Part 3
Zum Satan, Mensch, glauben Sie etwa, daß ich hier dasitze und Ihnen die Ohren vollüge? rief ich außer mir. Sie glauben vielleicht nicht einmal, daß es einen Mann namens Happolati gibt? Niemals noch habe ich soviel Trotz und Bosheit bei einem alten Mann gesehen! Was zum Teufel ist mit Ihnen los? Sie haben vielleicht obendrein bei sich gedacht, ich sei ein äußerst armer Kerl, der hier in seinem besten Staat sitzt und überhaupt kein Etui voll Zigaretten in der Tasche hat? Eine solche Behandlung, wie Sie mir bieten, bin ich nicht gewöhnt, das will ich Ihnen sagen, und ich dulde sie, bei Gott, weder von Ihnen noch von irgendeinem anderen, das dürfen Sie glauben!
Der Mann hatte sich erhoben. Mit offenem Mund stand er da, stumm, und hörte meinen Ausbruch an, bis ich zu Ende war, dann ergriff er schnell sein Paket auf der Bank und ging, lief beinahe über den Weg mit seinen kleinen Greisenschritten.
Ich blieb zurück und sah seinen Rücken an, der mehr und mehr fortglitt und immer mehr zusammenzusinken schien. Ich weiß nicht, woher ich den Eindruck bekam, aber es schien mir, als hätte ich niemals einen unehrlicheren und lasterhafteren Rücken gesehen als diesen, und ich bereute nicht, daß ich diesen Menschen ausgescholten hatte, bevor er mich verließ....
Der Tag ging zur Neige, die Sonne sank, in den Bäumen ringsumher fing es an ein wenig zu sausen, und die Kindermädchen, die ein Stück weiter weg in Gruppen bei der Balancierstange saßen, begannen ihre Wagen heimzurollen. Ich war ruhig und wohlgemut. Die Erregung, in der ich eben gewesen war, legte sich nach und nach, ich fiel zusammen, wurde schlaff und begann mich schläfrig zu fühlen. Die große Menge Brotes, die ich gegessen hatte, war mir auch nicht mehr besonders lästig. In bester Stimmung lehnte ich mich auf der Bank zurück, schloß die Augen und wurde immer schlaftrunkener, ich schlummerte und war nahe daran, in festen Schlaf zu fallen, als ein Parkwächter seine Hand auf meine Schulter legte und sagte:
Sie dürfen hier herinnen nicht schlafen.
Nein, sagte ich und erhob mich sogleich. Und mit einem Schlag stand meine traurige Lage mir wieder klar und deutlich vor den Augen. Ich mußte etwas tun, irgend etwas ausfindig machen! Stellungen zu suchen hatte mir nichts genützt; die Empfehlungen, die ich vorzeigte, waren alt geworden und schrieben sich von allzu unbekannten Personen her, um kräftig zu wirken; außerdem hatten die ständigen Absagen während des ganzen Sommers mich verzagt gemacht. Na -- unter allen Umständen war meine Miete fällig, und ich mußte einen Ausweg dafür finden. Dann konnte das übrige einstweilen auf sich beruhen.
Ganz unwillkürlich hatte ich wieder Bleistift und Papier in die Hände genommen und saß und schrieb mechanisch die Jahreszahl 1848 in alle Ecken. Wenn jetzt nur ein einziger brausender Gedanke mich gewaltig erfassen und mir die Worte in den Mund legen wollte! Es war dies doch früher geschehen; es war wirklich geschehen, daß solche Stunden über mich gekommen waren, in denen ich ohne Anstrengung ein langes Stück schreiben und es glänzend durchführen konnte.
Ich sitze hier auf der Bank und schreibe dutzende Male 1848, schreibe diese Zahl kreuz und quer in allen möglichen Formen und warte darauf, daß mir eine brauchbare Idee einfalle. Ein Schwarm loser Gedanken schwirrt in meinem Kopf umher, und die Stimmung des sinkenden Tages macht mich mißmutig und sentimental. Der Herbst ist gekommen und hat schon angefangen, alles in Erstarrung zu legen, Fliegen und kleine Insekten haben den ersten Stoß bekommen, und in den Bäumen und unten auf der Erde hört man den Laut des kämpfenden Lebens, raschelnd, sausend, unruhig arbeitend, um nicht zu vergehen. Alles Gewürm rührt sich noch einmal, streckt seine gelben Köpfe aus dem Moos, hebt seine Beine, tastet sich mit langen Fäden vor und sinkt dann plötzlich zusammen, fällt um und wendet den Bauch in die Luft. Jedes Gewächs hat sein eigenes Gepräge bekommen, einen feinen, hinatmenden Hauch der ersten Kälte; die Halme starren bleich zur Sonne auf, und das abfallende Laub zischelt über die Erde mit einem Laut wie von wandernden Seidenraupen. Es ist die Zeit des Herbstes, es ist mitten im Karneval der Vergänglichkeit; das Rot der Rosen ist krank, ein hektischer wunderbarer Schein liegt über der blutroten Farbe.
Ich fühlte mich selbst wie ein kriechendes Tier im Untergang, von der Zerstörung ergriffen, mitten in dieser schlafbereiten Allwelt. Ich erhob mich von Schrecken besessen und tat ein paar gewaltsame Schritte über den Weg. Nein! rief ich und ballte meine beiden Hände, dies muß ein Ende haben! Und ich setzte mich wieder, nahm wieder den Bleistift in die Hand und wollte Ernst mit einem Artikel machen. Es konnte gar nichts nützen, sich nachzugeben, wenn man mit einer unbezahlten Miete vor Augen dastand.
Langsam begannen meine Gedanken sich zu sammeln. Ich paßte auf und schrieb sacht und wohlüberlegt ein paar Seiten als eine Einleitung zu irgend etwas; das konnte ein Anfang zu allem möglichen sein, zu einer Reiseschilderung, einem politischen Artikel, je nachdem ich es selbst für gut hielt. Es war ein ganz vortrefflicher Anfang zu allem möglichen.
Dann fing ich an, nach einer bestimmten Frage zu suchen, die ich behandeln könnte, einen Mann, ein Ding, irgend etwas, worüber ich mich werfen konnte, aber ich vermochte nichts zu entdecken. Während dieser fruchtlosen Anstrengungen kam von neuem Unordnung in meine Gedanken, ich fühlte, wie mein Gehirn förmlich versagte, mein Kopf leer und leerer wurde, -- er saß leicht und ohne Inhalt auf meinen Schultern. Ich empfand diese klaffende Leere in meinem Kopf mit dem ganzen Körper, erschien mir selbst von oben bis unten ausgehöhlt.
Herr, mein Gott und Vater! rief ich vor Schmerz, und ich wiederholte diesen Ruf in einem Zug mehrere Male, ohne etwas hinzuzufügen.
Der Wind raschelte im Laub, es zogen sich Wolken zusammen. Ich saß noch eine Weile und starrte verloren auf meine Papiere, legte sie dann zusammen und steckte sie langsam in die Tasche. Es wurde kühl, und ich hatte keine Weste mehr; ich knöpfte den Rock bis zum Hals hinauf zu und steckte die Hände in die Tasche. Dann stand ich auf und ging.
Wenn es mir nur dieses eine Mal geglückt wäre, dieses eine Mal! Wiederholt hatte mich bereits meine Hauswirtin mit den Augen nach der Bezahlung gefragt, und ich hatte mich niederducken und mich mit einem verlegenen Gruß an ihr vorbeischleichen müssen. Ich konnte das nicht wieder tun; wenn ich das nächste Mal diesen Augen begegnete, würde ich mein Zimmer aufsagen und ehrlich Rechenschaft ablegen; es konnte auf die Dauer doch nicht in dieser Weise weitergehen.
Als ich zum Ausgang des Parkes kam, sah ich den alten Zwerg wieder, den ich mit meiner Raserei in die Flucht gejagt hatte. Das mystische Zeitungspaket lag weit aufgeschlagen neben ihm, voll von Eßwaren verschiedener Art, von denen er abbiß. Plötzlich wollte ich gerade auf ihn zugehen und ihn für mein Betragen um Vergebung bitten, aber seine Art zu essen stieß mich zurück; die alten Finger, die wie zehn runzlige Krallen aussahen, umfaßten ekelhaft die fetten Butterbrote, ich fühlte Würgen und ging an ihm vorbei, ohne ihn anzureden. Er erkannte mich nicht, seine Augen starrten mich an, trocken wie Horn, und sein Gesicht verzog keine Miene.
Und ich setzte meinen Weg fort.
Nach Gewohnheit blieb ich vor jeder ausgehängten Zeitung, an der ich vorbeikam, stehen, um die Bekanntmachungen von ledigen Stellen zu studieren, und ich war so glücklich, eine zu finden, die ich übernehmen konnte: Ein Kaufmann im Grönlandsler suchte einen Mann, der ihm jeden Abend für ein paar Stunden die Bücher führen könnte; Lohn nach Übereinkunft. Ich notierte mir die Adresse des Mannes und betete im stillen zu Gott um diesen Platz; ich wollte für die Arbeit weniger verlangen als irgendein anderer, fünfzig Öre waren reichlich, oder vielleicht vierzig Öre; ganz gleich, wie es sich eben gab.
Als ich heimkam, lag auf meinem Tisch ein Zettel von meiner Hauswirtin, worauf sie mich bat, meine Miete im voraus zu bezahlen oder auszuziehen, sobald ich könnte. Ich möge das nicht ärgerlich aufnehmen, es sei einzig und allein ein notwendiges Verlangen. Freundschaftlichst Madam Gundersen.
Ich schrieb ein Gesuch an den Kaufmann Christie im Grönlandsler Nummer 31, legte es in einen Umschlag und brachte es hinunter zum Briefkasten an der Ecke. Dann ging ich wieder in mein Zimmer hinauf, setzte mich in den Schaukelstuhl und begann nachzudenken, während das Dunkel dichter und dichter wurde. Nun fing es an schwierig zu werden, sich über Wasser zu halten.
* * * * *
Gegen Morgen erwachte ich sehr früh. Es war noch ziemlich dunkel, als ich die Augen aufschlug, und erst lange danach hörte ich die Uhr in der Wohnung unter mir fünfmal anschlagen. Ich wollte wieder einschlafen, aber es gelang mir nicht mehr, ich wurde immer munterer und lag wach und dachte an tausend Dinge.
Plötzlich fallen mir ein oder zwei gute Sätze ein, zu einer Skizze, einem Feuilleton, feine sprachliche Glückstreffer, wie ich noch nie ihresgleichen gefunden hatte. Ich liege da und wiederhole diese Worte vor mich hin und finde, daß sie ausgezeichnet sind. Bald fügen sich mehr hinzu, ich werde mit einem Mal vollkommen wach und stehe auf und greife nach Papier und Bleistift, die auf dem Tisch hinter meinem Bett liegen. Es war, als sei eine Ader in mir aufgesprungen, ein Wort folgt dem anderen, die Worte ordnen sich im Zusammenhang, bilden sich zu Situationen; Szene häuft sich auf Szene, Handlungen und Repliken quellen in meinem Gehirn auf, und ein wundervolles Behagen erfaßt mich. Ich schreibe wie ein Besessener und fülle eine Seite nach der anderen, ohne einen Augenblick Pause. Gedanken kommen so plötzlich über mich und strömen weiterhin so reichlich, daß ich eine Menge Nebensächlichkeiten verliere, weil ich sie nicht schnell genug niederschreiben kann, obwohl ich aus allen Kräften arbeite. Immer noch dringt es auf mich ein, ich bin von meinem Stoff erfüllt, und jedes Wort, das ich schreibe, wird mir in den Mund gelegt.
Es dauert, dauert so gesegnet lange, ehe dieser seltsame Augenblick aufhört; ich habe fünfzehn, zwanzig beschriebene Seiten vor mir auf den Knieen liegen, als ich endlich anhalte und den Bleistift weglege. War da nun wirklich irgendein Wert in diesen Papieren, so war ich gerettet! Ich springe aus dem Bett und kleide mich an. Es wird immer heller, ich kann die Bekanntmachung des Leuchtfeuerdirektors unten an der Türe halbwegs unterscheiden, und beim Fenster ist es bereits so hell, daß ich zur Not zum Schreiben sehen könnte. Und ich mache mich sogleich daran, meine Papiere reinzuschreiben.
Ein seltsam dichter Dampf von Licht und Farben schlägt aus diesen Phantasien empor. Überrascht bäume ich vor einem guten Einfall nach dem anderen zurück und sage zu mir selbst, daß dies das beste sei, was ich jemals gelesen hätte. Ich werde trunken vor Zufriedenheit, die Freude bläht mich auf, und ich fühle mich großartig gehoben; ich wäge meine Schrift in der Hand und taxiere sie auf der Stelle auf fünf Kronen, nach losem Schätzen. Es würde keinem Menschen einfallen, bei fünf Kronen zu feilschen, im Gegenteil müßte zugestanden werden, es wäre ein Raubkauf, dies für fünf Kronen zu erwerben, sofern es auf die Beschaffenheit des Inhaltes ankam. Ich hatte nicht im Sinn, eine so eigentümliche Arbeit umsonst herzugeben; soviel ich wußte, fand man Romane dieser Art nicht auf der Straße. Und ich entschloß mich zu zehn Kronen.
Es wurde heller und heller im Zimmer, ich warf einen Blick an der Türe hinunter, und konnte ohne besondere Mühe die feinen, skelettartigen Buchstaben von Jungfer Andersens Leichenwäsche, rechts im Torweg, lesen; es war nun auch eine gute Weile vergangen, seit es sieben Uhr geschlagen hatte.
Ich erhob mich und stellte mich mitten ins Zimmer. Wenn ich alles wohl überlegte, kam Madam Gundersens Kündigung ziemlich gelegen. Dies war eigentlich kein Zimmer für mich; hier waren recht simple grüne Vorhänge an den Fenstern, -- und sonderlich viele Nägel für die Garderobe waren auch nicht an den Wänden. Der arme Schaukelstuhl dort in der Ecke war im Grund nur ein Witz von einem Schaukelstuhl, über den man sich leicht zu Tode lachen konnte. Er war viel zu niedrig für einen erwachsenen Mann, außerdem war er so eng, daß man sozusagen den Stiefelknecht brauchte, um wieder herauszukommen. Kurz gesagt, das Zimmer war nicht dazu eingerichtet, sich darin mit geistigen Dingen zu beschäftigen, und ich hatte nicht vor, es länger zu behalten. Auf gar keinen Fall wollte ich es behalten! Ich hatte allzulange geschwiegen und geduldet und es in diesem Schuppen ausgehalten.
Aufgeblasen von Hoffnung und Zufriedenheit, ständig in Anspruch genommen von meiner merkwürdigen Skizze, die ich jeden Augenblick aus der Tasche zog, darin zu lesen, wollte ich sogleich Ernst damit machen und den Umzug in Gang bringen. Ich nahm mein Bündel hervor, ein rotes Taschentuch, das ein paar reine Kragen und etwas zusammengeknülltes Zeitungspapier, in dem ich mein Brot heimgetragen, enthielt, rollte meine Bettdecke zusammen und steckte meinen Vorrat an weißem Schreibpapier zu mir. Darauf untersuchte ich der Sicherheit halber alle Winkel, um mich zu vergewissern, daß ich nichts hinterlassen hatte, und als ich nichts fand, ging ich zum Fenster und sah hinaus. Der Morgen war dunkel und naß; es war niemand bei der abgebrannten Schmiede draußen, und das Waschseil, das sich unten im Hof von Wand zu Wand spannte, war von der Nässe gestrafft. Ich kannte alles zusammen von früher, trat deshalb vom Fenster weg, nahm die Decke unter den Arm, verbeugte mich vor der Bekanntmachung des Leuchtfeuerdirektors, verbeugte mich vor Jungfer Andersens Leichenwäsche und öffnete die Türe.
Mit einem Mal kam mir meine Wirtin in den Sinn, -- sie mußte doch von meinem Auszug unterrichtet werden, damit sie sehen konnte, daß sie es mit einem ordentlichen Menschen zu tun gehabt hatte. Ich wollte ihr auch für die paar Tage, die ich das Zimmer über die Zeit hinaus benützt hatte, schriftlich danken. Die Gewißheit, nun für längere Zeit gerettet zu sein, drang so stark auf mich ein, daß ich meiner Hausfrau sogar fünf Kronen versprach, wenn ich nächster Tage vorbeikäme; ich wollte ihr bis zum Übermaß zeigen, was für einen honetten Menschen sie unter dem Dach gehabt hatte.
Den Zettel hinterließ ich auf dem Tisch.
Abermals hielt ich an der Türe an und kehrte um. Dieses strahlende Gefühl, nun obenauf zu sein, entzückte mich und machte mich dankbar gegen Gott und die ganze Welt, und ich kniete beim Bett nieder und dankte Gott mit lauter Stimme für seine große Güte gegen mich an diesem Morgen. Ich wußte es, oh, ich wußte es, daß der Rausch von Inspiration, den ich eben durchlebt und niedergeschrieben hatte, eines wunderbaren Himmels Tat an meinem Geiste war, eine Antwort auf meinen Notruf von gestern. Das ist Gott! Das ist Gott! rief ich mir zu, und ich weinte vor Begeisterung über meine eigenen Worte; dann und wann mußte ich innehalten und einen Augenblick horchen, ob jemand auf der Treppe sei. Endlich erhob ich mich und ging; ich glitt lautlos alle diese Stockwerke hinunter und erreichte ungesehen das Tor.
Die Straßen waren blank vom Regen, der in den Morgenstunden gefallen war, der Himmel hing rauh und tief über der Stadt, und es war nirgends ein Sonnenstrahl zu sehen. Wie spät mochte es sein? Ich ging wie gewöhnlich in der Richtung des Rathauses und sah, daß es halb neun Uhr war. Ich hatte also noch ein paar Stunden vor mir; es nützte nichts, vor zehn Uhr, vielleicht elf Uhr, in die Redaktion zu kommen, ich mußte mich einstweilen herumtreiben und inzwischen spekulieren, wie ich zu einem kleinen Frühstück gelangen konnte. Ich hatte übrigens keine Angst davor, an diesem Tag hungrig ins Bett zu gehen; diese Zeiten waren Gott sei Lob vorüber! Das war ein zurückgelegtes Stadium, ein böser Traum; von nun an ging es aufwärts!
Indessen wurde mir die grüne Bettdecke beschwerlich; ich konnte mich auch wirklich nicht mit einem solchen Bündel vor allen Leuten sehen lassen. Was würde man von mir glauben! Und ich ging weiter und überlegte, wo ich sie bis auf weiteres aufbewahrt bekommen konnte. Da fiel mir ein, ich könne damit zu Semb gehen und sie in Papier einschlagen lassen; dies würde gleich besser aussehen, und es wäre keine Schande mehr, sie zu tragen. Ich trat in den Laden und trug mein Verlangen einem der Gehilfen vor.
Er sah zuerst die Decke an, dann mich; es schien mir, daß er im stillen ein wenig geringschätzig die Schultern zuckte, als er das Paket entgegennahm. Das verletzte mich.
Tod und Teufel, seien Sie ein bißchen vorsichtig! rief ich. Es sind zwei teure Glasvasen darin; das Paket soll nach Smyrna.
Das half, das half großartig. Der Mann bat mit jeder Bewegung, die er machte, um Verzeihung dafür, daß er nicht sofort wichtige Dinge in der Decke geahnt hatte. Als er mit dem Einpacken fertig war, dankte ich ihm für die Hilfe wie ein Mann, der schon früher kostbare Sachen nach Smyrna gesandt hatte; er öffnete mir sogar die Türe, als ich ging.
Ich wanderte unter den Menschen auf dem Stortorv umher und hielt mich am liebsten in der Nähe der Weiber auf, die Topfpflanzen zu verkaufen hatten. Die schweren, roten Rosen, die blutig und rot im feuchten Morgen glommen, machten mich begehrlich, führten mich in Versuchung, sündhaft rasch eine mitgehen zu lassen, und ich fragte nach dem Preis, nur um ihnen so nah wie möglich kommen zu können. Würde mir Geld übrigbleiben, wollte ich sie kaufen, gehe es, wie es wolle; ich konnte es ja reichlich da und dort an meiner Lebensweise einsparen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Es wurde zehn Uhr und ich ging zur Redaktion hinauf. Ein Mann, die Schere genannt, durchwühlt einen Stoß alter Zeitungen, der Redakteur ist noch nicht gekommen. Auf Aufforderung liefere ich mein großes Manuskript ab, lasse den Mann ahnen, daß es von mehr als gewöhnlicher Bedeutung sei, und lege ihm inständig ans Herz, es dem Redakteur persönlich zu geben, wenn er käme. Ich wolle mir dann später am Tag selbst den Bescheid holen.
Gut! sagte die Schere und fing wieder mit den Zeitungen an.
Ich fand, daß er es etwas zu ruhig nahm, sagte aber nichts, nickte ihm nur gleichgültig mit dem Kopf ein wenig zu und ging.
Nun hatte ich Zeit. Wenn es nur aufklaren wollte! Es war ein rein elendes Wetter, ohne Wind und ohne Frische; die Damen benützten der Sicherheit halber Regenschirme, und die Wollmützen der Herren sahen komisch und traurig aus. Ich machte abermals einen Schlag zum Markt hinüber und sah mir Gemüse und Rosen an. Da fühle ich eine Hand auf meiner Schulter und wende mich um, die „Jungfer” wünscht mir guten Morgen.
Guten Morgen? antworte ich fragend, um gleich sein Vorhaben zu erfahren. Ich hielt nicht viel von der „Jungfer”.
Er sieht neugierig auf das große, nagelneue Paket unter meinem Arm und fragt:
Was haben Sie da drin?
Ich bin bei Semb gewesen und habe Stoff zu einem Anzug gekauft, entgegne ich in gleichgültigem Ton; es paßte mir nicht mehr, weiterhin so schäbig herumzugehen, man kann doch auch zu geizig gegen sein Äußeres sein.
Er sieht mich an und stutzt.
Wie geht es übrigens? fragt er langsam.
Ja über Erwarten.
Haben Sie nun etwas zu tun?
Etwas zu tun? antworte ich und bin sehr erstaunt; ich bin doch Buchhalter bei der Großhändlerfirma Christie, ja.
Ach so! sagt er und weicht ein wenig zurück. Du lieber Gott, wie sehr ich Ihnen das gönne! Wenn man Ihnen nur jetzt das Geld, das Sie verdienen, nicht abbettelt! Guten Morgen.
Kurz darauf dreht er sich um und kommt zurück; er deutet mit dem Stock auf mein Paket und sagt:
Ich würde Ihnen meinen Schneider empfehlen. Sie bekommen keinen feineren Schneider als Isaksen. Sagen Sie nur, daß ich Sie sende.
Was steckte er da seine Nase in meine Sachen? Ging es ihn etwas an, welchen Schneider ich nahm? Ich wurde zornig; der Anblick dieses leeren, geputzten Menschen machte mich erbittert, und ich erinnerte ihn ziemlich brutal an zehn Kronen, die er von mir geliehen hatte. Noch ehe er antworten konnte, bereute ich jedoch, ihn gemahnt zu haben, ich wurde flau, und ich sah ihm nicht in die Augen; als im gleichen Augenblick eine Dame vorbeikam, trat ich schnell zurück, um sie vorüber zu lassen, und benützte die Gelegenheit, meiner Wege zu gehen.
Was sollte ich nun anfangen, während ich wartete? Ein Café konnte ich mit leeren Taschen nicht besuchen, und ich wußte keinen Bekannten, zu dem ich um diese Tageszeit hätte gehen können. Instinktmäßig schlenderte ich die Stadt hinauf, vertrieb einen Teil der Zeit auf dem Weg zwischen dem Markte und Graensen, las „Aftenposten”, die soeben an die Tafel gehängt worden war, machte einen Schwung zur Karl Johanstraße hinunter, kehrte dann um und ging geradeaus zum Erlöserfriedhof, wo ich einen ruhigen Platz auf dem Hügel neben der Kapelle fand.
Ich saß dort in aller Stille und döste in der nassen Luft, dachte, schlief halb und halb und fror. Und die Zeit ging. War es nun auch gewiß, daß das Feuilleton ein kleines Meisterstück inspirierter Kunst war? Gott weiß, ob es nicht da und dort seine Fehler hatte! Wenn ich alles wohl überlegte, brauchte es nicht einmal angenommen zu werden, nein, nicht einmal angenommen, ganz einfach! Es war vielleicht ziemlich mittelmäßig, vielleicht geradezu schlecht; welche Sicherheit hatte ich dafür, daß es nicht schon jetzt in diesem Augenblick im Papierkorb lag.... Meine Zufriedenheit war erschüttert, ich sprang auf und stürmte aus dem Kirchhof hinaus.
Unten in der Akerstraße guckte ich in ein Ladenfenster und sah, daß es erst wenig über zwölf Uhr war. Das machte mich noch verzweifelter. Ich hatte so sicher gehofft, es sei weit über Mittag, und vor vier Uhr hatte es keinen Sinn, nach dem Redakteur zu fragen. Das Schicksal meines Feuilletons erfüllte mich mit dunklen Ahnungen; je mehr ich daran dachte, desto unwahrscheinlicher kam es mir vor, daß ich so plötzlich etwas Brauchbares geschrieben haben könnte, beinahe im Schlaf, das Gehirn voller Fieber und Freude. Natürlich hatte ich mich selbst betrogen und war den ganzen Morgen über froh gewesen, um nichts und wieder nichts. Natürlich! .... Ich bewegte mich in raschem Gang den Ullevaalsweg hinauf, vorbei an St. Hanshaugen, kam auf offene Felder, in die engen, seltsamen Gassen bei Sagene, über Bauplätze und Äcker und befand mich zuletzt auf einer Landstraße, deren Ende ich nicht absehen konnte.
Hier blieb ich stehen und beschloß umzukehren. Ich war von dem Marsch warm geworden und ging langsam und sehr niedergedrückt zurück. Ich begegnete zwei Heuwagen, -- die Fuhrleute lagen flach oben auf der Last und sangen, beide barhäuptig, beide mit runden, sorglosen Gesichtern. Ich ging weiter und dachte bei mir selbst, daß sie mich anreden würden, mir die eine oder andere Bemerkung zuwerfen oder mir einen Streich spielen würden, und als ich ihnen nahe genug gekommen war, rief der eine mich an und fragte, was ich unter dem Arm trage.
Eine Bettdecke, antwortete ich.
Wieviel Uhr ist es? fragte er.
Ich weiß es nicht genau, ungefähr drei Uhr, glaube ich.
Da lachten die zwei und zogen vorbei. Im selben Augenblick fühlte ich den Hieb einer Peitsche an meinem einen Ohr. Mein Hut wurde heruntergerissen. Die jungen Menschen konnten mich nicht vorbeilassen, ohne mir einen Schabernack anzutun. Ich griff mir wütend ans Ohr, klaubte den Hut vom Straßengraben auf und setzte meinen Weg fort. Unten bei St. Hanshaugen begegnete ich einem Mann, der mir sagte, daß es vier Uhr vorbei sei.
Vier Uhr vorbei! Es war schon vier Uhr vorbei! Ich schritt aus, der Stadt und der Redaktion zu. Der Redakteur war vielleicht schon lange dagewesen und war wieder fortgegangen. Ich ging und sprang, stolperte, stieß gegen Wagen, ließ alle Spaziergänger hinter mir, nahm es mit den Pferden auf, mühte mich ab wie ein Verrückter, um noch rechtzeitig hinzukommen. Ich wand mich beim Tor hinein, nahm die Treppe mit vier Sätzen und klopfte an.
Niemand antwortet.