Part 4
Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett. Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »_vingt-sept, rouge impair et passe_« heraus; das erste Mal aber, als ich in den Saal trat und nicht gesetzt hatte. -- Zum Zweiten, als ich den vorhergehenden _coup_ mein letztes Achtgutegroschenstück verloren hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen. Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. -- Unter den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen _guignon_ zu nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich verloren, anbringen könntet.«
Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde dem Sprichwort »+Bankier ist ein Hund+« viel Qualität verleihn. Die Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils als _chevaliers de demie fortune_ in Einspännern, oder auch wol um alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen Appetit zum Essen haben, -- und daß sie tüchtig zusammen soupiren wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,« pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen noch Geld zur Rückreise überher geben.«
Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren, und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod verzehren. Der Platz hat davon den Namen »+Schinkenhölzchen+,« und ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen, um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren. -- An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.
Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend, ich hätte ihm gerne ein »_dosine tandem carnifex!_« zugerufen, ich fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald links, der Schlaf floh mich. -- Voll Verzweiflung warf ich mich der Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.
(Alter Bursch und Fuchs treten auf.)
+Alter Bursch.+
Ich muß dich vor allen Dingen, Hier in dieses Wirthshaus bringen, Wo der Bursch fast immer kneipt; Kannst am Abend wie am Morgen, Beim Philister Porzel borgen, Wenn er auch oft doppelt schreibt. Ich bin ihm schon höllisch schuldig, Doch der Kerl der ist geduldig.
+Fuchs.+
Wenn das Tante wüßte, Fritze Mir verbot man Kaffeehäuser.
+Alter Bursch.+
O so sprich doch etwas leiser. Hört’ man deine schnöden Witze, Könnte man ja Wunder denken.
+Fuchs.+
Gott wie magst du Tante kränken.
+Alter Bursch.+
Mutter ist ein Frauenzimmer, Fürchtet sich bei Allem immer; Doch wie die Philister sagen, War Papa als Bursche schlimmer Hat sich alle Tag’ geschlagen. Ist ein Erzsuitier gewesen. Hab seinen Namen im Carcer gelesen.
+Fuchs.+
Fritz! nein ich bezweifle dies, Onkel der ist so vernünftig.
+Alter Bursch.+
Nun das werd ich auch zukünftig, Wahr ist es auf Cerevis.
+Fuchs.+
In den letzten zwei Semestern Sollt’st du wirklich fleißig sein. Das versprachst du mir noch gestern, So gewiß, und fest; allein --
+Alter Bursch.+
Ja ich will auch, laß das Lästern,
+Fuchs.+
Der verdammte Branntewein! Denke dran was du versprochen.
+Alter Bursch.+
Hab’ ich denn mein Wort gebrochen? Hab’ die ganze Nacht gewacht, Immerfort hab’ ich studirt, Nicht gegrockt und nicht gebiert.
+Fuchs.+
Nun, das hast du brav gemacht.
+Alter Bursch.+
Heute mach ich eine Pause, Aber jetzt erzähl mir ja, Was macht Mutter und Papa Und die Schwestern denn im Hause? Und wie gehts in unserm Städtchen, Insbesondere mit den Mädchen? Sprich, was macht Louise Kranz?
+Fuchs.+
Neulich sah’ ich sie beim Tanz, Schwer hob sie die Schwanenbrust, Gerne wollt ich mit ihr tanzen, Doch sie hatte keine Lust.
+Alter Bursch.+
Warum machte sie Speranzen? Wenn sie mir das abgeschlagen, Hätt’ ich wollen sie curanzen!
+Fuchs.+
Gott! wie kannst du so was sagen? Denk dir, ihre Augensterne Blickten still und schmachtend nieder, Immer sprach sie ach! von dir.
+Alter Bursch.+
Ja sie mag mich höllisch gerne. Wenn die Besen sich verkeilen Sind sie einmal nicht zu heilen.
+Fuchs.+
Könnt wie du, ich, um sie minnen, All mein Leben setzt’ ich dran, Diesen Engel zu gewinnen. --
+Alter Bursch.+
Seht mir mal den Crassen an.
+Fuchs.+
Wird Ihr Vetter lange bleiben? Fragte sie von Schmerz erweicht, Gerne wollte ich an ihn schreiben, Doch ich fürchte daß er schweigt. Sieh so sprach sie, Du Profaner!
+Alter Bursch.+
Ach der Besen ist halb toll, Zwar poussirt hab’ ich ihn mal, Aber ich war noch Primaner.
+Fuchs.+
Fritz bei dem verwandten Blute Das ja in uns beiden fließt, Und so wahr das reine Gute Ewig unvergänglich ist; Reich Louisen deine Rechte Wolle ihr dein Leben weihn, Eurem kommenden Geschlechte, Will ich Freund und Onkel sein. Nie mehr wird mein Auge trübe Denn ich denk’ an Körners »Durch« Ich veredle meine Liebe Gleich dem Ritter Toggenburg. Wenn ich dann oft einsam weine Daß Dein Mädchen mich verkannt, Daß die Holde nicht die Meine! Einst mich decket Grabes-Sand! Fritz! dann mögest Du ihr sagen, Opfer kennt die Liebe keine! --
+Alter Bursch.+
Das ist doch zum Überschlagen!
+Fuchs.+
Marmorstein! wirst du nicht roth?
+Alter Bursch.+
Die Louise Kranz in Ehren, Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod Eine Frau mir zu ernähren.
+Fuchs.+
Willst du denn des Mädchens Tod?
+Alter Bursch.+
Hör’! ich will sie dir cediren, Willst du tüchtig Wein poniren! Aber nimm es mir nicht krumm.
+Fuchs.+
Hör Elender! du bist dumm. Meines Hasses Fackel lodert. -- Solch ein schändlicher Betrug!
+Alter Bursch.+
Das Wort »dumm« das ist genug. Du touchirst, weist nicht warum. Aber Fuchs du bist gefordert.
+Fuchs.+
Wohl! ich folg’ zum Waffentanz (ab).
+Alter Bursch.+
Ich bin meiner Seel verplext, Wie kann mich der Jung’ touchiren? Die verdammte Lise Kranz Hat den Bengel wol behext? Doch der Fuchs muß revociren Millionen Donnerwetter! Hört man das im Vaterlande, Louis bleibt ja doch mein Vetter, Das wär’ eine ew’ge Schande. --
Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht lieber Bruder« an mein Ohr! --
Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde, an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.
»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien machen.«
Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. -- »Laßt den Kerl liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur verstellt zu schlummern schien. --
Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner erzählten.«
»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«
Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.
Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod, (es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose, die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir mit einigen feierlichen Worten kredenzte. --
Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun, aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier stürzten auf die Erde. -- --
Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie im Schlaf gewesen.
Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun gehabt,« bemerkte er jetzt. --
Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig schweigend. --
Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.
»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«
Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung sogleich gegenwärtig waren.
»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben habe, Ihnen weh zu thun.« --
»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.
Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von Posa sagt:
»Er dachte klein von mir und starb.«
Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich! ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen, allein die sollen +klein+ von mir denken wenn ich sterbe, dafür bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die _verité_ enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt werden.
Zehntes Kapitel.
Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp. Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.
Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie meine academischen Reminiscenzen haben.
Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen. Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809 erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau, (_vulgo_ Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke, denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat, -- meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet -- und das Motto meiner humoristischen Blätter: »_nil bonum nisi quod honestum_« -- ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector« verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise »+königlich+« bestätigen.
An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel, aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären, verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch auf die plattdeutsche Anfrage:
Hehtst Du nich +Jan+ Matzen?
die Antwort
»Ne, Klas Matzen.«
erhielt.
Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner, heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum Christum auch besser erkennen. --
Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.
Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr, heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete, als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat. Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch um den Unterleib, und stärkt Eure Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine halbe Minute in eiskaltem Wasser badet. _Probatum est_. Merke Du Dir es vor allen Dingen, jedesmaliger _pro tempore_ Pastor in Kaltenkirchen!
Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop[2] nach Hamburg. Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte, ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.
Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen, das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen 12,000, nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten _Skys_ und _Skas_ und _Witschs_ entströmten, als sie sich so in die heimathlichen Gegenden versetzt sahen.
Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch, vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen, aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!) zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. --
Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.