Part 9
Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen. -- Und hier mag es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag, viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche Einem das Leben zu retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag. --
Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen; als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte recommandiren. Bringt Wölnitzer -- Pfui doch! Schwerstädter -- nein, Lichtenhainer -- warum nicht gar! -- Oberweimarisches Bier wird ihm munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von allen Bieren auf den Tisch zu stellen.
Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut, und marschirten an meine Mundküste, um sich von mir +köhren+ zu lassen. Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der verschiedenen Sorten mit meinen Lippen, etwa wie die mütterlichen Augen auf den Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen.
Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte. Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo derzeit immer Wein getrunken wurde.
Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden travestirten Blicken von Stolbergs altem Ritter. »Wer war das?« fragte ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,« belehrte mich mein Nachbar.
»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle) und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.«
Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der, wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht, ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf dem Jenaer Markte auszulöschen.
Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder einige Bundestagsgesandte ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren verklärt.
Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten, damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen, worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten.
»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,« bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend, »da Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.«
Und der wäre?
»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans gestohlen hat.«
O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen. Allein die _levis notae macula_, welche A. der Heidelberger Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne. Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.« --
»Du bist +gefordert+,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz meiner nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick laut lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu erbittern schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein im Westphälischen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für die Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch +Obstagium+ genannt. Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten, wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für sie in eine Herberge einreiten, wo immer das +Einlager+ (das auch deshalb das +Einreiten+ heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein.
Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen.
Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so mehr jubelten aber ihre Feinde im Stillen, begeistert durch die Ermunterungen ihres despotischen Generals.
Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe, plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals.
»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.)
Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier zur Versöhnung.
Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert, als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen bedienten, und die lernenden und lehrenden Mitglieder der Academie mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren« anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen Herren gemodelt haben. -- Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle +Deutsche+ und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.«
Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und des Abendessens einen besondern Anblick. -- Wenn man in die Thüre des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten werden kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war, welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer vereinigte. --
Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen, denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher. _Condordia res parvae erescunt -- Gloria virtutis comes. -- Vivat circulus fratrum Rhenanorum_, Elise ist ein Engel, gekreuzte Schläger, Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785, 1800,« und manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren es die den archäologischen Hunger viel mehr als den physischen befriedigten. Der räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem Rathskeller ohne Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug, welches man in Rüben verhüllt ihm auftischte, +Rindfleisch+ sein sollte.
Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach Ziegenhain. -- Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand sich ein Freund in der Noth. --- Sobald aber alle gehörig mit einem Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig »+Thus der achte+« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog der Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken.
Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten, es wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung zu nehmen. --
Mir fiel oft das Sprichwort dort ein -- »Ein Engel löffelt mit dem Andern.«
Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da, wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion, und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind dies +Loresen+ und +Sand+. Der Dänische Canzleirath Loresen war damals von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner imponirte er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch seinen Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er war und es ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen Schritte, von denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm nur auf fremde Einflüsterungen gethan sind. -- Überhaupt ist es nicht zu leugnen, daß die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im bösen Sinne über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer machte. Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz:
»Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.«
Ein ähnlicher Character war der +Sands+. Die Ermordung Kotzebues war lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale Schwachköpfigkeit des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles und Großes in ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu lesen, die er mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast französischer Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte:
Lieber Freund, wer Dir vertraut, Der hat auf keinen +Sand+ gebaut.
Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln sah, antwortete darauf diese ernste Worte:
»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses wollen wir wohl bedenken, -- aber wollen wir dann noch Wohlgefallen haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen, berufen ist?«
Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben. --
Jena, am Burschentage vom 29. März bis 14. April 1818. Dein deutscher Bruder +Carl Sand+, G. G. B. aus dem Fichtelgebirge.
Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.« --
Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s, den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens.
Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe, komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf, ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf der Schnellpost reiset und nur 30 lb. an Bagage frei hat. Und was zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein Leichenhemd. Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner Erzählung zu steigen. -- Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen. Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker, einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin +Hedemann+ einen Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder, ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche ihm ehren sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese _crassa minerva_ ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen auf, ob ich ihm nicht im Jahre 1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, +daß ich innerhalb drei Tagen ein Bein brechen würde+. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes Ausgleiten die _tibia_ zersprengt. --
Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen. Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt, denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit, daß wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner _villa_ kehre, welche vor dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den Todtenweg hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde nicht recht richtig ist, -- -- sobald mir irgend ein Geist begegnet, sei es ein edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder nur so ein Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe: »Bester! oder Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der Braunschweigischen Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die Verstorbenen müssen allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage, vielleicht aus Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher blamirt, nicht zu antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf losgeht sind sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen, in denen sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas alter Weibersommer befindet.
Doch zur Sache. -- Ich logirte in Jena bei zwei Gebrüder B. aus Mecklenburg, welche in der Apotheke am Markt wohnten. Eines Tages ging ich mit Sand und einem Andern, dessen Name mir entfallen ist, ich glaube aber es war der jetzige Professor +Leo+ in Halle über das _forum_ vor das Thor, um einen Platz zu suchen, wo wir am 3. März zur Feier der Einnahme von Paris eine Eiche pflanzen wollten, welches auch an dem fraglichen Tage mit großer Feierlichkeit vollführt worden ist. Ich beklagte mich, daß der Taback schlecht sei und daß ich um mich Sächsisch-Weimarsch-Eisenachsch auszudrücken, den +Lausewenzel+ nicht mehr +bleffen+ möge. »Ei!« bemerkten meine Begleiter, »wenn Du sechs gute Groschen für das Viertelpfund anwenden willst, so gehe nur in den Kramladen da, dicht neben der Sonne, da kannst Du Hamburger +Justus+ bekommen.« »Hängt!« (das lateinische _accipio_) entgegnete ich burschikos und ging in das mir bezeichnete Kaufhaus, worin sich der Krämer mit seinem Lehrburschen befand. Die Anderen warteten meiner draußen. --
Ich foderte den mir bezeichneten Taback. Der Kaufherr erklärte mir, daß die fragliche Sorte auf dem Boden liege, daß er sie mir holen wolle. Aber in demselben Augenblicke sah ich diesen guten Mann als +Leiche+ auf einem Paradebett. Die Vision schwand indessen sogleich und beängstigte mich eben auch nicht sehr, denn es war heller Mittag. --
Nichts desto weniger bemerkte ich dem Ladenjungen: »Geben Sie Acht Ihr Herr stirbt bald.« »Ei warum entgegnete dieser, er ist ja kerngesund.« »Er ist so corpulent,« versetzte ich, hiedurch Entscheidungsgründe für mein Gottes-Urtheil suchend.
»O das hat nichts zu bedeuten,« versetzte der Lehrling. »Ich kenne den Herrn schon seit vielen Jahren, er hat immer so ausgesehen.«
In dem Augenblicke kam der Kaufmann und überreichte mir das Paquet Taback. Ich zahlte, glotzte ihn noch einmal an und fühlte nun wohl daß ich mich total geirrt hatte. Er sah in der That kerngesund aus.