Part 5
Hab' ich nicht! sagte er, nein, weiß Gott, ob ich sie habe! -- Er stülpte seinen Geldbeutel vor meinen Augen um. -- Ich war gestern abend aus und bin blank; Sie dürfen es mir glauben, ich habe nichts.
Nein, nein, mein Lieber, das ist wohl so! antwortete ich und glaubte seinen Worten. Er hatte ja keinen Grund, wegen einer solchen Kleinigkeit zu lügen; es kam mir auch so vor, als seien seine blauen Augen beinahe feucht geworden, da er seine Taschen untersuchte und nichts fand. Ich zog mich zurück. Entschuldigen Sie nur! sagte ich, ich war nur in einer kleinen Verlegenheit.
Ich war bereits ein Stück weit die Straße hinuntergekommen, als er mir wegen des Päckchens nachrief.
Behalten Sie es, behalten Sie es! antwortete ich; es sei Ihnen wohl vergönnt. Es sind nur ein paar Kleinigkeiten, eine Bagatelle -- ungefähr alles, was ich auf Erden besitze. -- Und ich wurde über meine eigenen Worte gerührt, die in dem dämmernden Abend so trostlos klangen, und ich fing zu weinen an.
Der Wind frischte auf, die Wolken jagten rasend am Himmel dahin, und es ward kühler und kühler, je mehr es dunkelte. Ich ging und weinte die ganze Straße hinab, fühlte immer mehr Mitleid mit mir selbst und wiederholte viele Male ein paar Worte, einen Ausruf, der abermals die Tränen hervortrieb, wenn sie aufhören wollten: Herr, mein Gott, wie schlecht es mir geht! Herr, mein Gott, wie schlecht es mir geht!
Es verging eine Stunde, verging so unendlich langsam und träge. Ich hielt mich eine Zeitlang in der Torvstraße auf, saß auf den Stufen, schlüpfte in die Torwege, wenn jemand vorbeikam, stand da und starrte gedankenlos in die erleuchteten Krämerläden, in denen die Leute mit Waren und Geld umherhuschten; zuletzt fand ich einen geschützten Platz hinter einem Bretterstapel zwischen der Kirche und den Basaren.
Nein, ich konnte heute abend nicht mehr bis zum Wald kommen, gehe es, wie es wolle, ich hatte keine Kräfte dazu, und der Weg war so endlos lang. Ich wollte die Nacht herumbringen, so gut es ging, und bleiben, wo ich war; wurde es zu kalt, konnte ich ein wenig um die Kirche gehen, ich hatte nicht vor, mehr Umstände damit zu machen. Und ich lehnte mich zurück und schlief so halb und halb ein.
Der Lärm um mich her nahm ab, die Läden wurden geschlossen, die Schritte der Fußgänger klangen seltener und seltener, und nach und nach wurden alle Fenster dunkel....
Ich schlug die Augen auf und wurde eine Gestalt vor mir gewahr; die blanken Knöpfe, die mir entgegenleuchteten, ließen mich einen Schutzmann ahnen; das Gesicht des Mannes konnte ich nicht sehen.
Guten Abend! sagte er.
Guten Abend! antwortete ich und erschrak. Verlegen erhob ich mich. Er stand eine Weile unbeweglich da.
Wo wohnen Sie? fragte er.
Ich nannte aus alter Gewohnheit und ohne darüber nachzudenken meine alte Adresse, die kleine Dachstube, die ich verlassen hatte.
Er blieb noch eine Zeitlang stehen.
Habe ich etwas Unrechtes getan? fragte ich ängstlich.
Nein, weit entfernt! antwortete er. Aber Sie sollten jetzt wohl heimgehen, es ist zu kalt, hier zu liegen.
Ja, es ist kühl, das fühle ich.
Und ich sagte gute Nacht und nahm instinktmäßig den Weg hinaus zu meinem alten Zimmer. Wenn ich nur vorsichtig vorginge, könnte ich gewiß hinaufkommen, ohne gehört zu werden; es waren alles in allem acht Treppen, und nur die zwei obersten knackten unter den Tritten.
Unten am Tor nahm ich die Schuhe ab und ging dann hinauf. Es war überall still. Im ersten Stock hörte ich das langsame Ticktack einer Uhr und ein Kind, das ein wenig weinte; dann hörte ich nichts mehr. Ich fand meine Türe, lüpfte sie ein wenig in den Angeln und öffnete sie ohne Schlüssel, wie ich es gewohnt war, ging ins Zimmer und zog die Türe lautlos wieder zu.
Alles war noch so, wie ich es verlassen hatte, die Vorhänge vor den Fenstern waren zur Seite geschlagen und das Bett stand leer. Auf dem Tisch konnte ich ein Papier erkennen, es war vielleicht mein Billett an die Wirtin; sie war also nicht einmal hier oben gewesen, seit ich meiner Wege gegangen. Ich tastete mit der Hand über den weißen Fleck und fühlte zu meiner Verwunderung, daß es ein Brief war. Ein Brief? Ich nehme ihn mit ans Fenster, studiere, so gut es sich in der Dunkelheit machen läßt, diese schlecht geschriebenen Buchstaben und finde endlich meinen eigenen Namen heraus. Aha! dachte ich, Antwort von der Wirtin, ein Verbot mein Zimmer wieder zu betreten, falls ich wieder hierher zurückflüchten sollte!
Und langsam, ganz langsam gehe ich wieder aus dem Zimmer heraus, trage die Schuhe in der einen Hand, den Brief in der anderen und die Decke unterm Arm. Ich mache mich leicht und beiße bei den knarrenden Stufen die Zähne zusammen, komme glücklich und wohlbehalten über alle diese Treppen hinunter und stehe wieder unten im Tor.
Ich ziehe die Schuhe wieder an, lasse mir gut Zeit mit den Riemen, sitze sogar einen Augenblick still, nachdem ich fertig bin; starre gedankenlos vor mich hin und halte den Brief in der Hand.
Dann erhebe ich mich und gehe.
Ein blassender Gaslaternenschein blinkt dort in der Straße, ich gehe bis unter die Laterne, lehne mein Paket gegen den Kandelaber und öffne den Brief, alles äußerst langsam.
Wie ein Strom von Licht durchfährt es meine Brust, und ich höre, daß ich einen kleinen Ruf ausstoße, einen sinnlosen Ruf der Freude: Der Brief war vom Redakteur. Mein Feuilleton war angenommen, war sogleich in die Setzerei gegangen! „Einige kleine Änderungen .... ein paar Schreibfehler verbessert.... talentvoll gemacht .... wird morgen gedruckt.... zehn Kronen.”
Ich lachte und weinte, setzte in Sprüngen die Straße hinunter, hielt an und schlug mir aufs Knie, fluchte um nichts und wieder nichts hoch und teuer ins Blaue hinein. Und die Zeit verging.
Die ganze Nacht, bis zum hellen Morgen, johlte ich in den Straßen umher, dumm vor Freude und wiederholte unaufhörlich: Talentvoll gemacht, also ein kleines Meisterwerk, ein Geniestreich. Und zehn Kronen!
Zweiter Abschnitt
Ein paar Wochen später befand ich mich eines Abends draußen.
Ich war wieder in einem der Friedhöfe gewesen und hatte an einem Artikel für irgendeine Zeitung geschrieben. Während ich damit beschäftigt war, wurde es zehn Uhr, die Dunkelheit fiel ein und die Pforte sollte geschlossen werden. Ich war hungrig, sehr hungrig; die zehn Kronen waren leider nur allzubald verbraucht; nun waren es zwei, beinahe drei Tage und Nächte her, seit ich etwas gegessen hatte, und ich fühlte mich matt, ein wenig angegriffen vom Schreiben mit dem Bleistift. Ich hatte ein halbes Federmesser und einen Schlüsselbund in der Tasche, aber nicht einen Ör.
Als die Friedhofpforte geschlossen wurde, hätte ich ja geradeaus heimgehen sollen; aber aus einer instinktmäßigen Scheu vor meinem Zimmer, wo alles dunkel und leer war -- einer verlassenen Klempnerwerkstatt, in der mich einstweilen aufzuhalten ich endlich Erlaubnis bekommen hatte -- schwankte ich weiter, trieb aufs Geratewohl am Rathaus vorbei, bis hinunter zum Hafen und auf eine Bank auf dem Eisenbahnkai zu, wo ich mich hinsetzte.
Es fiel mir in diesem Augenblick kein trauriger Gedanke ein, ich vergaß meine Not und fühlte mich beruhigt bei dem Anblick des Hafens, der friedlich und schön im Halbdunkel dalag. Aus alter Gewohnheit wollte ich mich daran erfreuen, das Stück durchzulesen, das ich eben geschrieben hatte, und das meinem leidenden Gehirn als das beste vorkam, was ich je gemacht hatte. Ich zog mein Manuskript aus der Tasche, hielt es dicht vor die Augen, um besser zu sehen und durchlief eine Seite nach der anderen. Zuletzt wurde ich müde und steckte das Papier wieder in die Tasche. Alles war still; die See lag wie blaues Perlmutter da, und kleine Vögel flogen stumm an mir vorbei von Ort zu Ort. Ein Schutzmann patrouilliert etwas weiter weg, sonst ist kein Mensch zu sehen, und der ganze Hafen liegt schweigend da.
Ich zähle wieder mein Geld: ein halbes Federmesser, ein Schlüsselbund, aber nicht ein Ör. Plötzlich greife ich in meine Tasche und ziehe die Papiere wieder hervor. Es war ein mechanischer Akt, ein unbewußtes Nervenzucken. Ich suche mir ein weißes unbeschriebenes Blatt aus und -- Gott weiß, woher ich die Idee bekam -- ich machte eine Tüte, schloß sie sorgfältig, so daß sie wie voll aussah, und warf sie weit über das Pflaster weg; sie wurde vom Wind noch etwas weiter fortgeführt, dann blieb sie liegen.
Nun hatte der Hunger begonnen mich anzugreifen. Ich saß da und sah nach dieser weißen Tüte, die gleichsam von blanken Silbermünzen angeschwollen war, und hetzte mich selbst dazu auf, zu glauben, daß sie wirklich etwas enthalte. Ganz aufrecht saß ich da und verleitete mich dazu, die Summe zu erraten -- wenn ich richtig riet, war sie mein! Ich stellte mir die kleinen, niedlichen Zehnörestücke zu unterst vor und die fetten, gerippten Kronen obendrauf -- eine ganze Tüte voll Münzen! Ich saß da und sah sie mit aufgesperrten Augen an und führte mich selbst in Versuchung, hinzugehen und sie zu stehlen.
Dann höre ich den Schutzmann husten -- und wie konnte ich darauf verfallen, genau das Gleiche zu tun? Ich erhebe mich von der Bank und huste, und ich wiederhole dies dreimal, damit er es hören soll. Wie würde er sich auf die Tüte stürzen, wenn er käme! Ich freute mich über diesen Streich und rieb mir entzückt die Hände und fluchte großmächtig vor mich hin. Der sollte ein langes Gesicht machen, der Hund! In den heißesten Pfuhl der Hölle sollte er versinken über diesen Spitzbubenstreich! Ich war vor Hunger trunken geworden, mein Hunger hatte mich berauscht.
Ein paar Minuten später kommt der Schutzmann daher, mit seinen Eisenabsätzen auf dem Pflaster klappernd und nach allen Seiten spähend. Er läßt sich gut Zeit, er hat die ganze Nacht vor sich; er sieht die Tüte nicht -- nicht bevor er ganz nahe bei ihr ist. Da bleibt er stehen und betrachtet sie. Es sieht so weiß und wertvoll aus, was dort liegt, vielleicht eine kleine Summe, was? eine kleine Summe Silbergeldes?.... Und er hebt sie auf. Hm! das ist leicht, das ist sehr leicht. Vielleicht eine kostbare Feder, ein Hutschmuck.... Und er öffnet sie behutsam mit seinen großen Händen und schaut hinein. Ich lachte, lachte und schlug mir auf das Knie, lachte wie ein Rasender. Und nicht ein Laut kam mir aus der Kehle, mein Lachen war stumm und hektisch, hatte die Inbrunst des Weinens....
Dann klappert es wieder auf dem Pflaster und der Schutzmann macht eine Schwenkung zum Kai hinüber. Ich saß mit Tränen in den Augen da und rang nach Atem, ganz außer mir vor fiebriger Lustigkeit. Ich begann laut zu sprechen, erzählte mir selbst von der Tüte, ahmte die Bewegungen des armen Schutzmannes nach, schaute in meine hohle Hand und wiederholte wieder und wieder vor mich hin: Er hustete, als er sie wegwarf! Diesen Worten fügte ich neue hinzu, gab ihnen aufreizende Zusätze, stellte den ganzen Satz um und spitzte ihn zu: Er hustete einmal -- khöhö!
Ich erschöpfte mich in Variationen über diese Worte, und es dauerte weit in den Abend hinein, bevor meine Lustigkeit aufhörte. Dann überkam mich eine schläfrige Ruhe, eine behagliche Mattheit, der ich keinen Widerstand entgegensetzte. Die Dunkelheit war ein wenig dicker geworden, eine kleine Prise furchte das Perlmutter der See. Die Schiffe, deren Masten sich gegen den Himmel abhoben, sahen mit ihren schwarzen Rümpfen wie lautlose Ungeheuer aus, die die Borsten sträubten und dalagen und auf mich warteten. Ich verspürte keinen Schmerz, mein Hunger hatte ihn abgestumpft; statt dessen fühlte ich mich angenehm leer, unberührt von allem um mich her und froh darüber, von keinem gesehen zu werden. Ich legte die Beine auf die Bank und lehnte mich zurück, auf diese Weise konnte ich am besten das ganze Wohlsein der Abgesondertheit fühlen. Keine Wolke war in meinem Gemüt, kein Gefühl des Unbehagens, keine unerfüllte Lust oder Begierde, so weit meine Gedanken reichten. Ich lag mit offenen Augen, in einem Zustand der Abwesenheit meiner selbst, ich fühlte mich herrlich entfernt.
Immer noch gab es keinen Laut, der mich störte; die milde Dunkelheit hatte die Allwelt vor meinen Augen verborgen und mich hier in eitel Ruhe begraben -- nur das öde Rauschen der Stille schweigt mir monoton in die Ohren. Und die dunklen Ungeheuer da draußen würden mich an sich saugen, wenn die Nacht kommt, und sie würden mich weit über das Meer tragen und in fremde Länder, in denen keine Menschen wohnen. Und sie werden mich zum Schloß der Prinzessin Ylajali bringen, wo mich eine ungeahnte Herrlichkeit erwartet, die größer ist als die irgendeines Menschen. Und sie selbst wird in einem strahlenden Saal sitzen, in dem alles aus Amethyst ist, auf einem Thron von gelben Rosen und wird mir die Hand entgegenstrecken, wenn ich hereinkomme, mich begrüßen und Willkommen rufen, wenn ich mich nähere und niederkniee: Willkommen, Ritter, bei mir und in meinem Land! Ich habe dich seit zwanzig Sommern erwartet und in allen hellen Nächten dich gerufen, und wenn du traurig warst, habe ich hier geweint, und wenn du schliefst, habe ich dir herrliche Träume eingeatmet.... Und die Schöne nimmt meine Hand und folgt mir, leitet mich durch lange Gänge, in denen große Menschenscharen Hurra rufen, durch helle Gärten, in denen dreihundert junge Mädchen spielen und lachen, in einen anderen Saal hinein, in dem alles aus leuchtendem Smaragd besteht. Die Sonne flutet herein, durch Galerien und Gänge schreiten singende Chöre, Ströme von Duft schlagen mir entgegen. Ich halte ihre Hand in meiner, und ich fühle die wilde Köstlichkeit der Verzauberung in mein Blut dringen; ich lege meinen Arm um sie, und sie flüstert: Nicht hier, folge mir weiter! Und wir treten in den roten Saal, in dem alles Rubin und eine schwellende Herrlichkeit ist, in die ich versinke. Da fühle ich ihren Arm um mich, sie atmet in mein Antlitz, flüstert: Willkommen, Geliebter! Küß mich! Mehr.... mehr....
Ich sehe von meiner Bank aus Sterne vor den Augen und meine Gedanken streichen in einen Orkan von Licht hinein....
Ich war in Schlaf gefallen und wurde vom Schutzmann geweckt. Da saß ich, unbarmherzig zum Leben und zum Elend zurückgerufen. Mein erstes Gefühl war ein stupides Erstaunen darüber, mich selbst draußen unter offnem Himmel zu finden, aber bald wurde dieses von einem bitteren Mißmut abgelöst, und ich war nahe daran zu weinen, vor Trauer darüber, noch am Leben zu sein. Es hatte geregnet, während ich schlief. Meine Kleider waren ganz durchnäßt, und ich fühlte die rauhe Kälte in meinen Gliedern. Die Dunkelheit war noch dichter geworden, zur Not konnte ich die Gesichtszüge des Schutzmannes vor mir erkennen.
Soo, sagte er, stehen Sie nun auf!
Ich erhob mich sofort; hätte er mir befohlen, mich wieder hin zu legen, hätte ich auch gehorcht. Ich war sehr niedergestimmt und ganz ohne Kraft, dazu kam, daß ich den Hunger fast augenblicklich wieder zu fühlen begann.
Warten Sie doch ein wenig, Dummkopf! rief der Schutzmann mir nach, Sie gehen ja ohne Ihren Hut fort. Soo, gehen Sie jetzt!
Mir schien es auch so, als ob ich gleichsam -- gleichsam etwas vergessen hatte, stammelte ich abwesend. Danke, gute Nacht.
Und ich schwankte weiter.
Wer nun ein wenig Brot hätte! Ein solch herrliches kleines Roggenbrot, von dem man herunterbeißen konnte, während man durch die Straßen ging. Und ich ging weiter und stellte mir eben diese besondere Sorte Roggenbrot vor, von der jetzt so herrlich zu essen gewesen wäre. Ich hungerte bitterlich, wünschte mich tot und fort, wurde sentimental und weinte. Mein Elend wollte kein Ende nehmen! Dann blieb ich mit einem Mal auf der Straße stehen, stampfte auf das Pflaster und fluchte laut. Was hatte er mich doch geheißen? Dummkopf? Ich werde es diesem Schutzmann zeigen, was das sagen will, mich einen Dummkopf zu heißen! Damit kehrte ich um und lief zurück. Ich flammte vor Zorn heiß auf. Unten in der Straße stolperte ich und fiel, aber ich beachtete es nicht, sprang wieder auf und lief. Beim Bahnhofsplatz war ich jedoch so müde geworden, daß ich mich nicht dazu imstande fühlte, bis hinunter zum Hafen zu gehen; auch hatte mein Zorn während des Laufes abgenommen. Endlich hielt ich an und holte Atem. War es schließlich nicht ganz gleichgültig, was solch ein Schutzmann gesagt hatte? -- Ja, aber alles ließ ich mir doch nicht gefallen! -- Freilich! unterbrach ich mich selbst, schließlich verstand er es eben nicht besser! -- Und diese Entschuldigung fand ich zufriedenstellend; ich wiederholte für mich selbst, daß er es eben nicht besser verstand. Damit kehrte ich wieder um.
Mein Gott, worauf du auch verfallen kannst! dachte ich zornig; wie ein Verrückter in solchen regennassen Straßen bei dunkler Nacht herumzulaufen! -- Der Hunger nagte unerträglich und ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Wieder und wieder schluckte ich Speichel, um mich auf diese Weise zu sättigen, und es schien, als wolle dies helfen. Es war nun viele Wochen allzu schmal mit dem Essen für mich gewesen, bevor es soweit gekommen war, und meine Kräfte hatten in letzter Zeit bedeutend abgenommen. War ich so glücklich gewesen, ein Fünfkronenstück durch das eine oder andere Manöver aufzutreiben, wollte dieses Geld nie so lange reichen, daß ich wieder ganz hergestellt war, ehe eine neue Hungerzeit über mich hereinbrach. Am schlimmsten war es meinem Rücken und meinen Schultern ergangen; das leise Bohren in der Brust konnte ich ja für einen Augenblick bekämpfen, wenn ich hart hustete, oder wenn ich ordentlich vornübergebeugt ging; aber für den Rücken und die Schultern wußte ich keinen Rat. Woher kam es nur, daß es gar nicht heller für mich werden wollte? War ich nicht ebenso berechtigt zu leben, wie irgendwelch anderer, wie der Antiquarbuchhändler Pascha und der Dampfschiffexpediteur Hennechen? Hatte ich nicht etwa Schultern wie ein Riese und zwei starke Arme zur Arbeit, und hatte ich nicht sogar einen Holzhackerplatz in der Möllerstraße gesucht, um mein tägliches Brot zu verdienen? War ich träge? Hatte ich mich nicht um Stellen bemüht und Vorlesungen gehört und Zeitungsartikel geschrieben und Nacht und Tag wie ein Verrückter studiert und gearbeitet? Und hatte ich nicht wie ein Geizhals gelebt, von Brot und Milch, wenn ich viel hatte, Brot, wenn ich wenig hatte, und gehungert, wenn ich nichts hatte? Wohnte ich im Hotel, hatte ich eine Flucht von Zimmern im ersten Stock? Auf einem Speicher wohnte ich, in einer Klempnerwerkstatt, aus der Gott und alle Welt im letzten Winter geflüchtet war, weil es hineinschneite. Ich konnte mich auf das Ganze durchaus nicht mehr verstehen.
Über all dieses dachte ich im Weitergehen nach, und es war kein Funken von Bosheit oder Mißgunst oder Bitterkeit in meinen Gedanken.
Bei einem Farbenladen blieb ich stehen und sah durch das Fenster hinein; ich versuchte die Aufschriften auf einigen hermetischen Büchsen zu lesen, aber es war dunkel. Ärgerlich auf mich selbst wegen dieses neuen Einfalles und heftig und zornig darüber, daß ich nicht herausfinden konnte, was diese Dosen enthielten, klopfte ich ein Mal ans Fenster und ging weiter. Oben in der Straße sah ich einen Polizisten, ich beschleunigte meinen Gang, ging dicht bis zu ihm hin und sagte ohne den geringsten Anlaß:
Es ist zehn Uhr.
Nein es ist zwei Uhr, antwortete er erstaunt.
Nein, es ist zehn, sagte ich. Es ist zehn Uhr. Und stöhnend vor Zorn trat ich noch ein paar Schritte vor, ballte meine Hand und sagte: Hören Sie, daß Sie es wissen -- es ist zehn Uhr.
Er stand da und überlegte eine Weile, betrachtete meine Person, starrte mich verblüfft an. Endlich sagte er ganz still:
Auf jeden Fall ist es an der Zeit, daß Ihr heim geht. Wollt Ihr, daß ich Euch begleite?
Durch diese Freundlichkeit wurde ich entwaffnet; ich fühlte, daß mir Tränen in die Augen traten, und ich beeilte mich zu antworten:
Nein, danke! Ich bin nur ein wenig zu lang aus gewesen, in einem Café. Ich danke Ihnen vielmals.
Er legte die Hand an den Helm, als ich ging. Seine Freundlichkeit hatte mich überwältigt, und ich weinte, weil ich keine fünf Kronen besaß, die ich ihm hätte geben können. Ich blieb stehen und sah ihm nach, während er langsam seinen Weg wandelte, schlug mich vor die Stirn und weinte heftiger, je weiter er sich entfernte. Ich schalt mich wegen meiner Armut aus, gab mir Schimpfnamen, erfand verletzende Benennungen, herrlich rohe Entdeckungen von Scheltworten, mit denen ich mich selbst überschüttete. Das setzte ich fort, bis ich beinahe ganz zu Hause war. Als ich an das Tor kam, entdeckte ich, daß ich meine Schlüssel verloren hatte.
Ja natürlich! sagte ich bitter zu mir selbst, warum sollte ich denn meine Schlüssel nicht verlieren? Hier wohne ich in einem Haus, in dem unten ein Stall ist und oben eine Klempnerwerkstatt; das Tor ist in der Nacht verschlossen und niemand, niemand kann es aufschließen -- warum sollte ich nicht auch noch meine Schlüssel verlieren? Ich war naß wie ein Hund, ein bißchen hungrig, ein ganz klein wenig hungrig, und ein wenig lächerlich müde in den Knieen -- warum sollte ich sie auch nicht verlieren? Warum war denn nicht gleich das ganze Haus nach Aker verzogen, wenn ich kam und hinein wollte?.... Und ich lachte in mich hinein, verstockt vor Hunger und Verkommenheit.
Ich hörte die Pferde drinnen im Stall stampfen und konnte meine Fenster oben sehen; aber das Tor konnte ich nicht öffnen und konnte nicht hineinschlüpfen. Müde und verbittert beschloß ich daher, zum Hafen zurückzugehen und nach meinen Schlüsseln zu suchen.
Es hatte wieder angefangen zu regnen, und ich fühlte bereits das Wasser auf meine Schultern durchdringen. Am Rathaus kam mir mit einem Mal ein guter Gedanke: ich wollte die Polizei ersuchen, mir das Tor zu öffnen. Ich wandte mich sofort an einen Schutzmann und bat ihn inständig, mitzukommen und mir aufzuschließen, wenn er könne.
Hja, wenn er könne, ja! Aber er könne nicht. Er habe keinen Schlüssel. Die Schlüssel der Polizei seien nicht hier, die seien in der Detektivabteilung.
Was ich da tun solle?
Hja, ich solle in ein Hotel gehen und dort schlafen.
Aber ich könne wirklich nicht gut ins Hotel gehen; ich hätte kein Geld. Ich sei aus gewesen, in einem Café, er verstünde doch wohl....
Wir standen eine kleine Weile auf der Treppe des Rathauses. Er überlegte und bedachte sich und betrachtete mich. Der Regen strömte draußen nieder.
Dann müssen Sie zum Wachthabenden hineingehen und sich als obdachlos melden, sagte er.
Als obdachlos? Daran hatte ich nicht gedacht. Ja, Tod und Teufel, das war eine gute Idee! Und ich dankte dem Schutzmann auf der Stelle für diesen vorzüglichen Rat. Ob ich ganz einfach hineingehen könne und sagen, daß ich obdachlos sei?
Ganz einfach!....
Namen? fragte der Wachthabende.
Tangen -- Andreas Tangen.
Ich weiß nicht, warum ich log. Meine Gedanken flatterten aufgelöst umher und gaben mir mehr Einfälle, als ich verwenden konnte; ich erfand diesen ferne liegenden Namen im Nu und schleuderte ihn ohne jede Berechnung heraus. Ich log ohne Notwendigkeit.
Beruf?
Dies hieß mir den Stuhl vor die Türe setzen. Hm. Ich dachte zuerst, mich zum Spengler zu machen, wagte es aber nicht; ich hatte mir einen Namen gegeben, den nicht jeder Spengler hat, außerdem trug ich eine Brille auf der Nase. Da fiel es mir ein, dummdreist zu sein, ich trat einen Schritt vor und sagte fest und feierlich:
Journalist.
Der Wachthabende gab sich einen Ruck, ehe er schrieb, und großartig, wie ein obdachloser Staatsrat, stand ich vor der Schranke. Ich erregte kein Mißtrauen; der Wachthabende konnte es wohl verstehen, daß ich mit meiner Antwort gezögert hatte. Wie sah dies auch aus, ein Journalist auf dem Rathaus, ohne Dach über dem Kopf!
Bei welchem Blatt, Herr Tangen?
Beim „Morgenblatt”, sagte ich. Leider bin ich heute abend ein wenig zu lang aus gewesen....
Ja, davon wollen wir nicht sprechen! unterbrach er mich, und er fügte mit einem Lächeln hinzu: Wenn die Jugend bummelt, dann.... Wir verstehen. Zu einem Schutzmann gewendet sagte er, indem er sich erhob und sich höflich vor mir verbeugte: Führen Sie den Herrn in die reservierte Abteilung hinauf. Gute Nacht.