Part 3
»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims. Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. -- »Sei letztsch Wort ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«
»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich, da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las, daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte, ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander Städtche ein ander Mädche.«
»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett ist ungesund und harthörig geworde. -- Ich sag oft zu mir selbst wer weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf meine Satz. -- Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« --
Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine Begeisterung für den Eppelwein verdankte.
Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius erinnert und an seinen Refrain:
Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war, Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.
Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied.«
Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten, wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten Schinkens nur zwei wunderliche Dinge -- ein ganz trüber Punsch und ein Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei, daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung zu Stande gebracht habe. -- Solche weise Todtengespräche werden einst in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn den scheinbar frommen Satz geschaffen: _De mortuis et absentibus nil nisi bene_. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu geblendet, in viele kleine -- wie der gute Homer.
Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.
»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister, »der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so geschah’s. -- Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten. Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer. Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen mit den Worten ihm nachstreckte:
»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« --
»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«
Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.
Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.
Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei, war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.
Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages. Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht ganz täuschend reproducire. --
Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine Taschenkalender feil bieten zu können.
»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene ein, »dat is der Satiricker Friederich.«
»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.
Ich nickte bejahend.
»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen Lectüre gekommen bin?«
»Wie sollte ich das wissen?«
»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de Friedrichsstraße Nummer 46.«
Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.
»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier« nennen that. -- Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene können Sie mich wol ehn Bette leihen uff acht Dage, ein Freund will mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«
»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der _minor natu_.
»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder +Defrene und Compagnie+« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, des ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben thun thäten.«
»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war damals de rothe Lise?« --
»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de Geliebte von den russischen Jelehrten.«
»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage +hier+ zu besuchen, die Freundschaft thun will.«
»+Jette+, ick meehne +Lise+, sagte, das Ding soll vielleicht wol angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse Aeußerung dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener Mensch und dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«
»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben. Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«
»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder, den +Franz+,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.
»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und nich kann. Hu! des ist jräsig!« --
Genug die Geschichte war uff en Donnerstag --
»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene.
»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler.
»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?«
besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff den nächstfolgenden Sonntag bei uns?«
»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr sagen will, er trägt die Medaille.
Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,« ergänzte Defrene junior.
»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an.
»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die Thüre, und es trat ein Herr herein, der sich als der Gast vom Herrn Kammergerichtsrath persönlich ankündigte.
»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm. --
»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:
»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war, hatte mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist und ville zu ville Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen und den Fremden aufzubieten, -- doch über die Beschmutzung seiner Lieblingsbeinkleider einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen, und fing jetzt an, entsetzlich unanjenehm zu werden. -- Als sich der Sturm aber etwas verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn ejentlich heißen thäte. -- Lise wurde gerufen. Die sagte gleich, der Herr hätte ein Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber jenauer könnte sie den Namen jar nicht beschreiben, -- Ick hätte aber ja den Namen für die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die Westentasche gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe Weste an, die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des alles so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären mich drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für einen unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen müssen. -- Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt, als dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »+Friedrichs+, +Schriftsteller+,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, er kann mir dreist noch zehn Male begießen. +Friedrichs+ der +Satiriker+, ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch leben werdende und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es giebt. Sie können denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte Bejeisterung von unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. Dieses Lob hören und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war das Werk von Ehner Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie eingespunnt bei die satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn ehner vor den Laden kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb uff den Fleck und wenn ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber ick stimme mit meinem Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte leben werdende Dichter seiner Zeit.«
»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des Dichters?« forschte ich.
Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so schrecklich aparti.«
»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den großen Jean Paul.
Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen Genre fort. Da ich keinen Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften Fremden ein.
Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die Herkunft des Mannes umgab, dessen Dialekt indessen meinem scharfen Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.
Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren, ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. -- Wir plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; -- das Schicksal mit dem Henker. -- Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte, ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,« versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« --
Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er leider einen Collegen besuchen müsse.« -- Mir war das wunderlich daß ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. --
Als ich an die _Table d’hôte_ kam fand ich meine Reisegefährten schon in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen auf einem Zimmer logirt?«
Ich machte ein verneinendes Zeichen.
»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig beträgt, ist nichts anders als ein -- -- --«
Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein »ist ein« -- noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem
»+Scharfrichter+«
herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich ausdrückten, +mich nicht dich nichts+ seinen »+hochmüthigen Kopp+« wol herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für Menschen zum Todtlachen jewesen.
Die Frau von Z--, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.
Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber, womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel, versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.
Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser sind als ihr Ruf. -- Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der Befragte habe hingewollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« -- ausrief: »Es freut mich für den Menschen -- aber, au waih! geschrieen für meine Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«
Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin, ausrief:
»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber spreche.«
»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben zu erfreuen schien.
»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste Defrene.
»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«