Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819

Part 4

Chapter 43,420 wordsPublic domain

Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.

Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie hafteten Alle _in solidum_ unter sich, war Einer schwer erkrankt, so schienen sie alle +plurig+, war Einer beleidigt, so schien die deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte, schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt. Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei gesprochen wurde. --

Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das Begeisternde angriff. -- Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig antwortete: Ich will in den Himmel steigen.

Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G., der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich G. ihm als meinem Übernachbar, -- bei meinem Lever sofort seinen Namen zu rufen. -- Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der Mittelbadgasse.

Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern (Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten, indessen kein Arg weiter daraus gehabt. -- Nun begab es sich, daß nicht gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen zurief und dann mich auf mein Lager warf.

Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben auf seinen Arm gestützt, schlafend. -- »Ei was Herr Schwarz!« hub ich an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf dieser Seit’ ist hundsmüd!«

»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«

»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G. gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«

»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn oder gar Euer Wecker sein soll.«

Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den Burschen.

Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen und tranken im +Kaffeehause+ ihr Bier. -- Mir fällt dabei ein, daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »_lusus_« _a non lucendo_. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.

Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman +Schindler+ in Glarus. -- Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich, obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines gewilligt hatte.

Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden Herren befehdeten. Sie contrahirten:

»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein Einziger in der Kampfhalle fehlte. --

So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.

Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft. Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt, seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch seine Verwundung beendigt.

Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,« versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der Burschenschaft setze. --

Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei annullirt wurden.

Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler, worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren. Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der guten alten Zeit geseufzt.

Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer nicht des kräftigen O., des biedern F.? -- Der liebenswürdige Bremer Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit, wie viel +Mark+ der und oder habe, ob der Commerz-Deputation +löblich+ oder +wohllöblich+ gebühre, u. dergl. m. Von den Hamburger Juristen ist zu sagen, daß sie viel für ihr Fach gelernt haben. Allein sie ergreifen auch größtentheils nur die practische Seite. Die lyrischen Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung etwas Hunger und Unglück[3] sie weichen nur zu leicht von dem materiellen reichen Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes Abendessen einer reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch einige Rubber Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur durch die kurze Straße des Hamburger Berges geschieden sind. -- Der geistvolle +Bluhme+ mein alter Schulcamerad besuchte mich mit dem jetzt auch verstorbenen +Siemsen+ in Heidelberg und verlebte frohe Tage bei uns, die ihn viel mehr anheimelten als sein Aufenthalt in Göttingen, wo man dermalen zwar sich nur selten nach neun Uhr in öffentlichen Wirthshäusern zeigte indessen desto mehr Verbotenes auf den einzelnen Kneipen trieb. --

Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben daselbst, das sich bis dahin in der That in einem liebenswürdigen Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel (Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch _lansquene_) und vor allen Dingen das sogenannte _L’hombré_ mit Ohren, das Pharospiel ein. -- Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank von einer Pistole auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn er gesprengt wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten vielleicht in einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. --

Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.

Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer, dem übermüthigen W. zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des _Cerevisia_.

Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.

Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus gerechtfertigt. -- Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges, arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen? Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.

Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover, ja in Hannover, -- es ist schauderhaft es zu sagen, aber +wahr, verschlickert+ man ihn, in Kuchen. -- -- -- -- --

Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will. Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in »Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl. m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich -- wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung oder seinen Hut anstatt der Makrone, -- er wird fast nie ein Märtyrer, gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. --

* * * * *

Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. -- Selbst Blumenhagen der Dichter, war nicht frei von dieser eines Mannes unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.

Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden an einer _table d’hôte_ zum Besten gegeben. Während diese lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht -- die Worte aus: »Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle seine Conditorläden.«

Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man, wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden und anspruchlos an das Ohr fluthet. -- Die Worte erinnern dann an die Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird, behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt. -- Genießt man diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines Wasserfalls, der Klang überwältigt den Sinn der Rede -- und man schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm.

Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie:

»Hatten dos wohhl jesehn.«

Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß.

Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies _par excellence_ von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den Residenzbewohnern Hannovers.

Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die »schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im Jahr 1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit vielen Jahren ein gemeinschaftliches Corps gebildet hatten. Ihr Chef war der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod seines Hundes »+Peter Fix+« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet, sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er sich sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen, welches St. mit großen Euphemismus, ein +Duett+ nannte. Tief ergriff den Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind:

_Chorus Guestphalorum._

_Moestus noster flet praefectus Et dolore est confectus, Quia Canis interfectus._

_St._

_Tu mi canis, quem amisi Quocum cecini et risi, Mente adsis, faveas, Neque canes occurentes Tibi instant nune et dentes, Terram levem habeas._

_Chorus Guestphalorum._

_Petre Fixe! the clamamus. Justa tibi ut solvamus, Et quae decent, tribuamus._

Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der Vorstellung hat. -- Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in +allen+ Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines verhungerten Harfenmädchens vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten.

Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen, so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der Prophezeiung des Tübinger Professors +Bengel+ freilich schon 1836 hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt noch nicht völlig reif zu sein scheint.

Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und somit des Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht) Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend vorgestellt:

»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner:

»+Ich nenne mir+ _Lottum_.«

Der Sachse:

»Ich heeße Musemeischel.«

Der Westphale:

»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.)

Der Rheinländer:

»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben soll.

Ein Holländer +Ruhs+, der schönste und kräftigste Student seiner Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr. --

Viertes Kapitel.

Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek. Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser. Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die Pedelle, Krings und Ritter.

+Thibaut+ ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft die Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er über den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte, indem er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich zu machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte. Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem Rufe nach Jena zu folgen.