Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819

Part 8

Chapter 83,431 wordsPublic domain

Ein +Lieutenant+ L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L. hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige Rettungsmittel verordnet. -- L. hatte geschwankt, endlich aber die Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise, aber eindringlich das Wort »+Terpentin+« in die Ohren geraunt hatte. Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl hineingegossen und es mit Lappen umwunden.

»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. -- Und siehe der Bösewicht leerte mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«

Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster dienen.

Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.« -- Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben. Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.

Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.

»O daß ich tief Im Grünwald schlief Von wehenden Bäumen umschattet, Im Erdenschooß Des Jammers los, Worunter das Leben ermattet. Die Thrän’ versiegt In Ruh’ gewiegt So lieg ich auf kühlendem Bette; Im Abendschein Strahl’n Perlenreih’n, Und schmücken die ruhige Stätte. Kein Leichenstein Auf mein Gebein! Der Fremde vorüber mag wallen, Im Frühlingsblau Im Himmelsthau So will ich die Ruhstätt’ vor Allen. O daß ich tief Im Grünwald schlief Von wehenden Bäumen umschattet, Im Erdenschooß, Des Jammers los, Worunter das Leben ermattet.«

Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten Charakteren, Poesie und Prosa weckt. --

Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für meine alten Universitätsfreunde, die ewigen Burschen (_juvenes perpetui_), nicht für die Philister, die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. -- Also heraus damit:

Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu +Pferde+ comitiren. Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee, die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack, einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener, deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.

Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles +Kriegsrecht+ sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß des Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der Herr General lasse uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.

Die Antwort auf dieses Manifest, welches ich im Namen unseres bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend. Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt, wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte, geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen starrten.

Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der Hannoverschen reitenden Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der Kriegskunst zu entgehen droht.

»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein hervortretender Schwäbischer Officier. -- »Um Vergebung unser Säbel schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort. »Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr Lieutnant!« --

Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute Reise. -- Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange _furore_ unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer oder gar Relegation vollbracht war. --

Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht irre mit Namen »+Eisengrein+« sollte sich gegen den ersteren einer Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft« bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist.

Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der Refrain gelautet haben soll.

1) Wer wird denn wohl der Thäter sein? _Chorus._ »Der Metzger Eisengrein.« _Calumniare audacter, semper aliquit haeret._

Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren: »Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter +Eisengrein+ verübt.«

Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan.

Siebentes Kapitel.

Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate. Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar. Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von Jena. Ankunft in Jena.

Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des +Wartburgfestes+ eingeladen. Schon damals war ich von der Heidelberger Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke aber, daß ich ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin ein gar zu junger Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige Majorität zu meinem Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr als ich, und reißte fort nach Eisenach.

Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung, war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt, die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule des Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist. -- Wahrlich! es giebt nichts Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen von den Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu fürchten. Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der +Mangel+ die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten ist, so tritt nach dem Abgange von der Universität, vielleicht die ersten vier Wochen nach der Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in welchen der Schneider einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren angefertigt und von dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch eine entsetzliche Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies vertilgt wird, -- ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst, daß man veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für seinen ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß irgend eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht, die ein Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein _collegium medicum_, an dem allerkräftigsten demagogischen _fluidum_ eines sothanen Candidaten durch ihre erste Anrede beschaffen.

Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten, edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät eine barbarische Strenge an, und schuf so -- +Zeloten+ und +Märtyrer+. Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der unglückliche Kotzebue ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte fast aller Verurtheilten. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß die Schuld nicht eigentlich an den Regierungen, sondern an dem zaghaften, eigennützigen und schwachen Benehmen der meisten academischen Senate lag. Denn wenn die Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als eine unschädliche Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller academischen Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen allerdings möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften ist, als die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen temporisirten viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom demagogischen Kitzel angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm juckte, bis er auf das Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil ließen sie aus Furcht ihre Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein, nahmen eidliche Versicherungen der Nichtexistenzen von Verbindungen entgegen, deren Mitglieder ihnen alle namentlich bekannt waren, und nur wenn ein mächtiger Erlaß von Oben kam, übernahm es einer der Professoren, und zwar dann gewöhnlich der rigoristischste, die von ihm selbst genährten und gesäugten Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit zu überliefern.

Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte. -- Daß aber, (+das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen+,) bis 1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena abgehalten wurden, evident belegen zu können.

Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen vorher bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein Gelehrter einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen, ein +Rippel+ etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches Vortrinken sich bis zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr erinnerlichen Gradationen, steigerte. +Rippel+ war aber auch ein Krug, welcher das angegebene Quantum faßte und insbesondere in der Weberei von den hübschen Töchtern credenzt wurde. Über den historischen Ursprung dieser Namen wußte Niemand, selbst nicht die weibliche Ganymede etwas anzugeben.

Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis zusammengescharrt hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen, ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den engen Chor, indem er ausrief:

»Wo sind die Heidelberger Burschen? Die Heidelberger müssen mich sehen.«

Mit einer Art Respect wichen die jungen Musensöhne dem sichtbaren _cidevant studio_. Dieser aber hatte kaum die Heidelberger gefunden, als er Stille gebot und mit Stentorstimme ausrief:

»Kinder! ich bin »+Rippel+,« ich bin ein +Avantagewort+, ich bin +Rippel+, nachdem die Heidelberger Bierkrüge +Rippel+ genannt werden.«

Die Wirkung dieses Ausrufs soll zwar höchst originell gewesen sein, doch sollen nur die humoristischen Burschen über den ewigen Cerevisianer gelacht, viele ihn arg geschmäht haben.

Gegen Ostern 1818 erließ Jena abermals eine Einladung an alle Burschenschaften und Landsmannschaften, zu einer allgemeinen Burschenschaftsversammlung. Heidelberg wählte mich zu seinem Großbotschafter und ich folgte diesem Ruf. Von Frankfurt bis Eisenach reis’te ich mit Carrové, gegen den ich in meiner Verblendung eine Menge Spottpfeile zur Vernichtung der Hegelschen Philosophie abschoß. Unsere Gespräche waren ohne Resultat. Wahrlich! mein Freund Stieffel in Carlsruhe hat Recht, wenn er sagt:

»Ein Lehrer der Philosophie kann seinen Schülern, welche so gern in der Vorstellung bleiben, die Sinnlichkeit nicht genug austreiben. Wenn man sich es am Wenigsten ersieht und meint sie in einem Luftballon der Erde entrückt zu haben, da sitzen sie im dichtesten Rohr und schneiden Pfeifen.« --

In Gotha fuhr ich mit einem Hauderer in das Thor. Ein Unterofficier trat an den Wagen, sah mich an und fragte dann nachlässig: »Doch kein Von?« Ich antwortete sehr prägnant »+Zufällig ja+,« weshalb ich nun eine Vernehmung _ad personalia_ bestehen mußte. Als ich Gotha verließ, geschah dies zu Fuß, ohne daß man einen entfernten Versuch gemacht hätte, zu erfragen, ob ich ein Edelmann sei.

Als ich in Weimar angelangt war, fühlte ich das Verlangen, +Schillers+ Grab zu sehen. Der Todtengräber verstand mich erst nicht als ich den Namen des größten Deutschen aussprach. Endlich aber faßte ihn sein Ohr doch auf, und er entgegnete: »Ach Sie meinen den Herrn »»+Hofrath+ von +Schiller+,«« Ja der liegt hier. Der Herr +Hofrath+ muß sehr viele Verbindungen in der Welt gehabt, in Geschäftssachen alle seine Kunden sehr gut bedient und sehr viel Gutes gethan haben, denn alle Reisende fragen nach dem Herrn Hofrath mehr, als nach allen Geheimeräthen.« -- Damals wunderte ich mich, nachher habe ich in vielen Orten mehrere solche Todtengräber kennen gelernt, welche ihre Schriftsteller nur nach der Classe und Ordnung kennen, in welche sie das Linne’sche System des Staats, die Rangordnung setzt. -- Aber in Weimar mag dies Ignoriren der großen Geister überhaupt zu Hause sein. --

»Das Nächste liegt uns oft zu fern.« Erzählt man sich doch von der Gemahlin des großen Göthe, daß sie bei dem Anblick eines Gedichts ausgerufen haben soll: »Ach das sind Fehrsche (Verse) der Herr Keheimerath macht auch +Fehrsche+.«

Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen, wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen auf meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich die +Pfannkuchen+ des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen ich übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in der Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre lang nachher den Artikel +_omelette_+ auf den Repertoirs der Restaurants mit der Hand bedecken mußte. -- Jetzt bin ich, wie überhaupt mit dem ganzen Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen versöhnt und rufe gar oft bei dem Anblicke leider aus: »_quel bruit pour une omelette_.«

Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt war ich wegen körperlicher Schwäche +gefahren+. Es schien mir aber des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig, zu Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung, überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und athemlos zu +Ketschau+, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar nach Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen eines weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin undeutsche Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre verdeckt und ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits verliehen hatte. --

Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn auch nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte dem +Freiknechte+ Jonas. -- Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz und Mitleid kämpften alsbald in mir. -- Auf einem solchen Karren als Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen, ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich hatte ihr einen verächtlichen _characterum indelebilem_ angehängt, das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter Witze für die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals war _Jules Janins_ »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen und die Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite habe ich immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die Ansicht gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias« gebe, der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung nicht den +Ganzmeister+ im Samariterwesen als +Halbmeister+ demüthigen, und ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort verlassen. Habe ich es doch nie über das Herz bringen können, undankbar zu sein!

»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,« raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff und ausführte.

»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die Ehre, welche eigentlich nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel keine Realität hat.«

»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister, »Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?«

»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen. Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich, daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der Meinung Anderer bestehen.«

Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.«

»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß ihnen irgend ein Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit, welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention abstehen, denn dann könne ja jeder +Esel+ und +Dummkopf+ Halbmeister werden.««