Hunger

Part 13

Chapter 133,956 wordsPublic domain

Jetzt gehe ich! jetzt gehe ich! Sehen Sie nicht, daß ich die Hand schon auf der Klinke habe? Leben Sie wohl! Leben Sie wohl! sage ich. Sie dürften mir schon antworten, wenn ich zweimal Lebewohl sage und fix und fertig zum Fortgehen dastehe. Ich bitte Sie nicht einmal, Sie wieder treffen zu dürfen, denn das würde Sie quälen; aber sagen Sie mir: Warum ließen Sie mich nicht in Frieden? Was habe ich Ihnen getan? Ich stand Ihnen nicht im Wege; nicht wahr? Warum wenden Sie sich plötzlich von mir ab, als ob Sie mich gar nicht mehr kennten? Nun haben Sie mich so gänzlich beraubt, mich noch elender gemacht, als ich jemals war. Herrgott, aber ich bin ja doch nicht wahnsinnig. Sie wissen sehr gut, wenn Sie sich nur besinnen, daß mir jetzt gar nichts fehlt. Kommen Sie doch und geben Sie mir die Hand! Oder erlauben Sie mir zu Ihnen hinzukommen! Wollen Sie das? Ich werde Ihnen nichts Schlimmes tun, ich will nur einen Augenblick vor Ihnen niederknien, auf dem Boden vor Ihnen niederknien, nur einen Augenblick; darf ich? Nein, nein, dann werde ich es nicht tun, ich sehe, daß Sie Angst haben, ich werde es nicht, _werde_ es nicht tun, hören Sie. Herrgott, warum erschrecken Sie so? Ich stehe doch still, ich rühre mich nicht. Ich hätte eine Minute lang auf dem Teppich gekniet, genau hier, auf diesem roten Fleck gleich bei Ihren Füßen. Aber Sie erschraken, ich konnte es sofort an Ihren Augen sehen, daß Sie erschraken, deshalb stand ich still. Ich machte keinen Schritt, als ich Sie darum bat; nicht wahr? Ich stand ebenso unbeweglich wie jetzt, da ich Ihnen die Stelle zeige, wo ich mich vor Ihnen niedergekniet haben würde, dort auf die rote Rose im Teppich. Ich zeige nicht einmal mit dem Finger hin, ich zeige durchaus nicht hin, ich lasse es sein, um Sie nicht zu erschrecken, ich nicke nur und sehe hin, so! Und Sie verstehen sehr wohl, welche Rose ich meine, aber Sie wollen es mir nicht erlauben, dort zu knien; Sie haben Angst vor mir und trauen sich nicht, mir nahe zu kommen. Ich begreife nicht, daß Sie es übers Herz bringen können, mich verrückt zu nennen. Nicht wahr, Sie glauben das auch nicht mehr? Das war im Sommer einmal, vor langer Zeit, da war ich verrückt; ich arbeitete zu schwer und vergaß rechtzeitig zum Mittagessen zu gehen, wenn ich viel zu denken hatte. Das geschah Tag für Tag; ich hätte daran denken sollen, aber ich vergaß es immer wieder. Bei Gott im Himmel, das ist wahr! Gott möge mich nicht mehr lebendig von der Stelle kommen lassen, wenn ich lüge! Da können Sie es sehen, Sie tun mir Unrecht. Ich tat es nicht aus Not; ich habe Kredit, großen Kredit, bei Ingebret und Gravesen. Ich hatte oft auch viel Geld in der Tasche und kaufte trotzdem nichts zu essen, weil ich es vergaß. Hören Sie! Sie sagen nichts, Sie antworten nicht, Sie rühren sich nicht vom Kamin weg, Sie stehen bloß da und warten darauf, daß ich gehen soll....

Sie kam rasch auf mich zu und streckte ihre Hand aus. Voll Mißtrauen sah ich sie an. Tat sie das auch leichten Herzens? Oder tat sie es nur, um mich los zu werden? Sie legte ihren Arm um meinen Hals, sie hatte Tränen in den Augen. Ich stand nur da und sah sie an. Sie reichte mir ihren Mund; ich konnte ihr nicht glauben, ganz bestimmt brachte sie ein Opfer, es war nur ein Mittel, um der Sache ein Ende zu machen.

Sie sagte etwas, es klang wie: Ich habe Sie trotzdem lieb! Sie sagte es sehr leise und undeutlich, vielleicht hörte ich nicht richtig, sie sagte vielleicht nicht gerade diese Worte; aber sie warf sich mir heftig an die Brust, hielt beide Arme eine Weile um meinen Hals geschlungen, hob sich sogar auf die Zehen, um gut heraufzureichen und blieb so stehen.

Ich fürchtete, daß sie sich zu dieser Zärtlichkeit zwang, ich sagte nur:

Wie schön Sie jetzt sind!

Mehr sagte ich nicht. Ich trat zurück, stieß die Türe auf und ging rückwärts hinaus. Und sie blieb drinnen stehen.

Vierter Abschnitt

Der Winter war gekommen, ein rauher und nasser Winter, beinahe ohne Schnee, eine neblige und dunkle, ewige Nacht, ohne einen einzigen frischen Windstoß während der ganzen Woche. In den Straßen brannte das Gas fast den ganzen Tag, und die Menschen stießen trotzdem im Nebel aneinander. Alle Töne, der Klang der Kirchenglocken, die Schellen der Droschkenpferde, die Stimmen der Menschen, der Hufschlag, alles zusammen klang in dieser dicken Luft dumpf und begraben. Woche auf Woche verging und das Wetter war und blieb das gleiche.

Und ich hielt mich beständig unten in Vaterland auf.

Immer fester wurde ich mit diesem Wirtshaus, diesem Logis für Reisende verbunden, in dem ich trotz meiner Verkommenheit Wohnung gefunden hatte. Mein Geld war seit langem verbraucht, und doch kam und ging ich hier immer noch, als hätte ich ein Recht dazu und sei hier daheim. Die Wirtin hatte noch nichts gesagt; aber trotzdem quälte es mich, daß ich nicht bezahlen konnte. So verliefen drei Wochen.

Vor vielen Tagen schon hatte ich meine Schreiberei wieder aufgenommen, aber es wollte mir nicht gelingen, etwas zustande zu bringen, mit dem ich zufrieden war. Ich hatte gar kein Glück mehr, obwohl ich fleißiger war als je und es früh und spät versuchte. Was ich auch unternahm, es nützte nichts, das Glück hatte mich verlassen.

Ich saß in einem Zimmer im ersten Stock, im besten Fremdenzimmer, und machte diese Versuche. Seit dem ersten Abend, als ich Geld hatte und für mich bürgen konnte, war ich hier oben ungestört geblieben. Ich hatte auch die ganze Zeit die Hoffnung, endlich irgendeinen Artikel zustande zu bringen, so daß ich mein Zimmer bezahlen konnte und was ich sonst noch schuldig war; deshalb arbeitete ich so fleißig. Ich hatte insbesondere ein bestimmtes Stück angefangen, von dem ich mir sehr viel erwartete, eine Allegorie über einen Brand in einem Buchladen, ein tiefsinniger Gedanke, den ich mit allem Fleiß ausarbeiten und dem „Kommandeur” zur Abzahlung bringen wollte. Der „Kommandeur” sollte doch erfahren, daß er dieses Mal wirklich einem Talent geholfen hatte. Ich hatte keinen Zweifel, daß er das erfahren würde; es galt nur zu warten, bis der Geist über mich kam. Und warum sollte der Geist nicht schon im nächsten Augenblick über mich kommen? Es war gar nichts im Weg; ich bekam von meiner Wirtin jeden Tag ein wenig zu essen, morgens und abends einige Butterbrote, und meine Nervosität war beinahe verschwunden. Ich brauchte mir keine Lumpen mehr um die Hände zu binden, wenn ich schrieb, und ich konnte von meinen Fenstern im ersten Stock auf die Straße heruntersehen ohne schwindlig zu werden. Es ging mir in jeder Beziehung viel besser, und es wunderte mich geradezu, daß ich meine Allegorie noch nicht fertig hatte. Ich verstand nicht, wie das zusammenhing.

Endlich sollte ich eines Tages eine Ahnung davon bekommen, wie schwach ich eigentlich geworden war, wie schlaff und untauglich mein Gehirn arbeitete. An diesem Tag kam nämlich meine Wirtin mit einer Rechnung zu mir herauf und bat mich, sie durchzusehen. Es müsse etwas falsch sein an der Rechnung, sagte sie, sie stimme nicht mit ihrem eigenen Buch überein; aber sie habe den Fehler nicht herausfinden können.

Ich setzte mich hin um zu rechnen; meine Wirtin saß mir gegenüber und sah mich an. Ich zählte diese zwanzig Posten zusammen, erst einmal abwärts und fand die Summe richtig, dann einmal aufwärts und kam wieder zu dem gleichen Resultat. Ich sah die Frau an, sie saß dicht vor mir und wartete auf meine Worte; zu gleicher Zeit bemerkte ich, daß sie guter Hoffnung war, es entging dies meiner Aufmerksamkeit nicht, und ich starrte sie doch keineswegs forschend an.

Die Summe ist richtig, sagte ich.

Nein, sehen Sie nur jede einzelne Zahl an, antwortete sie, es kann nicht soviel sein; ich bin dessen sicher.

Und ich begann jeden Posten nachzuprüfen: zwei Brote zu fünfundzwanzig, ein Lampenglas achtzehn, Seife zwanzig, Butter zweiunddreißig.... Es bedurfte keines besonders klugen Kopfes, um diese Zahlenreihe durchzugehen, diese kleine Krämerrechnung, in der sich keine Weitläufigkeiten befanden, und ich versuchte redlich den Fehler herauszufinden, von dem die Frau sprach, fand ihn aber nicht. Als ich mich ein paar Minuten mit diesen Zahlen herumgetummelt hatte, fühlte ich leider, daß in meinem Kopf alles zu tanzen begann; ich machte keinen Unterschied mehr zwischen Soll und Haben, ich mischte das Ganze zusammen. Endlich stand ich mit einem Mal bei folgendem Posten fest: drei und fünf Sechzehntel Mark Käse zu sechzehn. Mein Gehirn versagte vollständig, ich starrte dumm auf den Käse hinunter und kam nicht vom Fleck. Das ist auch verteufelt schlecht geschrieben! sagte ich verzweifelt. Da steht, Gott helfe mir, einfach fünf Sechzehntel Käse. Hehe, hat man schon so etwas gehört! Ja, hier können Sie es selbst sehen!

Ja, antwortete die Madam wieder, man pflegt es so zu schreiben. Das ist der Kräuterkäse. Doch, das ist richtig! Fünf Sechzehntel sind also fünf Lot....

Ja, das verstehe ich schon! unterbrach ich sie, obwohl ich in Wirklichkeit nichts mehr verstand.

Von neuem versuchte ich mit diesem kleinen Rechenstück fertig zu werden, das ich vor einigen Monaten in einer Minute gelöst haben würde. Ich schwitzte stark und dachte aus allen Kräften über diese rätselvolle Zahl nach und blinzelte nachdenklich mit den Augen, als ob ich ganz scharf dieser Sache nachgrübelte; aber ich mußte es aufgeben. Diese fünf Lot Käse gaben mir den Rest; es war, als zerbräche etwas hinter meiner Stirne.

Um trotzdem den Eindruck zu machen, als arbeitete ich immer noch an meinen Berechnungen, bewegte ich die Lippen und sprach hie und da eine Zahl laut aus. Dies alles, während ich über die Reihen herunterglitt, als käme ich ständig vorwärts und näherte mich dem Abschluß. Die Madam saß da und wartete. Endlich sagte ich: Ja, ja, ich habe sie jetzt von Anfang bis zum Ende durchgegangen, und soweit ich sehen kann, ist wirklich kein Fehler da.

Nicht? antwortete die Frau, wirklich nicht? Aber ich sah genau, daß sie mir nicht glaubte. Und plötzlich schien in ihre Rede eine Spur der Geringschätzung gegen mich zu kommen, ein gleichgültiger Ton, den ich früher nicht von ihr gehört hatte. Sie sagte, ich sei vielleicht nicht gewöhnt, mit Sechzehnteln zu rechnen; sie sagte auch, daß sie sich an jemand wenden müsse, der sich darauf verstünde, um die Rechnung ordentlich durchsehen zu lassen. Sie sagte dies alles durchaus nicht in beschämender Weise, sondern gedankenvoll und ernsthaft. Als sie an die Tür gekommen war und gehen wollte, sagte sie noch, ohne mich anzusehen:

Entschuldigen Sie, daß ich Sie aufgehalten habe!

Sie ging.

Kurz darauf öffnete sich die Türe wieder und meine Wirtin kam noch einmal herein; sie konnte kaum weiter als bis auf den Gang gekommen sein, ehe sie umgekehrt war.

Es ist wahr! sagte sie. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen; aber ich habe wohl noch etwas zu gute bei Ihnen? Sind es nicht gestern drei Wochen gewesen, daß Sie einzogen? Ja, ich dächte es. Es ist nicht so leicht, mit einer so großen Familie durchzukommen, ich kann leider hier niemand auf Kredit wohnen lassen ....

Ich unterbrach sie. Ich arbeite an einem Artikel, wie ich Ihnen schon früher erzählt habe, sagte ich, und sobald der fertig ist, werden Sie Ihr Geld bekommen. Sie können ganz ruhig sein.

Ja, aber der Artikel wird ja niemals fertig?

Glauben Sie? Möglicherweise kommt der Geist morgen oder vielleicht schon heute nacht über mich; es ist gar nicht ausgeschlossen, daß er heute nacht einmal über mich kommt, und dann ist mein Artikel in längstens einer Viertelstunde fertig. Sehen Sie, mit meiner Arbeit ist es nicht so, wie mit der anderer Leute; ich kann mich nicht hinsetzen und im Tag eine gewisse Menge fertig bringen, ich muß immer den Augenblick abwarten. Und keiner kann den Tag und die Stunde sagen, wann der Geist über ihn kommt; das muß seine Zeit haben.

Meine Wirtin ging. Aber ihr Vertrauen war sicherlich sehr erschüttert.

Sowie ich allein war, sprang ich auf und raufte mir das Haar vor Verzweiflung. Nein, es gab wirklich keine Rettung mehr für mich, keine, keine Rettung! Mein Gehirn war bankrott! War ich denn ganz zum Idioten geworden, daß ich nicht einmal mehr den Wert eines kleinen Stückchens Kräuterkäse ausrechnen konnte? Aber konnte ich denn meinen Verstand verloren haben, wenn ich mir selbst solche Fragen stellte? Hatte ich nicht sogar mitten in meinen Anstrengungen mit der Rechnung die sonnenklare Beobachtung gemacht, daß meine Wirtin schwanger war? Ich hatte keine Ursache, dies zu wissen, kein Mensch hatte mir davon erzählt, es fiel mir auch nicht willkürlich ein, ich sah es mit meinen eigenen Augen und erfaßte es sogleich, als ich in einem verzweifelten Augenblick dasaß und mit Sechzehnteln rechnete. Wie sollte ich mir das erklären?

Ich trat zum Fenster und sah hinaus; mein Fenster ging auf die Vognmandsstraße. Einige Kinder spielten unten auf dem Pflaster, ärmlich gekleidete Kinder mitten in der ärmlichen Gasse. Sie warfen einander eine leere Flasche zu und schrien laut. Ein Möbelwagen rollte langsam vorbei; es war dies offenbar eine vertriebene Familie, die die Wohnung außerhalb der Umzugszeit wechselte. Ich dachte mir das augenblicklich. Auf dem Wagen lagen Bettzeug und Möbel, wurmstichige Betten und Kommoden, rotgemalte Stühle mit drei Beinen, Matten, altes Eisen, Blechzeug. Ein kleines Mädchen, ein Kind noch, ein richtig häßliches kleines Wesen mit einer Tropfnase, saß oben auf der Last und hielt sich mit seinen armen blauen Händen fest, um nicht herunterzufallen. Es saß auf einem Bündel abscheulicher, nasser Matratzen, auf denen Kinder gelegen hatten und sah auf die Kleinen herunter, die die leere Flasche einander zuwarfen....

Dies alles sah ich, und ich hatte keine Mühe, alles, was vorging, zu verstehen. Während ich dort am Fenster stand und dies beobachtete, hörte ich auch das Mädchen meiner Wirtin in der Küche neben meinem Zimmer singen: ich kannte die Melodie und paßte deshalb auf, ob sie falsch singen würde. Und ich sagte mir, daß ein Idiot all dieses nicht hätte beobachten können; ich war Gott sei Dank so vernünftig wie nur irgend jemand.

Plötzlich sah ich zwei der Kinder unten in der Straße auffahren und raufen, zwei kleine Buben; den einen kannte ich, er war der Sohn meiner Wirtin. Um zu hören, was sie einander sagen, öffne ich mein Fenster, und sofort sammelt sich eine Schar Kinder unter diesem Fenster an und sieht sehnsuchtsvoll herauf. Worauf warteten sie? Daß ich ihnen etwas hinunterwerfen würde? Getrocknete Blumen, einen Knochen, Zigarrenstumpen, irgend etwas, das sie sich in den Mund stopfen oder mit dem sie sich belustigen könnten? Mit blaugefrorenen Gesichtern, mit unendlich langen Augen sahen sie zu meinem Fenster herauf. Unterdessen zanken sich die zwei Feinde immer noch herum. Worte, wie große, feuchte Ungeheuer, wimmeln aus diesen Kindermündern, schreckliche Schimpfnamen, Dirnenausdrücke, Matrosenflüche, die sie vielleicht unten am Hafen gelernt hatten. Und beide sind so davon in Anspruch genommen, daß sie gar nicht bemerken, wie meine Wirtin zu ihnen hinausläuft, um zu hören, was los ist.

Ja, erklärt ihr Sohn, er packte mich an der Gurgel; ich bekam lange keine Luft mehr! Und indem er sich an den kleinen Übeltäter wendet, der ihn boshaft angrinst, wird er vollkommen rasend und ruft:

Fahr zur Hölle, du chaldäisches Vieh, das du bist! So ein lausiger Hurenbalg packt einen an der Kehle! Ich werde dich, so wahr Gott....

Und die Mutter, dieses schwangere Weib, die die ganze enge Gasse mit ihrem Bauch beherrscht, antwortet dem zehnjährigen Kind, während sie es am Arm ergreift und mit sich ziehen will:

Scht! halt deinen Schnabel! Ich meine gar, du fluchst! Du gebrauchst ja das Maul, als wenn du jahrelang im Hurenhaus gewesen wärest! Jetzt hinein mit dir!

Nein, das tue ich nicht!

Doch, das tust du!

Nein, ich tue es nicht!

Ich stehe oben am Fenster und sehe, wie der Zorn der Mutter zunimmt, diese widerliche Szene erregt mich stark, ich halte es nicht mehr aus, ich rufe zu dem Buben hinunter, daß er einen Augenblick zu mir heraufkommen soll. Ich rufe zweimal, nur um sie zu stören, um diesen Auftritt zu beenden; das zweite Mal rufe ich sehr laut, und die Mutter wendet sich verblüfft um und sieht zu mir herauf. Und augenblicklich gewinnt sie die Fassung wieder, sieht mich frech an, richtig überlegen sieht sie mich an, und zieht sich mit einer vorwurfsvollen Bemerkung gegen ihren Sohn zurück. Sie spricht laut, so daß ich es hören kann und sagt zu ihm:

Pfui, schämen solltest du dich, die Leute sehen zu lassen, wie schlimm du bist!

Mir entging nichts, nicht einmal irgendeine kleine Nebensache von allem, was ich auf diese Weise beobachtete. Meine Aufmerksamkeit war äußerst wachsam, ich atmete empfindlich jeden kleinen Umstand ein und machte mir meine Gedanken über diese Dinge, wie sie der Reihe nach verliefen. Es konnte also unmöglich mit meinem Verstand etwas nicht in Ordnung sein. Wie sollte auch jetzt etwas nicht in Ordnung sein?

Höre, weißt du was, sagte ich plötzlich, nun bist du lange genug herumgegangen und hast dich mit deinem Verstand befaßt und dir in dieser Hinsicht Kummer gemacht; nun müssen diese Narrenstreiche aufhören! Ist das ein Zeichen von Verrücktheit: alle Dinge so genau zu beobachten und aufzufassen, wie du es tust? Du machst mich beinahe über dich lachen, versichere ich dir, dies entbehrt nicht des Humors, soviel mir scheint. Kurz und gut, das passiert allen Menschen, daß sie sich einmal verrennen, und zwar gerade bei der einfachsten Frage. Das hat nichts zu sagen, das ist nur Zufall. Wie gesagt, ich muß bei einem Haar über dich lachen. Was diese Krämerrechnung betrifft, diese lumpigen fünf Sechzehntel Armeleutekäse, so möchte ich ihn beinahe nennen, -- hehe, ein Käse mit Nelken und Pfeffer darin -- was diesen lächerlichen Käse betrifft, da hätte auch der Klügste dumm davor dastehen können; schon bloß der Geruch dieses Käses könnte einen aus der Fassung bringen.... Und ich verhöhnte den Kräuterkäse nach allen Richtungen.... Nein, gebt mir etwas Eßbares! gebt mir meinetwegen fünf Sechzehntel guter Butter! Das wäre etwas anderes!

Ich lachte hektisch über meine eigenen Witze und fand sie höchst lustig. Mir fehlte wirklich nichts mehr, ich war ganz in Ordnung.

Meine Munterkeit stieg, je mehr ich im Zimmer umherging und mit mir sprach; ich lachte laut und fühlte mich überaus froh. Es war auch wirklich so, als hätte ich nur dieser kurzen fröhlichen Weile, dieses Augenblickes richtig heller Entzückung ohne Sorgen nach irgendwelcher Seite hin bedurft, um meinen Kopf in arbeitstüchtige Verfassung zu bringen. Ich setzte mich an den Tisch und fing an, mich mit meiner Allegorie zu beschäftigen. Und es ging sehr gut, besser denn seit langer Zeit. Es ging nicht schnell; aber ich fand, das wenige, das ich zustande brachte, war ganz ausgezeichnet. Auch arbeitete ich eine Stunde lang, ohne müde zu werden.

Schließlich bin ich an einem sehr wichtigen Punkt in dieser Allegorie über einen Brand in einem Buchladen angelangt. Er kam mir so wichtig vor, daß alles übrige, was ich geschrieben hatte, nicht der Rede wert war im Vergleich zu diesem Punkt. Ich wollte gerade den Gedanken, daß es nicht Bücher seien, die verbrannten, sondern Gehirne, menschliche Gehirne, recht tiefsinnig formen, und ich wollte aus diesen brennenden Gehirnen eine ganze Bartholomäusnacht gestalten. Da wurde plötzlich meine Türe mit großer Hast geöffnet, und meine Wirtin kam hereingesegelt. Sie kam bis mitten ins Zimmer, sie blieb nicht einmal auf der Schwelle stehen.

Ich stieß einen kleinen heiseren Schrei aus; es war, als hätte ich einen Schlag bekommen.

Wie? fragte sie. Mir schien, Sie sagten etwas? Wir haben einen Reisenden bekommen und wir müssen dieses Zimmer für ihn haben. Sie können heute nacht bei uns unten schlafen; ja, Sie sollen auch dort ein eigenes Bett bekommen. Und noch bevor sie meine Antwort erhalten hatte, begann sie ohne weiteres meine Papiere auf dem Tisch zu sammeln und sie in Unordnung zu bringen.

Meine frohe Stimmung war wie weggeweht, ich wurde zornig und verzweifelt und stand sofort auf. Ich ließ sie auf dem Tisch zusammenräumen und sagte nichts; ich sprach kein Wort. Und sie gab mir alle Papiere in die Hand.

Ich konnte nichts anderes tun, ich mußte das Zimmer verlassen. Auch dieser kostbare Augenblick war nun verdorben! Schon auf der Treppe begegnete ich dem neuen Reisenden, einem jungen Mann mit großen blauen Ankerzeichnungen auf den Handrücken; ein Träger mit einer Schiffskiste auf der Schulter folgte ihm. Der Fremde war sicher ein Seemann, also nur ein zufälliger Reisender für eine Nacht; er würde mein Zimmer kaum längere Zeit in Anspruch nehmen. Ich konnte ja vielleicht auch morgen, wenn der Mann abgereist war, wieder einen meiner glücklichen Augenblicke haben; es fehlten mir nur noch fünf Minuten der Inspiration, dann war mein Werk über den Brand fertig. Ich mußte mich also in das Schicksal ergeben....

Ich war noch nie in der Wohnung der Familie gewesen, dieser einzigen Stube, in der sich alle zusammen, Mann, Frau, der Vater der Frau und vier Kinder, Tag und Nacht aufhielten. Das Mädchen wohnte in der Küche, in der es auch schlief. Mit großem Widerwillen näherte ich mich der Türe und klopfte an; niemand antwortete, aber ich hörte drinnen sprechen.

Der Mann sagte kein Wort als ich eintrat, erwiderte nicht einmal meinen Gruß; er sah mich nur gleichgültig an, als ob ich ihn nichts anginge. Er spielte übrigens Karten mit einem Menschen, den ich schon unten am Hafen gesehen hatte, einem Träger, der auf den Namen „Glasscheibe” hörte. Ein Säugling plapperte im Bett mit sich selbst, und der alte Mann, der Vater der Wirtin, saß zusammengekrochen auf einer Schlafbank und beugte den Kopf auf die Hände herab, als ob ihn Brust oder Magen schmerzte. Er hatte beinahe weißes Haar und sah in seiner zusammengekrümmten Stellung wie ein geducktes Tier aus, das dasaß und die Ohren spitzte.

Ich muß leider für heute nacht um Unterkunft hier bitten, sagte ich zu dem Mann.

Hat das meine Frau gesagt? fragte er.

Ja. Ein anderer bekam mein Zimmer.

Darauf antwortete der Mann nichts; er befaßte sich wieder mit seinen Karten.

So saß dieser Mann Tag für Tag und spielte Karten mit jedem, der zu ihm kam, spielte um nichts, nur um die Zeit zu vertreiben und um etwas in den Händen zu haben. Sonst tat er nichts, rührte sich nur gerade soviel, als seine faulen Glieder es zuließen, während die Frau die Treppen auf und nieder trabte, an allen Ecken und Enden zugegen war und sich bemühte, Fremde ins Haus zu bekommen. Sie hatte sich auch mit den Schauerleuten und Trägern in Verbindung gesetzt, denen sie für jeden Gast, den diese ihr brachten, ein gewisses Honorar bezahlte, und oft gewährte sie diesen Schauerleuten Unterkunft für die Nacht. Jetzt war es die „Glasscheibe”, die soeben den neuen Reisenden mitgebracht hatte.

Ein paar der Kinder kamen herein, zwei kleine Mädchen mit mageren, sommersprossigen Dirnengesichtern; sie hatten wahrhaft elende Kleider an. Bald darauf trat auch die Wirtin ein. Ich fragte sie, wo sie mich für die Nacht unterbringen wolle, und sie antwortete kurz, daß ich hier drinnen zusammen mit den anderen, oder draußen im Vorzimmer auf der Sofabank liegen könne, ganz wie ich es selbst für gut fände. Sie ging in der Stube umher, während sie mir dies antwortete, und kramte mit verschiedenen Dingen, die sie in Ordnung brachte und sah mich nicht einmal an.

Ich sank bei ihrer Antwort zusammen, blieb bei der Türe stehen und machte mich klein, tat sogar, als sei ich sehr zufrieden damit, mein Zimmer für eine Nacht mit einem anderen zu vertauschen: ich setzte mit Absicht eine freundliche Miene auf, um sie nicht zu reizen und um nicht womöglich ganz aus dem Haus gejagt zu werden. Ich sagte: Ach ja, es findet sich schon Rat! und schwieg.

Sie fuhr immer noch in der Stube umher.

Übrigens will ich Ihnen sagen, daß ich nicht reich genug bin, um Leute auf Kredit in Kost und Logis zu haben. Und das habe ich Ihnen auch schon früher gesagt.