Part 4
Er ist fort! Er ist fort! denke ich. Ich versuche die Türe zu öffnen, sie ist nicht verschlossen, ich klopfe noch einmal an und trete ein.
Der Redakteur sitzt an seinem Tisch, mit dem Gesicht gegen das Fenster und die Feder in der Hand, bereit zu schreiben. Als er meinen atemlosen Gruß hört, dreht er sich halb um, sieht mich kurz an, schüttelt den Kopf und sagt:
Ja, ich habe noch keine Zeit gehabt, Ihre Skizze zu lesen.
Vor Freude darüber, daß er sie dann auf jeden Fall noch nicht abgelehnt hat, antworte ich:
Nein, mein Lieber, das verstehe ich gut. Es eilt ja auch nicht so. In ein paar Tagen vielleicht. Oder....?
Ja, ich will sehen. Im übrigen habe ich ja Ihre Adresse.
Und ich vergaß, ihn darüber aufzuklären, daß ich keine Adresse mehr hatte.
Die Audienz ist vorbei, ich trete, mich verbeugend, zurück und gehe. Die Hoffnung glüht wieder in mir auf, noch war nichts verloren, im Gegenteil, ich konnte noch alles gewinnen. Und mein Gehirn begann von einem großen Rat im Himmel zu fabeln, von dem eben beschlossen worden war, daß ich gewinnen solle, ganze zehn Kronen gewinnen, für ein Feuilleton....
Wenn ich jetzt nur eine Zuflucht für die Nacht wüßte! Ich überlege, wo ich mich am besten verkriechen könnte, werde so stark von dieser Frage in Anspruch genommen, daß ich mitten in der Straße stillstehe. Ich vergesse, wo ich bin, stehe da wie ein einzelnes Seezeichen mitten im Meer, während die Wasser rings strömen und lärmen. Ein Zeitungsjunge reicht mir den „Wiking”: Der ist lustig! -- da! Ich sehe auf und fahre zusammen -- ich bin wieder vor dem Laden von Semb.
Schnell mache ich kehrt, verdecke das Paket mit meinem Körper und eile die Kirchenstraße hinunter, flau und ängstlich davor, daß man mich von den Fenstern aus gesehen haben könnte. Ich passiere Ingebret und das Theater, drehe bei der Loge ab und gehe zum Fjord und zur Festung hinunter. Wieder setze ich mich auf eine Bank und fange von neuem an zu spekulieren.
Wie in aller Welt sollte ich heute nacht ein Obdach finden? Gab es denn kein Loch, in das ich schlüpfen und in dem ich mich verstecken konnte, bis es Morgen wurde? Mein Stolz verbot mir, in mein Zimmer zurückzukehren; es konnte mir niemals einfallen, von meinen Worten abzugehen, ich wies diesen Gedanken mit Ingrimm zurück und lächelte im stillen überlegen über den kleinen roten Schaukelstuhl. Durch Ideenassoziationen befand ich mich plötzlich in einem großen zweifenstrigen Zimmer auf Haegdehaugen, in dem ich einmal gewohnt hatte; ich sah ein Brett auf dem Tisch, beladen mit einer Menge von Butterbroten, sie wechselten das Aussehen, sie wurden zu einem Beefsteak, einem verführerischen Beefsteak, einer schneeweißen Serviette, Brot in Masse, Silberbesteck. Und die Türe ging auf: meine Hausfrau kam und bot mir noch einmal Tee an....
Gesichte und Träume! Ich sagte mir: bekäme ich jetzt Essen, würde mein Kopf wieder verstört werden, ich würde das gleiche Fieber im Gehirn wieder bekommen und viele wahnsinnige Einfälle, mit denen ich kämpfen müßte. Ich vertrug kein Essen, ich war nicht so eingerichtet; es war dies eine Sonderbarkeit an mir, eine Eigenheit.
Vielleicht fand sich Rat für ein Obdach, wenn es auf den Abend zuging. Es hatte keine Eile; im schlimmsten Fall konnte ich im Wald draußen einen Platz suchen, ich hatte die ganze Umgebung der Stadt zur Verfügung, und es gab noch keine Kältegrade.
Die See wiegte sich da draußen in schwerer Ruhe, Schiffe und plumpe, breitnasige Prahme wühlten Furchen auf in ihrer bleiartigen Fläche, sprengten Streifen nach rechts und links aus und glitten weiter, während der Rauch sich wie Daunenbetten aus den Schornsteinen wälzte und der Kolbenschlag der Maschinen matt durch die feuchtkalte Luft drang. Es war keine Sonne und kein Wind, die Bäume hinter mir standen naß, und die Bank, auf der ich saß, war kalt und feucht. Die Zeit ging; ich wurde schlaftrunken, wurde müde und fror ein wenig über den Rücken hinab; eine Weile später fühlte ich, daß meine Augen zufallen wollten. Und ich ließ sie fallen....
Als ich erwachte, war es dunkel um mich herum, ich sprang betäubt und fröstelnd auf, ergriff mein Paket und begann zu gehen. Ich ging schneller und schneller, um warm zu werden, schlug mit den Armen, strich an den Beinen hinunter, die ich beinahe nicht mehr fühlte und kam zur Brandwache hinauf. Es war neun Uhr; ich hatte mehrere Stunden geschlafen.
Was jedoch sollte ich mit mir anfangen? Irgendwo mußte ich doch sein. Ich stehe da und glotze an der Brandwache empor und denke darüber nach, ob es nicht glücken könnte, in einen der Gänge zu gelangen, -- einen Augenblick abzupassen, da die Patrouille den Rücken wendet. Ich gehe die Treppe hinauf und will mich ins Gespräch mit dem Mann einlassen, er hebt sofort seine Axt zur Ehrenbezeugung und wartet darauf, was ich sagen werde. Diese erhobene Axt, die mir die Schneide zuwendet, fährt mir wie ein kalter Hieb durch die Nerven, ich werde angesichts dieses bewaffneten Mannes stumm vor Schrecken und ziehe mich unwillkürlich zurück. Ich sage nichts, gleite nur mehr und mehr von ihm weg; um den Schein zu wahren, fahre ich mir mit der Hand über die Stirne, als hätte ich das eine oder andere vergessen, und schleiche dann fort. Als ich mich wieder auf dem Gehsteig befand, fühlte ich mich so erlöst, als sei ich eben einer großen Gefahr entronnen. Und ich beeilte mich wegzukommen.
Kalt und hungrig und immer verstörter trieb ich die Karl Johanstraße hinauf; ich begann ganz laut zu fluchen und kümmerte mich nicht darum, daß jemand es hören könnte. Unten beim Storting, gleich beim ersten Löwen, erinnere ich mich plötzlich durch eine neue Ideenassoziation eines Malers, den ich kannte, eines jungen Menschen, den ich einmal vor einer Ohrfeige im Tivoli gerettet hatte, und bei dem ich später einmal zu Besuch gewesen war. Ich knipse mit den Fingern und begebe mich in die Tordenskjoldstraße hinunter, finde eine Türe, an der C. Zacharias Bartel auf einer Karte steht, und klopfe an.
Er kam selbst heraus; er roch nach Bier und Tabak, daß es ein Graus war.
Guten Abend! sagte ich.
Guten Abend! Sind Sie es? Nein, warum zum Teufel, kommen Sie so spät? Es nimmt sich bei Lampenlicht gar nicht gut aus. Ich habe seit dem letztenmal einen Heuschober dazu gesetzt und ein paar Veränderungen vorgenommen. Sie müssen es bei Tag sehen, jetzt hat es keinen Sinn.
Lassen Sie es mich trotzdem jetzt sehen! sagte ich; übrigens wußte ich nicht, von welchem Bild er da sprach.
Ganz ausgeschlossen! antwortete er. Es würde alles gelb! Und dann ist auch noch etwas anderes im Weg -- er kam flüsternd näher -- ich habe heute abend ein kleines Mädchen bei mir, so daß es sich rein nicht machen läßt.
Ja, wenn es sich so verhält, dann kann ja keine Rede davon sein.
Ich zog mich zurück, sagte Gute Nacht und ging.
Es blieb mir wohl kein anderer Ausweg, als irgendwohin in den Wald zu gehen. Wenn nur der Erdboden nicht so feucht gewesen wäre! Ich klopfte auf meine Decke und machte mich immer vertrauter mit dem Gedanken, im Freien schlafen zu müssen. So lange hatte ich mich damit geplagt, eine Unterkunft in der Stadt zu finden, daß ich des Ganzen müde und überdrüssig geworden war; es schien mir ein Behagen und ein Genuß, zur Ruhe zu kommen, mich dem Schicksal überlassen zu dürfen und in den Straßen dahin zu schlendern, ohne einen Gedanken im Kopf. Ich ging zur Universitätsuhr und sah, daß es zehn Uhr vorbei war; von dort aus nahm ich den Weg in die Stadt hinauf. Irgendwo auf Haegdehaugen stand ich vor einem Lebensmittelladen still, in dessen Fenster verschiedene Eßwaren aufgestellt waren. Eine Katze lag dort und schlief neben einem Franzbrot, gleich dahinter stand ein Topf Schmalz und mehrere Gläser Grütze. Ich stand da und sah eine Weile auf diese Eßwaren, da ich aber kein Geld besaß, wandte ich mich ab und setzte den Marsch fort. Ich ging sehr langsam, kam an Majorstuen vorbei, ging weiter, immer weiter, ging Stunde auf Stunde und kam endlich in den Bogstadwald hinaus.
Hier bog ich vom Weg ab und setzte mich nieder, um auszuruhen. Dann sah ich mich nach einem passenden Platz um, scharrte ein wenig Heidekraut und Wacholder zusammen und bereitete mir auf einer kleinen Anhöhe, wo es einigermaßen trocken war, ein Lager, öffnete mein Paket und nahm die Decke heraus. Ich war müde und verquält von dem langen Weg und legte mich gleich schlafen. Ich warf und wandte mich lange hin und her, bis ich endlich die richtige Lage gefunden hatte; mein Ohr schmerzte ein bißchen, war von dem Schlag des Mannes auf dem Heuwagen ein wenig aufgeschwollen, und ich konnte nicht darauf liegen. Meine Schuhe zog ich aus und legte sie unter den Kopf und auf sie das große Einwickelpapier.
Und die Dunkelheit brütete rund um mich, alles war still, alles. Aber in der Höhe oben sauste der ewige Sang, die Luft, das ferne, tonlose Summen, das niemals schweigt. Ich lauschte so lange auf dieses endlose kranke Sausen, daß es mich zu verwirren begann; es waren sicherlich Symphonien von den rollenden Welten über mir, Sterne, die einen Gesang intonierten....
Das ist doch auch zum Teufel! sagte ich und lachte laut, um mir Mut zu machen; es sind die Nachteulen in Kanaan.
Und ich stand auf und legte mich wieder hin, zog die Schuhe an und trieb in der Dunkelheit umher und legte mich von neuem nieder, kämpfte und stritt mit Zorn und Furcht bis zum Morgendämmern, bis ich endlich in Schlaf fiel.
* * * * *
Als ich die Augen aufschlug, war es heller Tag, und ich hatte das Gefühl, daß es bereits auf den Mittag zuginge. Ich zog die Schuhe an, packte die Decke wieder ein und begab mich zur Stadt zurück. Auch heute war keine Sonne zu sehen, und ich fror wie ein Hund; meine Beine waren tot, und das Wasser trat mir in die Augen, als ertrügen sie das Tageslicht nicht.
Es war drei Uhr. Der Hunger begann einigermaßen schlimm zu werden, ich war matt und ging dahin und erbrach mich hie und da verstohlen. Ich schwenkte ab, zur Dampfküche hinunter, las die Tafel und zuckte aufsehenerregend mit den Schultern, als ob Pökelfleisch und Speck kein Essen für mich seien; von dort kam ich zum Bahnhofsplatz.
Ein sonderbarer Schwindel fuhr mir mit einem Mal durch den Kopf; ich ging weiter und wollte nicht darauf achten, es wurde aber schlimmer und schlimmer, und ich mußte mich zuletzt auf eine Treppe setzen. In meinem ganzen Gemüt ging eine Veränderung vor sich, als gleite etwas in meinem Inneren zur Seite oder als reiße ein Vorhang, ein Gewebe, in meinem Gehirn entzwei. Ich holte ein paarmal Atem und blieb erstaunt sitzen. Ich war nicht bewußtlos, ich fühlte deutlich, wie es in meinem Ohr von gestern her ein wenig tobte, und als ein Bekannter vorbeikam, erkannte ich ihn sofort, stand auf und grüßte.
Was war dies für eine neue qualvolle Empfindung, die nun zu den anderen hinzukam? War es eine Folge davon, daß ich auf dem bloßen Erdboden geschlafen hatte? Oder kam es daher, daß ich noch kein Frühstück bekommen hatte? Im ganzen genommen war es ja auch ein Unsinn, in dieser Weise zu leben; ich begriff, bei Christi heiligem Leiden, nicht, womit ich mir diese ausgesuchten Verfolgungen verdient hatte! Und es fiel mir plötzlich ein, daß ich ebensogut gleich zum Spitzbuben werden und mit der Bettdecke in den Keller des „Onkels” gehen könne. Ich konnte sie für eine Krone versetzen und drei richtige Mahlzeiten dafür bekommen, konnte mich über Wasser halten, bis sich etwas anderes fände; Hans Pauli würde ich etwas vorschwindeln. Ich war schon auf dem Weg nach dem Keller, hielt aber vor dem Eingang an, schüttelte zweifelnd den Kopf und kehrte um.
Mit jedem Schritt, mit dem ich mich entfernte, wurde ich froher und froher darüber, in dieser schweren Versuchung gesiegt zu haben. Das Bewußtsein, daß ich ehrlich war, stieg mir zu Kopfe, erfüllte mich mit dem herrlichen Gefühl, ein Charakter zu sein, ein weißer Leuchtturm in einem trüben Menschenmeer, auf dem Wracke umherschwammen. Eines andern Eigentum um einer Mahlzeit willen verpfänden, fressen und saufen, sich selbst zur Schande, sich ins eigene Gesicht Spitzbube nennen und die Augen vor sich selbst niederschlagen müssen -- niemals! Niemals! Es war nicht im Ernst meine Absicht gewesen, es war mir beinahe nicht einmal eingefallen; lose, jagende Gedankensplitter brauchte man wirklich nicht zu verantworten, besonders wenn man ein grausames Kopfweh hatte und sich beinahe zu Tode schleppte an einer Bettdecke, die einem anderen gehörte.
Es würde sich ganz sicher doch noch ein Ausweg finden, wenn es an der Zeit war! Da war nun der Kaufmann in Grönlandsleret -- hatte ich ihn jede Stunde des Tages überlaufen, seit ich ihm das Gesuch gesandt hatte? spät und früh bei ihm angeläutet, und war ich abgewiesen worden? Ich hatte ihn so gut wie gar nicht belästigt. Es brauchte ja kein vollkommen vergeblicher Versuch zu sein, ich hatte dieses Mal vielleicht das Glück auf meiner Seite; das Glück machte oft so merkwürdig verschlungene Wege. Und ich begab mich nach Grönlandsleret hinaus.
Die letzte Erschütterung, die mir durch den Kopf gegangen war, hatte mich ein wenig matt gemacht, und ich ging äußerst langsam und dachte an das, was ich dem Kaufmann sagen wollte.... Er war vielleicht eine gute Seele; wenn ihn die Laune ankam, gab er mir möglicherweise eine Krone Vorschuß auf die Arbeit, ohne daß ich ihn darum bat. Solche Leute konnten ab und zu ganz vortreffliche Einfälle haben.
Ich schlich mich in ein Tor und schwärzte meine Hosenkniee mit Speichel, um ein wenig ordentlich auszusehen, legte meine Decke hinter eine Kiste in einem dunklen Winkel, überquerte die Straße und trat in den kleinen Laden ein.
Ein Mann steht da und klebt aus alten Zeitungen Tüten.
Ich möchte gerne Herrn Christie sprechen, sagte ich.
Der bin ich, antwortete der Mann.
Nun! Mein Name sei soundso, ich sei so frei gewesen, ihm ein Gesuch zu schicken, ich wüßte nicht, ob es mir etwas genützt habe.
Er wiederholte meinen Namen ein paar Mal und begann zu lachen. Nun passen Sie auf! sagte er und zog meinen Brief aus seiner Brusttasche. Wollen Sie so freundlich sein und sehen, wie Sie mit Zahlen umgehen, mein Herr. Sie haben Ihren Brief mit der Jahreszahl 1848 datiert. Und der Mann lachte aus vollem Hals.
Ja, das sei ja ein wenig arg, sagte ich kleinlaut, eine Gedankenlosigkeit, eine Zerstreutheit, ich räume das ein.
Sehen Sie, ich muß einen Mann haben, der sich überhaupt nicht mit Zahlen irrt, sagte er. Ich bedaure es; Ihre Handschrift ist so deutlich, mir gefiel Ihr Brief auch sonst, aber....
Ich wartete eine Weile; das konnte unmöglich das letzte Wort des Mannes sein. Er machte sich wieder mit seinen Tüten zu schaffen.
Ja, das sei unangenehm, sagte ich dann, richtig scheußlich unangenehm sei es; aber es sollte sich natürlich nicht mehr wiederholen, und dieser kleine Irrtum könne mich doch nicht ganz unbrauchbar machen, überhaupt Bücher zu führen?
Nein, das sage ich ja nicht, erwiderte er; aber es fiel doch immerhin so stark für mich ins Gewicht, daß ich mich gleich zu einem anderen entschlossen habe.
Die Stelle ist also besetzt? fragte ich.
Ja.
Na, Herrgott, so ist ja wohl nichts mehr dabei zu machen!
Nein. Ich bedaure es, aber....
Leben Sie wohl! sagte ich.
Nun stieg der Zorn in mir auf, glühend und brutal. Ich holte mein Paket im Torweg, biß die Zähne zusammen und rannte auf dem Gehsteig friedliche Leute an und bat nicht um Entschuldigung. Als ein Herr stehen blieb und mich wegen meines Betragens ein wenig scharf zurechtwies, wandte ich mich um und schrie ihm ein einzelnes, sinnloses Wort ins Ohr, ballte die Hände dicht unter seiner Nase und ging weiter, von einer blinden Raserei verhärtet, die ich nicht zu zügeln vermochte. Er rief nach einem Schutzmann und ich wünschte mir nichts lieber, als einen Schutzmann einen Augenblick zwischen die Hände zu bekommen. Ich verlangsamte mit Absicht meinen Gang, um ihm Gelegenheit zu geben, mich einzuholen; aber er kam nicht. Lag nun auch noch irgendein Sinn darin, daß absolut alle innigsten und eifrigsten Versuche eines Menschen mißglücken mußten? Weshalb hatte ich nur 1848 geschrieben? Was scherte mich diese verdammte Jahreszahl? Nun ging ich hier und hungerte, daß meine Gedärme wie Würmer in mir zusammenkrochen. Und es stand nirgends geschrieben, daß ich auch nur ein wenig zu essen bekommen sollte, ehe der Tag zu Ende ginge. Und je länger es dauerte, desto mehr wurde ich geistig und körperlich ausgehöhlt; ich ließ mich mit jedem Tag zu weniger und weniger ehrenhaften Handlungen herab. Ich log mich durch, ohne mich zu schämen, prellte arme Leute um die Miete, kämpfte sogar mit dem nichtswürdigen Gedanken, mich an anderer Leute Bettdecken zu vergreifen, alles ohne Reue, ohne schlechtes Gewissen. Verfaulte Flecken kamen in mein Inneres, schwarze Schwämme, die sich immer mehr ausbreiteten. Und droben im Himmel saß Gott und hatte ein wachsames Auge auf mich und sah voraus, daß mein Untergang nach allen Regeln der Kunst vor sich gehen würde, stetig und langsam, ohne Verstoß gegen das Zeitmaß. Aber im Abgrund der Hölle gingen die argen Teufel umher und verschnauften sich vor Ungeduld, weil es so lange dauerte, bis ich eine Kapitalsünde beging, eine unverzeihliche Sünde, für die mich Gott in seiner Gerechtigkeit hinabstoßen mußte....
Ich beschleunigte meinen Gang, trieb es zu tollerer und tollerer Fahrt, machte plötzlich linksum und kam erregt und zornig in ein helles, geschmücktes Tor. Ich blieb nicht stehen, hielt mich nicht eine Sekunde auf; aber die ganze, eigentümliche Ausstattung des Tores drang augenblicklich in mein Bewußtsein ein, jede Unwichtigkeit an den Türen, den Dekorationen, am Pflaster, stand klar vor meinem inneren Blick, während ich die Treppen hinaufsprang. Im ersten Stock läutete ich heftig. Warum mußte ich gerade im ersten Stock anhalten? Und warum gerade nach diesem Glockenzug greifen, der am weitesten von der Treppe entfernt war?
Eine junge Dame in grauem Kleid mit schwarzen Verzierungen öffnete die Tür; sie sah mich eine kleine Weile erstaunt an, darauf schüttelte sie den Kopf und sagte:
Nein, heute haben wir nichts. Und sie machte Miene, die Türe zu schließen.
Warum war ich auch gerade auf dieses Menschenkind gestoßen? Sie hielt mich ohne weiteres für einen Bettler, und ich wurde mit einem Mal kalt und ruhig. Ich nahm den Hut ab und machte eine ehrerbietige Verbeugung, als hätte ich ihre Worte nicht gehört, und sagte äußerst höflich:
Ich bitte es zu entschuldigen, Fräulein, daß ich so stark geläutet habe, ich kannte die Glocke nicht. Hier soll ein kranker Herr wohnen, der nach einen Mann ausgeschrieben hat, um sich im Rollstuhl fahren zu lassen?
Sie stand eine Weile und schmeckte an dieser lügenhaften Erfindung und schien in ihrer Meinung über meine Person im Zweifel zu sein.
Nein, sagte sie zuletzt, nein, hier wohnt kein kranker Herr.
Nicht? Ein älterer Herr, zwei Stunden Fahrzeit am Tag, vierzig Öre für die Stunde?
Nein.
Dann bitte ich nochmals um Entschuldigung, sagte ich; es ist vielleicht im Erdgeschoß. Ich wollte nur einen Mann empfehlen, den ich zufällig kenne, und für den ich mich interessiere. Mein Name ist Wedel-Jarlsberg. -- Und ich verbeugte mich wieder und trat zurück. Die junge Dame wurde flammend rot, in ihrer Verlegenheit konnte sie sich nicht vom Fleck rühren, sondern stand und starrte mir nach, als ich die Treppe hinunterging.
Meine Ruhe war zurückgekehrt, und mein Kopf war klar. Die Worte der Dame, daß sie heute nichts für mich hätte, waren wie ein kalter Strahl gewesen. Soweit war es gekommen, daß jedermann in seinen Gedanken auf mich deuten und zu sich sagen konnte: Dort geht ein Bettler, einer von jenen, die ihre Nahrung bei den Leuten durch die Wohnungstüren hinausgereicht bekommen!
In der Möllerstraße blieb ich vor einer Wirtschaft stehen und schnupperte nach dem frischen Duft von Fleisch, das drinnen gebraten wurde; ich hatte die Hand schon auf der Türklinke und wollte, ohne dort etwas zu tun zu haben, hineingehen, bedachte mich aber noch rechtzeitig und ging fort. Als ich zum Stortorv kam und nach einem Platz zum Ausruhen suchte, waren alle Bänke besetzt und ich ging vergebens rund um die ganze Kirche herum und spähte nach einem stillen Ort, wo ich mich niederlassen konnte. Natürlich! sagte ich finster zu mir, natürlich, natürlich! Und ich begann wieder zu gehen. Ich machte einen Abstecher zum Brunnen an der Basarecke hinunter und trank einen Schluck Wasser, ging von neuem, schleppte mich Fuß für Fuß vorwärts, nahm mir Zeit zu langen Pausen vor jedem Schaufenster, blieb stehen und folgte mit den Augen jedem Wagen, der vorbei kam. Ich fühlte eine leuchtende Hitze in meinem Kopf und es klopfte seltsam an meinen Schläfen. Das Wasser, das ich getrunken, bekam mir höchst schlecht, und ich erbrach mich da und dort in der Straße. So kam ich bis ganz hinauf zum Christusfriedhof. Ich setzte mich, mit den Ellbogen auf den Knieen und den Kopf in den Händen; in dieser zusammengezogenen Stellung war mir wohl, und ich fühlte das schwache Nagen in der Brust nicht mehr.
Ein Steinmetz lag neben mir auf dem Bauch über einer großen Granitplatte und haute eine Inschrift ein; er hatte eine blaue Brille auf und erinnerte mich mit einem Mal an einen Bekannten von mir, den ich beinahe vergessen hatte, einen Mann, der in einer Bank beschäftigt war, und den ich vor längerer Zeit im Oplandske-Café getroffen hatte.
Könnte ich nur aller Scham den Kopf abbeißen und mich an ihn wenden! Ihm geradeheraus die Wahrheit sagen; sagen, daß es mir gegenwärtig ziemlich schlecht ging und es mir sehr schwer wurde, mich am Leben zu erhalten! Ich könnte ihm mein Barbierabonnement geben .... Tod und Teufel, mein Barbierbuch! Karten für annähernd eine Krone! Und ich fasse nervös nach diesem kostbaren Schatz. Als ich es nicht schnell genug finde, springe ich auf, suche in Angstschweiß gebadet danach, finde es endlich auf dem Grund der Brusttasche zusammen mit anderen Papieren, reinen und beschriebenen, ohne Wert. Ich zähle diese sechs Karten viele Male von vorn und von hinten; ich hatte sie nicht durchaus notwendig, es konnte ja eine Laune von mir sein, ein Einfall, daß ich mich nicht mehr rasieren lassen wollte. Mir wäre mit einer halben Krone geholfen, einer weißen halben Krone aus Silber von Kongsberg! Die Bank wurde um sechs Uhr geschlossen, ich konnte meinen Mann außerhalb Oplandske gegen sieben, acht Uhr abpassen.
Ich saß da und freute mich eine lange Weile an diesem Gedanken. Die Zeit ging, es blies tüchtig in den Kastanien um mich her, und der Tag neigte sich. War es nun nicht doch ein wenig beschämend, mit sechs Rasierkarten zu einem jungen Herrn zu kommen, der in einer Bank angestellt war? Er hatte vielleicht zwei dickvolle Barbierbücher in der Tasche, viel schönere und reinere Karten als meine eigenen, niemand konnte dies wissen. Und ich suchte in allen meinen Taschen nach anderen Dingen, die ich noch mit drein geben könnte, fand aber nichts. Wenn ich ihm nur meinen Schlips anbieten könnte! Ich konnte ihn gut entbehren, falls ich den Rock fest zuknöpfte, was ich ohnehin tun mußte, da ich keine Weste mehr hatte. Ich löste den Schlips, eine große Deckschleife, die meine halbe Brust versteckte, putzte ihn sorgfältig ab und packte ihn in ein Stück weißes Schreibpapier mit dem Barbierbuch zusammen ein. Dann verließ ich den Friedhof und ging hinunter zum Oplandske.
Am Rathaus war es sieben Uhr. Ich bewegte mich in der Nähe des Cafés, pendelte am Eisengitter entlang auf und nieder und hielt scharfen Ausguck auf alle, die durch die Türe kamen und gingen. Endlich, gegen acht Uhr, sah ich den jungen Mann frisch und elegant die Straße heraufkommen und auf die Türe des Cafés zuschwenken. Mein Herz flatterte wie ein kleiner Vogel in meiner Brust, als ich ihn zu Gesicht bekam, und ich stürzte blindlings auf ihn zu, ohne zu grüßen.
Eine halbe Krone, alter Freund! sagte ich und stellte mich frech; hier -- hier haben Sie Valuta. -- Und ich steckte ihm das Päckchen in die Hand.