Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819

Part 2

Chapter 23,695 wordsPublic domain

Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart nicht wieder unternommen.

Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer Stunde bekommen. --

»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und der Proceß haben ihn entnüchtert.«

»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«

»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen Beklagten an. -- »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«

Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht hersetzen.

Aber ich thue es doch -- Nein, ich thue es nicht. -- Er sagte -- er sagte, -- es ist demüthigend -- »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« --

Das war zu viel. -- Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.

Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige, wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde lagen.

Unsern _ci devant_ Kutscher hörte ich höhnisch lachen.

Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte aber erst in derselben Stunde zu +Darmstadt+ an, als die von mir ersehnte Post von +Frankfurt+ nach +Cassel+ abging. --

In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen werden.

Mir schrieb ein Freund:

»In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. -- Aber ach ich sehe Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie voriges Jahr mit Dir.«

Ich rescribirte meinen Cerevisianern:

»Habt Ihr immer trüben Sinn An den Neckarthoren, Weil ich dort geschieden bin Und Euch dort verloren; Hebt doch Brust und Kopf empor, Habt Ihr’s nicht vernommen? Glaubt: durch dieses selbe Thor Werd’ ich wiederkommen.«

Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.

»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,« bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines +Mannes+ nicht fähig gehalten. -- Erlauben Sie mir eine Frage:

»Sind Sie verheirathet?«

»Nein! gnädige Frau!«

»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf diese Weise selbst verjüngen können!«

»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.

»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen, von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder antworten?«

»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete Professor an der polytechnischen Schule, +Philipp Stieffel+ in Carlsruhe.« --

»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein wackerer Vater.«

Neuntes Kapitel.

Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W -- s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen Berliner. Kassel.

Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen. Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben, die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche +Kant+ »+klein+« aber »+schön+« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu gewähren. -- Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen Glauben wie in Israel gefunden. --

Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden. Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? -- Von den letzten wie von den ersten, durch +Aufhebung+ des +Druckes+. Glaubt nur es ist kein Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.

Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur _table d’hôte_! Ich hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur, lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu fragen. Was heißt »Falkiren«?«

»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.

Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W--s« hatte mir dieser entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen. Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr erst wieder verläßt.

Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde und wie es mir schien, in B--schen Diensten stand. Dieser sprach von einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse, und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.

»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie. Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott, als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt, beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung, Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das Verhältnis zum Absoluten +in Form des Gefühls, der Vorstellung des Glaubens+, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis gegeben.« --

Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«

»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete, »allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«

»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.

Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen Greises zu hören.

Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,« von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.

Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes, überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe -- Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.

Das Desert wurde aufgetragen.

»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger Kalk versprochen.«

»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.

»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe, daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig. Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne, Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage, namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an, »weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu belegen.«

* * * * *

K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:

»Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon geschrieben,« endete er.

»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und Poet doch wohl haben, daß wenn es bei +großer+ Strafe verboten ist, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns alliirt sind.«

»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu erweisen.«

Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«, fragte er mich sogar einmal.

»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon ergriffen.«

»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. -- Denken Sie sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«

Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich, mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten »Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker, seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. -- O lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch nennt »Ideale« seien. -- Das kann man freilich von den jetzigen nicht sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, _par preference_ vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.

Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht, die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.

In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen -- willig machten sie mir Platz.

Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel heller war als das meinige.

Ich forschte nach der Ursache.

»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. --

»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art Mitleiden.

»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«

»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das ist ein großer Unterschied.«

»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied?«

»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl von allen Seiten die Antwort.

»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine Kunde Eppelwein vorsetze. -- Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied?«

»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein großer Unterschied.«

»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch ä Onkel und ä Braut --«

»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«

»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig, und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke hab’. -- Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« -- Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken rothnasigen Oheim nit wenig. -- Da begab es sich, daß wir an eine Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. -- Kenne Sie Auerbach und de Wirth Dieffenbach?«

»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast verstimmt.

»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort. -- »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de Onkel vorzutrage. -- Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. -- Leider kam er auf die Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.

»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.

»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier, wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«

»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer Babett,« forschte ich.

»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm trinke.«

»Nun und das wollten Sie nicht?«

»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. -- Das reizte aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu, ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt, der ist nit von meine Blut. -- Ich blieb die Antwort nit schuldig, der Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«

»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,« ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. -- Ihr Schluchze das ich obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp fiel.«