Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.
Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden aber sinngemäß ergänzt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen verwendet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: _Unterstriche_
Das Zeichen für ‚Pfund‘ wird in der vorliegenden Version durch die Abkürzung ‚lb.‘ ersetzt.
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Humoristische Erinnerungen
aus meinem
academischen Leben
in
Heidelberg und Kiel
+in den Jahren+ 1817-1819
von
Theodor von Kobbe.
Erstes Bändchen.
Bremen, Verlag von Wilhelm Kaiser.
1840.
Druck von F. W. Buschmann.
+Meinen+
Universitätsfreunden
voll unsterblicher
+Erinnerung+
gewidmet.
Inhaltsverzeichnis.
Vorwort. I
Erstes Kapitel. 1
Zweites Kapitel. 13
Drittes Kapitel. 39
Viertes Kapitel. 79
Fünftes Kapitel. 105
Sechstes Kapitel. 126
Siebentes Kapitel. 145
Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der Abgeordneten-Versammlung zu Jena. 187
+Vorwort.+
_Smollis_ Ihr Herren!
Während des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte, mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite 34 Zeile 9, +negierend+ statt +regierend+, S. 20. Z. 12, +Hirschhorn+ für +Hirschhern+. S. 16. Z. 21, +Choragen+ für +Choragee+. S. 151. Z. 21, +Jena’s+ für +Jonas+ zu lesen, und hie und da sogar ein Wort zu suppliren.
Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir +Amnestie+, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel unserer humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und es ist mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen:
_Fiducit!_
+Oldenburg+ im Großherzogthum Oldenburg im August 1840.
Theodor von Kobbe.
Erstes Kapitel.
Weinheim. Graf M. -- J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die Burschenschaft. Ms. Duell. -- Js Rappierjunge.
»Wie heißt diese Station?«
»Weinheim. -- Sie ist die letzte vor Heidelberg.«
»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J. darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«
M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.« Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«
»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,« lautete die Antwort.
»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.
»Und denn will sich der Ort noch +Weinheim+ nennen. Die einzigste Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht wird. +Wasserheim+ sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.
»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort unserer Bestimmung zu gelangen.
»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.
Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. -- Wir waren dort Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.
Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl vor sich her trieb.
»+Maulthier+,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, in der Burschensprache.
Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein älteres Aussehen verdankte, -- und zwar dahin bewilligt, daß er behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.
J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.
Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.
»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.
M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.
»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn Beinen,« beanfragte der Fremde.
Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe, der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. -- Ist es mir doch noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte. Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche Zeit der Ideale schwelgt.
Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut. J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, -- zum Geständniß seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M. sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt einnimmt. --
Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. -- Sobald es Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. -- Aber das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.
Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.
Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht, das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.
Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht weiter konnte. --
Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.
Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als Krone, die Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.
Der Eindruck war unbeschreiblich.
Der Postillon führte uns zum goldenen +Hecht+, auf ausdrückliches Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der Stelle:
»Zum blauen +Hecht+ trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«
dabei erinnerte.
M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in Heidelberg erkundigen.
Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima Heidelbergs.
»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit ausgestreckter Hand anredete.
Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung. Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor, wenn ich Unverdauliches gegessen habe.
»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder höher als eine Pistole anschlagen.«
Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. -- Ich habe viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, -- doch weg mit allen Klatschereien, sie sind alle todt, _requiescant in pace_.
Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen, wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten Türken.
Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal entschuldigen.
Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten, besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den Mittagstisch genommen.
* * * * *
Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg. Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben, im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund, kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen, da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte, zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.
* * * * *
Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen Schaden, annahm. --
Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche Verbindung wir treten wollten. -- Ich hatte von den Burschenschaftlern die Arndtschen Lieder:
»Was ist des Deutschen Vaterland?«
»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«
so wie das Körnersche:
»Wie wir so treu beisammen stehn.«
gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu können. --
Ich eröffnete dies M.
Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.
Ich trat in die Burschenschaft.
Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. --
Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M., mit einer klaffenden Wunde in der Brust. -- Ein feindlicher Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N., war ihm zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche auch ich verwickelt war.
Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.
In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.
Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.
Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr zurück nach Heidelberg.«
S. that wie ihm der Engel geheißen.
+Chelius+ aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast zwei Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich eine Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann geworden.
Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.
Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. --
Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt hatte. --
Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die er gar nicht kannte, erlaubt hatte.
R -- bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen werth.«
Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften Rappieren.
»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that, einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir einen.«
»Du Fuchs!« lachte N.
N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er nahm ihn daher sich »_sûr_« wie die Studenten es nennen.
Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.
N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus dem Munde geschlagen.
Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.
Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.
Zweites Kapitel.
Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß, Wambold, Morstadt, Uexküll.
Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch +Göthe+, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht hatte. -- Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen, sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen, welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der Mephisto, _sit venia verbo_, hatte die Gestalt des Schülers angenommen und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre 1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde.
Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen die +Boißerée+schen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang, mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre Urheber ausgerufen haben soll: +Das waren noch Dichter!+ Bei dieser Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung, als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria vor, zum Besten zu geben pflegte:
»Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit, bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,« erreichen zu können. +Wolfgang+ erklärte aber rundweg, er wolle den Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für den _envagé_ seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche waren aber vergebens. +Göthe+ blieb regierend im Bette liegen. Da verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des Faust’s erkennen konnte.«
Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist +Ludwig Robert+ gewiß mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder +Rahels+, hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen »+Ich+« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. -- Welch einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, +ja was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen+« -- Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. --
Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen für +Sie+ zu schreiben, geziemt uns nicht.«
»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf er ihm nicht sagen; daher wird +Robert+, weil er +Kobbe+ sehr lieb gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.
Ihr Robert«
Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.
Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. -- Freilich demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja alle, dann werden Sie Glück mit dem siebenten haben. Wenn nur alle jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«
Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig Roberts so wenig =Epoche= gemacht haben, und selbst jetzt selten genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. -- Denn in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz +Jahnisch+ und +Arendtsch+; ein Poet durfte nur Körnersche Lieder vor die Augen der Leser bringen. Roberts »+Kämpfe der Zeit+« erregten einen rauschenden aber bald verklingenden Beifall. Von seinen dramatischen Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« fortwährend auf der Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen Vorurtheile keineswegs sich verringert haben, vielmehr in trägen Frieden sich tagtäglich vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die Interessen des Tages anregt, woher auch seine fortwährende Geltung rühren mag, so ist in demselben doch kein tragisches Element zu finden. Die Miserabilitäten der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben wir das Lustspiel, dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, einem Ochsen gleichen wollende, und endlich zerspringende Frosch bleibt. -- Wenig bekannt ist Roberts Drama »die Gleichgültigen oder die Nichtigen,« ein kostbares Lustspiel, was wahrscheinlich nur um seiner treffenden Wahrheit willen, und weil es alle Stände unerbittlich züchtigt, sich nicht ein Beifall zollendes Publikum erworben hat.