Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819

Part 6

Chapter 63,434 wordsPublic domain

Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als bis zur _classis latina et graeca secunda_, und das Letztere nur deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage: »Was das _verbum_ für eine Zeit sei?« mit großem Glücke _aoristus primus_ geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie, mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der _Clavis ciceronia_, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er _litem_, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. -- »Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«

Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die Erklärung über den _infinitivus historicus_. Nachdem er gezeigt hatte, daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich der Invinitiv des Affects sei, wie »_me hoc pati, me hoc ferre_?« den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den _infinitivus historicus_ durch das ausgelassene Wort »_coepit_« zu erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte der _infinitivus historicus_ abhänge? Der prüfende Lehrer, der den Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der _infinitivus historicus_ hängt von _coepit_ ab.« -- Schweigend ließ der Lehrer die jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort »_coepisse_« als _infinitivus historicus_ kam. »Von welchem Worte hängt der _infinitivus historicus_ ab?« fragte nun der gekränkte Collaborator. »Von dem Worte _coepit_,« rief die Jugend. »Recht,« entgegnete der Lehrer -- _coepit_, _coepisse_ --

Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn Jemand habe beschenken hören: -- »Wenn Sie so fortfahren, fleißig vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein Fünkchen lernen.«

In _politicis_ war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen Hamburgern, die in ihrem _vitae curriculo_ beim Eintritt in _prima_ der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes Staats erwähnten, mit der Bemerkung: _hoc falsum est, ut ex scriptis Hafneri_ (des dänischen Obristen) _apparet_. -- Am empfindlichsten war Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten erzählte.

In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist. Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus, daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können, gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«

Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor +Hipp+, der eigentliche Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus, von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet; Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch, dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe. Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.

Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch, welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte. Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.

Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken, daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.

+Der Strauch und die Eiche.+

In eines Strauches Schatten war gepflanzt Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne; Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’, Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern. Allein die Eiche hob sich himmelwärts Und sah beschämend auf den Strauch hinab.

* * * * *

So sucht auch oft des Schülers freien Sinn Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.

Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem Professor Zimmermann gleichsam eine _reparation d’honneur_ wegen meiner Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden.

(Der Magister tritt auf.)

Heisa, Juchheisa, Dideldumdei! Das geht ja hoch her. Bin auch dabei! Ist das eine Klasse von Studiosen? Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen? Werft Ihr so mit frechem Blick, Als hätte der allmächtige Fick[5] Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren? Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren, Sich für’s Schwänzen zu expostuliren? _Quid hic statis otiosi_? Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß? Der Teufel ist jetzt in den Klassen los: Die Primaner haben sich schlecht betragen, Einer ist an die Ohren geschlagen, Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen, Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen, Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke, Als in den Unterricht des Herrn Enke; Sorgt lieber für Euren dummen Bauch, Als für den gelehrten Doctor Strauch: Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz, Als französische Dictate des feinen Lemenz; Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn, Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin. Die Lehrer studiren Tag und Nacht, Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht. Es ist eine Zeit der Thränen und Noth; Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder, Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth, Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!! Der Custos steckt seine dicke Ruthe Vor seiner Bude Fenster aus, Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus, Doch Ihr beharrt im Uebermuthe. Um unser berühmtes Gymnasium Leider Gottes -- giebt man nichts um. Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen, Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen: Anstatt in Folianten aus Bibliotheken Les’t Ihr in alten Romanencharteken, Und das beschimpfende Carzer allhie Ist worden Euer täglich’ Logis. -- Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden! Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden, Von dem Greuel und Heidenleben, Dem sich _primi_ und Schüler ergeben. Das Billard bei Benne ist der Magnetstein, Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein; Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel, Wie auf den Branntwein das Trunkensein; Das zu lieben, erregt das _jus_, Das ist die Ordnung im Livius[6]. »_Sed ubi erit spes literarum_, _Me si vexatis_?« Wie soll man siegen, Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum? Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen. Eine Frau hier in der Nachbarschaft Fand ihren bösen Ehemann wieder, Der Bäcker fand seine Gesellen wieder[7], Napoleon seine vertriebenen Brüder: Aber wer bei Schülern sucht Fleiß, Gehorsam und gute Zucht, Der wird nie seine Hoffnung erjagen, Thut er auch alle Rücken zerschlagen. Zu dem König der Franzosen, Wie wir lesen im Correspondenten, Kamen sogar Soldaten gelaufen, Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen, Fragten ihn: »_Sire! que faire?_« Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’? _Et il repond_, und er sagt: _Dites: »Vive le roi!_« Wenn Ihr keine Nelken tragt, _L’etat c’est moi_, Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt, _Suivez le roi_, Euch begnügt _Avec les fleurs de lis_, mit meinen Orden, -- Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. -- Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen Deiner Lehrer nicht übel auskramen; Aber wo hört man mehr blasphemiren, Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren? Wenn der Senat für jeden boshaften Witz, Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz, Müßtet geben ein Zweimarkstück her, Es wäre die hamburger Bank bald leer; Und wenn für jede Travestie, Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie, Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein, Das Getränke würde bald schier Wasser sein. Der alte Gurlitt war auch Primaner, Der gelehrte Hipp lange Tertianer, Aber wo steht denn geschrieben zu lesen, Daß die Beiden jemals witzig gewesen? Muß man den Mund doch, ich sollte Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!« Zum Exponiren und Butterbrod; Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt, Der als Humor aus Eurem Munde quillt. Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren! Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort: Ihr studirt auf Ränke immerfort. Vor Euren Griffen und Satanspfiffen, Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen Ist man nicht sicher, in seinem Haus, Ihr hebt mir Nachts die Laden aus Und tragt mir Hunde und Katzen heraus. Was sagt Doctor Gurlitt? »_Assidui estote_, Spart die _clavis Ernesti_ vom Morgenbrode!« Aber wie soll man die Schüler loben, Wenn ihnen immer verziehen wird von oben, Weil der Professor Zimmermann Die Menschen ohne Strafe regieren kann!

Der Professor +Köstlin+ war ein interessanter und vielseitig gebildeter Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. -- Von den übrigen Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen läßt:

»Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein, Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«

Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen« vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns, oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe. Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen +Pelt+ und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge, hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres Wissen, die erste Rolle spielte.

Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. -- Das Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu nennen. -- Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies bekannte Holsteinsche _cerveau brulè_, voll herrlicher Anlagen, ist von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den Todesengel befreit.

Elftes Kapitel.

v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.

Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der noch in Hamburg lebende Russische Minister +von Struve+, ein als Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in Wien, überflügelt zu haben scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird, von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. -- Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme, vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. --

Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche Junggesellensteuer in Hamburg, die +Trinkgelder+, abgeschafft, mit denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß, und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später, jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde. Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines »+Hermann und Dorothee+,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« -- Als Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte, und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige Wort »Champagner« aus.

Der Sohn des Consuls Mellis’h, +Charles+, war mit mir bei Zimmermann in Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer. Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen, wenn er nicht unter die _torys_ gegangen wäre, zu denen sein Vater, ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war.

Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der seine zehn Stunden _uno tenore_ wegschnarchte und sich weder durch meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte, abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen Geschöpfen begnadigt hat.

Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm, waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten, kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »_God save the king_«, bald »_Rule Britannia_« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.«

Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren, chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch meine Lebendigkeit bei den Worten: »_rule the waves_« einen sanfteren Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: _For Britons never shall be slaves_.

Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge stören lasse und wollte ihm ein _privilegium de non cantando_ nicht zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus, schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. --

Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »+Misthaufen+« nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut. Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner, zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns zu verweilen. »_Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo gefattigeerd?_« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: _Myn Her ik ben gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet_. (Mein Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.)

Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und Mellis’hens rechte Hand, hieß +Wesselhoeft+ und bekleidet noch jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers vereinigte.