Part 7
Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn, besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst auch Du mir ein, süße +Selmy+! Du schönes Mädchen aus N., Du meine erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen Ohren flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst. Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach, einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. -- --
Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte: »Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist sie zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.« --
Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.
»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd, die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die, selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen. »Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte sich bejahend, mich fremd, fast mit Opheliablicken betrachtend. »Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« -- »Sie haben vielleicht dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich entsinne mich Ihrer nicht mehr.« -- »Besinnen Sie sich einmal, ich bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. -- »Heißen Sie von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« -- »Ja!« versetzte die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb, wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie erkennen.« -- »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« -- »Nein,« entgegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß; ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten:
»Klopf ich an deine Pforte an, Einst im Verlauf des Lebens, So sei es nicht vergebens.«
Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen. Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie, seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte: »Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. -- --
Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818 erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein. Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche unter dem lauten Zuruf »+Herbschthau+« gepritscht, und mußte sich durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. -- Bald wurde der Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer, größtentheils Bewohner des Städtchens +Eberbach+, welche auf dem trägen Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten, da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen: »+Eberbächer Kukuksfresser+,« »+Eberbächer Säckbrenner+!« u. dgl. beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken, daß +Eberbach+ ungefähr den Rang von +Schöppenstedt+, +Schilda+, +Krähwinkel+ und +Buxtehude+ hat und daß von seinem Magistrate erzählt wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe. Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens bedient und so alle Säcke durchbrannt haben.
Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen heutigen Tages eine _colonne mobile_, erstürmten die Weinberge, wo sie sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und Weintrauben holten.
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Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre, wird er trinkbar und unter den Namen »+ä Schoppe neie+« gefordert. Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps. -- Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa das Bedenken gemacht wurde: -- »Eine Herbscht hält der Josep de neie wol aus, aber länger nit.«
Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar! alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten sich todt getrunken.
+Adam Müller+, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der _table d’hôte_ im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es ihm eingebe. -- Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. -- Der Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner Gemeinde erklärte.
Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung witzig: »_maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze jours_«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen. Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia, der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.
Sechstes Kapitel.
Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim. Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier. Metzger Eisengrein.
»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen +Odenwald+ gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon, der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich, wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt, meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.
Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit. Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. --
Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen weiß ich wenig zu sagen, nur daß der +König+ der +Schuldenmacher+ bei ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend. Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen, der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das Sprichwort:
»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« -- so wahr als hier. Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an den Hals gelegt, -- so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:
In meine Seiten greif ich ein, Sie müssen alle hinter drein.
Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.
Der Graf von +Erbach+ war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche doch wol der Kirchhof _pére la Chaise_ bei Paris, wo bekanntlich die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und Accessionen requiriren könnte. --
In +Eilbach+, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein Lustschloß, welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. Ein einziger Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen Kopfputzes. Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte der jetzt entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- oder gar ein hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies Monstrum (nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih der Actäoe) von einem +Bäcker+ u. Weinwirth in +Nürnberg+ erstanden, welcher aber bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. Denn seine Kunden hatten den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr übel genommen und ihm ihre Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben von seinem Weinschank bitter intimirt. --
Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.
Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.
Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn es darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf sich gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewissermaßen tief in seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er +schenkte+ dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih _accessit_, das zweite, sein _ci devant_ Bestes, dem nur zwei Zacken gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.
Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch den Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des Roulets oder des _trente et quarante_, welches mit seinem trügerischen Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten, welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach Rastadt hingingen, -- und von den ankommenden Landleuten, die mit Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, -- um dieselben noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. -- Ein ähnliches Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach, einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. -- Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer Italienischen Reise die Wegelagerer thun. --
Ich wiederhole hier mein Catonisches »_caeterum censeo_« das wie ein rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der Hölle ausgerottet werden? -- Man rechnet Louis Philipp manches, was sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im Pantheon.
Der +Wolfsbrunnen+, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin, tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach +Neckargemünd+, +Neckarsteinnach+ und seinen vier Schwesterburgen, wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick, besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.
Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch das Birkenauer Thal bei +Weinheim+ so wie die ganze Gegend um dieses Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, -- da bekam ich die Idee, daß hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen.
Drei Male in der Woche war in +Manheim+ Schauspiel, wohin man gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr. Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann. -- Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines alten Ehepaars Namens »+Sauerwein+«, die keine andere Kinder als ihren Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. -- Das gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig, noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen, den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend, allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S., dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte, und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«
Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren versuchter Vergiftung. -- Die meisten lagen in Manheim wo sie einen Clubb hatten, in dem Einem Alles +spanisch+ vorkam, da dort wo möglich, +spanisch+ gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (_Acti labores jacundae_.)