte, mehr, mehr. Deine Arme sind wie Bernstein, dein Mund flammt.... Kellner, ich habe ein Beefsteak bestellt....
Die Sonne schien durch mein Fenster herein, und unten hörte ich die Pferde Hafer kauen. Ich saß da und sog an meinem Holzspan, aufgeräumt, froh wie ein Kind. Ständig hatte ich nach dem Manuskript gefühlt; ohne daß ich auch nur ein einziges Mal daran dachte, sagte mir der Instinkt, daß es da war, mein Blut erinnerte mich daran. Und ich zog es hervor.
Es war naß geworden, ich breitete es aus und legte es in die Sonne. Darauf begann ich in meinem Zimmer auf und ab zu wandern. Wie bedrückend alles aussah! Rings auf dem Boden kleine abgeschnittene Streifen von Blechplatten. Aber kein Stuhl zum Sitzen, nicht einmal ein Nagel in den nackten Wänden. Alles war in „Onkels Keller” gebracht und war verzehrt worden. Ein paar Bogen Papier auf dem Tisch, dick mit Staub bedeckt, war all mein Besitz. Die alte grüne Decke auf dem Bett hatte mir Hans Pauli vor einigen Monaten geliehen.... Hans Pauli! Ich knipse mit den Fingern. Hans Pauli Pettersen muß mir helfen! Und ich besinne mich auf seine Adresse. Wie konnte ich auch Hans Pauli vergessen! Er wird sicher sehr gekränkt sein, weil ich mich nicht gleich an ihn gewandt hatte. Rasch setze ich meinen Hut auf, raffe das Manuskript zusammen und eile die Treppe hinunter.
Hör Jens Olai, rief ich in den Stall, ich glaube ganz bestimmt, daß ich dir heute nachmittag helfen kann!
Beim Rathaus angekommen, sehe ich, daß es elf Uhr vorbei ist, und ich beschließe, sofort in die Redaktion zu gehen. Vor der Bureautüre blieb ich stehen, um zu untersuchen, ob meine Papiere auch der Reihe nach lägen; ich glättete sie sorgfältig, steckte sie wieder in die Tasche und klopfte an. Mein Herz pochte hörbar, als ich eintrat.
Die Schere ist wie gewöhnlich da. Ich frage furchtsam nach dem Redakteur. Keine Antwort. Der Mann sitzt mit seiner langen Schere da und bohrt kleine Nachrichten aus den Provinzzeitungen heraus.
Ich wiederhole meine Frage und trete weiter vor.
Der Redakteur ist noch nicht gekommen, sagte die Schere endlich, ohne aufzusehen.
Und wann er käme?
Kann es nicht sagen, kann es durchaus nicht sagen, Sie.
Wie lange ist das Bureau offen?
Hierauf bekam ich keine Antwort mehr und mußte gehen. Die Schere hatte während des Ganzen nicht einen Blick auf mich geworfen. Er hatte meine Stimme gehört und mich daran wiedererkannt. So schlecht bist du hier angesehen, dachte ich, man findet es nicht einmal der Mühe wert, dir zu antworten. Ob dies wohl eine Weisung des Redakteurs war? Ich hatte ihn allerdings auch, seit mein berühmtes Feuilleton für zehn Kronen angenommen worden war, mit Arbeiten überschwemmt, hatte beinahe jeden Tag seine Türe mit unbrauchbaren Sachen eingerannt, die er hatte durchlesen und mir zurückgeben müssen. Er wollte dem vielleicht ein Ende machen, seine Verhaltungsmaßregeln treffen.... Ich begab mich auf den Weg nach Homansby hinaus.
Hans Pauli Pettersen war ein Bauernstudent in der Mansarde eines vierstöckigen Hauses, also war Hans Pauli Pettersen ein armer Mann. Aber hatte er eine Krone, so würde er sie nicht schonen. Ich würde sie so gewiß bekommen, als hätte ich sie schon in der Hand. Und ich ging weiter und freute mich auf diese Krone und fühlte mich ihrer sicher. Als ich an die Haustüre kam, war sie verschlossen, und ich mußte läuten.
Ich wünsche mit dem Studenten Pettersen zu sprechen, sagte ich und wollte hinein; -- ich weiß sein Zimmer.
Student Pettersen? wiederholt das Mädchen. Der in der Dachstube gewohnt habe? Er sei ausgezogen. Ja, wohin, wüßte sie nicht, aber er hatte gebeten, seine Briefe zu Hermansen in der Toldbodstraße zu senden, und das Mädchen nannte die Nummer.
Voll Hoffnung und Glauben gehe ich die ganze Toldbodstraße hinunter, um Hans Paulis Adresse zu erfragen. Dies war mein letzter Ausweg, und ich mußte ihn ausnützen. Unterwegs kam ich an einem Neubau vorüber, vor dem einige Zimmerleute standen und hobelten. Ich nahm zwei saubere Späne aus dem Haufen, steckte den einen in den Mund und den anderen für später in die Tasche. Und ich setzte meinen Weg fort. Ich stöhnte vor Hunger. In einem Bäckerladen hatte ich ein wunderbar großes Zehnörebrot im Fenster gesehen, das größte Brot, das man für diesen Preis bekommen konnte....
Ich komme, um nach der Adresse des Studenten Pettersen zu fragen.
Bernt Ankersstraße Nummer 10, Dachwohnung. -- Ob ich hinausgehen wolle? So, dann wäre ich vielleicht so freundlich, ein paar Briefe mitzunehmen.
Wieder ging ich in die Stadt hinauf, den gleichen Weg, den ich gekommen war, ging wieder an den Zimmerleuten vorbei, die nun mit ihren Blechtöpfen zwischen den Knieen dasaßen und ihre gute, warme Mahlzeit aus der Dampfküche aßen, an dem Bäckerladen vorbei, in dem das Brot noch an seinem Platz lag, und erreichte endlich, halb tot vor Erschöpfung, die Bernt Ankersstraße. Die Türe ist offen, und ich begebe mich die vielen schweren Treppen zum Speicher hinauf. Ich hole die Briefe aus der Tasche, um Hans Pauli gleich beim Eintreten mit einem Schlag in gute Laune zu versetzen. Er würde mir diesen kleinen Gefallen gewiß nicht abschlagen, wenn ich ihm meine Lage erklärte, sicher nicht, Hans Pauli hatte ein so weites Herz, das hatte ich schon immer von ihm gesagt....
An der Türe fand ich seine Karte: „H. P. Pettersen, ÷stud. theol.÷ -- heimgereist.”
Ich setzte mich auf der Stelle nieder, setzte mich auf den blanken Boden, dumpfmüde, zerschlagen vor Erschöpfung. Ich wiederhole ein paar Mal mechanisch: Heimgereist! Heimgereist! Dann schweige ich ganz still. Keine Träne war in meinen Augen, ich hatte keinen Gedanken und keine Empfindung. Mit aufgerissenen Augen saß ich da und starrte ohne mir etwas vorzunehmen auf die Briefe. Es vergingen zehn Minuten, vielleicht auch zwanzig oder mehr, ich saß immer auf dem gleichen Fleck und rührte keinen Finger. Diese dumpfe Betäubung war beinahe wie ein Schlummer. Dann höre ich jemand die Treppe heraufkommen, ich stehe auf und sage:
Für den Studenten Pettersen -- ich habe zwei Briefe für ihn.
Er ist heimgereist, antwortet die Frau. Aber er kommt nach den Ferien zurück. Die Briefe kann ja ich an mich nehmen, wenn Sie wollen.
Ja danke, das wäre sehr gut, sagte ich, dann erhält er sie, wenn er zurückkommt. Es könnten wichtige Dinge darin sein. Guten Morgen.
Als ich hinausgekommen war, blieb ich stehen und sagte laut, mitten auf der Straße, indem ich die Hände ballte: Eines will ich dir sagen, mein lieber Herr und Gott: du bist ein -- na kurz und gut! Und ich nicke wütend mit zusammengebissenen Zähnen zu den Wolken hinauf: Du bist, der Teufel hol' mich, ein --
Dann ging ich einige Schritte und blieb wieder stehen. Indem ich plötzlich die Haltung wechsle, falte ich die Hände, lege meinen Kopf schief und frage mit süßer frommklingender Stimme: Hast du dich auch an ihn gewandt, mein Kind?
Das klang nicht richtig.
Mit großem I, sage ich, mit einem I wie ein Dom! Noch ein Mal: Hast du Ihn denn auch angerufen, mein Kind? Und ich senke den Kopf und mache meine Stimme traurig und antworte: Nein.
Das klang auch nicht richtig.