Part 5
Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen, ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt, so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815 oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet, daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied, während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause saß. -- Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete. In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der +Becker+ und der +Gley+ nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters dieses _epitheton_, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel »Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.
Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.
_Actus III. Scena I._
_Thraso. Gnatho. Parmeno._
_T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?_
_G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem._
_Dono, quam abs te datum esse: id vero serio Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet. Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia._
_G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas._
_Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item._
_G. Labore alieno magnam partam gloriam Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem, Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis?_
_T. scilicet._
_G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum. Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas, Hominum, aut negoti si quando odium ceperat, Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio: Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo._
_T. tenes._
_Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui, Regem elegantem narras. T. immo sic homo Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror, Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi, Mordere clanculum: ego non flocci pendere. Illi invidere misere, verum unus tamen, Impense, elephantis quem Indicis praeceferat._
_Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato, Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?_
_G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae! lugularas hominem quid ille? T. mutus illico._
_G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho, Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio, Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro. Plus millies audivi. T. una in convivio Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus Fort habui scortum: coepit ad id aludere Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens? Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae._
_T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra_
_Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi._
_T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est._
_G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero._
_P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus._
_Risu omnes, qui aderant emoriri: denique Metuebant omnes jam me. G. non injuria._
Aus dem Eunuchen des Terenz.[3]
+Dritter Act. Erste Scene.+
Thraso, Gnatho, Parmeno.
(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)
Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?
Gnatho. Unmenschlich.
Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?
Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.
Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine Leutchen herzuführen. Aber -- was sehe ich, den Offizier!
Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne, schlägt mir ein.
Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.
Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer _au contraire_.
Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe. (Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.
Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. --
Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie gerichtet?
Thraso. Das kannst Du glauben.
Gnatho. Sie waren sein Favorit?
Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine Pläne --
Gnatho. Sapperment!
Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen -- -- Verstanden?
Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele speien wollte --
Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner gewesen sein.
Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.
Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.
Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als der nun anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie mir, Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden Bestien commandiren?«
Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt: mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?
Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.
Gnatho. Natürlich.
Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher, niederträchtiger Erzschurke!
Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?
Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als tausend Male gehört.
Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«
Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!
Thraso. Was kommt Euch an?
Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.
Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?
Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum Todtlachen.
Thraso. Der ist von meiner Fabrik.
Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.
Parmeno. Hol’ Dich der Henker!
Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?
Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.
Gnatho. Und das von Rechtswegen.
Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den Schillerschen setze.
In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache weg.«
Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«
Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.
So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.
Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote. Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version aufgenommen werden muß.
Das Lied vom Prügel.
_Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango._
Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.
War ein Prügel je auf Erden, Der dem jüngst zerbrochnen glich? Dennoch muß ein neuer werden; Denn mein alter hielt nicht Stich! Hilf mir, Anne, frisch! Bring den runden Tisch, Hol’ mir Beil und Hammer Aus der kleinen Kammer! Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten, Geziemt sich wol ein ernstes Wort; Wenn gute Reden sie begleiten, Dann fließt die Arbeit munter fort. So laßt uns denn mit Fleiß betrachten, Was durch des Prügels Kraft zerspringt; Den schlechten Mann muß man verachten, Der nie bedacht, was er vollbringt. Das ist’s ja, was den Custos zieret, Und dazu ward ihm der Verstand, Daß er der Schüler Schmerzen spüret, Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand. Reich’ das Holz mir aus der Ecke, Doch es sei noch etwas feucht, Daß ich es gehörig recke; Dann wird mir die Biegung leicht. Koch’ des Leimes Brei -- Schnell den Topf herbei, Daß der Leim sich bald zertheile, Anne, blas in aller Eile! Was unter seines Daches Stube Der muth’ge Custos winden muß, Das fühlet der geschlag’ne Bube, Wenn er dem Lehrer macht Verdruß. Noch jucken wird’s in späten Tagen, Er wird vom herben Schmerz gequält, Betrübt wird er’s der Mutter klagen, Die grimmig auf den Lehrer schmäht; Was ihrem Sohn mit einem Stocke Das wechselnde Verhängniß bringt, Das schlägt sie an die große Glocke, Die es erbaulich weiter klingt. Blasen seh’ ich sich bewegen: Wohl, die Massen sind im Fluß. Du mußt Kohlen unterlegen, Das befördert schnell den Guß. Reich von ungefähr Mir ein Messer her, Daß den Stock ich ründe, Eh’ ich ihn umwinde. Denn, frühe in der Bürgerschule Begrüßt er das geliebte Kind Auf seines Lebens erstem Gange, Den er beim ABC beginnt; Ihm ruhen in der Zeiten Schooße Die schwarzen wie die heitern Loose. Der Custos nur allein macht Sorgen, Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen -- Die Jahre fliegen pfeilgeschwind. Von _mensa_ reißt sich stolz der Knabe, Er stürmt nach Quarta freudig hin; Geleitet nur an meinem Stabe, Wächst ihm der Unart wilder Sinn, Und herrlich, in der Jugend Prangen, Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n, Mit rothen ungeschminkten Wangen Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n. Doch tönet oft ein schweres Klagen Vom Knaben her: er irrt allein, Er muß sich mit dem Nepos plagen, Er flieht der Brüder wilde Reih’n, Es lauscht der Lehrer seinen Spuren, Er wird von seinem Fleiß beglückt, Und mit der schönsten aller Uhren Wird er vom Vater ausgeschmückt. O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen Für ihn, der keine Sorgen kennt! Er sieht für sich schon Prima offen, Er ist im Geiste schon Student, O, daß sie Gott ihm doch bewahre, Die erste Zeit der Flegeljahre! Wie sich schon die Blasen bräunen! Dieses Stäbchen tauch’ ich ein, Seh’n wir’s überglas’t erscheinen, Wird’s zum Decken zeitig sein. Anne, sei zur Hand! Leder von der Wand, Laß mich jetzt den Stock bekleben, Und mit Juchten fest umgeben. -- Denn wo der Jugendseelen Flügel Begleitet wird von einem Prügel, Da giebt es eine gute Zucht. Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet, Sobald er böse Jugend findet, Dies Mittel keiner unversucht. Freudig machen sie Spectakel, Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt. Und mein allzu ernster Bakel Sie aus ihrem Frohsinn schreckt. Mancher Kantschuh ist zerbrochen, Schaden hab’ ich auch dabei, Und auf fühllos derben Knochen Ging mein letzter noch entzwei. Der Schüler geht fort, Der Custos muß bleiben, Der wechselt den Ort, Mich wird man nicht treiben. Gar Mancher steigt auf, In Tertia zu streben Für’s künftige Leben, Muß pflanzen und schaffen, Mehr hören, als gaffen, Muß Nächte studiren, Um was zu capiren, Muß wetten und wagen, Genie zu erjagen. Da wird nach Secunda der Schüler gehoben: Man hört den Director den Fleißigen loben, Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus. Und drinnen studirt Der _primus secundae_, Die Mutter der Klasse, Und herrschet weise In der Schüler Kreise, Und wehret dem Langen Und muthigt den Bangen, Und regt ohne Ende Die Zung’ und die Hände Und mehrt den Gewinn Mit ordnendem Sinn, Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme, Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme, Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank. Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer Und ruhet nimmer. Und der Primaner mit frohem Blick Aus der Prima geöffnetem Fenster Ueberdenket sein blühend Glück, Wie die Schüler vor Arbeit vergehen Und um gnädige Strafe flehen; Sieht einen Knaben traurig gefangen, Welcher versucht die eisernen Stangen, -- Rühmt sich mit stolzem Mund: Fest, wie der Erde Grund, Gegen des Lehrers Macht Steht unserer Klasse Pracht! Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew’ger Bund zu flechten. Und das Unglück waltet schnell. Wohl, jetzt herrlich grad gerecket, Schön geründet ist der Stock; Doch, bevor ihn Leim bedecket, Mache mir ein Gläschen Grock. Etwas Aquavit Stärke mein Gemüth. Bei den so gelehrten Brocken Wird mir sonst die Zunge trocken. Wohlthätig sind der Schläge Macht, Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht, Und was er bildet, was er schafft, Das leite seiner Hände Kraft; Doch furchtbar wird der Hände Kraft, Wenn sie im Zorn sich aufgerafft. Einher tritt in der Schüler Kreis, Und selber führt den Rechtsbeweis. -- Wehe! wenn da losgelassen Treffend voller Unverstand An die Ohren der Primaner Fliegt, die zornentbrannte Hand! Denn die jungen Leute hassen Einen Schlag von Lehrers Hand. Von dem Lehrer kommt die Wahrheit, Strömt die Klarheit; Doch der Lehrer ohne Wahl Schlägt auch ’Mal. Seht Ihr’s toben dort _in prima_? Roth wie Blut Ist der Lehrer. Das ist bösen Zornes Gut! Welche Worte! Der steht auf, Jener auf. Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter! Eilend fliegt er vom Katheder, Spricht: Heraus, Du Schwerenöther! Kochend wie aus Ofensschlunde Glüh’n die Augen; aus dem Munde Stürzen Buben, Jungen fallen, Böse Worte hört man schallen, Nicht geberdt sich, Nicht mehr wehrt sich Steffen, der in’s Freie flüchtet, Nach der Thür den Lauf gerichtet, Durch der Glieder lange Kette Um die Wette. Jenen Unfug zu bezahlen, Fliegen fast magnet’sche Strahlen. Keuchend Töffel kommt geflogen, Der den Zwist zu hemmen sucht. Steffen in der engen Bucht Will den Streit noch weiter führen, Hingeworfen an die Thüre, Und mit jedem Augenblicke Wächst der Lärm. Die junge Zucht Nimmt fast schon vor Angst die Flucht. Aber sieh, zu ihrem Glücke Thür aufgeht: Rektor steht Da, und Alles fliegt zum Sitze; Auf Befehl nimmt seine Mütze Jeder Schüler sich und geht. -- Leergebrannt Ist die Stätte Wilder Stürme rauhes Bette, In der öden _prima_ Mauern Wohnt das Grauen, Und nur Secundaner trauren Schwitzend dort. Einen Blick Nach dem letzten Der Geschätzten Sendet Gurlitt noch zurück, Eilt fröhlich dann in seine Kammer. Was ihm der Trotzkopf auch geraubt, Ein süßer Trost ist ihm geblieben, -- Er hat die Klasse seiner Lieben Drei volle Tage ausgesetzt. -- Wohl, der Stock hat angenommen, Glücklich ist das Holz beklebt, Damit in den Saal zu kommen, Und der Stein im Kalk erbebt. Wenn man munter singt, Heiter scherzt und springt, Mache ich die Thüre offen Und die Horde schweigt betroffen. Des frechen Buben starken Rücken Vertrauen wir des Lehrers Saat, Und hoffen, daß sie keimen werde Zum Doctor, Pred’ger oder Rath. Doch einem undankbaren Herzen Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n, Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen, Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun. Aus dem Stadtthor, Schwer und bang Tönt der Schüler Ernster Gang. Sie begleiten, die das Feuer schürten, Einen armen Relegirten! Ach! es ist der theure Steffen, Ach! es ist der gute Schüler, Der das Scholarchat verkannte, Den der Herr Director bannte Aus der Schüler muntrer Schaar, Deren Eins und All’ er war, Denen er so sehr gefiel Durch Primaner Widerspiel. Weh! der Schule zarte Bande Sind gelös’t auf immerdar! Er studirt in fernem Lande, Der der Klasse Seele war; Denn es fehlt sein treues Pochen, Seine Sorge wacht nicht mehr, Und seit sieben vollen Wochen Ist der liebe Karzer leer.
Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:
»Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn; Jedoch das schrecklichste der Schrecken, Das ist der böse Zimmermann!«
lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt, zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und mich, da sie selbst _mala fide_ waren, nicht _bona fide_ consiliiren konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie seines Pensionärs und Secundaners gelacht.
Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie »+Gurlitt+«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte. Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten.
Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der _disciplina scholastica_ mit eiserner Ruthe handhabte, _au fond_ ein höchst humaner und gutmüthiger Mensch war. _Incuriosus_ in Bezug auf die Dinge des Lebens, verwechselte er _Fouqué_ und _Fouché_, litt nicht, daß die gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es auch nie zwei Tage hinter einander regne. -- »Wie das?« fragte Gurlitt erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt verwirrt.