Part 2
Vor Nummer 2, einem großen dreistöckigen Haus, wandten sie sich noch einmal um, dann traten sie ein. Ich lehnte mich an einen Laternenpfahl beim Springbrunnen und lauschte ihren Schritten auf der Treppe nach; sie erstarben im ersten Stock. Ich trete vom Licht weg und sehe am Haus hinauf. Da geschieht etwas Sonderbares, die Vorhänge bewegen sich hoch oben, einen Augenblick später wird ein Fenster geöffnet, ein Kopf schaut heraus, und zwei seltsam blickende Augen ruhen auf mir. Ylajali! sagte ich halblaut und fühlte, daß ich rot wurde. Warum rief sie nicht um Hilfe? Warum stieß sie nicht an einen der Blumentöpfe, so daß er mir auf den Kopf fiel, oder schickte jemand herunter, um mich wegzujagen? Wir stehen da und sehen einander in die Augen, ohne uns zu rühren; das dauert eine Minute. Gedanken schießen zwischen dem Fenster und der Straße hin und her, und kein Wort wird gesagt. Sie wendet sich um, es gibt mir einen Ruck, einen zarten Stoß durch den Sinn; ich sehe eine Schulter, die sich dreht, einen Rücken, der ins Zimmer verschwindet. Dieses langsame Weggehen vom Fenster, die Betonung in dieser Bewegung mit der Schulter, war wie ein Nicken zu mir; mein Blut vernahm diesen feinen Gruß, und ich fühlte mich im selben Augenblick wunderbar froh. Dann kehrte ich um und ging die Straße hinunter.
Ich wagte nicht zurückzusehen und wußte nicht, ob sie abermals ans Fenster gekommen war; ich wurde immer unruhiger und nervöser, je mehr ich diese Frage überlegte. Vermutlich stand sie in diesem Augenblick am Fenster und verfolgte genau meine Bewegungen, und sich so von hinten beobachtet zu wissen, war in keiner Weise auszuhalten. Ich straffte mich auf, so gut ich konnte und ging weiter; es begann in meinen Beinen zu zucken, mein Gang wurde unsicher, weil ich ihn mit Absicht schön machen wollte. Um ruhig und gleichgültig zu scheinen, schlenkerte ich sinnlos mit den Armen, spuckte auf die Straße und streckte die Nase in die Luft; aber nichts half. Ich fühlte ständig die verfolgenden Augen in meinem Nacken, es lief mir kalt durch den Körper. Endlich rettete ich mich in eine Seitenstraße, von wo ich den Weg zum Pilestraede hinunter nahm, um meinen Bleistift zu holen.
Es machte mir keine Mühe, ihn zurückzuerhalten. Der Mann brachte mir die Weste selbst und bat mich, gleich alle Taschen zu untersuchen; ich fand auch ein paar Pfandscheine, die ich zu mir steckte, und dankte dem freundlichen Mann für sein Entgegenkommen. Er nahm mich mehr und mehr für sich ein, es war mir im selben Augenblick sehr darum zu tun, diesem Menschen einen besonders guten Eindruck von mir zu geben. Ich wandte mich zur Türe und kehrte wieder zum Ladentisch zurück, als hätte ich etwas vergessen; ich glaubte ihm eine Erklärung schuldig zu sein, eine Auskunft, und ich begann zu summen, um ihn aufmerksam zu machen. Dann nahm ich den Bleistift in die Hand und hielt ihn in die Luft.
Es könne mir nicht einfallen, sagte ich, weite Wege wegen irgendeines beliebigen Bleistiftes zu gehen; mit diesem hier aber sei es eine andere Sache, eine eigene Sache. So gering er auch aussah, hatte dieser Bleistiftstumpf mich schlechthin zu dem gemacht, was ich in der Welt war, hatte mich sozusagen auf meinem Platz im Leben gestellt....
Mehr sagte ich nicht. Der Mann kam ganz nahe zum Ladentisch her.
Soso? meinte er und sah mich neugierig an.
Mit diesem Bleistift, fuhr ich kaltblütig fort, habe ich meine Abhandlung in drei Bänden über die philosophische Erkenntnis geschrieben. Ob er nicht davon reden gehört habe?
Und dem Mann schien es wirklich, daß er den Namen, den Titel gehört habe.
Ja, sagte ich, das sei von mir, das! Da dürfe es ihn schließlich nicht wundern, wenn ich dieses kleine Ende von einem Bleistift zurückhaben wolle. Es habe allzu großen Wert für mich, es sei mir beinahe wie ein kleiner Mensch. Übrigens sei ich ihm für sein Wohlwollen aufrichtig dankbar, und ich wolle mich seiner dafür erinnern -- doch, doch, ich wolle mich wirklich dafür seiner erinnern; ein Mann ein Wort, so sei ich, und er verdiene es. Lebwohl.
Ich ging mit einer Haltung zur Türe, als könnte ich ihn in einer hohen Stellung unterbringen. Der freundliche Pfandleiher verbeugte sich zweimal vor mir, als ich mich entfernte, und ich wandte mich noch einmal um und sagte Lebwohl.
Auf der Treppe begegnete ich einer Frau, die eine Reisetasche in der Hand trug. Sie drückte sich ängstlich zur Seite, um mir Platz zu machen, weil ich mich so aufblies, und ich griff unwillkürlich in die Tasche, wollte ihr etwas geben; als ich nichts fand, wurde ich herabgestimmt, und ich ging mit gesenktem Kopf an ihr vorbei. Kurz darauf hörte ich, daß auch sie an die Bude klopfte; es war ein Drahtgitter an der Tür, ich erkannte sogleich den klirrenden Laut wieder, den es von sich gab, wenn eines Menschen Knöchel es berührte.
Die Sonne stand im Süden, es war ungefähr zwölf Uhr. Die Stadt fing an auf die Beine zu kommen, die Promenadezeit näherte sich, und grüßendes und lachendes Volk wogte in der Karl Johanstraße auf und nieder. Ich drückte die Ellbogen an die Seite, machte mich klein und schlüpfte unbemerkt an einigen Bekannten vorbei, die eine Ecke bei der Universität in Beschlag genommen hatten, um die Vorübergehenden zu betrachten. Ich wanderte den Schloßberg hinauf und fiel in Gedanken.
Diese Menschen -- leicht und lustig wiegten sie ihre hellen Köpfe und schwangen sich durch das Leben wie durch einen Ballsaal! In keinem einzigen Auge war Sorge, keine Bürde auf irgendeiner Schulter, vielleicht nicht ein einziger trüber Gedanke, nicht eine einzige kleine heimliche Pein in einem dieser fröhlichen Gemüter. Und ich ging hier dicht neben diesen Menschen, jung und vor kurzem erschlossen, und ich hatte schon vergessen, wie das Glück aussah. Ich liebkoste diesen Gedanken bei mir selbst und fand, daß mir ein grausames Unrecht geschehen war. Warum waren die letzten Monate so merkwürdig hart gegen mich gewesen? Ich kannte meinen hellen Sinn nicht wieder. An allen Ecken und Enden litt ich an den sonderbarsten Plagen. Ich konnte mich nicht einmal allein auf irgendeine Bank setzen oder meinen Fuß irgendwohin bewegen, ohne von kleinen, bedeutungslosen Zufälligkeiten überfallen zu werden, von jämmerlichen Bagatellen, die sich in meine Vorstellungen eindrängten und meine Kräfte in alle Winde zerstreuten. Ein Hund, der an mir vorbeistrich, eine gelbe Rose im Knopfloch eines Herrn, konnten meine Gedanken in Schwingungen versetzen und mich für längere Zeit beschäftigen. Was fehlte mir? Hatte der Finger des Herrn auf mich gedeutet? Aber warum gerade auf mich? Warum nicht ebensogut auf einen Mann in Südamerika, wenn es schon so sein mußte? Überlegte ich die Sache recht, wurde es mir immer unbegreiflicher, daß gerade ich zum Probierstein für die Laune der Gnade Gottes ausersehen sein sollte. Es war dies eine höchst eigentümliche Art vorzugehen, eine ganze Welt zu überspringen, um mich zu erreichen; der Antiquarbuchhändler Pascha und der Dampfschiffexpediteur Hennechen waren doch auch noch da.
Ich ging weiter und prüfte diese Sache und wurde nicht fertig mit ihr; ich fand die gewichtigsten Einwände gegen diese Willkür des Herrn, mich die Schuld aller entgelten zu lassen. Sogar nachdem ich eine Bank gefunden und mich niedergesetzt hatte, fuhr diese Frage fort, mich zu beschäftigen und mich zu hindern, an andere Dinge zu denken. Seit dem Tag im Mai, da meine Widerwärtigkeiten begonnen hatten, konnte ich ganz deutlich eine allmählich zunehmende Schwäche bemerken, ich war gleichsam zu matt geworden, um mich dahin zu steuern und zu leiten, wohin ich wollte. Ein Schwarm von kleinen schädlichen Tieren hatte sich in mein Inneres gedrängt und mich ausgehöhlt. Wie, wenn nun Gott geradezu im Sinn hätte, mich ganz zu zerstören? Ich stand auf und trieb vor meiner Bank hin und her.
Mein ganzes Wesen befand sich in diesem Augenblick im höchsten Grad der Pein; ich hatte sogar in den Armen Schmerzen und konnte es kaum ertragen, sie auf gewöhnliche Art zu halten. Auch von meiner letzten schweren Mahlzeit her fühlte ich ein starkes Unbehagen, ich war übersättigt und erregt und spazierte auf und ab, ohne aufzusehen; die Menschen, die um mich her waren, kamen und glitten an mir vorbei wie Schatten. Schließlich wurde meine Bank von ein paar Herren besetzt, die ihre Zigarren anzündeten und laut schwätzten. Ich geriet in Zorn und wollte sie anreden, kehrte aber um und ging ganz hinüber zur anderen Seite des Parkes, wo ich eine andere Bank fand. Ich setzte mich.
Der Gedanke an Gott begann mich wieder in Anspruch zu nehmen. Ich fand es höchst unverantwortlich von ihm, mir jedesmal in den Weg zu treten, wenn ich einen Posten suchte, und alles zu zerstören, obwohl es doch nur die Nahrung des Tages war, um die ich bat. Ich hatte es ganz deutlich bemerkt, immer wenn ich längere Zeit hungerte, war es gleichsam, als rinne mein Gehirn langsam aus dem Kopf, und als würde er leer. Das Haupt wurde leicht und abwesend, ich fühlte seine Schwere nicht mehr auf meinen Schultern, und ich hatte das Gefühl, daß meine Augen allzuweit geöffnet glotzten, wenn ich jemand ansah.
Ich saß da auf der Bank und dachte über all dieses nach und wurde immer bitterer gegen Gott wegen seiner andauernden Quälereien. Wenn er glaubte, mich näher an sich zu ziehen und mich besser zu machen, indem er mich peinigte und mir Widerstand auf Widerstand in den Weg legte, griff er ein wenig fehl, das konnte ich ihm versichern. Und ich sah zum Himmel auf, weinend fast vor Trotz, und sagte ihm das im stillen ein für allemal.
Bruchstücke meines Kinderglaubens kamen mir ins Gedächtnis, der Tonfall der Bibel sang in meinen Ohren, ich sprach leise mit mir selbst und legte den Kopf spöttisch auf die Seite. Weshalb bekümmerte ich mich darum, was ich fressen sollte, was ich saufen sollte, und in was ich diesen elenden Madensack, meinen irdischen Leib genannt, kleiden sollte? Hatte nicht mein himmlischer Vater für mich gesorgt wie für die Sperlinge unter dem Himmel und mir die Gnade erwiesen, auf seinen geringen Diener zu deuten? Gott hatte seinen Finger in mein Nervennetz gesteckt und behutsam, ganz obenhin, ein wenig Unordnung in die Drähte gebracht. Und Gott hatte seinen Finger zurückgezogen und siehe, es waren Fäden, feine Wurzelfäden von den Fasern meiner Nerven an dem Finger. Und es blieb ein offenes Loch von seinem Finger zurück, der Gottes Finger war, und Wunden blieben in meinem Gehirn von den Wegen seines Fingers. Aber als Gott mich mit dem Finger seiner Hand berührt hatte, entließ er mich und berührte mich nicht mehr und ließ mir nichts Böses widerfahren. Vielmehr durfte ich in Frieden gehen und durfte mit dem offenen Loch gehen. Und nichts Böses widerfährt mir von Gott, der der Herr ist, in alle Ewigkeit....
Stöße von Musik wurden vom Wind aus dem Studentenhain zu mir heraufgetragen, es war also zwei Uhr vorbei. Ich zog meine Papiere hervor und versuchte etwas zu schreiben, gleichzeitig fiel mein Barbierabonnement aus der Tasche. Ich öffnete es und zählte die Blätter, es waren noch sechs Karten übrig. Gott sei Dank! sagte ich unwillkürlich; ich konnte mich noch einige Wochen rasieren lassen und anständig aussehen! Und gleich kam ich in eine bessere Gemütsstimmung durch dieses kleine Eigentum, das ich noch besaß; ich glättete die Karten sorgfältig und verwahrte das Buch in der Tasche.
Aber schreiben konnte ich nicht. Nach ein paar Linien wollte mir nichts mehr einfallen; meine Gedanken waren anderswo, ich konnte mich zu keiner bestimmten Anstrengung aufraffen. Alle Dinge wirkten auf mich ein und zerstreuten mich, alles, was ich sah, gab mir neue Eindrücke. Fliegen und kleine Mücken setzten sich auf dem Papier fest und störten mich; ich blies sie an, um sie weg zu bringen, blies fester und fester, aber ohne Erfolg. Die kleinen Biester legen sich nach hinten, machen sich schwer und kämpfen dagegen an, so daß ihre dünnen Beine sich ausbauchen. Sie sind durchaus nicht vom Fleck zu bringen. Sie finden immer etwas, um sich daran festzuhaken, stemmen die Fersen gegen ein Komma oder eine Unebenheit im Papier und stehen unverrückbar still, bis sie selbst es für gut finden, ihren Weg zu gehen.
Eine Zeitlang fuhren diese kleinen Untiere fort, mich zu beschäftigen, ich legte die Beine übers Kreuz und ließ mir gute Weile, sie zu beobachten. Mit einem Mal schmetterten ein oder zwei hohe Klarinettentöne aus den Anlagen zu mir herauf und gaben meinen Gedanken einen neuen Anstoß. Mißmutig darüber, daß ich meinen Artikel nicht zustande bringen konnte, steckte ich die Papiere wieder in die Tasche und lehnte mich auf der Bank zurück. In diesem Augenblick ist mein Kopf so klar, daß ich die feinsten Gedanken denken kann, ohne zu ermüden. Während ich in dieser Stellung liege und meine Blicke über Brust und Beine hinuntergleiten lasse, bemerke ich die zuckende Bewegung, die mein Fuß bei jedem Pulsschlag macht. Ich richte mich halb auf und sehe auf meine Füße nieder, und ich durchlebe in dieser Zeitspanne eine phantastische und fremde Stimmung, die ich niemals früher gefühlt hatte. Es gab mir einen feinen und wunderbaren Ruck durch die Nerven, wie wenn Schauer von Licht sie durchzuckten. Als ich die Blicke auf meinen Schuhen weilen ließ, war es, als hätte ich einen guten Bekannten getroffen oder einen losgerissenen Teil meiner selbst zurückerhalten; ein Gefühl des Wiedererkennens durchzittert meine Sinne, die Tränen kommen mir in die Augen, und ich empfinde meine Schuhe wie einen leise sausenden Ton, der auf mich eindringt. Schwachheit! sagte ich hart zu mir selbst, ich ballte die Hände und sagte: Schwachheit. Ich nannte mich selbst einen Narren wegen dieser lächerlichen Gefühle, hielt mich mit vollem Bewußtsein zum besten; ich sprach sehr streng und verständig und kniff die Augen heftig zusammen, um die Tränen zurückzudrängen. Als ob ich nie zuvor meine Schuhe gesehen hätte, beschäftige ich mich jetzt damit, ihr Aussehen zu studieren, ihre Mimik, wenn ich den Fuß bewege, ihre Form und die abgenützten Oberteile, und ich entdecke, daß die Falten und weißen Nähte ihnen Ausdruck verleihen, ihnen Physiognomie geben. Es war etwas von meinem eigenen Wesen in diese Schuhe übergegangen, sie wirkten auf mich wie ein Hauch gegen mein Ich, ein atmender Teil meiner selbst....
Ich saß da und fabelte mit diesen Wahrnehmungen eine lange Weile, vielleicht eine ganze Stunde. Ein kleiner alter Mann kam und nahm das andere Ende meiner Bank ein; während er sich setzte, schnaufte er ein über das andere Mal schwer und sagte:
Ja ja ja ja ja ja ja ja ja ja, so ist's!
Sowie ich seine Stimme hörte, war es mir, als fege ein Wind durch meinen Kopf, ich ließ die Schuhe Schuhe sein, und es kam mir bereits so vor, als ob die verwirrte Gemütsstimmung, die ich eben erlebt hatte, sich aus einer längst entschwundenen Zeit herschriebe, vielleicht ein Jahr oder zwei zurückläge und sachte im Begriff sei, aus meiner Erinnerung ausgewischt zu werden. Ich setzte mich zurecht, um den Alten anzusehen.
Was ging er mich an, dieser kleine Mann? Nichts, nicht das geringste! Nur, daß er eine Zeitung in der Hand hielt, eine alte Nummer mit dem Anzeigenteil nach außen, in der irgend etwas eingepackt zu sein schien. Ich wurde neugierig und konnte meine Augen nicht von der Zeitung losbringen; ich bekam die wahnsinnige Idee, dies könne eine besonders merkwürdige Zeitung sein, einzig dastehend in ihrer Art; meine Neugier stieg, und ich begann auf der Bank hin und her zu rutschen. Es konnten Dokumente sein, gefährliche Akten, aus einem Archiv gestohlen. Und es schwebte mir etwas von einem heimlichen Traktat vor, einer Verschwörung.
Der Mann saß still und dachte. Weshalb trug er auch seine Zeitung nicht wie jeder andere Mensch eine Zeitung trägt, mit dem Titel nach außen? Was war das für eine Hinterlistigkeit? Er sah nicht so aus, als wolle er sein Paket aus der Hand lassen, nicht um alles in der Welt, er wagte vielleicht nicht einmal es seiner eigenen Tasche anzuvertrauen. Ich hätte mein Leben verwetten mögen, daß da etwas dahintersteckte.
Ich sah in die Luft. Gerade dies, daß es so unmöglich war, in diese mystische Sache einzudringen, machte mich vor Neugierde ganz verstört. Ich kramte in meinen Taschen nach irgend etwas, das ich dem Mann hätte geben können, um ins Gespräch mit ihm zu kommen und erwischte mein Barbierabonnement, steckte es aber wieder ein. Plötzlich kam es mir in den Sinn, äußerst frech zu sein, ich schlug mir auf meine leere Brusttasche und sagte:
Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?
Danke, der Mann rauchte nicht, er hatte damit aufhören müssen, um seine Augen zu schonen, er war beinahe blind. Übrigens vielen Dank!
Ob es lange her sei, daß seine Augen Schaden gelitten hatten? Dann könne er vielleicht auch nicht lesen? Nicht einmal Zeitungen?
Nicht einmal Zeitungen, leider!
Der Mann sah mich an. Die kranken Augen hatten beide ein dünnes Häutchen, das ihnen ein glasartiges Aussehen gab, sein Blick wurde weiß und machte einen widerlichen Eindruck.
Sie sind fremd hier? sagte er.
Ja. -- Ob er nicht einmal den Titel der Zeitung lesen könne, die er in der Hand halte?
Kaum. -- Übrigens hätte er sofort gehört, daß ich fremd sei; es sei etwas in meinem Tonfall, das ihm das sage. Dazu brauche es wenig, er höre so gut; in der Nacht, wenn alle schliefen, könne er die Menschen im Nebenzimmer atmen hören.... Was ich sagen wollte, wo wohnen Sie?
Mit einem Mal stand eine Lüge fertig in meinem Kopf. Ich log unfreiwillig, ohne Vorsatz und ohne Hintergedanken, ich antwortete:
Auf dem Sankt Olafsplatz, Nummer 2.
Wirklich? Der Mann kannte jeden Pflasterstein auf dem Sankt Olafsplatz. Dort sei ein Springbrunnen, seien einige Laternenpfähle, ein paar Bäume, er erinnerte sich des Ganzen.... Welche Nummer haben Sie?
Ich wollte ein Ende machen und erhob mich, von meiner fixen Idee mit der Zeitung zum Äußersten getrieben. Das Geheimnis sollte aufgeklärt werden, koste es, was es wolle.
Wenn Sie diese Zeitung nicht lesen können, warum ....
Nummer 2, sagten Sie doch? fuhr der Mann fort, ohne meine Unruhe zu beachten. Ich kannte seinerzeit alle Menschen in Nummer 2. Wie heißt Ihr Hausherr?
Um ihn los zu werden, erfand ich in Eile einen Namen, bildete diesen Namen im Augenblick und schleuderte ihn heraus, um meinem Plagegeist Einhalt zu tun.
Happolati, sagte ich.
Happolati ja, nickte der Mann, und er verlor nicht eine Silbe dieses schwierigen Namens.
Ich sah ihn erstaunt an; er saß sehr ernsthaft da und hatte eine nachdenkliche Miene. Kaum hatte ich diesen dummen Namen, der mir gerade eingefallen war, ausgesprochen, als der Mann sich schon damit zurecht fand und tat, als habe er ihn schon früher gehört. Mittlerweile legte er sein Paket auf die Bank, und ich fühlte meine ganze Neugierde durch die Nerven zittern. Ich bemerkte, daß ein paar Fettflecken auf der Zeitung waren.
Ist er nicht Seemann, Ihr Hausherr? fragte er, und es war keine Spur von Ironie in seiner Stimme. Ich glaube mich zu erinnern, daß er Seemann war?
Seemann? Verzeihung, Sie meinen wahrscheinlich den Bruder; hier handelt es sich nämlich um den I. A. Happolati, Agent.
Ich glaubte, das würde der Sache ein Ende machen; aber er ging willig auf alles ein.
Es soll ein tüchtiger Mann sein, habe ich gehört? sagte er tastend.
Oh, ein verschlagener Kerl, antwortete ich, ein tüchtiger Geschäftsmann, Agent für alles mögliche, Preiselbeeren nach China, Federn und Daunen aus Rußland, Häute, Holzmasse, Schreibtinte....
Hehe, zum Teufel! unterbrach mich der Greis in hohem Grad ermuntert.
Dies begann interessant zu werden. Die Situation ging mit mir durch, und eine Lüge nach der anderen entstand in meinem Kopf. Ich setzte mich wieder, vergaß die Zeitung, die merkwürdigen Dokumente, wurde eifrig und fiel dem anderen in die Rede. Die Leichtgläubigkeit des kleinen Zwerges machte mich dummdreist, ich wollte ihn rücksichtslos anlügen, ihn grandios aus dem Feld schlagen.
Ob er von dem elektrischen Psalmenbuch gehört habe, das Happolati erfunden hatte?
Was, elek....?
Mit elektrischen Buchstaben, die im Dunkeln leuchteten! Ein ganz großartiges Unternehmen. Millionen Kronen in Bewegung, Gießereien und Druckereien in Arbeit, Scharen von festbesoldeten Mechanikern beschäftigt, ich hätte etwas von siebenhundert Mann gehört.
Ja, ich sag's ja! meinte der Greis leise. Mehr sagte er nicht; er glaubte jedes Wort, das ich erzählte, und fiel trotzdem nicht in Erstaunen. Das enttäuschte mich ein wenig, ich hatte erwartet, ihn durch meine Einfälle ratlos zu machen.
Ich erfand noch ein paar desperate Lügen, trieb es bis zum Hasard, flüsterte davon, daß Happolati neun Jahre Minister in Persien gewesen sei. -- Sie haben vielleicht keine Ahnung, was es sagen will, Minister in Persien zu sein? fragte ich. Das sei mehr als König hier, oder ungefähr soviel wie Sultan, wenn er wisse, was das sei. Aber Happolati habe alles bewältigt und sich niemals festgerannt. Und ich erzählte von Ylajali, seiner Tochter, einer Fee, einer Prinzessin, die dreihundert Sklavinnen hatte und auf einem Lager von gelben Rosen lag; sie sei das schönste Wesen, das ich je gesehen hätte. Gott straf mich, wenn ich in meinem Leben jemals einen ähnlichen Anblick erlebt hätte.
So, war sie so schön? äußerte der Alte mit einer abwesenden Miene und sah auf den Boden.
Schön? Sie war herrlich, sie war sündhaft süß! Augen wie Rohseide, Arme aus Bernstein. Ein einziger Blick nur von ihr sei verführerisch wie ein Kuß, und wenn sie mich rief, jagte ihre Stimme wie ein Strahl Weines bis an mein Herz. Weshalb sollte sie nicht so herrlich sein? Hielt er sie etwa für einen Kassenboten oder für einen Mann von der Feuerwehr? Sie war einfach eine Herrlichkeit des Himmels, könne ich ihm sagen, ein Märchen.
Jaja! sagte der Mann ein wenig verdutzt.
Seine Ruhe langweilte mich. Ich war von meiner eigenen Stimme erregt worden und sprach in vollem Ernst. Die gestohlenen Archivsachen, der Traktat mit dieser oder jener fremden Macht waren nicht mehr in meinen Gedanken. Das kleine flache Paket lag zwischen uns auf der Bank, und ich hatte nicht mehr die geringste Lust, es zu untersuchen und zu sehen, was es enthielt. Ich war ganz von meinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen, seltsame Gesichte trieben an meinen Augen vorbei, das Blut stieg mir zu Kopf, und ich lachte aus vollem Halse.
In diesem Augenblick schien der Mann gehen zu wollen. Er tastete an sich herum und fragte, um nicht schroff abzubrechen:
Er soll schwere Besitzungen haben, dieser Happolati?
Wie konnte dieser blinde, widerwärtige Greis es wagen, mit einem Namen, den ich erdichtet hatte, umzugehen, als sei es ein gewöhnlicher Name und stünde auf jedem Krämerschild der Stadt? Er stolperte über keinen Buchstaben und vergaß keine Silbe; dieser Name hatte sich in seinem Gehirn festgebissen und im selben Augenblick Wurzeln geschlagen. Ich wurde ärgerlich, eine innere Verbitterung begann in mir gegen diesen Menschen zu entstehen, den nichts in Verlegenheit bringen konnte und nichts mißtrauisch machte.
Davon weiß ich nichts, erwiderte ich störrisch; ich weiß durchaus nichts davon. Lassen Sie es sich nun übrigens ein für allemal sagen, daß er Johan Arendt Happolati heißt, nach seinen eigenen Vorbuchstaben zu urteilen.
Johan Arendt Happolati, wiederholte der Mann, erstaunt über meine Heftigkeit. Dann schwieg er.
Sie sollten seine Frau sehen, sagte ich rasend; einen dickeren Menschen.... Ja, Sie glauben vielleicht gar nicht, daß sie so besonders dick ist?
Doch, das glaube er wohl -- ein solcher Mann --
Der Greis antwortete auf jeden meiner Ausfälle sanftmütig und still und suchte nach Worten, als sei er besorgt, sich zu vergehen und mich zornig zu machen.