Part 6
Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des als Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten +Schlosser+. Dieser, der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden sich in einem wirbelnden Gewirre, welches sinnbetäubend war. Bei der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes, welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält, ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht hinaus, und mit weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben, und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen, die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben sie von Hegel nichts verstanden, als seine großen Ausfällen zu §. 320 der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte, daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann begann seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen Theile er griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister ist +Gmelin+, der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die dicken Bände seiner Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging und dabei beständig experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns nur auch eine solche Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner, also zu breit gab, Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane, Geognosie ist unterstützt durch seine autoptische Virtuosität im Erkennen der Mineralogie, durch eine köstliche, vollständige auch krystallographische Sammlung durch Modelle und Abbildungen. -- +Schelver+, der Magnetiseur, war mehr im magnetischen Rapport mit der Geschichte (so nannte er die Entwicklung) der Pflanzen, als stark in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von denen ihn hin und wieder die aus seinem eignen botanischen Garten in Verlegenheit setzten.
Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund.
Der Pedell +Krings+ war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines gutmüthigen Collegen +Ritter+, der fortwährend an den Don Juanschen Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht hohen Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte die Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ.
»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen, »vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v. F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch eine gute Anstellung in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R. wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen, was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde offenbart. -- Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe. --
Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft sehr komisch, wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen sah. --
Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell zu +arretiren+ oder besser gesagt, zum +Prorector+ zu +entbieten+. Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir gleich, sagte der große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. Es liegt in der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft der Herren Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. --
Fünftes Kapitel.
Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter. Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer, Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.
Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und ausgerufen: »Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten, welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die vollkommene Wahrheit der Anfuhr. -- Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf, den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen. Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten, er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J. der Vorläufer des Hugoschen _Johann von Island_, jener Ausgeburt der Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.
Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nachdem er von Mord, Blut und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer, das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.
Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur fremd sind. -- Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. -- Nun ist Alles klar.
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818 zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen. Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm, ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich versucht hatten. Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing, hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn zum Schutz herbeiholen zu lassen.
Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte, schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme begleitete. Nie vergesse ich den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte:
»Und als er ein Stück gereiset war, Sieht er sechs Gräber graben. Wiederum dum da, wiederum dum da, Sieht er sechs Gräber graben, Ach liebste liebste Gräber mein Was grabt Ihr da für’n Grabe, Wiederum u. s. w. Was grabt Ihr da für’n Grabe. Das graben wir für Seine Braut, Die ist diese Nacht gestorben. Wiederum u. s. w. Die ist diese Nacht gestorben.«
Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle. Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte sich der fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.
Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen. Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt, dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht glaube. -- Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.
Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück hatte sie damals noch mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit. Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden, die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt, ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor sich Hinstarrende, belebte. -- Und doch passirte bei meinem Anblick das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich schwer, doch deutlich aussprach, -- dann aber mit grinsenden Lächeln wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren der Todesengel erlöst hat. --Der alte Papa Ditteney ist ihr schon mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort Zutraue zu meine Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern, als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre gebettelt.«
Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier des Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es wurde wie man zu sagen pflegte, +contrahirt+. Der Bruch zwischen den Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten _Clarina_: »Kattel, kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei was frage ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, entgegnete die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter gingen jede nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die blonde dicke Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte Realität mit Begriff. Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach Neuenheim, nur nicht dorthin, wo nicht getanzt wurde. -- »Ich tanze mit alle Herre Juriste mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler Ausspruch.
Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter, ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, -- aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn zerschellt hat. --
Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren, außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.-- (v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen gestellt wurde, +ohne Hunde+, ohne +brennende Pfeife+ und wenn derselbe kein _alibo_ behaupte, auch im +Frack+ zu erscheinen.
Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. -- Jetzt fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern, was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des Handwerksstandes zu tanzen. -- Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen giebt, welche aus der Sphäre ihrer individuellen Aristokratie sich erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei vor Liebe nicht hassen und verachten können. -- Ist es mir doch später einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist. Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu bedienen hatte.«
Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen[5], welche übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten: »Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«
Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher damals die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos _vis a vis_ residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.
Das rosige kindliche +Fränzchen+, die Jugendliebe meines theuersten Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und empfangen. Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. Die treue Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen gegenseitigen Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen Sohn geboren, der mein lieber Pathe geworden ist.
Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist, die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern der blühenden Kinder zu reproduciren.
Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die vielleicht meinen Lesern bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen vorzustellen.