Part 10
Ich finde dies so sonderbar, daß ich unwillkürlich meine Schritte verlangsame; in diesem Augenblick habe ich meine Gedanken ganz in Ordnung, aber ich bin sehr erregt, meine Nerven sind durch die letzte Mahlzeit gereizt. Ich gehe wie gewöhnlich dicht an ihr vorbei, komme beinahe bis zum Tor und bin im Begriff einzutreten. Da bleibe ich stehen. Mit einem Mal kommt mir ein Einfall. Ohne mir darüber Rechenschaft zu geben, drehe ich mich um und gehe bis dicht zu der Dame hin, sehe ihr ins Gesicht und grüße:
Guten Abend, Fräulein!
Guten Abend! antwortet sie.
Entschuldigen Sie, suchen Sie jemand? -- Ich hätte sie schon früher bemerkt; ob ich ihr in irgendeiner Weise behilflich sein könne? Ich bitte übrigens vielmals um Entschuldigung.
Ja, sie wüßte nicht recht....
Hinter diesem Tor wohne niemand außer drei, vier Pferden und mir; es sei dies übrigens ein Stall und eine Spenglerwerkstatt. Sie sei sicher auf falscher Fährte, wenn sie hier jemand suche.
Da dreht sie das Gesicht weg und sagt:
Ich suche niemand, ich stehe nur hier.
Soso, sie stehe nur hier, stehe hier Abend für Abend nur um einer Laune willen. Das war ein wenig sonderbar; ich dachte darüber nach und geriet immer mehr in Verwirrung über diese Dame. Dann beschloß ich, dreist zu sein. Ich klapperte mit meinen Münzen ein wenig in der Tasche und lud sie ohne weiteres zu einem Glas Wein ein, irgendwohin.... In Anbetracht des Winters, der gekommen sei, hehe.... Es brauche nicht lange zu dauern.... Aber das wolle sie wohl nicht?
O nein, danke, das ginge nicht gut. Nein, das könne sie nicht tun. Aber wenn ich so freundlich sein und sie ein Stück weit begleiten wollte, so.... Der Heimweg sei sehr dunkel und es geniere sie, allein durch die Karl Johanstraße zu gehen, da es so spät geworden sei.
Wir setzten uns in Bewegung; sie ging an meiner rechten Seite. Ein eigentümliches, schönes Gefühl ergriff mich. Das Bewußtsein, in der Nähe eines jungen Mädchens zu sein. Ich ging neben ihr hin und sah sie während des ganzen Weges an. Das Parfüm in ihrem Haar, die Wärme, die ihr Körper ausströmte, dieser Frauenduft, dieser süße Hauch, so oft sie mir das Gesicht zuwandte, -- alles strömte auf mich ein, drängte sich unbändig in alle meine Sinne. Ich konnte ein volles, ein wenig bleiches Antlitz hinter dem Schleier erspähen und eine hohe Brust, die den Mantel ausbuchtete. Der Gedanke an all diese verhüllte Herrlichkeit, die ich hinter dem Mantel und dem Schleier ahnte, verwirrte mich, machte mich idiotisch glücklich, ohne jeden vernünftigen Grund. Ich hielt es nicht mehr länger aus, berührte sie mit meiner Hand, fingerte an ihrer Schulter und lächelte albern. Ich fühlte mein Herz schlagen.
Wie seltsam Sie sind! sagte ich.
Wieso denn?
Ja, zunächst hätte sie einfach die Gewohnheit, Abend für Abend ohne irgendeine Absicht vor einem Stalltor zu stehen, nur weil es ihr so einfiele....
Sie könne doch ihre Gründe dafür haben; sie liebe es übrigens, lang in die Nacht hinein aufzubleiben, das hätte sie schon immer gerne getan. Ob ich es liebe, vor zwölf Uhr zu Bett zu gehen?
Ich? Wenn es etwas in der Welt gebe, das ich haßte, so war es, mich vor zwölf Uhr nachts zu Bett zu legen. Hehe.
Hehe, ja sehen Sie! Da machte sie also an den Abenden, an denen sie nichts zu versäumen hatte, diesen Spaziergang; sie wohne oben am St. Olafsplatz....
Ylajali! rief ich.
Wie bitte?
Ich sagte nur Ylajali.... Kurz und gut, fahren Sie fort!
Sie wohne oben am St. Olafsplatz, ziemlich einsam, zusammen mit ihrer Mutter, mit der man nicht sprechen könne, weil sie taub sei. War es da so sonderbar, daß sie gerne ein wenig ausgehen wollte?
Nein, durchaus nicht! antwortete ich.
Na ja, was dann? Ich konnte ihrer Stimme anhören, daß sie lächelte.
Ob sie nicht eine Schwester habe?
Doch, eine ältere Schwester -- woher ich das übrigens wüßte? -- aber die sei nach Hamburg gereist!
Kürzlich?
Ja, vor ungefähr fünf Wochen. Woher ich wisse, daß sie eine Schwester habe?
Ich weiß es durchaus nicht, ich fragte nur.
Wir schwiegen. Ein Mann, der ein Paar Schuhe unter dem Arm trägt, geht an uns vorbei, sonst ist die Straße leer, soweit wir sehen können. Beim Tivoli leuchtet eine lange Reihe von farbigen Lampen. Es schneite nicht mehr. Der Himmel war klar.
Gott, frieren Sie nicht ohne Überrock? sagt die Dame plötzlich und sieht mich an.
Sollte ich ihr erzählen, warum ich keinen Überrock hatte? Ihr meine Lage sofort offenbaren und sie von vorneherein verscheuchen?
Es war doch so herrlich, hier an ihrer Seite zu gehen und sie noch eine kleine Weile in Unwissenheit zu lassen. Ich log, ich antwortete:
Nein, gar nicht. Und um auf etwas anderes zu kommen, fragte ich: Haben Sie die Menagerie im Tivoli gesehen?
Nein, antwortete sie. Ist da etwas zu sehen?
Wenn sie nun hingehen wollte? In all das Licht, unter so viele Menschen! Sie würde verlegen werden, ich würde sie mit meinen schlechten Kleidern, mit meinem mageren Gesicht, das ich seit zwei Tagen nicht einmal gewaschen hatte, verjagen, sie würde vielleicht sogar entdecken, daß ich keine Weste hatte....
O nein, antwortete ich deshalb, es ist dort sicher nichts zu sehen. Und es fielen mir einige glückliche Wendungen ein, von denen ich gleich Gebrauch machte, einige dürftige Worte, Reste aus meinem ausgesaugten Gehirn: Was könnte man wohl von solch einer kleinen Menagerie erwarten? Überhaupt interessierte es mich nicht, Tiere im Käfig zu sehen. Diese Tiere wissen, daß man dasteht und sie ansieht; sie fühlen hundert neugierige Blicke und werden davon beeinflußt. Nein, da möchte ich schon um Tiere bitten, die nicht wußten, daß man sie betrachtete, um jene scheuen Wesen, die in ihrer Höhle umherhuschen, dort mit schläfrigen grünen Augen liegen, an ihren Klauen schlecken und nachdenken. Nicht wahr?
Damit hätte ich allerdings recht.
Nur das Tier in all seiner eigenen Schrecklichkeit und eigenen Wildheit könne uns fesseln.
Der lautlose, schleichende Tritt in der Dunkelheit und der Finsternis der Nacht, in des Waldes Sausen und Unheimlichkeit, die Schreie eines vorbeifliegenden Vogels, der Wind, der Blutgeruch, das Getöse in der Luft, kurz, der Geist des Raubtierreiches über dem Raubtier ....
Aber ich fürchtete, daß sie dies ermüde, und das Gefühl meiner großen Armut ergriff mich von neuem und drückte mich nieder. Wenn ich nur einigermaßen gut angezogen gewesen wäre, hätte ich sie mit einem Abend im Tivoli erfreuen können! Ich begriff dieses Menschenkind nicht, das ein Vergnügen darin finden konnte, sich durch die ganze Karl Johanstraße von einem halbnackten Bettler begleiten zu lassen. Was, in Gottes Namen, dachte sie sich wohl? Und weshalb ging ich hier und stellte mich so an und lächelte blöde um nichts? Hatte ich auch nur eine vernünftige Ursache, mich von diesem feinen Seidenvogel zu einem so langen Spaziergang ausnützen zu lassen? Kostete es mich vielleicht keine Anstrengung? Fühlte ich nicht nur bei dem leisesten Windstoß, der uns entgegenblies, die Schauer des Todes bis ins Herz hinein? Und tobte nicht bereits der Wahnsinn in meinem Gehirn, nur weil es mir seit vielen Monaten an Nahrung fehlte? Sie hinderte mich sogar daran, heimzugehen und ein wenig Milch auf die Zunge zu bekommen, einen Löffel Milch, den ich vielleicht bei mir behalten konnte. Weshalb wandte sie mir nicht den Rücken und ließ mich zum Teufel gehen...?
Ich wurde verzweifelt; meine Hoffnungslosigkeit führte mich zum Äußersten und ich sagte:
Sie sollten eigentlich nicht mit mir zusammen gehen, Fräulein; ich beschäme Sie vor allen Leuten schon allein durch meinen Anzug. Ja, das ist wirklich wahr; ich meine das so.
Sie stutzt. Sie sieht schnell zu mir auf und schweigt. Darauf sagt sie:
Herrgott auch! Mehr sagt sie nicht.
Was meinen Sie damit? fragte ich.
Uff nein, sagen Sie nicht so etwas.... Nun haben wir nicht mehr weit. Und sie ging ein wenig schneller.
Wir schwenkten in die Universitätsstraße ein und sahen bereits die Lichter auf dem St. Olafsplatz. Da ging sie wieder langsamer.
Ich möchte nicht indiskret sein, fange ich wieder an, aber wollen Sie mir nicht Ihren Namen sagen, bevor wir uns trennen? Und wollen Sie nicht, für einen Augenblick nur, den Schleier abnehmen, damit ich Sie sehen kann? Ich wäre so dankbar.
Pause. Ich wartete.
Sie haben mich früher schon gesehen, antwortet sie.
Ylajali! sage ich wieder.
Sie haben mich einen halben Tag lang verfolgt, bis nach Hause. Waren Sie damals betrunken? Wieder hörte ich, daß sie lächelte.
Ja, sagte ich, leider, ich war damals betrunken.
Das war häßlich von Ihnen!
Und zerknirscht gab ich zu, daß das häßlich von mir gewesen sei.
Wir waren zum Springbrunnen gekommen. Wir bleiben stehen und sehen zu den vielen erleuchteten Fenstern in Nummer 2 empor.
Nun dürfen Sie nicht mehr weiter mitgehen, sagt sie; Dank für heute abend!
Ich beugte den Kopf, wagte nichts zu sagen. Ich nahm meinen Hut ab und stand barhäuptig da. Ob sie mir wohl die Hand reichen würde?
Warum bitten Sie mich nicht, ein Stück weit mit Ihnen zurückzugehen? sagt sie scherzhaft. Aber sie sieht auf ihre Schuhspitzen nieder.
Herrgott, antworte ich, wenn Sie das täten!
Ja, aber nur ein kleines Stück.
Und wir kehrten um.
Ich war äußerst verwirrt, wußte nicht, wie ich gehen oder stehen sollte; dieses Geschöpf stülpte meinen ganzen Gedankengang um. Ich war hingerissen, wunderbar froh; mir war, als ginge ich vor Glück herrlich zugrunde. Sie hatte ausdrücklich mit mir zurückgehen wollen, es war nicht mein Einfall, es war ihr eigener Wunsch. Ich sehe sie an und werde immer mutiger, sie muntert mich auf, zieht mich mit jedem Wort an sich. Für einen Augenblick vergesse ich meine Armut, meinen Unwert, mein ganzes jämmerliches Dasein, ich fühle das Blut warm durch den Körper jagen, wie in den alten Tagen, ehe ich zusammengefallen, und ich beschließe, mich mit einem kleinen Kniff vorzutasten.
Übrigens verfolgte ich damals nicht Sie, sagte ich, sondern Ihre Schwester.
Meine Schwester? fragt sie höchst erstaunt. Sie bleibt stehen, sieht mich an, erwartet wirklich eine Antwort. Sie fragte in vollstem Ernst.
Ja, antwortete ich. Hm. Das heißt, also die jüngere der beiden Damen, die vor mir gingen.
Die Jüngere? Oho! Sie lachte mit einem Mal laut und herzlich wie ein Kind. Nein, wie schlau Sie sind! Das sagten Sie nun, damit ich den Schleier abnehmen solle. Ich verstehe. Aber darauf können Sie lange warten.... zur Strafe.
Wir begannen zu lachen und zu scherzen, sprachen die ganze Zeit und unaufhörlich, ich wußte nicht, was ich sagte, ich war froh. Sie erzählte, daß sie mich schon früher einmal gesehen habe, im Theater, es sei lange her. Es seien drei Kameraden dabei gewesen und ich hätte mich wie ein Verrückter betragen; ich sei sicher auch damals betrunken gewesen, leider.
Weshalb sie das glaubte?
Doch, ich hätte so gelacht.
So. O ja, damals lachte ich viel.
Aber jetzt nicht mehr?
O doch, jetzt auch. Es sei so herrlich auf der Welt!
Wir kamen zur Karl Johanstraße. Sie sagte:
Nun gehen wir nicht mehr weiter! Und wir kehrten um und gingen wieder die Universitätsstraße hinauf. Als wir wieder zum Springbrunnen kamen, verlangsamte ich meine Schritte ein wenig; ich wußte, daß ich nicht weiter mitgehen durfte.
Ja, nun müssen Sie also umkehren, sagte sie und blieb stehen.
Ja, das muß ich wohl, antwortete ich.
Gleich darauf aber meinte sie, daß ich gut bis zum Tor mitgehen könne. Herrgott, es sei doch nichts Schlimmes dabei. Nicht?
Nein, sagte ich.
Aber als wir am Tor standen, drang mein ganzes Elend wieder auf mich ein. Wie konnte man auch den Mut aufrecht erhalten, wenn man so zusammengebrochen war? Hier stand ich vor einer jungen Dame, schmutzig, zerrissen, von Hunger entstellt, ungewaschen, nur halb bekleidet, -- es war um in die Erde zu sinken. Ich machte mich klein, duckte mich unwillkürlich nieder und sagte:
Darf ich Sie nun nie mehr wiedersehen?
Ich wagte nicht zu hoffen, daß ich die Erlaubnis bekommen würde, sie wieder zu treffen; ich wünschte beinahe ein scharfes Nein, das mich straff und gleichgültig hätte machen können.
Doch, sagte sie.
Wann?
Ich weiß nicht.
Pause.
Wollen Sie nicht so lieb sein und den Schleier nur einen einzigen Augenblick abnehmen, sagte ich, damit ich sehen kann, mit wem ich gesprochen habe. Nur einen Augenblick. Denn ich muß doch sehen, mit wem ich gesprochen habe.
Pause.
Sie können mich am Dienstag abend hier draußen treffen, sagt sie. Wollen Sie das?
Ja, Liebe, wenn ich darf!
Um acht Uhr.
Gut.
Ich strich mit meiner Hand an ihrem Mantel hinunter, bürstete den Schnee ab, um einen Vorwand zu haben, sie zu berühren; es war mir eine Wollust, ihr so nahe zu sein.
Und dann dürfen Sie nicht allzu schlecht von mir denken, sagte sie. Sie lächelte wieder.
Nein....
Plötzlich machte sie eine entschlossene Bewegung und zog den Schleier in die Stirne hinauf; wir standen da und sahen einander eine Sekunde lang an. Ylajali! rief ich. Sie streckte sich empor, schlang die Arme um meinen Hals und küßte mich mitten auf den Mund. Ich fühlte, wie ihre Brust wogte, sie atmete gewaltsam.
Und augenblicklich entwand sie sich meinen Händen, rief gute Nacht, atemlos, flüsternd, wandte sich um und lief, ohne mehr zu sagen, die Treppe hinauf....
Das Tor fiel zu.
* * * * *
Am nächsten Tage schneite es stärker, ein schwerer, mit Regen vermischter Schnee fiel in großen blauen Flocken, die zu Schmutz wurden. Das Wetter war rauh und eisig.
Ich war spät aufgewacht, im Kopf seltsam betäubt von den Gemütsbewegungen des Abends, im Herzen berauscht von der schönen Begegnung. In meiner Entzückung hatte ich eine Weile wach gelegen und mir Ylajali an meine Seite gedacht; ich breitete die Arme aus, umarmte mich selbst und küßte in die Luft. Dann war ich endlich aufgestanden und hatte wieder eine Tasse Milch zu mir genommen und gleich darauf ein Beefsteak. Ich war nicht mehr hungrig; nur meine Nerven waren wieder stark erregt.
Ich begab mich zu den Kleiderbasaren hinunter. Es fiel mir ein, daß ich vielleicht zu einem billigen Preis eine gebrauchte Weste kaufen könnte, um etwas unter dem Rock zu haben, gleichviel was. Ich stieg die Treppe zu den Basaren hinauf und fand eine Weste, die ich zu untersuchen begann. Während ich damit beschäftigt war, kam ein Bekannter vorbei; er nickte und rief mich an, ich ließ die Weste hängen und ging zu ihm hinunter. Er war Techniker und sollte in das Kontor.
Gehen Sie mit ein Glas Bier trinken, sagte er. Aber kommen Sie gleich, ich habe nur wenig Zeit.... Was war das für eine Dame, mit der Sie gestern abend spazieren gingen?
Hören Sie, sagte ich, auf seinen bloßen Gedanken eifersüchtig, wenn es nun meine Braut wäre?
Tod und Teufel! rief er.
Ja, das hat sich gestern abend entschieden.
Ich hatte ihn damit geschlagen, er glaubte mir unbedingt. Ich log ihn voll, um ihn wieder los zu werden; wir bekamen das Bier, tranken und gingen.
Guten Morgen!.... Hören Sie, sagte er plötzlich. Ich bin Ihnen noch einige Kronen schuldig und es ist eine Schande, daß ich sie nicht längst zurückbezahlt habe, aber nächstens sollen Sie sie bekommen.
Ja, danke, antwortete ich. Doch ich wußte, daß er mir diese Kronen niemals zurückgeben werde.
Das Bier stieg mir leider gleich zu Kopf, mir wurde sehr heiß. Der Gedanke an das Abenteuer des Abends überwältigte mich, machte mich beinahe verstört. Wie, wenn sie sich nun am Dienstag nicht einfände! Wie, wenn sie nachzudenken begänne und Mißtrauen faßte! .... Mißtrauen gegen was?.... Meine Gedanken wurden mit einem Schlag lebendig und begannen mit dem Geld zu spielen. Ich wurde ängstlich, tödlich erschrocken über mich selbst. Der Diebstahl stürmte mit allen seinen Kleinigkeiten auf mich ein; ich sah den kleinen Laden, den Tisch, meine magere Hand, als ich nach dem Geld griff, und ich malte mir das Verfahren der Polizei aus, wenn sie käme, mich festzunehmen. Eisen um Hände und Füße, nein, nur um die Hände, vielleicht nur an die eine Hand; die Schranke, das Protokoll des Wachthabenden, der Laut seiner kratzenden Feder, sein Blick, sein gefährlicher Blick: Na, Herr Tangen? Die Zelle, die ewige Finsternis....
Hm. Ich ballte heftig die Hände zusammen, um mir Mut zu machen, ging schneller und kam zum Stortorv. Hier setzte ich mich.
Keine Kinderstreiche! Wie in aller Welt konnte man beweisen, daß ich gestohlen hatte? Außerdem wagte der Ladenbursche gar nicht Alarm zu schlagen, selbst wenn er eines Tages sich erinnern würde, wie das Ganze zugegangen war; er hatte wohl seinen Platz zu lieb. Keinen Lärm! keine Szenen, wenn ich bitten darf! Aber dieses Geld in meiner Tasche beschwerte mich nun trotzdem ein wenig und ließ mich nicht in Frieden. Ich fing an, mich selbst zu prüfen und fand auf das klarste heraus, daß ich früher glücklicher gewesen war, damals, als ich in aller Ehrlichkeit litt. Und Ylajali! Hatte ich nicht auch sie mit meinen sündigen Händen herabgezogen! Herrgott, Herr mein Gott! Ylajali!
Ich fühlte mich betrunken wie ein Alk, stand plötzlich auf und ging zu der Kuchenfrau bei der Elefantenapotheke. Noch konnte ich mich von der Schande befreien, es war noch lange nicht zu spät, ich wollte der ganzen Welt zeigen, daß ich dazu imstande war! Unterwegs hielt ich das Geld in Bereitschaft, hielt jeden Ör in der Hand; ich beugte mich zu dem Tisch der Frau hinunter, als ob ich etwas kaufen wollte und drückte ihr ohne weiteres die Münzen hastig in die Hand. Ich sagte kein Wort und ging gleich weg.
Wie wunderbar schmeckte es, wieder ein ehrlicher Mensch zu sein! Meine leere Tasche beschwerte mich nicht mehr, es war ein Genuß, von neuem blank und bar zu sein. Wenn ich richtig nachdachte, hatte mir dieses Geld im Grund viel heimlichen Kummer bereitet, ich hatte wirklich ein über das andere Mal mit Schaudern daran gedacht; ich war keine verstockte Seele, meine ehrliche Natur hatte sich gegen diese niedrige Handlung aufgebäumt, ja. Gott sei Dank, ich hatte mich vor meinem eigenen Bewußtsein wieder erhoben. Macht mir das nach! sagte ich und sah über den wimmelnden Markt hin. Macht mir das nur nach! Ich hatte eine alte, arme Kuchenfrau erfreut, daß es eine Art hatte; sie wußte weder aus noch ein. Heute abend sollten ihre Kinder nicht hungrig zu Bett gehen.... Ich geilte mich mit diesen Gedanken auf und fand, daß ich mich ausgezeichnet betragen hatte. Gott sei Dank, das Geld war ich nun los.
Betrunken und nervös brach ich auf und ging die Straße entlang. Die Freude, Ylajali rein und ehrlich entgegengehen und ihr ins Antlitz sehen zu können, ging in meiner Trunkenheit mit mir durch; ich hatte keine Schmerzen mehr. Mein Kopf war klar und leer, es war, als sei es ein Kopf aus eitel Licht, der auf meinen Schultern stand und leuchtete. Ich bekam Lust, Narrenstreiche zu machen, erstaunliche Dinge zu begehen, die Stadt auf den Kopf zu stellen und zu lärmen. Durch die ganze Graensenstraße hinauf führte ich mich wie ein Wahnsinniger auf. Es sauste leicht in meinen Ohren, und in meinem Gehirn war der Rausch in vollem Gang. Begeistert vor Dummdreistigkeit, kam es mir in den Sinn, einem Dienstmann, der übrigens kein Wort gesprochen hatte, mein Alter anzugeben, ihm die Hand zu drücken, ihm eindringlich ins Gesicht zu sehen und ihn dann wieder ohne eine Erklärung zu verlassen. Ich unterschied die Abschattungen in den Stimmen und dem Lachen der Vorübergehenden, beobachtete einige kleine Vögel, die vor mir auf der Straße umherhüpften, studierte den Ausdruck der Pflastersteine und fand allerhand Zeichen und wunderliche Figuren darin. Mittlerweile war ich bis zum Stortingsplatz hinuntergekommen.
Ich stehe plötzlich still und starre zu den Droschken hin. Die Kutscher wandern schwätzend umher, die Pferde stehen da und beugen sich vornüber gegen das häßliche Wetter. Komm! sagte ich und puffte mich selbst mit dem Ellbogen. Ich ging schnell zum ersten Wagen vor und stieg ein. Ullevaalsweg Nummer 37! rief ich. Und wir rollten davon.
Unterwegs begann der Kutscher sich umzusehen, sich hinunterzubeugen und in den Wagen zu gucken, wo ich unter dem Schutzleder saß. War er mißtrauisch geworden? Ohne Zweifel war ihm meine schäbige Bekleidung aufgefallen.
Ich will jemand treffen! rief ich ihm zu, um ihm zuvorzukommen, und erklärte ihm inständig, daß ich diesen Mann absolut treffen müsse.
Wir halten vor Nummer 37, ich springe heraus, eile die Treppen hinauf, ganz hinauf bis zum dritten Stock, ergreife einen Glockenzug und ziehe an; die Glocke drinnen tat sechs, sieben schreckliche Schläge.
Ein Mädchen kommt und macht auf; ich bemerke, daß sie Ringe in den Ohren hat und schwarze Lastingknöpfe an dem grauen Kleid. Sie sieht mich erschrocken an.
Ich frage nach Kierulf, Joachim Kierulf, wenn ich so sagen dürfe, ein Wollhändler, kurz gesagt, man könne ihn nicht verwechseln....
Das Mädchen schüttelt den Kopf.
Hier wohnt kein Kierulf, sagt sie.
Sie starrt mich an, ergreift die Türe, bereit, sich zurückzuziehen. Sie strengte sich nicht an, den Mann ausfindig zu machen; und sie sah dabei wirklich aus, als kenne sie die Person, nach der ich fragte, wenn sie nur nachdenken wollte, das faule Geschöpf. Ich wurde zornig, wandte ihr den Rücken und lief die Treppen wieder hinunter.
Er war nicht da! rief ich dem Kutscher zu.
Nicht da?
Nein. Fahren Sie nach der Tomtestraße Nummer 11.
Ich war in der heftigsten Aufregung und steckte den Kutscher damit an, er glaubte ganz sicher, daß es das Leben gelte, und fuhr ohne weiteres davon. Er schlug stark auf das Pferd ein.
Wie heißt der Mann? fragte er und wandte sich auf dem Bock um.
Kierulf, Wollhändler Kierulf.
Und der Kutscher fand auch, daß man sich in dem Mann nicht irren konnte. Ob er nicht einen hellen Rock zu tragen pflege?
Wie? rief ich, einen hellen Rock? Sind Sie verrückt? Glauben Sie, ich frage nach einer Teetasse? Dieser helle Rock kam mir sehr ungelegen und verdarb mir das Bild des Mannes, wie ich es mir gedacht hatte.
Wie sagten Sie, daß er heiße? Kjärulf?
Ja, gewiß, antwortete ich, ist da etwas Seltsames daran? Der Name schändet niemand.
Hat er nicht rotes Haar?
Nun war es ja gut möglich, daß er rotes Haar hatte, und als der Kutscher davon sprach, war ich sofort überzeugt, daß er recht habe. Ich fühlte mich dem armen Kutscher gegenüber dankbar und sagte ihm, er habe den Mann ganz richtig erfaßt; es verhielte sich wirklich so, wie er sagte. Es sei eine Seltenheit, einen solchen Mann ohne rotes Haar zu treffen.
Ich glaube, den habe ich schon ein paarmal gefahren, sagte der Kutscher. Er hat auch einen Knotenstock.
Dies ließ mir den Mann ganz lebendig werden und ich erwiderte:
Hehe, diesen Mann hat wohl noch niemand ohne seinen Knotenstock in der Hand gesehen. Dessen können Sie sicher sein, ganz sicher.
Ja, es war klar, daß dies der gleiche Mann war, den er gefahren hatte. Er erkannte ihn wieder....
Und wir fuhren darauf los, daß die Funken von den Hufen sprühten.
Mitten in diesem aufgeregten Zustand hatte ich keinen einzigen Augenblick die Geistesgegenwart verloren. Wir kommen an einem Polizeibeamten vorbei, und ich bemerke, daß er die Nummer 69 hat. Diese Zahl trifft mich grausam genau, steht mit einemmal wie ein Splitter in meinem Gehirn. Neunundsechzig, genau neunundsechzig, ich würde es nicht vergessen!
Ich lehnte mich im Wagen zurück, eine Beute der verrücktesten Einfälle, kroch unter dem Schutzleder zusammen, damit niemand sehen sollte, daß ich den Mund bewegte, und plapperte idiotisch vor mich hin. Der Wahnsinn rast durch mein Gehirn und ich lasse ihn rasen, ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich Einflüssen unterliege, über die ich nicht Herr bin. Ich beginne zu lachen, stumm und leidenschaftlich, ohne jeden Grund, immer noch lustig und betrunken von den etlichen Glas Bier, die ich genossen hatte. Nach und nach nimmt meine Erregung ab, meine Ruhe kehrt mehr und mehr zurück. Ich fühlte in meinem verwundeten Finger die Kälte und steckte ihn in den Halsbund, um ihn ein wenig zu wärmen. So kamen wir in die Tomtestraße. Der Kutscher hält an.