Part 9
Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, +Justizrath+, der andere, ein Herr Maas, +Kriegsrath+.
Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten, und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben zurückkehrten.
Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen, und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen, und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus. --
Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium. Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie, dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »+ochsen+,« (der technischem Ausdruck der Studenten für »+fleißig sein+«) wollte. Allein des Morgens schadeten die +Katzen+ dem +Ochsen+. Denn Slenz hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon viele mit Frühlingsahnung einfanden, -- sie mit seiner Flinte zu verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »_salvum conductum_« denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.
Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage, und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.
Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.
»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß Sie den verdammten D--r fodern.«
»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?« versetzte mein Freund.
»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,« versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß sie in Blut abwaschen.«
»Sie wissen mein lieber Herr D--r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich schon mehrere Male das _consilium_ unterschrieben, und möchte nicht gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.
»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet fort.
Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst überreden wollte.
»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.
»Der Herr Obergerichtsanwald D--s, ein braver couragöser Philister, der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe, Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz der Heidelberger _Cerevisia_.«
»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, _qui cito dat, bis dat_, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. -- Es galt aber doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose Notwendigkeit an.
O Sie Goldmann! rief D--r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! --
»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.
»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D--r. Auf Pistolen oder Degen, einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme und Sie näher instruire?«
»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge waren noch nicht verklungen, als D--s in mein Zimmer trat. Nach einigen Minuten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D--r.
D--s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen, daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D--r zu fodern. Diese Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich verdroß. -- Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja Alles aus Liebe für Slenz.
D--r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf 8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm freilich auch am Ende den Verstand kostete. -- Zum Theil verdienten diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte. Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu improvisiren. Der Advokat +Hagemeister+ in Kiel, vulgo von den Bauern ohne alle Ironie »+Hagelmeister+« genannt, kam einmal in ein Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das Urtheil zeigten und ihn um Rath fragten, ob sie appelliren sollten, und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht führen wolle.
»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« -- und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, -- so daß diese begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’ nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« -- »Bravo Herr Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für uns geschrieben haben.« -- -- --
Ich trat also in D--r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich. Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald eintrat.
»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. --
»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?« fuhr er verbindlich fort? »Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war, hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«
»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen hatte, denn sofort schellte D--r. und bestellte bei dem so schnell eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. --
Ich deprecirte.
»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich lasse Sie nicht.«
Er zog mich auf das Sopha. --
»Herr D--r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. --«
»Wie so? lieber Herr von Kobbe. --«
»Ich soll Sie vom Advokaten D--s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel wie, fordern.«
»So?« rief D--r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der Bekanntschaft des Herrn D--s. kommen?«
In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr D--r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht beantworten. -- Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu gedenken. -- Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf eine unumwundene Erklärung.
»Wenn Herr D--s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- und wenn -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D--s noch alte Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur Stunde von D--s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen, von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß. Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten Staatsdiener, und grade den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn entfährt.[11]
D--s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet haben, wo dieser in _N^o 1_, dem Professoren und Philister-Zimmer, des Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber sofort dem Bürgermeister _coeram multis testibus_ eine heftige Ohrfeige applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: »Ich sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, Herr Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«
D--r concludirte endlich nach allen »+Wenns+« dahin, daß, wenn alle diese »+Wenns+« nicht wären, er nicht ermangeln würde, dem Hrn. D--s die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu ertheilen.
Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt hat, -- und berichtete dem Hrn. D--s und seiner ihn umgebenden Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D--r bewögen, die von mir geschehenen Forderung zu verweigern.
»O über den Cujon!« lachte D--s -- »er glaubt, eine _exceptio litis ingressum impediens_ zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, Herr von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«
Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall eingelassen zu haben, ertragen.
Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten, und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein vortrefflicher Arzt, der Doktor +Ritter+, dessen Liebe oder Kunst ich mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. --
Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen Frühlingstage ging D--r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: -- -- -- -- -- Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:
»Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen, Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s. w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit zu entweihen.« --
Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D--r sei gestern vom Advocat D--s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück verhütet.
Der Advocat D--r reichte sofort eine Denunciation wegen Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten _foro_ des _delicti commissi_ ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung, daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.
Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das _arctius_ citirt, welches, wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des academischen Senats bestand.
Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D--s an den Herrn Advocaten D--r habe.
Ich referirte dem _arctius_ die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser, und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien. Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen wollten, mußte ich abtreten.
Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. -- Denn wenn ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten, als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase Champagner wieder zu erzählen.
»Der _arctius_ kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten, wenn die Forderung des Advocaten D--s vom Advocaten D--r angenommen worden wäre.«
Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. -- Ich dankte für gnädige Nichtstrafe sehr lebhaft.
»Schon gut!« bedeutete man mir.
Allein ich war im Fluß der Rede und kam _parlando_ nimmer mehr hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe, als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe. Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. -- Da klingelte zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.
Glücklicherweise fiel mir der Satz ein: »_Incidit in Scyllam qui vult vitare Charybden_.« Ich schwieg und zog von dannen.
Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte Kanonisirung ihres _arctius_.
Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.
Vierzehntes und letztes Kapitel.
Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. _Dr._ O., der Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. --
Der Professor +Burchardi+ wollte damals promoviren und veranlaßte mich, ihm zu opponiren.
Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde, abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg niedergesunken sei.
Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.
Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und Erbarmen erwachen wollte. -- Allein ich irrte mich! -- Wir haben für unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch, Ihr Freunde des Vaters! --
Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück, ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte _Vulgata_ restituiren wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir selbst kann ich das leider nicht. --
In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden, sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.
Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.
Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«
Welche Eventualmaxime!
Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und _in specie_ der Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. -- Ich hatte dabei zur Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten. Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er, was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.
Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:
Ewig bleib ich der (die) Deine, Ewig bleibst Du die (der) Meine, Was auch der Alte spricht
mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte, auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.
Einer der witzigsten Studenten war der joviale _Dr. med._ O.... in Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr _brevi manu_ entschied: »_Fiat justitia_«, und an die Thür dessen Nachbars eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager nicht glücklich war: »_Pereat mundus._« Diese für keinen Arzt schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender, als derselbe den Spottnamen +Würgengel+ führte, den er daher hatte, daß er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er dies mit den Worten gethan:
»Auch der Würgengel trat in mein Haus«,
was die böse Welt anstatt auf den »+Todesengel+« auf den »+Hausarzt+« bezogen hatte. --