Part 12
Haben Sie mittlerweile etwas zum Leben? sagt er.
Nein, antworte ich, das habe ich auch nicht. Ich habe heute noch nicht gegessen, aber....
Gott bewahre Sie, es geht doch unmöglich an, daß Sie hier herumlaufen und verhungern, Mensch! sagt er. Und er greift sofort in die Tasche.
Jetzt erwacht das Schamgefühl in mir, ich schwanke wieder zu der Mauer und halte mich fest, stehe da und sehe zu, wie der „Kommandeur” in seinem Geldbeutel wühlt; aber ich sage nichts. Und er reicht mir einen Zehnkronenschein. Er macht keinerlei Umstände damit, er gibt mir einfach zehn Kronen. Gleichzeitig wiederholt er: es gehe doch unmöglich an, daß ich verhungere.
Ich stammelte eine Einwendung und nahm den Schein nicht sogleich: Es sei schändlich von mir, dies.... es sei auch zuviel....
Beeilen Sie sich nun! sagt er und sieht auf seine Uhr. Ich habe auf den Zug gewartet; aber nun höre ich ihn kommen.
Ich nahm das Geld, ich war lahm vor Freude und sagte kein Wort mehr, ich dankte nicht einmal.
Sie brauchen sich deswegen nicht zu genieren, sagt der „Kommandeur” schließlich noch; Sie können ja dafür schreiben, das weiß ich.
Dann ging er.
Als er einige Schritte weit gekommen war, erinnerte ich mich mit einem Mal, daß ich dem „Kommandeur” für diese Hilfe nicht gedankt hatte. Ich versuchte ihn einzuholen, konnte aber nicht schnell genug vom Fleck kommen, meine Beine versagten, und immer wieder fiel ich schier zu Boden. Er entfernte sich mehr und mehr. Ich gab den Versuch auf, dachte daran, ihm nachzurufen, wagte es aber nicht, und als ich endlich trotzdem Mut gefaßt hatte und einmal, zweimal rief, war er bereits zu weit weg, meine Stimme war zu schwach geworden.
Ich blieb zurück, sah ihm nach und weinte ganz leise. Dergleichen habe ich nie erlebt! sagte ich zu mir; er gab mir zehn Kronen! Ich kehrte um und stellte mich dorthin, wo er gestanden hatte, und machte alle seine Bewegungen nach. Und ich hielt den Geldschein an meine nassen Augen, besah ihn von beiden Seiten und begann zu fluchen -- ins Blaue hinein zu fluchen, daß es seine Richtigkeit mit dem habe, was ich in der Hand hielt, -- es waren zehn Kronen.
Eine Weile danach -- vielleicht sehr lange danach, denn es war überall schon ganz still geworden -- stand ich merkwürdigerweise vor dem Haus in der Tomtestraße Nummer 11. Und hier hatte ich einen Kutscher betrogen, der mich einmal gefahren hatte, und hier war ich einmal quer durch das Haus gegangen, ohne von jemand gesehen zu werden. Als ich einen Augenblick dagestanden und mich gesammelt und gewundert hatte, ging ich zum zweiten Mal durch das Tor, gerade hinein in „Kost und Logis für Reisende”. Hier bat ich um Obdach und bekam sofort ein Bett.
* * * * *
Dienstag.
Sonnenschein und Stille, ein wunderbarer, heller Tag. Der Schnee war weg; allerorten Leben und Lust und frohe Gesichter, Lächeln und Lachen. Von den Springbrunnen stiegen die Wasserstrahlen im Bogen auf, golden von der Sonne, blau von dem blauen Himmel....
Gegen Mittag trat ich aus meinem Logis in der Tomtestraße, in dem ich immer noch wohnte und es mir für die zehn Kronen des „Kommandeurs” gut gehen ließ, und begab mich in die Stadt. Ich war in der fröhlichsten Stimmung und trieb mich den ganzen Nachmittag in den lebhaftesten Straßen umher und sah den Menschen zu. Noch bevor es sieben Uhr abends wurde, machte ich einen Spaziergang zum St. Olafsplatz und lugte heimlich zu den Fenstern in Nummer 2 hinauf. In einer Stunde sollte ich sie sehen! Ich ging die ganze Zeit in einer leichten, köstlichen Angst umher. Was würde geschehen? Was sollte ich anfangen, wenn sie die Treppe herunterkam? Guten Abend, Fräulein? Oder nur lächeln? Ich entschloß mich, es beim Lächeln zu lassen. Natürlich würde ich sie tief grüßen.
Ich schlich weg, ein wenig beschämt, weil ich so früh daran war, wanderte eine Weile in der Karl Johanstraße auf und ab und behielt die Universitätsuhr im Auge. Als es acht Uhr wurde, ging ich die Universitätsstraße wieder hinauf. Unterwegs fiel es mir ein, daß ich vielleicht ein paar Minuten zu spät kommen könnte, und ich holte aus, so gut ich vermochte. Mein Fuß schmerzte sehr, aber sonst fehlte mir nichts.
Ich nahm meinen Platz beim Springbrunnen ein und verschnaufte. Ich stand ziemlich lange da und sah nach den Fenstern in Nummer 2 hinauf; aber sie kam nicht. Na, ich würde schon warten, ich hatte keine Eile; sie war vielleicht noch verhindert. Und ich wartete weiterhin. Ich hatte das Ganze doch wohl nicht geträumt, die erste Begegnung mit ihr in der Einbildung erlebt, in jener Nacht, in der ich im Fieber lag? Ratlos begann ich nachzudenken und fühlte mich meiner Sache gar nicht sicher.
Hm! sagte es hinter mir.
Ich hörte dieses Räuspern, ich hörte auch leichte Schritte in meiner Nähe; aber ich drehte mich nicht um, starrte nur auf die große Treppe vor mir.
Guten Abend! sagt es dann.
Ich vergesse zu lächeln, greife nicht einmal sofort zum Hut, ich bin so erstaunt, sie von dieser Seite kommen zu sehen.
Haben Sie lange gewartet? sagt sie, und sie atmet etwas rasch nach dem Lauf.
Nein, gar nicht, ich kam vor kurzem, antwortete ich. Und außerdem, was hätte es geschadet, wenn ich lange gewartet hätte? Ich dachte übrigens, Sie würden von einer anderen Seite kommen?
Ich habe Mama zu Bekannten begleitet, Mama ist heute abend nicht zu Hause.
Ach so! sagte ich.
Wir waren ins Gehen gekommen. An der Straßenecke steht ein Schutzmann und sieht uns an.
Aber wohin gehen wir eigentlich? sagt sie und bleibt stehen.
Wohin Sie wollen, nur wohin Sie wollen.
Uff ja, aber es ist sehr langweilig, das selbst zu bestimmen.
Pause.
Dann sage ich, nur um etwas zu sagen:
Ihre Fenster sind dunkel, sehe ich.
Ja, freilich! antwortet sie lebhaft. Das Mädchen hat auch frei. So daß ich ganz allein zu Hause bin.
Wir stehen beide da und sehen zu den Fenstern in Nummer 2 hinauf, als ob keines von uns sie früher schon gesehen hätte.
Können wir nicht zu Ihnen hinaufgehen? frage ich. Ich werde die ganze Zeit bei der Türe sitzen bleiben, wenn Sie das wollen....
Aber nun bebte ich vor Erregung und bereute sehr, so frech gewesen zu sein. Wenn sie nun gekränkt war und von mir fortging? Wenn ich sie nun nie mehr sehen durfte? Ach, welch elenden Anzug ich anhatte. Verzweifelt wartete ich auf die Antwort.
Sie brauchen durchaus nicht an der Türe zu sitzen, sagt sie.
Wir gingen hinauf.
Auf dem Gang, wo es dunkel war, nahm sie meine Hand und führte mich. Ich brauchte durchaus nicht so still zu sein, sagte sie, ich könnte ruhig sprechen. Und wir kamen hinein. Während sie Licht machte -- sie zündete keine Lampe an, sondern eine Kerze -- während sie diese Kerze anzündete, sagte sie mit einem kleinen Lachen: Aber nun dürfen Sie mich nicht ansehen. Uff, ich schäme mich! Aber ich werde es nie wieder tun!
Was werden Sie nie wieder tun?
Ich werde nie... uff nein, Gott behüte mich.... ich werde Sie nie wieder küssen.
Werden Sie das nicht? sagte ich, und wir lachten beide. Ich streckte die Arme nach ihr aus, sie glitt zur Seite, schlüpfte weg, zur anderen Seite des Tisches hinüber. Wir sahen einander eine Weile an, das Licht stand zwischen uns.
Dann löste sie den Schleier und nahm den Hut ab; währenddessen hingen ihre funkelnden Augen an mir und wachten auf meine Bewegungen, damit ich sie nicht fassen könnte. Ich machte wieder einen Ausfall, stolperte über den Teppich und fiel; mein verletzter Fuß wollte mich nicht mehr tragen. Ich erhob mich äußerst verlegen.
Gott, wie Sie rot geworden sind! sagte sie. Es war aber auch gräßlich ungeschickt.
Ja, das war es.
Und wir begannen wieder herumzuspringen.
Mir scheint, Sie hinken?
Ich hinke vielleicht ein wenig, aber nur wenig.
Kürzlich hatten Sie einen verletzten Finger, jetzt haben Sie einen verletzten Fuß; Sie haben viele Plagen.
Ich wurde vor einigen Tagen ein wenig überfahren.
Überfahren? Wieder betrunken? Nein, Gott bewahre mich, wie Sie leben, junger Mann! Sie drohte mit dem Zeigefinger und stellte sich ernst. Setzen wir uns also! sagte sie. Nein, nicht dort an die Türe; Sie sind zu zurückhaltend, hierher, Sie dort und ich hier, so, ja.... Uff, es ist schrecklich langweilig mit zurückhaltenden Menschen! Da muß man alles selbst tun und sagen, hat nirgends eine Hilfe. Nun könnten Sie zum Beispiel gerne Ihre Hand auf meinen Stuhlrücken legen, Sie hätten das wohl von selbst herausfinden können, das hätten Sie. Und wenn ich so etwas sage, dann machen Sie ein Paar Augen, als glaubten Sie es nicht recht. Ja, das ist wirklich wahr, ich habe es mehrere Male gesehen, jetzt machen Sie es wieder so. Aber Sie dürfen mir nur ja nicht weismachen wollen, daß Sie so bescheiden sind, wenn Sie sich nur getrauen. Sie waren damals ziemlich frech, als Sie betrunken waren und mir bis nach Hause folgten und mich mit Ihren geistreichen Anreden plagten: Sie verlieren Ihr Buch, Fräulein, Sie verlieren ganz bestimmt Ihr Buch, Fräulein! Hahaha! Pfui, das war wirklich schlecht von Ihnen!
Ganz verloren saß ich da und sah sie an. Mein Herz schlug laut, das Blut rann mir warm durch die Adern. Welch ein wundervoller Genuß, wieder in einer menschlichen Wohnung zu sitzen und eine Uhr ticken zu hören, und anstatt mit mir selbst mit einem jungen, lebendigen Mädchen zu reden!
Weshalb reden Sie nichts?
Nein, wie süß Sie sind! sagte ich. Ich sitze hier und bin ganz benommen von Ihnen, hier in diesem Augenblick innerlich benommen. Dagegen ist nichts zu machen. Sie sind das seltsamste Geschöpf, das.... Manchmal strahlen Ihre Augen so, ich habe nie solche Augen gesehen, sie sehen wie Blumen aus. Was? Nein, nein, vielleicht auch nicht wie Blumen, sondern.... Ich bin ganz verliebt in Sie, da hilft gar nichts. Wie heißen Sie? Nun müssen Sie mir aber wirklich sagen, wie Sie heißen....
Nein, wie heißen Sie? Gott, nun hätte ich es beinahe wieder vergessen! Ich dachte gestern die ganze Zeit daran, daß ich Sie danach fragen wollte. Ja, das heißt, nicht den ganzen gestrigen Tag, ich dachte durchaus nicht den ganzen Tag an Sie.
Wissen Sie, wie ich Sie genannt habe? Ich habe Sie Ylajali genannt. Wie gefällt Ihnen das? Solch ein gleitender Laut....
Ylajali?
Ja.
Ist das eine fremde Sprache?
Hm. Nein, das nicht.
Ja, es klingt nicht häßlich.
Nach langen Verhandlungen sagten wir einander unsere Namen. Sie setzte sich mir dicht zur Seite auf das Sofa und schob den Stuhl mit dem Fuß fort. Und wir fingen wieder an zu plaudern.
Sie haben sich heute abend auch rasiert, sagte sie. Im ganzen sehen Sie um einiges besser aus als letzthin, aber nur ein ganz klein bißchen übrigens; bilden Sie sich nur ja nicht ein.... Nein, neulich sahen Sie wirklich schäbig aus. Und obendrein hatten Sie noch einen scheußlichen Lappen um den Finger. Und in diesem Zustand wollten Sie absolut mit mir irgendwohin gehen und Wein trinken. Nein, danke!
Also um meines miserablen Aussehens willen wollten Sie damals nicht mitkommen? sagte ich.
Nein, antwortete sie und sah nieder. Nein, bei Gott, es war nicht deswegen. Ich dachte nicht einmal daran.
Hören Sie, sagte ich, Sie sitzen hier gewiß in dem Glauben, daß ich genau so leben und mich kleiden könne, wie ich möchte? Aber das kann ich eben nicht, ich bin sehr, sehr arm.
Sie sah mich an.
Sind Sie das? fragte sie.
Ja, das bin ich.
Pause.
Du lieber Gott, das bin ich ja auch, sagte sie mit einer unbefangenen Bewegung des Kopfes.
Jedes ihrer Worte berauschte mich, traf mich wie Weintropfen ins Herz, obwohl sie gewißlich ein höchst durchschnittliches Kristianiamädchen war, mit Jargon und kleinen Keckheiten und Geschwätz. Die Gewohnheit, ihren Kopf ein wenig auf die Seite zu legen und zuzuhorchen, wenn ich etwas sagte, entzückte mich. Und ich fühlte ihren Atem dicht an meinem Gesicht.
Wissen Sie, sagte ich, daß.... Aber nun dürfen Sie nicht böse werden.... Als ich gestern abend zu Bett ging, legte ich den Arm für Sie zurecht.... so .... als ob Sie darin lägen. Und so schlief ich ein.
Ach nein? Das war schön! Pause. Aber so etwas konnten Sie auch nur auf Abstand tun; denn sonst....
Glauben Sie nicht, daß ich es auch sonst tun könnte?
Nein, das glaube ich nicht.
Doch, von mir können Sie alles erwarten, sagte ich und warf mich in die Brust. Und ich legte den Arm um ihren Leib.
Kann ich das? erwiderte sie nur.
Es ärgerte und kränkte mich, daß sie mich für so sittsam hielt; ich richtete mich auf, faßte mir ein Herz und ergriff ihre Hand. Aber sie zog sie ganz leise weg und rückte von mir ab. Dies nahm mir wieder den Mut, ich schämte mich und sah zum Fenster. Ich war doch zu jämmerlich, wie ich so dasaß, ich brauchte nicht zu versuchen, mir etwas einzubilden. Hätte ich sie damals getroffen, als ich noch wie ein Mensch aussah, in meinen Wohlstandstagen, da ich noch ein wenig Überfluß hatte, so wäre es etwas anderes gewesen. Und ich fühlte mich sehr niedergeschlagen.
Da können Sie sehen! sagte sie, nun können Sie es wieder sehen; man kann Sie schon mit einem kleinen Stirnrunzeln schrecken. Sie kleinkriegen, indem man von Ihnen abrückt.... Sie lachte schelmisch, mit ganz geschlossenen Augen, als wenn auch sie es nicht ertrüge, angesehen zu werden.
Nein, du großer Gott! platzte ich heraus. Jetzt sollen Sie aber sehen! Und ich schlang die Arme heftig um ihre Schultern. War das Mädchen von Sinnen? Hielt sie mich für gänzlich unerfahren? He! ich wollte doch zum.... Es sollte mir keiner nachsagen, daß ich in diesem Fall zurückstünde. Es war doch ein Satansmädchen. Wenn es nur darauf loszugehen galt, dann....
Als wenn ich zu gar nichts in der Welt taugte!
Sie saß ganz ruhig und hatte ihre Augen immer noch geschlossen; keines von uns sprach. Ich drückte sie fest an mich, preßte ihren Körper an meine Brust und sagte kein Wort. Ich hörte unseren Herzschlag, sowohl ihren wie meinen, es klang wie Pferdegetrappel.
Ich küßte sie.
Ich wußte nichts mehr von mir, sagte einigen Unsinn, über den sie lachte, flüsterte Kosenamen gegen ihren Mund, streichelte ihr die Wange, küßte sie viele Male. Ich öffnete einen oder zwei Knöpfe ihres Leibchens und sah ihre Brüste darunter, weiße, runde Brüste, die wie zwei süße Wunder unter dem Hemd schimmerten.
Darf ich sehen! sage ich, und ich versuche mehrere Knöpfe zu öffnen, versuche die Öffnung größer zu machen; doch meine Erregung ist zu stark, ich komme mit den untersten Knöpfen, wo sich das Leibchen fester anstrammt, nicht zurecht. Darf ich nur ein wenig sehen .... ein wenig....
Sie schlingt den Arm um meinen Hals, ganz langsam, zärtlich; ihr Atem haucht mir aus den roten, zitternden Nasenlöchern ins Gesicht; sie beginnt selbst mit der anderen Hand die Knöpfe zu öffnen, einen nach dem anderen. Sie lacht verlegen, lacht kurz und sieht mehrere Male zu mir auf, prüfend, ob ich wohl bemerke, daß sie furchtsam ist. Sie löst die Bänder, hakt das Korsett auf, ist entzückt und ängstlich. Und mit meinen groben Händen nestle ich an diesen Knöpfen und Bändern....
Sie streicht mir mit ihrer linken Hand über die Schulter, um die Aufmerksamkeit von dem, was sie tut, abzulenken und sagt:
Was hier für eine Menge loser Haare liegt!
Ja, antworte ich und will mit meinem Mund zu ihrer Brust eindringen. In diesem Augenblick liegt sie mit ganz offenen Kleidern da. Plötzlich ist es, als besänne sie sich, als fände sie, daß sie zu weit gegangen sei; sie bedeckt sich wieder und richtet sich ein wenig auf. Und um ihre Verlegenheit über die offenen Kleider zu verbergen, spricht sie wieder von den vielen ausgefallenen Haaren auf meiner Schulter.
Wie kommt es, daß Ihnen das Haar so ausgeht?
Weiß ich nicht.
Sie trinken natürlich zuviel, und vielleicht.... Pfui, ich will das nicht sagen! Sie sollten sich schämen! Nein, das hätte ich nicht von Ihnen geglaubt! Daß Sie so jung schon die Haare verlieren!.... Nun müssen Sie mir aber, bitte schön, erzählen, wie Sie eigentlich leben. Ich bin sicher, daß es fürchterlich ist! Aber nur die Wahrheit, verstehen Sie, keine Ausflüchte! Ich werde es Ihnen übrigens schon ansehen, wenn Sie etwas verheimlichen wollen. So, nun erzählen Sie!
Ach wie müde ich geworden war! Wie gerne wäre ich lieber stillgesessen und hätte sie angesehen, als mich hier aufzuspielen und mich mit allen diesen Versuchen zu quälen. Ich taugte zu nichts, ich war ein Fetzen geworden.
Fangen Sie an! sagte sie.
Ich ergriff die Gelegenheit und erzählte alles, und ich erzählte nur die Wahrheit. Ich machte nichts schlimmer als es war, es war nicht meine Absicht, ihr Mitleid zu erregen; ich sagte auch, daß ich mir eines Abends fünf Kronen angeeignet hatte.
Sie saß mit offenem Mund da und lauschte, bleich, erschrocken, die blanken Augen ganz verstört. Ich wollte es wieder gutmachen, den traurigen Eindruck, den ich erregt hatte, wieder zerstreuen, und strammte mich deshalb auf:
Es ist ja nun überstanden; jetzt ist ja keine Rede mehr davon, jetzt bin ich geborgen....
Aber sie war sehr verzagt. Gott bewahre mich! sagte sie nur und schwieg. Sie wiederholte dies mit kurzen Pausen mehrmals und schwieg immer wieder dazwischen. Gott bewahre mich!
Ich begann zu scherzen, griff ihr in die Seite, um sie zu kitzeln, hob sie an meine Brust herauf; sie hatte ihr Kleid wieder zugeknöpft und das ärgerte mich. Warum knöpfte sie das Kleid wieder zu? War ich jetzt in ihren Augen weniger wert, als wenn ich durch ein unbesonnenes Leben selbst verschuldet hätte, daß mir das Haar ausfiel? Hätte sie mich lieber gehabt, wenn ich mich als einen ausschweifenden Menschen hingestellt hätte?.... Keinen Unsinn. Es galt nur darauf loszugehen! Und wenn es nur galt, drauf loszugehen, dann war ich der Mann dazu. --
Ich mußte es aufs neue versuchen.
Ich legte sie hin, legte sie einfach aufs Sofa hin. Sie wehrte sich, übrigens ganz wenig, und sah mir erstaunt zu.
Nein.... was wollen Sie? sagte sie.
Was ich will?!
Nein.... nein aber....?
Doch, doch....
_Nein_, hören Sie! rief sie. Und sie fügte diese verletzenden Worte hinzu: Ich glaube beinahe, Sie sind wahnsinnig.
Unwillkürlich hielt ich inne und sagte:
Das meinen Sie doch nicht wirklich!
Doch, Sie sehen so eigentümlich aus! Und an dem Vormittag, an dem Sie mich verfolgten --. Sie waren also damals nicht betrunken?
Nein. Damals war ich auch nicht hungrig, ich hatte eben gegessen.
Um so schlimmer.
Möchten Sie lieber, daß ich betrunken gewesen wäre?
Ja.... Huh, ich fürchte mich vor Ihnen! Herrgott, so lassen Sie mich doch los!
Ich überlegte. Nein, ich konnte nicht loslassen, ich würde zuviel verlieren. Kein so verfluchtes Gewäsch in später Abendstunde auf einem Sofa. He, mit solchen Ausflüchten in einem solchen Augenblick zu kommen! Als wenn ich nicht wüßte, daß das Ganze nur Schamhaftigkeit war! Da müßte ich schön grün sein! So, still jetzt! Keinen Unsinn!
Sie wehrte sich eigentümlich heftig, allzu stark, um sich nur aus Schamhaftigkeit zu wehren. Ich stieß wie aus Versehen die Kerze um, so daß sie erlosch, sie leistete verzweifelten Widerstand, wimmerte sogar einmal leise.
Nein, nicht das, nicht das! wenn Sie wollen, dürfen Sie mich lieber auf die Brust küssen. Lieber, Guter!
Ich hielt sofort an. Ihre Worte klangen so erschrocken, so hilflos, ich wurde zu tiefst getroffen. Sie glaubte, mir einen Ersatz zu bieten, indem sie mir erlaubte, ihre Brust zu küssen! Wie schön war das, wie schön und einfältig! Ich hätte vor ihr auf die Knie niederfallen mögen.
Aber liebes Kind! sagte ich ganz verwirrt, ich verstehe nicht.... ich begreife wirklich nicht, was dies für ein Spiel ist....
Sie erhob sich und zündete mit bebenden Händen das Licht wieder an; ich lehnte mich auf dem Sofa zurück und tat nichts. Was würde nun geschehen? Mir war im Grunde sehr übel zumute.
Ihr Blick ging zur Wand, auf die Uhr, und sie fuhr zusammen.
Uff, jetzt kommt das Mädchen bald! sagte sie. Das war das erste, was sie sagte.
Ich verstand diese Andeutung und erhob mich. Sie griff nach dem Mantel, wie um ihn anzuziehen, bedachte sich aber, ließ ihn liegen und ging zum Kamin. Sie war bleich und wurde immer unruhiger. Damit es doch nicht so aussehen sollte, als weise sie mir die Türe, sagte ich:
War Ihr Vater Militär? Und gleichzeitig machte ich mich zum Gehen bereit.
Ja, er war Militär; woher ich das wisse?
Ich wisse es nicht, es sei mir nur so eingefallen.
Das sei merkwürdig!
Ach ja. Ich habe an manchen Orten solche Ahnungen. Hehe, das gehöre auch mit zu meinem Wahnsinn ....
Sie sah schnell auf, erwiderte aber nichts. Ich fühlte, daß ich sie mit meiner Anwesenheit peinigte und wollte kurzen Prozeß machen. Ich ging zur Türe. Würde sie mich jetzt nicht mehr küssen? Mir nicht einmal die Hand reichen? Ich stand da und wartete.
Wollen Sie jetzt gehen? fragte sie und blieb noch beim Kamin stehen.
Ich antwortete nicht. Ich war gedemütigt und verwirrt und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Nein, was hatte ich zerstört! Es schien sie nicht zu berühren, daß ich zum Gehen bereit war, sie war mit einem Mal vollkommen verloren für mich, und ich suchte nach etwas, um es ihr zum Abschied zu sagen, ein schweres, tiefes Wort, das sie treffen und ihr vielleicht ein wenig imponieren könnte. Und meinem festen Entschluß vollkommen entgegen, verwundet, anstatt stolz und kalt, unruhig, beleidigt, fing ich geradezu von Unwesentlichem zu sprechen an; das treffende Wort kam nicht, ich betrug mich äußerst gedankenlos. Wieder wurde es Suada und Büchersprache.
Warum sage sie nicht einfach klar und deutlich, daß ich meines Weges gehen solle, fragte ich. Ja, ja, warum nicht? Es lohne sich nicht, sich zu genieren. Anstatt mich an das Mädchen zu erinnern, das bald heimkommen würde, hätte sie einfach folgendes sagen können: Jetzt müssen Sie verschwinden, denn jetzt muß ich meine Mutter abholen und ich will nicht Ihre Begleitung auf der Straße haben. So, das hätte sie nicht gedacht? O doch, das hätte sie wohl gedacht, ich habe es sofort verstanden. Es brauche so wenig, um mich auf die Spur zu bringen; schon die Art und Weise, wie sie nach dem Mantel gegriffen und ihn wieder liegen gelassen habe, habe mich sogleich überzeugt. Wie gesagt, ich hätte Ahnungen. Und es sei im Grunde wohl nicht soviel Wahnsinn darin....
Aber Gott im Himmel, verzeihen Sie mir nun dieses Wort! Es entfuhr mir! rief sie. Aber sie blieb immer noch stehen und kam nicht zu mir her.
Ich war unerschütterlich und sprach weiter. Ich stand da und schwätzte, mit dem peinlichen Gefühl, daß ich sie langweilte, daß nicht ein einziges meiner Worte traf, und trotzdem hörte ich nicht auf: Im Grunde könne man ja ein ziemlich zartes Gemüt haben, auch wenn man nicht verrückt sei, meinte ich; es gäbe Naturen, die sich von Bagatellen nährten und an einem harten Wort stürben. Und ich ließ verstehen, daß ich eine solche Natur wäre. Die Sache sei die, daß meine Armut gewisse Eigenschaften in einem Grad geschärft habe, daß es mir geradezu Unannehmlichkeiten bereite, -- ja, geradezu Unannehmlichkeiten, leider. Aber es habe auch seine Vorteile, es helfe mir in gewissen Situationen. Der arme Intelligente sei ein viel feinerer Beobachter als der reiche Intelligente. Der arme sieht um sich, bei jedem Schritt, den er tut, lauscht mißtrauisch auf jedes Wort, das er von den Menschen hört; jeder Schritt stellt somit seinen Gedanken und Gefühlen eine Aufgabe, eine Arbeit. Er ist hellhörig und feinfühlig, er ist ein erfahrener Mann, seine Seele hat Brandwunden ....
Und ich sprach recht lange von diesen Brandwunden, die meine Seele hatte. Aber je länger ich sprach, desto unruhiger wurde sie; zuletzt sagte sie in der Verzweiflung ein paarmal Gott im Himmel! und rang die Hände. Ich sah wohl, daß ich sie plagte, und ich wollte sie nicht plagen, aber ich tat es trotzdem. Endlich meinte ich, ihr in groben Zügen das Notwendigste gesagt zu haben, ihr verzweifelter Blick ergriff mich und ich rief: