Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819

Part 3

Chapter 33,435 wordsPublic domain

Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die Auszüge aus den Protocollen der burschenschaftlichen Verhandlungen in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. -- Eine strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre 1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. -- Hier sind übrigens die großen Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »+was man Respect nennt+,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen müsse, bis man die Welt verbessern könne.

Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist, welches aber doch hier seinen Platz finden mag.

=Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.=

In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N... als Sprecher gewählt.

von L... erschien und erklärte:

»Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr. von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen, da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2 fl 12 Xr. schuldig sei habe er zu N... gesagt: da du mir noch Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert: »»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen. Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »+Büberei+.« Da v. L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N... geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N... das Wort »+Büberei+« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen. -- N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«

von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.

N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort »+Büberei+« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden Sinne ausgesprochen.

Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:

Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund, nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe. Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. -- Da das Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu dem Worte +Büberei+, welchem übrigens in diesem Lande auch nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur +Kinderei+ bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.

V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei« zurück.

Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.

Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.

Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien, Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war aber noch bisher unterblieben. -- Aber ein unglücklicher Neuseeländer, den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz _tres faciunt collegium_ seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke Hand, die Nassauer wurden stolz auf ihren neuen Landsmann, und der Überwundene trank »_smollis_« mit dem Neuseeländer, indem er ausrief: Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein Nassauer geworden bist.

Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten, daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst, hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben, freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder wenigstens beim _Pereat_, (auch Lustig meine Sieben; besonders in Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich Alle nach Neuenheim zu den Gastwirth +Freund+, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte _uno tenore_ durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar einige consilirte.

War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« zu nennen, so überschritt er doch das Maaß. -- Der Gedanke, den Biergenuß zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische Umtriebe zu behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen Jahren das Bier gar nicht liebte, der Stifter einer +Cerevisia+ zu werden, die im humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des Burschenlebens unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, daß ich der Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir verkörpert habe und legte mir den Titel »+Eminenz+« bei. Zu gleicher Zeit erließ ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; _Eminentia errare nequit_ (die Eminenz kann nicht irren) schon auf die Tendenz der andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den »_pour le merite_,« den »Sanct Kannen-Orden« und den »Orden des Biervließes,« welche durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen repräsentirt, und noch auf der schon verwitternden Platte, welche bei der Hirschgasse in den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, _Eminentibus_, _Eminentia_ (den Vortrefflichen die Eminenz) zu sehen sind. Die Grade waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, Commandeure und Großkreutze.« Da ein jeder Eintretende den Bieradel und einen Biernamen erhielt, so wurde dadurch das Fuchsprellen beseitigt, weil oft ein Fuchs, (Studenten im ersten Semester) einen höheren Grad als der alte Bursch bekleidete. -- Jeder Rausch führte eine Degradation herbei, wurde daher sorgfältig vermieden. Einen armen Theologen, der sich nach erhaltenem ersten Graden diesen Fehler zu Schulden kommen lassen, weigerte ich die Wiederaufnahme, weil ich ihn für schwindsüchtig und alles Bier für ihn schädlich hielt. Ich hatte mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem Scheiden von Heidelberg segnete er das Zeitliche, wie er mich in der Abschiedsstunde mit den schriftlichen Worten gebenedeit hatte:

»Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den Tod der Biervernunft und Eminenzen.«

Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:

Nimm jetzt des Bieres Glas Biere es aus fürbaß, Biere mit Eil’ Daß Dich das Bier bewegt Zur Biervernunft Dich trägt, Daß Dein Herz bierig schlägt Biervernunft Heil!

mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen. Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus untersagt halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne sich von mir den Cerevissegen: _Sit aqua tua cerevisia_ (Dein Wasser sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne meine Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß niemals ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor einigen Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder in demselben Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle angenommen werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß unsere Universitätsjahre +vorgestern+ -- unsere zwanzig Jahre der Trennung +gestern+, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe +Heute+ sein sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so begab es sich denn, daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er vorgestern getragen, gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe ihm +gestern+ zehn Kinder geboren.

Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte. Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung, sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein gesittetes Ganzes zu erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, wie möglich. -- Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und einige neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines +Biervaters+, +Bierkanzlers+ und +Adoption+ eines +Königlichen Sohnes+, und als ich endlich meiner Sache gewiß war, erklärte ich, daß es von nun an bei Strafe der Bieracht verboten werde, von bierständischer Verfassung zu reden. In diesem Sinne handelte ich sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei ein, welches natürlich zu vielen humoristischen Denunciationen und Debatten Anlaß gab, unsere Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich das hohe Glück, mich als souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt zu sehen.

Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem Tode bewahrt habe.

Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein Tropfen Bier eine ganze Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der Biervernunft. -- Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, _eventualiter_ aber einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. -- Bemerkenswerth ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den jungen Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so leicht entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.

Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an bei verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner _Thibaut_ und _corpus juris_ standen stets einige Bierkrüge, welche er zum Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich regelmäßig alle Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen vor -- Gut war die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen vor.« -- Dies Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs innerhalb fünf Minuten geschehen. -- Als nun X. einmal von Kameraden, die an der Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen dem Vor- und Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so wie durch sein Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen war, dachte der ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute verlassen, edel genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und die Größe X. paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne Hand, mit einer ungeheuren Quantität _Gèrevis_ aus dem Status der Schande.

Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein Spiel erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie bei dem »Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des _Careau_ König die +Eminenz+ sei, die andern Könige »+Großkreutze+,« welche sich unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die Eminenz ausgespielt wurde. _Careau_ König stach Alles, _Careau_ Dame, (das Bierfräulein) den _Careau_ Buben, (den Bierjunker) die übrigen _Careaus_ Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle andern Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen Farben. Im Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich würde das Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, so will ich diese Arbeit einem Tage- oder Abend-Dieb überlassen. Das Spiel hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil selbst schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein Whist. Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte gewonnen. Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. Sobald die Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:

(Melodie: _Gaudeamus_.)

_Venit, virgo hilaris Casum nullum timens Sed puella rapitur Et a rege capitur Vah! puella cadit._

Das Kobbeschef (von _jeu_) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.

Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt. Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. -- Schlimm für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide, grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne, die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. _Gloriam quam pepere majores, digne studeat servare posteritas._ Ein gewisser C. schoß sich, -- eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die Vorsehung die Worte ausstieß: +Weiß der Teufel ich glaube es ist ein Gott+!

Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den Worten: »+So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen+.« Diese unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem, wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen befreundet war. Die Namen _Gulefoky_ und _Porten_ sind mir in das Herz gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie recht Muth fassen können.

Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig +duckten+. Man konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: -- »Aber! meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott! (Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.

Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein Normalstaat, Holberg das größte poetische _ingenium_ der Schöpfung und nichts schwerer als +paa+ (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger _Petrus á memoria_ sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid, sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen kann, der auch höchst selten verpaßt wird. -- Jetzt nimmt Einen der Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. -- Würde übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines ganzen Honorars verlustig geht.

In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten, ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte, daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.

Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt, wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That wohl daran ihre Beispiele »+von edlen Handlungen illustrer Personen+« unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er mehr als +Familien-+ denn +Adelsstolz+ hervortritt, sich mithin auch gegen seines Gleichen geltend macht.