Part 11
Die übrigen Hochschulen bejahten die Frage; Jena, Kiel, Königsberg und Marburg aber, deren Bevollmächtigte noch nicht von ihrer Verfassung abgehen konnten, behielten sich Berathung mit ihren Burschenschaften vor. -- Es wurde noch der Vorschlag gemacht, ob nicht diejenigen Burschenschaften, welche Füchse entweder nicht sogleich aufnehmen, oder denselben nach der Aufnahme keine Stimmfähigkeit zuerkennen würden, allen den Füchsen, welche einzutreten wünschten, Erlaubniß und Veranlassung geben wollten, vor der Aufnahme eine gewisse Anzahl von Versammlungen zu besuchen, damit auf der einen Seite dieselben Gelegenheit bekämen, die Eigenthümlichkeit des Lebens auf den Hochschulen kennen zu lernen, auf der andern Seite aber das peinliche Gefühl bei ihnen vermieden werde, einem Ganzen anzugehören, über dessen Wohl ihnen keine entscheidende Stimme zustehe, und so das Gesetz der möglichsten Gleichheit der Rechte nicht gekränkt werde.
+Anmerkung.+ K. für Heidelberg bemerkte, daß er um des Allgemeinen willen von der Wahlfähigkeit zum Vorsteheramte für sogen. Füchse abstehe, wenn die anderen Hochschulen sich zur Stimmfähigkeit für Alle verstehen wollten.
Und es geschehe dies besonders der Einheit des Gesetzes willen.
3) Wurde der Wunsch geäußert, daß bei der Aufnahme alle Abstimmung durch bloßes Ja oder Nein wegfallen möge, sondern laut und mit Anführung der etwanigen Gründe gegen den Aufzunehmenden gestimmt werde, wobei auf §. 9. und 10. verwiesen wurde. -- Rostock behielt sich hiebei Berathung mit ihrer Burschenschaft vor.
4) Wurde als zum Wesen der Burschenschaft gehörig anerkannt, daß kein Zweikampf zwischen den einzelnen Burschenschaften, als solchen, statt finden dürfe, sondern jeder unter ihnen obwaltende Streit schiedsrichterlich ausgeglichen werden müsse.
5) Wurde festgesetzt, es solle in dieser Versammlung der Abgeordneten noch kein förmliches Cartel, oder eine Verfassungsurkunde der großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft verfaßt, sondern blos einige Grundgesetze derselben vorläufig entworfen werden, damit die Abgeordneten sie zur Berathung ihrer Burschenschaft mitnehmen könnten. Die vollständige Ausarbeitung müsse bis zur Versammlung am 18. Oktober ausgesetzt bleiben.
6) Sollte auch an die Hochschulen, welche keine Abgeordnete hierher gesandt, der Entwurf dieser Gesetze, die 19 Puncte zugleich mit einer Schrift, welche die Ansichten der Abgeordneten von dem Wesen der Burschenschaft näher ausspräche, so wie auch eine Aufforderung, dem hier gebilligten Grundsätzen beizutreten, übersandt werden.
+Anmerkung.+ Berlin behielt sich vor, zu dieser Aufforderung nur dann mitzuwirken, wenn ihr Verein als Burschenschaft anerkannt würde.
F. d. U.
+=Protocoll,=+
+gehalten Nachmittags am 1. April.+
1) Die Verfassungsurkunde des Berliner Burschenvereins wurde verlesen und nach mannigfachen Verhandlungen, theils über seine innere Einrichtungen, theils über seine Verhältnisse zu den Nichtverbündeten, wurde das Urtheil der Abgeordneten gefordert, ob der Berliner Burschenverein nach Zweck und Form eine Burschenschaft zu nennen sei.
_a_) Jena erklärte sich dahin, dieser Verein entspreche nicht der Idee einer allgemeinen Burschenschaft, weil:
1) Die Eintheilung nach Provinzen zu Partheiung, Eifersucht und Kastengeist Anlaß geben könne.
2) Hinsichtlich der Abstimmung der einzelnen Landsmannschaften für sich, der Begriff der Gerechtigkeit dadurch gefährdet werde, daß Fälle möglich blieben, wo wenige über viele entscheiden könnten.
3) Die Privatinstitution jeder Landsmannschaft dem Gemeingeiste hinderlich sein müsse.
_b_) Die Kieler Abgeordneten stimmten im Ganzen der obigen Erklärung bei, glaubten aber, daß es nur geringer Veränderungen bedürfe, um die genannte Verfassung der Idee einer allgemeinen Burschenschaft entsprechend zu machen.
_c_) Königsberg meinte, daß gegen diesen Verein noch besonders zu erinnern sein möchte, daß der Entschluß, für eigne volksthümliche Bildung zu wirken, in der vorgelesenen Urkunde nicht genug hervorgehoben sei.
_d_) Marburg bezog sich auf die von Jena gemachte Bemerkung in Hinsicht auf das Abstimmen nach einzelnen Landsmannschaften, und führte gegen diese Eintheilung überhaupt die Erfahrung an, daß solche stehende Abtheilungen der allgemein zu fördernden Eintracht durch unvorherzusehende Vorfälle nur zu leicht gefährlich würden.
_e_) Halle erklärte sich dahin, es stimme im Allgemeinen mit der vorigen Bemerkung überein und fürchte besonders Hervortreten von Eifersucht bei dieser landsmannschaftlichen Eintheilung.
_f_) Heidelberg urtheilt, daß nach provisorischer Annahme der bekannten 19 Puncte der Geist des Berliner Burschenvereins als Deutscher Burschenschaftsgeist anzuerkennen sei, daß diese Idee aber vernichtet werden müsse:
1) Durch die Einrichtung, daß nicht _viritim_ gestimmt werde.
2) Durch Unwandelbarkeit und Ungleichheit der Mitgliederzahl der einzelnen Abtheilungen.
3) Durch Beibehalt der Privatinstitutionen und hält
4) noch für nützlich, wenn für diese Abtheilungen ein andrer Name angenommen werde.
_g_) Rostock erklärte, es glaube, daß die Verfassung der Berliner Verbindung aus der Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft hervorgegangen sei, bei Einrichtung der Form aber einiges dieser Form nicht genau Entsprechende vielleicht aus etwas zu ängstlicher Berücksichtigung der Schwierigkeiten, welche örtliche Verhältnisse ergaben, entsprungen sei, und deßhalb gewiß leicht abgestellt werden könne.
_h_) J. meinte, daß zur Ausführung der Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft auch allgemeine Versammlungen unerläßlich seien.
2) Die Abgeordneten faßten den Beschluß, es solle von ihnen der Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer Verbindung eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten.
3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.[10]
F. d. U.
+=Protocoll= den 2. April.+
1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden.
2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der Burschenschaft zu Jena zuerst das Amt der Geschäftsführung in allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen.
3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben, wurden als zweckmäßig anerkannt.
_a_) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche Burschenschaften in der Idee +ein Ganzes ausmachen+.
_b_) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung jeder einzelnen Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen müsse.
_c_) Es bleibt also auch der allgemeinen Deutschen Burschenschaft die Entscheidung überlassen, ob eine Vereinigung auf einer Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei, oder nicht.
_d_) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine allgemeine Bundessitzung nothwendig.
_e_) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher zu einer bestimmten Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um über allgemeine Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden.
_f_) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich jede Burschenschaft unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher gehörenden in den Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und anderer noch zu entwerfenden Beschränkungen.
_g_) Die Bundessitzung ist noch besonders schiedsrichterlicher Behörde in Streitigkeiten einzelner Burschenschaften.
_h_) Ihr bleibt die oberste Leitung der Geschäftsführung überlassen.
_i_) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche Burschenschaft anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie durch Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als gültig für ihren Verein annimmt.
_k_) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu sendenden Abgeordneten muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl derselben 3 sein.
_l_) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem nächsten allgemeinen Bundestage von jeder Hochschule ein Verfassungsentwurf der großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft mitgebracht werde, damit daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe.
_m_) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die Bundessitzung beziehen, werden von der geschäftsführenden Burschenschaft geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena einzusenden.
4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,[11] worüber aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein Wartburgsfest beschlossen werde.
5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen läge, etwas geschehen möge.
6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel.
7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen.
8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der wahren Burschenehre und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem Versuche den Zweikampf zulassen. -- Es wurde dies zu weit ausgedehnt gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht.
9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde.
10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den 10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde.
11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen sind, theils Abschriften des Protocolls und der 19 Puncte, theils der Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle. In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls das oben Genannte übersenden wolle.
Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen, Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte.
F. d. U.
Protocoll,
gehalten am 3. April.
1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.
2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H. bemühte sich darin, nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben. Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. -- Endlicher Beschluß in dieser Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und hieher mitzutheilen.
3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden solle, jetzt durch die über die dortigen Angelegenheiten gemachten Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.
4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,[12] eingestanden werden dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen wären.
Göthe, welcher damals seinen _procès monstre_ mit dem Großherzog von Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin dem großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale vor der Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause liegt.
»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect, welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten, Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und ich folgte. -- Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart großer Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »+Respekt+« nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die probateste Weise.
Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, -- ich fühlte das meine schon im voraus verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick. -- Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann. Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation, indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge- heimerath« heraus brachte.
Excellenz oder besser: »_Ecce Lenz_« wäre überhaupt passender gewesen, denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast mürrisch: »Ich bin nicht der Geheimerath.« --
Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge +Lenz+.
Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am Ende des Zimmers am Fenster stehend.
Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. -- Bald glaubte ich den Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir etwas gebrochen. -- Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein. »Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« --
Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. -- Dann brachte ich das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte, ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie geruhten sich zu erkundigen, wie +groß Föhr+ sei.
Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.
Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich, wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, -- in dieser geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »+Eine Quadratmeile.+«
Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen machte. -- Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden. Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« -- verwandelte aber als ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende +mir+ in uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück kam, mit der Durchsicht einiger geographischen Compendien doch Ernst machen zu wollen. -- Ich empfahl mich daher.
Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald wieder zu besuchen.
Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären kann. --
Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.
Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst ergötzliche Anecdote.
Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.
»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.
»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:
»Fest gemauert in der Erden Steht die Form aus Lehm gebrannt.«
Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine Verwechslung mit Schiller gelacht.
Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird, wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »+Standrede+« folgte.
Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren erinnerte. -- Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden der Meklenburger W. -- Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ, war in der That ungemein humoristisch.
Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich (vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine hohe Protection versprach.
In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes, Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem er als Hauslehrer sich bei einem Grafen +d’Olonne+ die erforderlichen Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war. Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. -- Christian hat das Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.
+Ende des ersten Bändchens.+
Fußnoten:
[1] Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt »Jean!«
[2] Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der Rappierklinge nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen ist. -- Die Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, sind gewöhnlich eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht anzurathen, welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen wärmt. Im Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im Winter entzwei gehen.
[3]