Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819

Part 7

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Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte, ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum +bloß+ gab, daß er nie seine Garderobe, d. h den Titel als _maître de la garderobe_ ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem republikanischen Hamburg, wo übrigens die _haute volée_ oft auch sehr an die _noble aristrocraci_ von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt. Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte. Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister bestohlen war -- geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.«

Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben, den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale Devrient nur als »+Franz Moor+« erreicht haben soll. Nie vergesse ich Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »+Lenore+« im schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten -- Schröder war aber auch in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere jungen Histrionen höchstens eine _Radawazka_ einstudiren.

Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren Rollen, wie im »+zerbrochnen Krug+« eignete, oft aber auch sehr störend einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein »+leichtsinniger Lügner+,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z. B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.

»Die Elemente rasten nie, Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen, Sagt mir Ihr Philosophen, wie Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«

Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor, auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine niedliche Oper »+das Dorf im Gebirge+« war immer zum brechen voll, wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab, wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste Jugendliebe nie alt wird.

Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher. Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt haben soll.

Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine Unsterblichkeit? -- Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern eingenommen werden könne? --

Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.

Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war, nicht getröstet habe.

»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.« »Ich muß +Ranz+ trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« -- »Aber, lieber Mann! es regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau vor.

»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen, »ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei anwenden.« -- --

Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens Pfarrei. --

Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. -- »Ranz, ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende Freund an, »weine Ranz.« -- --

Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. --

Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. -- Ranz ward endlich thränenlos.

»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa, »jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«

Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre zeigen. --

+Herzfeld+ war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch +Kühne+, jetzt »Lenz« genannt, und der alte +Schwarz+. Das war ein _ensemble_, wie ich es niemals wiedergesehen. +Lebrun+ trat zu meiner Zeit zum ersten Male, ich glaube als »+Perin+« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht. Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.

Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle +Wrede+, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler, die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«

Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! --

Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld« und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen; denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector »Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen mit passenden Stücken aufwarten würde.

Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. --

Da _acta Hamburgensia_ ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist, weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln können mag, als mancher Geistlicher -- vom Schinderknecht. Und der jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte, schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die, nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen Sätzen immer also: -- Swig man still Magret, -- dat is so slimm nig -- dat kann den +Besten paßeeren+, und zeigte auch noch nach ihrem Tode dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf, während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte, ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand hinfiel. -- Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. --

Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:

»Schon zückt nach jedem Nacken Die Schärfe die nach meinem zückt«

verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse, so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre Waffe unwillkührlich fallen, ließen.

Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform, während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und dann wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.

Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden, wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der Strafe überbringt.

Zwölftes Kapitel.

Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie. Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy. Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.

Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde, Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte. Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Gesetzes fußend hatte auch einer von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht -- Entweder dod schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.

Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt, dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der französischen Armee angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten er mitgemacht, »+keine+« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl erwiedert haben: _Point de bataille, point de colonel_.

Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?« worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator Meier.«

Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z. B. in Bremen, die Conscription.

Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück lateinisch nie _tychopolitanus_, sondern bescheiden, fast so zu sagen deutsch weg, _glockstadienis_ schreib, war ich durch meine Geburt doch ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser Lehrer in Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. --

Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000 Hamburger[8], welche der französische Marschall Davoust, weil sie sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen »Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden, der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand, als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in Altona angekommen war. Damals las man:

»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.

Altona, den. ..

L. S. Meier, (_id est_ Schukelmeier.)«

Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat, welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete, mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen brachten.

Ein geistreicher Hamburger war +Pedro Gabe+ der Sohn des dortigen Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er. Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so mache ich das ganze menschliche Leben durch.«

»Ich gehe in die +ABC-Straße+; das ABC ist dasjenige, was die Menschen zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den +Gänsemarkt+, welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum +Jungfernstieg+.«

»O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen, Der ersten Liebe goldne Zeit!«

»Ich gerathe nun auf die +Kunst+, die mich an das Streben geistreicher Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das +Zuchthaus+, der Weg der Gottlosen; gerade aus der +St. Petrikirchhof+, der frühe Tod; rechts das +Johanniskloster+, für das beschauliche, ascethische Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den +Berg+, denke in der +Reichenstraße+ an den Gewinn und verfolge so meinen Weg zur +Börse+.«

Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister, auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete Sieger entflohen.

Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren, welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen erfahren konnte.

Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten, sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben. Wer kennt nicht den Namen +Salomon Heine+ als den des Rothschild von Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz mit dem _Dr._ Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie einst im _coin du roi_ im Theater _francais_ die pariser Schöngeister rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an Güte nicht gleich kam.

Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege, wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit Resignation ausrufen: