Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819

Part 8

Chapter 83,590 wordsPublic domain

»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.« (»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg, da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den Teufel kriegt.)« --

Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.

Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres. Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen, und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und _Saint Peray_. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.

Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx: »_Smollis_ (Brüderschaft) müssen wir trinken!«

Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren, sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte, sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.

Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen, ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten. Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der, wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen, von Ihrer Familie?« -- »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen, wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen wollte. -- Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr, Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,« worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.

Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit zu verwandeln, welche man »+Humor+« nennt, und nur eine mühsame Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden, daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben, Glauben beimessen wird.

Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.

Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen. -- Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt, brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt. -- Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück: wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. -- Anders ist es bei uns in Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.

Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück, äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen. Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft. Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. --

Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen Windes nur +ein+ Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug, raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der selige Herr!«

Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung den zu sehen, von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so schön singt:

»Gebhard heißt der Wahlstatt Meister, Denn er hat es hart gegeben. Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er, Denn er führt das rechte Leben.«

bewegte mein Herzblut.

Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen. Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein sollte, während ein anderer Vierspänner über den +Berg+ nach der Börse hineilte. -- Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewiesen zu haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in der Ordnung sei. -- Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein, obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur Erde.

Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.

Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei; wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der, kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren sei.

Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »_God save the king_« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.

Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte, aber auch einige der Komik hervorrief.

Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden. Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem Menschen getäuscht sieht. »_Distinguendum._« Einige Menschen sind unsterblich und einige sind es nicht.

Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt sehr materiell gewordenen Gelehrten.

Dreizehntes Kapitel.

Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen. Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D--s und D--r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und Wegelagerung. Citation vor das Arctius.

Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen, welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte, worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen Vacanz Hunderte, -- ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals« erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir, ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht einmal eine _sella curulis_, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen, so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten -- --

Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging; dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788 hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein ich müßte doch ein +niederträchtiger Kerl+ sein wenn ich mich in meinen Jahren noch bessern wollte.

Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,« welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen Skizzen einzuschalten.

»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665 vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein, Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird. Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel »Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt, das trauliche »Du«, das _Smollis_ aufgehoben, und Alles bewegt sich in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter, wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) -- Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf eben so viele hundert Thaler an.

»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte, antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«

Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein, wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden, warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? -- Wahrlich ich sage Euch, Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.

Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen +Pfaff+, dem vielgeliebten +Dahlmann+, dem Menschen rettenden +Ritter+, vor allen Dingen der Statsrath +Cramer+ zu merken, der sowohl als Jurist wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte, und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr, ich glaubte, es sei +meine+ Nase.« Mit dem Professor der deutschen Sprache, Adolph +Nasser+, einem süßflötenden und lispelnden Männchen aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild, welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, -- hatte Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren. Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen, Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.