Part 14
Ja aber, liebe Frau, es handelt sich ja nur um diese paar Tage, bis mein Artikel fertig ist, antwortete ich, und dann will ich Ihnen gerne fünf Kronen obendrein geben, gerne.
Aber offenbar glaubte sie nicht an meinen Artikel, das konnte ich ihr ansehen. Und ich konnte nicht stolz tun und das Haus bloß um dieser kleinen Kränkung willen verlassen; ich wußte, was meiner wartete, wenn ich meines Weges ging.
* * * * *
Einige Tage verstrichen.
Ich war immer noch bei der Familie unten, da es in dem Vorzimmer, das keinen Ofen hatte, zu kalt war; auch nachts schlief ich auf dem Boden in der Stube. Der fremde Seemann wohnte noch immer in meinem Zimmer und es hatte nicht den Anschein, als ob er so bald ausziehen würde. Zur Mittagszeit kam die Wirtin herein und erzählte, daß er einen ganzen Monat im voraus bezahlt hatte. Im übrigen sollte er das Steuermannsexamen machen, bevor er abreiste; deshalb hielte er sich in der Stadt auf. Ich stand da und hörte dies an und begriff, daß mir das Zimmer jetzt für immer verloren war.
Ich ging ins Vorzimmer und setzte mich; würde es mir glücken, etwas schreiben zu können, dann mußte es wohl hier sein, in der Stille. Meine Allegorie beschäftigte mich nicht mehr. Mir war eine neue Idee gekommen, ein ganz vortrefflicher Plan: ich wollte einen Einakter schreiben, „Das Zeichen des Kreuzes”, ein Thema aus dem Mittelalter. Besonders die Hauptperson hatte ich mir vollkommen ausgedacht, eine herrliche, fanatische Dirne, die im Tempel gesündigt hatte, nicht aus Schwachheit und nicht aus Begierde, sondern aus Haß gegen den Himmel, zu Füßen des Altars, das Altartuch unter ihrem Kopf, nur aus herrlicher Verachtung für den Himmel.
Je mehr die Zeit verging, desto stärker wurde ich von dieser Gestalt besessen. Zuletzt stand sie ganz lebendig und genau so, wie ich sie haben wollte, vor meinem Blick. Ihr Körper sollte fehlerhaft und abstoßend sein: hoch, sehr mager und etwas dunkel, und bei jedem Schritt, den sie machte, sollten ihre langen Beine durch die Röcke schimmern. Sie sollte auch große, abstehende Ohren haben. Kurz gesagt, sie sollte nicht schön, sondern nur gerade noch erträglich anzusehen sein. Was mich an ihr interessierte, war ihre wundervolle Schamlosigkeit, war die maßlose und überlegte Sünde, die sie begangen hatte. Sie beschäftigte mich wirklich allzu stark: mein Gehirn war gleichsam ausgebeult von dieser seltsamen Mißgestalt. Und zwei volle Stunden schrieb ich in einem Zug an meinem Drama.
Als ich eine Anzahl Seiten zustande gebracht hatte, vielleicht zwölf Seiten, mit großer Mühe oft, bisweilen mit langen Zwischenräumen, in denen ich umsonst schrieb und meine Bogen zerreißen mußte, war ich müde geworden, ganz steif vor Kälte und Müdigkeit, und ich stand auf und ging auf die Straße hinaus. Auch hatte mich in der letzten halben Stunde das Kindergeschrei im Zimmer der Familie gestört, und ich hätte auf keinen Fall jetzt noch mehr schreiben können. Ich machte deshalb einen langen Spaziergang den Drammensweg hinaus und blieb bis zum Abend fort, ständig darüber nachgrübelnd, wie ich mein Drama fortsetzen sollte. Ehe ich an diesem Tag nach Hause kam, widerfuhr mir folgendes:
Ich stand vor einem Schuhladen ganz unten in der Karl Johanstraße, fast beim Bahnhofsplatz. Gott weiß, warum ich gerade vor diesem Schuhladen stehengeblieben war! Ich sah durch das Fenster, dachte aber im übrigen gar nicht daran, daß ich eben jetzt Schuhe nötig hätte; meine Gedanken waren weit fort, in anderen Gegenden der Welt. Hinter meinem Rücken ging ein Schwarm plaudernder Menschen vorbei, und ich hörte nichts von dem, was gesagt wurde. Da grüßt eine Stimme laut:
Guten Abend!
Die „Jungfer” grüßte mich.
Guten Abend! antwortete ich abwesend. Ich sah die „Jungfer” eine kurze Weile an, bevor ich ihn erkannte.
Nun, wie geht es? fragte er.
Ja, sehr gut.... wie gewöhnlich!
Hören Sie, sagen Sie mir, meinte er, Sie sind also noch bei Christie?
Christie?
Mir schien, Sie sagten einmal, daß Sie Buchhalter beim Großhändler Christie seien?
Ach! Nein, das ist vorbei. Es war ganz unmöglich, mit diesem Mann zusammen zu arbeiten; das ging ziemlich bald von selbst auseinander.
Wieso das?
Ach, ich schrieb eines Tages etwas Falsches, und da....
Gefälscht?
Gefälscht? Da stand die „Jungfer” und fragte geradezu, ob ich gefälscht hätte. Er fragte sogar rasch und interessiert. Ich sah ihn an, fühlte mich tief gekränkt und antwortete nicht.
Ja, ja, Herrgott, das kann dem Besten passieren! meinte er, um mich zu trösten. Er glaubte immer noch, daß ich gefälscht hatte.
Was kann, ja Herrgott, dem Besten passieren? fragte ich. Fälschen? Hören Sie, mein lieber Mann, glauben Sie denn wirklich, daß ich eine solche Niederträchtigkeit begangen haben könnte? Ich?
Aber Lieber, mir schien, Sie sagten ganz deutlich....
Ich warf den Kopf zurück, wandte mich von der „Jungfer” ab und sah die Straße hinunter. Mein Blick fiel auf ein rotes Kleid, das sich uns näherte, es war eine Frau an der Seite eines Mannes. Hätte ich nun nicht gerade dieses Gespräch mit der „Jungfer” geführt, wäre ich nicht von seinem groben Verdacht gekränkt worden, und hätte ich nicht eben den Kopf zurückgeworfen und mich beleidigt abgewandt, dann wäre dieses rote Kleid vielleicht an mir vorbeigegangen, ohne daß ich es bemerkt hätte. Und was ging es mich im Grunde an? Was ging es mich an, selbst wenn es das Kleid der Hofdame Nagel gewesen wäre?
Die „Jungfer” sprach weiter und versuchte den Irrtum wieder gutzumachen; ich hörte ihm gar nicht zu, sondern starrte die ganze Zeit auf dieses rote Kleid, das sich uns die Straße herauf näherte. Und mir lief eine Erregung durch die Brust, ein gleitender, feiner Stich; ich flüsterte in Gedanken, flüsterte ohne den Mund zu bewegen:
Ylajali!
Jetzt wandte sich auch die „Jungfer” um, entdeckte die beiden, die Dame und den Herrn, grüßte sie mit den Augen. Ich grüßte nicht, oder vielleicht grüßte ich doch. Das rote Kleid glitt die Karl Johanstraße hinauf und verschwand.
Wer ging mit ihr? fragte die „Jungfer”.
Der „Herzog”, sahen Sie es nicht? Genannt der „Herzog”. Kannten Sie die Dame?
Ja, so ungefähr. Kannten Sie sie nicht?
Nein, antwortete ich.
Mir schien, Sie grüßten so tief?
Tat ich das?
He, vielleicht nicht? sagte die „Jungfer”. Das ist doch sonderbar! Sie sah die ganze Zeit auch nur Sie an.
Woher kennen Sie die Dame? fragte ich.
Er kannte sie eigentlich nicht. Das Ganze schrieb sich von einem Abend im Herbst her. Es war spät, sie waren drei muntere Burschen gewesen, kamen eben vom Grand, trafen dieses Menschenkind allein in der Nähe von Cammermeyer und hatten sie angesprochen. Zuerst hatte sie abweisend geantwortet; aber der eine dieser lustigen Kerle, ein Mann, der weder Feuer noch Wasser scheute, hatte sie direkt ins Gesicht gefragt, ob er sie heimbegleiten dürfe. Er würde ihr bei Gott kein Haar auf ihrem Haupte krümmen, wie geschrieben steht, sie nur bis zur Türe begleiten, um sich davon zu überzeugen, daß sie sicher heimkäme, er hätte sonst die ganze Nacht keine Ruhe. Er sprach unaufhörlich, während sie weitergingen, brachte ein Ding nach dem anderen vor, nannte sich Waldemar Atterdag und gab sich für einen Photographen aus. Schließlich hatte sie über diesen lustigen Burschen, der sich durch ihre Kälte nicht hatte verblüffen lassen, lachen müssen, und es endete damit, daß er sie begleitete.
Nun ja, was war dann weiter? fragte ich und hielt den Atem an.
Was weiter? Ach, kommen Sie nicht damit! Sie ist eine Dame.
Einen Augenblick schwiegen wir beide, sowohl die „Jungfer” wie ich.
Nein, Teufel, war das der „Herzog”? Sieht er so aus? sagte er darauf gedankenvoll. Aber wenn sie mit diesem Mann zusammen ist, dann möchte ich nicht für sie einstehen.
Ich schwieg immer noch. Ja, natürlich würde der „Herzog” mit ihr abziehen! Schön und gut! Was ging mich das an? Ich wünschte ihr mitsamt ihren Reizen alles Gute, alles Gute wünschte ich ihr! Und ich versuchte, mich selbst zu trösten, indem ich das Schlechteste von ihr dachte, mir gleichsam eine Freude daraus machte, sie richtig in den Schmutz zu ziehen. Es ärgerte mich nur, daß ich vor diesem Paar den Hut abgenommen hatte, falls ich es wirklich getan hatte. Warum sollte ich vor solchen Menschen den Hut abnehmen? Ich riß mich nicht mehr um sie, durchaus nicht; sie war auch nicht mehr im geringsten schön, sie hatte verloren, pfui Teufel, wie sie verblüht war! Es konnte ja gerne sein, daß sie bloß mich angesehen hatte; das wunderte mich nicht, vielleicht begann die Reue in ihr lebendig zu werden. Aber deshalb brauchte ich ihr nicht zu Füßen zu fallen und wie ein Narr zu grüßen, besonders wenn sie in der letzten Zeit so bedenklich gewelkt war. Der „Herzog” konnte sie gerne behalten, wohl bekomm's! Es könnte der Tag kommen, da es mir einfiele, stolz an ihr vorbeizugehen, ohne nach jener Seite zu sehen, auf der sie sich befand. Es konnte geschehen, daß ich mir dies erlaubte, selbst wenn sie mich steif ansah und obendrein ein blutrotes Kleid trug. Das konnte sehr wohl geschehen! Hehe, würde das ein Triumph werden! Wenn ich mich recht kannte, so war ich imstande, mein Drama im Laufe der Nacht fertig zu bekommen und innerhalb acht Tagen würde ich dann das Fräulein in die Knie gezwungen haben. Mitsamt ihren Reizen, hehe, mitsamt allen ihren Reizen....
Leben Sie wohl! sagte ich kurz.
Doch die „Jungfer” hielt mich zurück. Er fragte:
Aber was treiben Sie nun den Tag über?
Treiben? Ich schreibe natürlich. Was sollte ich sonst treiben? Davon lebe ich ja. Augenblicklich arbeite ich an einem großen Drama, „Das Zeichen des Kreuzes”, Thema aus dem Mittelalter.
Tod und Teufel! sagte die „Jungfer” aufrichtig. Ja, wenn Ihnen das gelingt, dann....
Darüber mache ich mir keine großen Sorgen! antwortete ich. Ich denke, in ungefähr acht Tagen werden Sie von mir hören.
Damit ging ich.
Als ich nach Hause kam, wandte ich mich sofort an meine Wirtin und bat um eine Lampe. Es war mir sehr um diese Lampe zu tun: ich wollte heute nacht nicht zu Bett gehen, mein Drama tobte in meinem Kopf, und ich hoffte ganz bestimmt bis zum Morgen ein gutes Stück weiter schreiben zu können. Sehr demütig brachte ich mein Anliegen bei der Madam vor, da ich bemerkte, daß sie eine unzufriedene Grimasse machte, weil ich wieder in die Stube kam. Ich hätte also ein außergewöhnliches Drama beinahe fertig, sagte ich; mir fehlten nur ein paar Szenen, und ich wettete, daß es an irgendeinem Theater aufgeführt werden würde, noch bevor ich es selbst wüßte. Wenn sie mir nun diesen großen Dienst erweisen wollte, dann....
Aber die Madam hatte keine Lampe. Sie dachte nach, konnte sich aber gar nicht entsinnen, daß sie irgendwo eine Lampe hätte. Wenn ich bis nach zwölf Uhr warten würde, dann könnte ich vielleicht die Küchenlampe haben. Warum ich mir keine Kerze kaufe?
Ich schwieg. Ich hatte keine zehn Öre für eine Kerze, und das wußte sie wohl. Natürlich mußte ich wieder stranden! Jetzt saß das Mädchen bei uns hier unten, sie saß einfach in der Stube und war gar nicht in der Küche; die Lampe da droben war also nicht einmal angezündet. Und ich stand da und dachte darüber nach, erwiderte aber nichts mehr.
Plötzlich sagt das Mädchen zu mir:
Mir schien, Sie wären vor kurzem aus dem Schloß gekommen? Waren Sie dort zum Mittagessen? Und sie lachte laut über diesen Scherz.
Ich setzte mich nieder, zog meine Papiere hervor und wollte versuchen, einstweilen hier, wo ich saß, etwas zu arbeiten. Ich hielt die Papiere auf meinen Knien und starrte unablässig auf den Boden, um durch nichts zerstreut zu werden; aber es nützte mir nichts, nützte nichts, ich kam nicht vom Fleck. Die beiden kleinen Mädchen der Wirtin kamen herein und spielten lärmend mit einer Katze, einer seltsam kranken Katze, die beinahe keine Haare mehr hatte. Wenn sie ihr in die Augen bliesen, floß Wasser heraus und über die Nase herunter. Der Wirt und ein paar andere Personen saßen am Tisch und spielten Hundertundeins. Die Frau allein war fleißig wie immer und nähte. Sie sah sehr wohl, daß ich mitten in diesem Durcheinander nicht schreiben konnte, aber sie kümmerte sich nicht mehr um mich; als mich das Dienstmädchen fragte, ob ich beim Mittagessen gewesen wäre, lächelte sie sogar. Das ganze Haus war feindlich gegen mich geworden; es war, als hätte es nur der Schmach bedurft, mein Zimmer einem anderen abtreten zu müssen, um ganz wie ein Unbefugter behandelt zu werden. Sogar dieses Dienstmädchen, eine kleine braunäugige Straßendirne, mit Stirnhaaren und vollkommen flacher Brust, hielt mich am Abend, wenn ich meine Butterbrote bekam, zum Narren. Sie fragte fortwährend, wo ich mein Mittagessen einzunehmen pflegte, da sie mich noch niemals ins Grand habe gehen sehen. Es war klar, daß sie um meinen elenden Zustand wußte, und sie machte sich ein Vergnügen daraus, mir das zu zeigen.
Dies alles fällt mir plötzlich ein und ich bin nicht imstande, eine einzige Replik zu meinem Drama zu finden. Ich versuche es immer wieder vergebens; es beginnt sonderbar in meinem Kopf zu summen und zuletzt ergebe ich mich darein. Ich stecke die Papiere in die Tasche und blicke auf. Das Mädchen sitzt gerade vor mir, und ich sehe es an, sehe diesen schmalen Rücken und ein Paar niedrige Schultern, die noch nicht einmal ganz ausgewachsen waren. Wozu griff sie mich an? Und wenn ich aus dem Schloß gekommen wäre, was dann? Würde ihr das etwas schaden? In den letzten Tagen hatte sie mich frech ausgelacht, wenn ich ungeschickt war, auf der Treppe stolperte oder mir an einem Nagel ein Loch in meinen Rock riß. Erst gestern hatte sie mein Konzept aufgehoben, das ich im Vorzimmer weggeworfen hatte, diese abgetanen Bruchstücke meines Dramas gestohlen und sie in der Stube vorgelesen, hatte in Anwesenheit aller ihren Unfug damit getrieben, nur um sich über mich lustig zu machen. Niemals hatte ich sie gekränkt, und ich konnte mich nicht erinnern, daß ich sie je um einen Dienst gebeten hatte. Im Gegenteil, am Abend machte ich mir mein Bett selbst auf dem Stubenboden zurecht, um ihr keine Schererei damit zu bereiten. Sie verspottete mich auch, weil mir die Haare ausgingen. Am Morgen schwammen im Waschwasser die Haare, und darüber machte sie sich lustig. Meine Schuhe waren jetzt ziemlich schlecht geworden, besonders der eine, der vom Brotwagen überfahren worden war, und sie trieb auch damit ihren Spaß. Gott segne Sie und Ihre Schuhe! sagte sie; sehen Sie sie an, sie sind so groß wie eine Hundehütte! Und sie hatte recht, meine Schuhe waren ausgetreten; aber ich konnte mir doch gerade in diesem Augenblick keine neuen anschaffen.
Während ich an dies alles denke und mich über die offensichtliche Bosheit der Magd wundere, hatten die kleinen Mädchen begonnen, den Greis im Bett dort zu necken: sie hüpften beide um ihn herum und waren mit dieser Arbeit ganz beschäftigt. Jedes von ihnen hatte sich einen Strohhalm gesucht und stach ihm damit in die Ohren. Eine Weile sah ich das mit an und mischte mich nicht hinein. Der Alte rührte keinen Finger zu seiner Verteidigung; er sah nur mit wütenden Blicken auf seine Plagegeister, so oft sie nach ihm stachen, und schüttelte den Kopf, um sich zu befreien, wenn ihm die Halme bereits im Ohr staken.
Bei diesem Anblick wurde ich immer erregter und konnte meine Augen nicht davon losbringen. Der Vater sah von den Karten auf und lachte über die Kleinen; er machte auch seine Mitspieler auf den Vorgang aufmerksam. Warum rührte er sich nicht, der Alte? Warum schleuderte er die Kinder nicht mit den Armen weg? Ich machte einen Schritt und näherte mich dem Bett.
Lassen Sie doch! Lassen Sie doch! Er ist lahm, rief der Wirt. Und aus Furcht, nun bei Anbruch der Nacht vor die Türe gewiesen zu werden, einfach ängstlich, das Mißfallen des Mannes zu erregen, falls ich in diesen Auftritt eingriffe, trat ich stillschweigend an meinen alten Platz zurück und verhielt mich ruhig. Warum sollte ich mein Logis und meine Butterbrote dadurch aufs Spiel setzen, daß ich meine Nase in die Angelegenheiten der Familie steckte? Keine Dummheiten wegen eines halbtoten Greises! Und ich stand da und fühlte mich so herrlich hart wie ein Stein.
Die kleinen Dirnen hörten mit ihren Plagereien nicht auf. Es ärgerte sie, daß der Greis den Kopf nicht stillhalten wollte und sie stachen nun auch nach seinen Augen und Nasenlöchern. Mit haßerfülltem Blick starrte er sie an, er sagte nichts und konnte die Arme nicht rühren. Plötzlich hob er seinen Oberkörper auf und spuckte dem einen der kleinen Mädchen ins Gesicht; er hob sich noch einmal empor und spuckte auch nach dem anderen, traf es aber nicht. Ich sah, wie der Wirt die Karten hinwarf und zum Bett sprang. Er war rot im Gesicht und rief:
Was, du spuckst den Kindern in die Augen, du altes Schwein!
Aber Herrgott, sie ließen ihm ja keinen Frieden! rief ich außer mir. Aber ich hatte dabei die ganze Zeit Angst, hinausgeworfen zu werden und rief durchaus nicht besonders laut, ich bebte nur vor Erregung am ganzen Leibe.
Der Wirt wandte sich nach mir um.
Nein, hört den an! Was, zum Teufel, kümmert Sie das? Halten Sie nur die Schnauze, ja, Sie, und tun Sie, was ich sage; das wird für Sie das beste sein.
Aber nun ertönt auch die Stimme von Madam und das ganze Haus war von Scheltworten erfüllt.
Ich denke, Gott helfe mir, ihr seid alle miteinander verrückt und besessen! schrie sie. Wenn ihr hier drinnen bleiben wollt, dann müßt ihr alle beide ruhig sein, sage ich euch! He, nicht genug damit, daß man dem Gesindel Kost und Logis gibt, nein, auch noch Radau und Teufelszeug und Jüngsten Tag muß man hier im Zimmer haben. Aber das soll jetzt aufhören, denke ich! Scht! Haltet eure Mäuler, Kinder, und putzt euch die Nasen, sonst besorg ich's! Solche Leute habe ich doch auch noch nicht gesehen! Kommen von der Straße herein, ohne einen Ör für Lausesalbe und fangen an, mitten in der Nacht Lärm zu schlagen und den Leuten des Hauses Krach zu machen. Davon will ich nichts wissen, versteht Ihr mich, und Ihr könnt euch alle miteinander packen, die Ihr nicht hergehört. In meiner eigenen Wohnung will ich Frieden haben, daß Ihr's wißt!
Ich sagte nichts, machte den Mund gar nicht auf, sondern setzte mich wieder an die Türe und hörte dem Lärm zu. Alle schrien mit, sogar die Kinder und das Dienstmädchen wollten erklären, wie der ganze Streit angefangen hatte. Wenn ich mich nur stumm verhielte, so würde es wohl noch einmal vorübergehen; es würde ganz gewiß nicht zum Äußersten kommen, wenn ich nur kein Wort sagte. Und was könnte ich auch zu sagen haben? War es vielleicht nicht Winter draußen und ging es nicht noch außerdem auf die Nacht zu? War das die Zeit, auf den Tisch zu schlagen und aufzubegehren? Nur keine Narrenstreiche! Und ich saß still und verließ das Haus nicht, obwohl ich beinahe hinausgewiesen worden war. Verstockt starrte ich an die Wand, an der Christus in Öldruck hing, und schwieg hartnäckig auf alle Ausfälle der Wirtin.
Ja, wenn Sie mich loswerden wollen, Madam, dann soll, was mich betrifft, nichts im Wege sein, sagte der eine der Kartenspieler.
Er erhob sich. Auch der andere Kartenspieler stand auf.
Nein, dich meinte ich nicht. Und auch dich nicht, antwortete die Wirtin den beiden. Ich werde schon sagen, wen ich meine, wenn es darauf ankommt. Wenn es darauf ankommt. Denke ich! Es wird sich zeigen, wer es ist....
Sie sprach abgerissen, versetzte mir diese Hiebe mit kleinen Zwischenräumen und zog sie richtig in die Länge, um es mir deutlicher zu machen, daß sie mich meinte. Ruhe! sagte ich zu mir selbst. Nur Ruhe! Sie hat mich noch nicht aufgefordert zu gehen, nicht ausdrücklich, nicht mit offenen Worten. Nur keinen Hochmut auf meiner Seite, keinen Stolz zur Unzeit! Die Ohren steif!.... Es war doch ein eigentümlich grünes Haar, das der Christus auf dem Öldruck da hatte. Es war grünem Gras gar nicht so unähnlich, oder mit ausgesuchter Genauigkeit ausgedrückt: dickem Wiesengras. He, eine durchaus richtige Bemerkung meinerseits, ganz dickem Wiesengras.... Eine Reihe flüchtiger Ideenverbindungen lief mir in diesem Augenblick durch den Kopf: Von dem grünen Gras bis zu der Stelle in der Schrift: daß jedes Leben wie Gras sei, das angezündet würde, -- von dort zum Jüngsten Tag, da alles verbrennen werde, dann mit einem kleinen Abstecher zum Erdbeben in Lissabon, worauf mir irgend etwas wie ein spanischer Spucknapf aus Messing und ein Federhalter aus Ebenholz vorschwebte, den ich bei Ylajali gesehen hatte. Ach ja, alles war vergänglich! Ganz wie Gras, das angezündet wurde! Es lief auf vier Bretter hinaus und auf Leichenwäsche -- bei Jungfer Andersen, rechts im Torweg....
Und dies alles wurde in meinem Kopf umhergeworfen, in diesem verzweifelten Augenblick, als meine Wirtin im Begriff war, mich vor die Tür zu jagen.
Er hört nicht! rief sie. Ich sage, Sie sollen das Haus verlassen, nun wissen Sie es! Ich glaube, Gott verdamm mich, der Mann ist verrückt! Nun machen Sie aber, daß Sie fortkommen, und zwar auf der Stelle!
Ich sah zur Türe, nicht um zu gehen, durchaus nicht um zu gehen; ein frecher Gedanke fiel mir ein: Wäre ein Schlüssel in der Türe gewesen, dann hätte ich ihn umgedreht, hätte mich mit den anderen zusammen eingesperrt, um nicht gehen zu müssen. Ich hatte ein ganz hysterisches Grauen davor, wieder auf der Straße zu stehen. Aber es war kein Schlüssel in der Türe, und ich stand auf; es gab keine Hoffnung mehr.
Da mischt sich plötzlich die Stimme meines Wirtes in die der Frau. Erstaunt bleibe ich stehen. Der gleiche Mann, der mich eben noch bedroht hatte, nimmt, merkwürdig genug, meine Partei. Er sagt:
Du darfst die Leute doch nicht in die Nacht hinausjagen, das weißt du. Darauf steht Strafe.
Ich war nicht sicher, ob Strafe darauf stand, ich glaubte es nicht, aber vielleicht war es so; die Frau besann sich bald, wurde ruhig und sprach mich nicht mehr an. Sie legte mir sogar zum Abendessen zwei Butterbrote hin, aber ich nahm sie nicht an, aus reiner Dankbarkeit gegen den Mann nahm ich sie nicht an, indem ich vorgab, in der Stadt gegessen zu haben.
Als ich mich endlich in das Vorzimmer begab, und zu Bett gehen wollte, kam mir die Madam nach, blieb auf der Schwelle stehen und sagte laut, während ihr großer, schwangerer Bauch mir entgegenstrotzte:
Dies aber ist die letzte Nacht, die Sie hier schlafen, daß Sie es wissen.
Ja, ja! antwortete ich.
Morgen würde sich schon Rat für ein Obdach finden, wenn ich mich richtig danach umtat. Irgendein Unterschlupf mußte sich doch finden. Vorläufig freute ich mich darüber, daß ich nicht heute nacht fortzugehen brauchte.
* * * * *
Ich schlief bis gegen fünf, sechs Uhr morgens. Als ich erwachte, war es noch nicht hell, ich stand aber trotzdem sofort auf; -- ich hatte wegen der Kälte in allen Kleidern geschlafen und brauchte nichts weiter anzuziehen. Nachdem ich ein wenig Wasser getrunken und in aller Stille die Türe geöffnet hatte, ging ich schnell hinaus, da ich fürchtete, meine Wirtin noch einmal zu treffen.
Der einzige lebende Mensch, den ich in den Straßen sah, war irgendein Schutzmann, der in der Nacht Dienst gehabt hatte; bald darauf begannen auch ein paar Männer die Gaslaternen auszulöschen. Ich trieb mich ohne Ziel herum, kam in die Kirchstraße und nahm den Weg zur Festung hinunter. Kalt und noch schläfrig, in den Knien und im Rücken müde von dem langen Weg, und sehr hungrig, setzte ich mich auf eine Bank und duselte lange Zeit. Drei Wochen lang hatte ich ausschließlich von den Butterbroten gelebt, die mir meine Wirtin morgens und abends gegeben hatte; und nun waren genau vierundzwanzig Stunden seit meiner letzten Mahlzeit vergangen, es fing wieder schlimm in mir zu nagen an, und ich mußte möglichst bald einen Ausweg finden. Mit diesen Gedanken schlief ich auf der Bank wieder ein....