Part 11
Ich steige ohne Hast aus dem Wagen, gedankenlos, schlapp, schwer im Kopf. Ich gehe durch das Tor, komme in einen Hinterhof, den ich überquere, stoße auf eine Türe, die ich öffne, gehe hinein und befinde mich in einem Gang, einer Art Vorzimmer mit zwei Fenstern. In einem Winkel stehen zwei Koffer übereinander, und an der Längswand ist eine alte, unbemalte Sofabank, auf der eine Decke liegt. Im nächsten Zimmer zur Rechten höre ich Stimmen und Kindergeschrei und über mir im ersten Stock den Lärm einer Eisenplatte, auf die gehämmert wird. All dies bemerke ich, sowie ich hereingekommen bin.
Ich gehe ruhig quer durchs Zimmer, zur entgegengesetzten Türe hin, ohne mich zu beeilen, ohne den Gedanken an Flucht, öffne auch diese Türe und trete in die Vognmandsstraße hinaus. Ich sehe an dem Haus hinauf, das ich eben durchquert habe, und lese über der Türe: Kost und Logis für Reisende.
Es fällt mir nicht ein, wegzuschleichen, mich von dem Kutscher, der auf mich wartet, fortzustehlen; ich gehe sehr bedächtig auf die Vognmandsstraße hinaus, ohne Furcht und ohne mir einer schlechten Tat bewußt zu sein. Kierulf, dieser Wollhändler, der so lange in meinem Gehirn gespukt hatte, dieser Mensch, den ich tatsächlich am Leben geglaubt, und den ich notwendig hätte treffen müssen, war mir aus dem Kopf gekommen, war ausgelöscht, zusammen mit anderen verrückten Einfällen, die einer nach dem anderen kamen und gingen, er war mir nur noch wie eine Ahnung, eine Erinnerung im Gedächtnis.
Ich wurde immer nüchterner, je weiter ich wanderte, fühlte mich schwer und matt und schleppte die Beine nach. Der Schnee fiel immer noch in großen, nassen Fetzen. Zuletzt kam ich nach Grönland hinaus, bis zur Kirche, wo ich mich auf eine Bank setzte. Alle Vorübergehenden betrachteten mich sehr verwundert. Ich fiel in Gedanken.
Du guter Gott, wie schlecht war es um mich bestellt! Ich war meines ganzen elenden Lebens so herzlich müde, daß ich es nicht mehr der Mühe wert fand, weiterhin darum zu kämpfen. Das Mißgeschick hatte überhand genommen, es war zu arg geworden. Ich war so merkwürdig vernichtet, nur noch ein Schatten dessen, was ich einmal gewesen war. Meine Schultern waren ganz auf die eine Seite herabgesunken, und es war mir zur Gewohnheit geworden, mich beim Gehen stark vorzubeugen, um meine Brust zu schonen, so gut es ging. Ich hatte meinen Körper vor ein paar Tagen untersucht, eines Mittags in meinem Zimmer oben, und ich war dagestanden und hatte die ganze Zeit über ihn geweint. Seit vielen Wochen trug ich das gleiche Hemd, es war steif von altem Schweiß, und mein Nabel war aufgewetzt; ein wenig blutiges Wasser kam aus der Wunde, sie schmerzte nicht, aber es war so traurig, mitten auf dem Bauch diese Wunde zu haben. Ich konnte nichts für diese Wunde tun und von selbst wollte sie nicht wieder zuheilen; ich wusch sie, trocknete sie sorgsam ab und zog wieder das gleiche Hemd an. Es war nicht zu ändern....
Ich sitze auf der Bank und denke über all dieses nach und bin ziemlich traurig. Es ekelte mich vor mir selbst; sogar meine Hände kommen mir widerlich vor. Dieser schlappe, schamlose Ausdruck auf meinem Handrücken peinigt mich, macht mir Unbehagen; ich fühle mich durch den Anblick meiner mageren Finger roh in Mitleidenschaft gezogen, ich hasse meinen ganzen schlottrigen Körper und schaudere bei dem Gedanken, ihn zu tragen, ihn um mich zu fühlen. Herrgott, wenn es doch nur ein Ende nehmen wollte! Ich würde so herzlich gerne sterben. Vollständig bezwungen, besudelt und in meinem eigenen Bewußtsein erniedrigt, stehe ich mechanisch auf und gehe heimwärts. Unterwegs kam ich an einem Tor vorbei, an dem folgendes zu lesen stand: „Leichenwäsche bei Jungfer Andersen, rechts im Torweg”. -- Alte Erinnerungen! sagte ich und dachte an mein früheres Zimmer auf Hammersborg, den kleinen Schaukelstuhl, die Zeitungen unten bei der Türe, die Anzeigen des Leuchtfeuerdirektors und an Bäcker Fabian Olsens frischgebackenes Brot. O ja, damals hatte ich es doch viel besser gehabt als jetzt; in einer einzigen Nacht hatte ich ein Feuilleton für zehn Kronen geschrieben, nun konnte ich nichts mehr schreiben, konnte durchaus nichts mehr schreiben, mein Kopf wurde sofort leer, sobald ich es versuchte. Ja, ich wollte nun ein Ende haben! Und ich ging und ging.
Mit jedem Schritt, mit dem ich dem Kramladen näher kam, hatte ich halb unbewußt das Gefühl, ich gehe einer Gefahr entgegen; aber ich hielt an meinem Vorsatz fest, ich wollte mich ausliefern. Ruhig steige ich die Treppe hinauf, begegne in der Türe einem kleinen Mädchen, das eine Tasse in der Hand trägt, schlüpfe an ihr vorbei und schließe die Türe. Der Gehilfe und ich stehen uns wieder gegenüber, allein.
Na, sagt er, das ist ein schreckliches Wetter.
Wozu diesen Umweg? Warum stellte er mich nicht sofort? Ich wurde wütend und sagte:
Ich bin nicht hierher gekommen, um über das Wetter zu sprechen.
Diese Heftigkeit verblüfft ihn, sein kleiner Krämergeist versagt; es war ihm gar nicht eingefallen, daß ich ihn um fünf Kronen geprellt hatte.
Wissen Sie denn nicht, daß ich Sie betrogen habe? sage ich ungeduldig, und ich schnaufe heftig, bebe, bin bereit, Gewalt anzuwenden, falls er nicht sofort zur Sache käme.
Aber der arme Kerl ahnt nichts.
Ach, du lieber Himmel! unter welch dummen Menschen mußte man doch leben! Ich schelte ihn aus, erkläre ihm Punkt für Punkt, wie das Ganze zugegangen war, zeige ihm, wo ich stand und wo er stand, als die Tat geschah, wo das Geld gelegen hatte, wie ich es in meine Hand eingesammelt und die Hand darum zusammengeschlossen hatte, -- und er versteht alles, unternimmt aber trotzdem nichts gegen mich. Er wendet sich hierin und dorthin, horcht nach Fußtritten im Nebenzimmer, macht mir Zeichen, um mich zu leiserem Sprechen zu bewegen und sagt zum Schluß:
Das war recht schäbig von Ihnen!
Nein, warten Sie! rief ich in meinem Drang, ihm zu widersprechen und ihn aufzureizen. Es sei nicht so gemein und niedrig gewesen, wie er es sich in seinem elenden Krämerhirn vorstelle. Ich hätte das Geld natürlich nicht behalten, das wäre mir niemals eingefallen; ich für meinen Teil wollte keinen Nutzen daraus ziehen. Dies sei meiner grundehrlichen Natur zuwider....
Was taten Sie dann damit?
Ich hätte es einer alten, armen Frau gegeben, jeden Ör, daß er es nur wisse; solch ein Mensch sei ich, ich vergäße die Armen nicht ganz....
Er denkt eine kleine Weile darüber nach, wird offenbar unsicher, wieweit ich ein ehrlicher Mann sei oder nicht. Endlich sagt er:
Hätten Sie das Geld nicht besser zurückgeben müssen?
Nein, hören Sie, antworte ich frech. Ich wollte Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten, ich wollte Sie schonen. Aber das ist der Dank, den man für seinen Edelmut hat. Nun stehe ich hier und erkläre Ihnen das Ganze und Sie schämen sich nicht wie ein Hund, machen auch nicht die geringsten Anstalten, den Streit mit mir auszugleichen. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Im übrigen soll Sie der Teufel holen. Leben Sie wohl!
Ich schlug die Türe hart hinter mir zu.
Aber als ich in mein Zimmer kam, in dieses betrübliche Loch, durchnäßt vom weichen Schnee, die Knie bebend von des Tages Wanderungen, verlor ich augenblicklich meine Hochnäsigkeit und fiel wiederum zusammen. Ich bereute meinen Überfall auf den armen Ladengehilfen, weinte, griff mir an die Kehle, um mich für meinen erbärmlichen Streich zu strafen, und tobte umher. Er war natürlich in der tödlichsten Angst um seine Stellung gewesen und hatte nicht gewagt, wegen dieser fünf Kronen, die das Geschäft verloren hatte, viel Aufhebens zu machen. Und ich hatte seine Furcht ausgenützt, hatte ihn mit lauter Rede gepeinigt, ihn mit jedem Wort, das ich ausrief, aufgespießt. Und der Kaufmann selbst hatte vielleicht im Zimmer nebenan gesessen und wäre bei einem Haar herausgekommen, um zu sehen, was vorging. Nein, es war doch unfaßbar, welche Niederträchtigkeiten ich begehen konnte!
Na, aber weshalb war ich nicht verhaftet worden? So wäre es zu einem Abschluß gekommen. Ich hatte doch die Hände schon förmlich nach den Fesseln ausgestreckt. Ich hätte gar keinen Widerstand geleistet, hätte im Gegenteil dazugeholfen. Herr des Himmels und der Erden, einen Tag meines Lebens für eine glückliche Sekunde! Mein ganzes Leben für ein Linsengericht! Erhöre mich nur dieses eine Mal!....
Ich legte mich in den nassen Kleidern nieder; ich hatte den unklaren Gedanken, daß ich vielleicht in der Nacht sterben würde, und verwandte meine letzte Kraft darauf, mein Bett ein wenig zu ordnen, damit es am Morgen einigermaßen ordentlich um mich herum aussehe. Ich faltete die Hände und wählte meine Lage.
Dann erinnerte ich mich mit einem Mal Ylajalis. Daß ich sie den ganzen Abend über so vollständig vergessen hatte! Und das Licht dringt wieder ganz schwach in mein Gemüt, -- ein kleiner Sonnenstrahl, der mich so wohltuend wärmt. Und es kommt noch mehr Sonne, ein mildes, feines Seidenlicht, das mich betäubend herrlich streift. Und die Sonne wird stärker und stärker, brennt scharf auf meinen Schläfen, kocht schwer und glühend in meinem ausgezehrten Gehirn. Und zuletzt flammt ein wahnwitziger Strahlenhaufen vor meinen Augen. Himmel und Erde entzündet, Menschen und Tiere aus Feuer, Berge aus Feuer, Teufel aus Feuer, ein Abgrund, eine Wüste, eine Welt in Brand, ein rauchender jüngster Tag.
Und ich sah und hörte nichts mehr....
* * * * *
Ich erwachte am nächsten Tag in Schweiß gebadet, feucht am ganzen Körper; das Fieber hatte mich gewaltig erfaßt. Im ersten Augenblick war ich mir nicht klar darüber, was gestern mit mir vorgegangen war, ich sah mich mit Erstaunen um, fühlte mein Wesen vollständig vertauscht, kannte mich gar nicht wieder. Ich tastete Arme und Beine ab, fiel in Erstaunen darüber, daß das Fenster in dieser und nicht in der gerade entgegengesetzten Wand war und hörte das Stampfen der Pferde unten im Hof, als käme es von oben. Mir war ziemlich übel.
Das Haar lag mir naß und kalt um die Stirne; ich stützte mich auf den Ellbogen und sah aufs Kopfkissen nieder: auch hier lag nasses Haar in kleinen Büscheln. Meine Füße waren im Lauf der Nacht in den Schuhen angeschwollen; aber sie schmerzten nicht, ich konnte nur die Zehen nicht gut bewegen.
Als es gegen das Ende des Nachmittages ging und bereits ein wenig zu dämmern begonnen hatte, stand ich vom Bett auf und machte mir im Zimmer zu schaffen. Ich tat kleine vorsichtige Schritte, versuchte mich im Gleichgewicht zu halten und schonte meine Füße soviel als möglich. Ich litt nicht sehr und weinte nicht; ich war eigentlich nicht traurig, war im Gegenteil unendlich zufrieden; es kam mir nicht in den Sinn, daß irgend etwas anders sein könnte, als es war.
Dann ging ich aus.
Das einzige, was mich ein wenig störte, war trotz meines Ekels vor Essen der Hunger. Ich begann wieder einen schandbaren Appetit zu fühlen, eine innere gefräßige Eßlust, die ständig schlimmer wurde. Unbarmherzig nagte es in meiner Brust, vollführte eine schweigende, seltsame Arbeit da drinnen. Es war wie ein Dutzend winzig kleiner, feiner Tiere, die den Kopf auf die eine Seite legten und ein bißchen nagten, darauf den Kopf auf die andere Seite legten und ein bißchen nagten, einen Augenblick vollkommen still lagen, wieder anfingen, sich ohne Lärm und ohne Hast einbohrten und überall leere Strecken hinterließen....
Ich war nicht krank, nur matt, ich begann zu schwitzen. Ich wollte zum Stortorv gehen, um dort ein wenig auszuruhen; aber der Weg war lang und beschwerlich; endlich war ich beinahe dort, ich stand an der Ecke vom Marktplatz und der Torvstraße. Der Schweiß rann mir in die Augen, benetzte meine Brille und machte mich blind, und ich war soeben stehengeblieben, um mich ein wenig abzutrocknen. Ich merkte nicht, wo ich stand, dachte nicht darüber nach; der Lärm um mich her war fürchterlich.
Plötzlich ertönt ein Ruf, ein kalter, scharfer Warnungsruf. Ich höre diesen Ruf, höre ihn sehr gut und rücke nervös zur Seite, mache einen Schritt, so schnell meine schlechten Beine sich bewegen können. Ein Ungeheuer von einem Brotwagen fährt dicht an mir vorbei und streift meinen Rock mit dem Rad; wäre ich etwas flinker gewesen, wäre ich ganz frei ausgegangen. Ich hätte vielleicht etwas flinker sein können, ein ganz klein wenig flinker, wenn ich mich angestrengt hätte; nun war nichts mehr zu machen, mein einer Fuß tat mir weh, ein paar Zehen waren zerquetscht worden. Ich fühlte, wie sie sich im Schuh gleichsam zusammenkrümmten.
Der Wagenführer hält die Pferde mit aller Kraft an; er dreht sich auf dem Wagen um und fragt entsetzt, wie es gehe. Nun, es hätte schlimmer ausfallen können.... es sei wohl nicht so gefährlich.... ich glaube nicht, daß etwas gebrochen sei.... Oh, bitte sehr....
Ich ging, so schnell ich konnte, zu einer Bank; diese vielen Menschen, die um mich her stehenblieben und mich anglotzten, störten mich. Eigentlich war es kein Todesstoß, es war verhältnismäßig gut gegangen, wenn das Unglück schon einmal geschehen mußte. Das Ärgste war, daß mein Schuh zerquetscht, die Sohle von der Kappe abgerissen worden war. Ich hob den Fuß und sah Blut in der Öffnung. Na, es war von keiner Seite mit Absicht geschehen, es war nicht die Absicht des Mannes gewesen, mir noch Schlimmeres zuzufügen; er hatte sehr erschrocken ausgesehen. Wenn ich ihn vielleicht um ein kleines Brot vom Wagen gebeten hätte, so hätte ich es bekommen. Er hätte es mir gewiß mit Freuden gegeben. Möge Gott es ihm vergelten.
Ich hungerte schwer und wußte nicht, wie ich meinen schamlosen Appetit loswerden sollte. Ich wand mich auf der Bank hin und her und bog die Brust bis auf meine Knie hinunter. Als es dunkel wurde, schlich ich zum Rathaus.
Gott weiß, wie ich dahin kam -- ich setzte mich auf die Kante der Balustrade. Ich riß die eine Tasche aus meinem Rock heraus und fing an, darauf zu kauen, übrigens ohne irgendwelche Absicht, mit finsterer Miene, die Augen starr geradeaus gerichtet, ohne etwas zu sehen. Ich hörte einige kleine Kinder um mich herum spielen und vernahm es instinktmäßig, wenn ein Spaziergänger an mir vorbeiging: sonst beachtete ich nichts.
Da fällt mir plötzlich ein, in einen der Basare unter mir zu gehen und ein Stück rohes Fleisch zu holen. Ich stehe auf und gehe quer über die Balustrade, bis zum anderen Ende des Basardaches und steige hinab. Als ich beinahe bis zur Fleischbank hinuntergekommen war, rief ich in die Treppenöffnung hinauf und drohte zurück, als spräche ich zu einem Hund da oben, und wandte mich frech an den ersten Metzger, den ich traf.
Ach, seien Sie so gut und geben Sie mir einen Knochen für meinen Hund! sagte ich. Nur einen Knochen. Es braucht nichts daran zu sein; er soll nur etwas im Maul zu tragen haben.
Ich erhielt einen Knochen, einen prächtigen kleinen Knochen, an dem noch etwas Fleisch war, und steckte ihn unter den Rock. Ich dankte dem Mann so herzlich, daß er mich erstaunt ansah.
Nichts zu danken, erwiderte er.
Doch, sagen Sie das nicht, murmelte ich, es ist sehr freundlich von Ihnen.
Und ich ging hinauf. Das Herz schlug stark in mir.
Ich schlich mich so tief als möglich in den Schmiedgang und blieb vor einem verfallenen Tor in einem Hinterhof stehen. Von keiner Seite war ein Licht zu sehen, es war wundervoll dunkel rings um mich; ich begann an dem Knochen zu nagen.
Er schmeckte nach nichts; ein erstickender Geruch von altem Blut stieg von ihm auf, und ich mußte mich sofort erbrechen. Ich versuchte es wieder. Wenn ich es nur bei mir behalten könnte, würde es wohl seine Wirkung tun; es galt, den Magen zu beruhigen. Ich erbrach mich wieder. Ich wurde zornig, biß heftig in das Fleisch, zerrte ein Stückchen ab und würgte es mit Gewalt hinunter. Und es nützte doch nichts; sobald die kleinen Fleischbrocken im Magen warm geworden waren, kamen sie wieder herauf. Wahnsinnig ballte ich die Hände, war vor Hilflosigkeit dem Weinen nahe und nagte wie ein Besessener; ich weinte, daß der Knochen naß und schmutzig wurde von den Tränen, erbrach mich, fluchte und nagte wieder, weinte, als wollte mir das Herz brechen, und übergab mich abermals. Ich wünschte mit lauter Stimme alle Mächte der Welt zur Hölle.
Stille. Kein Mensch um mich her, kein Licht, kein Lärm. Ich bin in der gewaltsamsten Gemütserregung, atme schwer und laut und weine zähneknirschend, so oft ich diese kleinen Bissen Fleisches, die mich vielleicht ein wenig hätten sättigen können, von mir geben muß. Als gar nichts hilft, so sehr ich auch alles versuche, schleudere ich voll ohnmächtigen Hasses den Knochen gegen das Tor, hingerissen von Wut, rufe und drohe heftig gegen den Himmel hinauf, schreie Gottes Namen heiser und verbissen hinaus und krümme meine Finger wie Klauen.... Ich sage dir, du heiliger Baal des Himmels, du lebst nicht, aber wenn du lebtest, würde ich dir so fluchen, daß dein Himmel vom Feuer der Hölle erbeben würde. Ich sage dir, ich habe dir meine Dienste angeboten, und du hast sie abgewiesen, du hast mich verstoßen, und ich wende dir für ewig den Rücken, weil du die Stunde der Gnade nicht erkanntest. Ich sage dir, ich weiß, daß ich sterben muß, und ich spotte deiner trotzdem, mit dem Tod vor Augen, du himmlischer Apis. Du hast Gewalt gegen mich angewandt, und du weißt nicht, daß ich mich niemals dem Unglück beuge. Mußtest du das nicht wissen? Hast du mein Herz im Schlaf gebildet? Ich sage dir, mein ganzes Leben und jeder Blutstropfen in mir freut sich darüber, dich zu verhöhnen und deine Gnade zu bespeien. Von dieser Stunde an will ich allen deinen Werken und deinem ganzen Wesen entsagen, ich will meine Gedanken verfluchen, wenn sie wieder an dich denken sollten, und meine Lippen ausreißen, wenn sie deinen Namen wieder nennen. Ich sage dir, wenn du wirklich bist, das letzte Wort im Leben und im Tode, ich sage dir Lebwohl. Und dann schweige ich und wende dir den Rücken und gehe meines Weges....
Stille.
Ich bebe vor Erregung und Erschöpfung, stehe noch auf demselben Fleck, immer noch Flüche und Schimpfworte flüsternd, noch schlucksend nach dem heftigen Weinen, gebrochen und schlapp nach diesem wahnsinnigen Zornesausbruch. Ach, es war nur Büchersprache und Literatur, was ich hier angebracht hatte, mitten in meinem Elend sogar, es war Geschwätz. Ich stehe vielleicht eine halbe Stunde da und schluchze und flüstere und halte mich am Tor fest. Dann höre ich Stimmen, ein Gespräch zwischen zwei Männern, die durch den Schmiedgang hereinkommen. Ich taumle von der Türe weg, schleppe mich an den Häusern entlang und komme wieder auf die hellen Straßen hinaus. Während ich die Youngshöhe hinunterschleiche, fängt mein Gehirn plötzlich in einer höchst seltsamen Richtung zu arbeiten an. Es fällt mir ein, daß die elenden Baracken unten an der Seite des Marktplatzes, die Läden und die alten Buden mit gebrauchten Kleidern doch eine Verunstaltung der Gegend seien. Sie schändeten das Aussehen des ganzen Platzes, befleckten die Stadt, pfui, nieder mit dem Gerümpel! Und in Gedanken überschlug ich, was es kosten würde, das Geographische Institut hierher zu stellen, dieses schöne Gebäude, das mir immer so gut gefallen hatte, so oft ich daran vorbeigekommen war. Ein derartiger Transport würde sich vielleicht nicht unter siebzig bis zweiundsiebzigtausend Kronen machen lassen, -- eine schöne Summe, das mußte man zugeben, ein ganz schönes Taschengeld, hehe, so für den Anfang. Und ich nickte mit schwerem Kopf und gab zu, daß es ein ganz schönes Taschengeld sei, so für den Anfang. Ich zitterte immer noch über den ganzen Körper und schluchzte hie und da tief auf nach dem Weinen.
Ich hatte das Gefühl, als sei nicht mehr viel Leben in mir, als pfiffe ich im Grunde auf dem letzten Loch. Dies war mir auch ziemlich gleichgültig, es beschäftigte mich nicht im geringsten; ich ging im Gegenteil durch die Stadt zum Hafen hinunter, immer weiter und weiter weg von meinem Zimmer. Ich hätte mich ebensogut zum Sterben platt auf die Straße hingelegt. Die Qualen machten mich immer gefühlloser; in meinem verwundeten Fuß klopfte es heftig, ich hatte sogar den Eindruck, daß der Schmerz sich über den ganzen Körper verbreitete, aber nicht einmal das tat besonders weh. Ich hatte schlimmere Dinge ausgestanden.
So kam ich zum Eisenbahnkai. Es war kein Verkehr dort, kein Lärm, nur hie und da war ein Mensch zu sehen, ein Schauermann oder ein Seemann, der mit den Händen in den Taschen sich herumtrieb. Ich bemerkte einen hinkenden Mann, der starr mich anschielte, während wir aneinander vorbeigingen. Instinktmäßig stellte ich ihn, griff an den Hut und fragte, ob die „Nonne” abgesegelt sei. Und nachher konnte ich es nicht lassen, ein einziges Mal dicht vor seinen Augen mit den Fingern zu knipsen und zu sagen: Tod und Teufel, die „Nonne” ja! Die „Nonne”, die ich ganz vergessen hatte! Der Gedanke an sie hatte wohl trotzdem unbewußt in meinem Inneren geschlummert, ich hatte ihn mit mir herumgetragen, ohne es selbst zu wissen.
Ja, bewahre, die „Nonne” sei abgesegelt.
Er könne mir wohl nicht sagen, wohin?
Der Mann denkt nach, steht auf dem langen Bein und hält das kurze in die Luft; das kurze baumelt ein wenig.
Nein, sagt er. Wissen Sie, was sie hier gelastet hat?
Nein, antwortete ich.
Aber nun hatte ich die „Nonne” bereits vergessen, und ich fragte den Mann, wie weit es wohl bis Holmestrand sein könne, in guten alten, geographischen Meilen gerechnet.
Bis Holmestrand? Ich nehme an....
Oder bis Veblungsnes?
Was ich sagen wollte, ich nehme an, daß bis Holmestrand ....
Ach, hören Sie, weil es mir gerade einfällt, unterbrach ich ihn wieder, Sie würden wohl nicht so freundlich sein, mir einen kleinen Bissen Tabak zu geben, nur ein ganz klein wenig.
Ich erhielt den Tabak, dankte dem Mann sehr herzlich und ging fort. Ich machte keinen Gebrauch von dem Tabak, ich steckte ihn sofort in die Tasche. Der Mann behielt mich immer noch im Auge, ich hatte vielleicht sein Mißtrauen auf irgendeine Weise erregt; wo ich ging und stand, fühlte ich diesen mißtrauischen Blick auf mir und wollte mich nicht von diesem Menschen verfolgen lassen. Ich kehre um und trete an ihn heran und sage:
Nadler.
Nur dieses Wort: Nadler. Nicht mehr. Ich sehe ihn sehr starr an, während ich das sage, ich fühlte, daß ich ihn fürchterlich anstarrte; es war als ob ich ihn aus einer anderen Welt anschaute. Und ich bleibe eine kleine Weile stehen, als ich dieses Wort gesagt habe. Dann schleiche ich wieder zum Bahnhofsplatz zurück. Der Mann gab keinen Laut von sich. Er behielt mich nur im Auge.
Nadler? Ich stand plötzlich still. Ja, hatte ich nicht schon sofort das Gefühl gehabt: ich hätte den Krüppel schon früher einmal getroffen. Oben in Graensen, an einem lichten Morgen; ich hatte meine Weste versetzt. Es schien mir eine Ewigkeit vergangen zu sein seit diesem Tag.
Während ich dastehe und darüber nachdenke -- ich stütze mich gegen eine Hauswand an der Ecke des Marktplatzes an der Hafenstraße -- fahre ich plötzlich zusammen und versuche wegzuschleichen. Da mir dies nicht gelingt, starre ich verstockt geradeaus und beiße aller Scham den Kopf ab, es war nichts mehr zu machen, -- ich stehe Antlitz in Antlitz mit dem „Kommandeur”.
Ich werde rücksichtslos frech, trete sogar einen Schritt von der Wand weg, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Ich tue das nicht, um Mitleid zu erwecken, sondern um mich selbst zu verhöhnen, mich an den Pranger zu stellen; ich hätte mich auf der Straße wälzen und den Kommandeur bitten mögen, über mich hinwegzugehen, mir ins Gesicht zu treten. Ich sagte nicht einmal Guten Abend.
Der „Kommandeur” ahnte vielleicht, daß bei mir irgend etwas nicht richtig war, er verlangsamte seinen Schritt ein wenig, und ich sage, um ihn zum Stehen zu bringen:
Ich hätte Ihnen schon etwas gebracht, aber es ist noch nichts Rechtes geworden.
Ja? antwortet er fragend. Haben Sie es noch nicht fertig?
Nein, ich habe es noch nicht fertigbekommen.
Aber bei der Freundlichkeit des „Kommandeurs” stehen meine Augen plötzlich voll Wasser, und ich räuspere mich und huste erbittert, um mich stark zu machen. Der „Kommandeur” stößt einmal die Luft durch die Nase; er sieht mich an.