Humoresken (Zweites Bändchen) Wider den Strom. - Die Feuerspritze. - Eine Abendwanderung. - Der alte Schreiber.

Part 6

Chapter 63,586 wordsPublic domain

Von allen Seiten bestürmen mich neue, bewegende Eindrücke. Nahezu sechs Wochen sind verflossen, seit ich zum letzten Mal eine abendliche Flanade über diese Trottoirs unternahm, und es war damals obendrein eine äußere Veranlassung, die mich hierher führte, ein specieller Zweck -- was dem eigentlichen Esprit des Bummelns bekanntermaßen zuwiderläuft. Nein, ich begreife mich nicht! Sechs Wochen halte ich's aus da drüben in meiner beschaulichen Einsamkeit, und hier wogt und brandet ein Ocean von Bildern und Stimmungen, wie ihn die Seele farbenprächtiger nicht wünschen kann.

Ich setze meinen Hut noch um eine Nüance schiefer auf's Ohr, fasse den Stock in der Mitte und runzle die Stirn wie ein übermüthiger Dandy, der im nächsten Augenblick eine Welt zu erobern gedenkt.

Jetzt begegnet mir eine Mutter mit zwei Töchtern. Wohlgebaute Blondinen im Stile Paolo Veronese's. Wahrhaftig, die eine hat ein ganz allerliebstes Gesichtchen: etwas geistlos, das ist wahr: aber du lieber Gott, am Ende ist der Geist nur ein Vorurtheil, und von der Leinwand wirkt das üppige Incarnat eines blühenden Nackens jedenfalls energischer, als der seelische Duft einer feingeschnittenen Lippe. Beim Himmel, wenn ich ebensoviel Technik als Verständnis besäße, ich möchte diese saftige Blondine malen, wie Tizian seine Catarina Cornari gemalt hat, als schlichtes Porträt ohne irgend welche artistische Zuthat ... Und jetzt diese büßende Magdalena ... So wahr ich lebe, das Original ~in optima forma~ zu dem famosen Gemälde Murillo's! Es ist eine wahre Schande, daß ich mir seit Monaten eine so peinvolle Reserve auferlege, und lediglich aus Rücksicht ... Alle Vorzüge können sich doch nun einmal unmöglich in einer und derselben Person vereinigen. Josephine ist hübsch, freundlich, aufmerksam, zärtlich, liebenswerth, -- kurz, vom Standpunkt eines christlich germanischen Alltaglebens betrachtet, das Ideal einer jungen Frau. Aber in rein künstlerischer Beziehung, mit dem Auge eines Rafael oder eines Correggio gesehen ... Pah, man wird nothgedrungen einseitig, wenn man sich jeder anderweitigen Bewunderung enthalten will ...

Nachdenklich setze ich meine Wanderung fort. Ein gelinder Groll gegen unsere sociale Ordnung spinnt seinen Nebelschleier um meine pessimistisch angekränkelte Seele. Warum nehmen es die Frauen auch nur so heillos übel, wenn man gelegentlich eine ihrer Mitschwestern hübsch findet! Ich erinnere mich noch des seltsamen Blickes, den mir Josephine zuwarf, als ich im verwichenen Herbst jene dunkeläugige Unbekannte im Foyer des Victoriatheaters mit dem Lorgnon fixirte. Für etwas Romantisches haben diese Töchter aus guter Familie absolut keinen Sinn. Als ob meine Neigung unter einer derartigen praktischen Studie im mindesten leiden könnte. Ein künstlerisch angelegtes Herz verlangt mehr als die bloße häusliche Glückseligkeit, und schließlich -- der Teufel weiß, wie es zugeht, aber das Factum bleibt unanfechtbar -- schließlich haben diese Unbekannten immer ein gewisses Etwas, das den uns so wohlbekannten Gattinnen abgeht, ein ~nescio quid~ von poetischem Zauber, einen Hauch von geheimnisvoller Novellestik, dessen nähere Definition ebenso unmöglich ist, wie die Analyse des Schönen überhaupt.

Was ist das zum Beispiel für eine reizende, graziöse Gestalt, die da quer über die Straße kommt und jetzt in den Galanterieladen eintritt! Ein Füßchen zum Entzücken, und eine Anmuth in jeder Bewegung, wie man sie eben nur bei Unbekannten findet.

Ich trete an das Schaufenster. Ein Seufzer entringt sich meiner Brust, lang und gepreßt, wie ein Passus aus Schopenhauer's Kapitel über das Leiden der Welt. Zwischen den Fächern und Schmuckkästchen hindurch dringt mein Blick in das Innere des Gewölbes. Die schöne Unbekannte kehrt mir den Rücken. Jetzt beugt sie sich über den Ladentisch, um eine Waare in Augenschein zu nehmen ... Wie pittoresk war diese Wendung des Armes! Und wie geschmackvoll sie gekleidet ist! Hier erkennt man so recht den Unterschied zwischen dem Schlicht-Bürgerlichen und dem Classisch-Poetischen. Mich dünkt, ich habe eine ähnliche Jacke auch bei Josephinen gesehen: aber wie ganz anders war der Effect! Hier eine gewisse Genialität im Faltenwurf, dort eine nüchterne Accuratesse, eine ruhige Einfachheit, die für gewisse Charaktere ihren Reiz haben mag, aber auf die Dauer eine ästhetische Lücke läßt. Kleider machen Leute, sagt das Sprüchwort; mit der gleichen Berechtigung kann man die These umkehren. Dasselbe Gewand von verschiedenen Personen getragen ist nicht mehr dasselbe. Die Individualität haucht dem Kleidungsstück ihr ganzes Wesen ein. Ich glaube, Aspasia wäre im Stande einen Zwillichkittel so zu drapiren, daß er einen königlichen Purpur beschämte.

Und diese reizende Robe! Einfach und anspruchslos, und doch bedeutsam und charakteristisch. Diese stahlfarbene Nüance hat etwas Aristokratisches. Warum Josephine einen derartigen Stoff nicht gewählt hat? Aber es ist nun einmal nicht zu ändern. Gewisse Dinge existiren nicht für die normale deutsche Hausfrau: man entdeckt sie nur fernab von dem Weichbilde des heimischen Herdes.

Wie lange sie wählt und prüft! Auch hierin offenbart sich ein distinguirter Charakterzug. Da ... da ... um ein Haar hätte ich ihr Gesicht zu sehen bekommen. Das Stückchen Wange, das mir in duftiger Verklärung entgegengeleuchtet hat, erweckt eine unwiderstehliche Sehnsucht in mir, das ganze ambrosische Angesicht aus der nächsten Nähe zu schauen. Ich interessire mich jetzt so glühend für diese schöne Käuferin, daß es mich bereits nach ihrer Biographie gelüstet. Wo mag sie wohnen? Wie mag sie heißen? Das beste ist, ich lasse sie hier vorbeipassiren und gehe ihr dann nach, sittsam und in bescheidener Entfernung, wie es einem verheiratheten Ästhetiker geziemt ... oder nein ... ich sehe nicht ein, weshalb ich so übermäßig bescheiden sein sollte. Mein Naturell steht mit einem solchen Vorsatz in diametralem Widerspruch. ... Nun, wir werden ja sehen.

Ah, da kommt mein trefflicher Freund Leo. Schon von fern lacht er mich mit dem ganzen Vollmond seines biederen Kneipgesichts an, als wollte er sagen: »Trifft man dich auch endlich wieder einmal unter den Lebenden?«

Auch ich bin erfreut, dich zu sehen, wackerer Genosse meiner akademischen Ausschweifungen, unvergleichliches Danaidenfaß, in dessen bodenlosem Schlunde so manches Quart Lagerbier und so manche Punschbowle ein ruhmloses Ende gefunden.

Er schüttelt mir mit der grübchenreichen Herkulesfaust die Rechte und brummt im tiefsten Basse eine Phrase freundschaftlichen Entzückens.

»Wie jammerschade,« fügt er nach einer Weile hinzu, »daß ich gerade jetzt nicht Herr meiner Zeit bin.«

Er sieht auf die Uhr.

»Ich muß meine Tante ins Concert führen,« seufzt er stirnrunzelnd, »und gewahre mit Schrecken, daß ich bereits eine Viertelstunde Verspätung habe.«

»Ah, die Hofräthin! Nun, sie molestirt dich selten genug, und als Erbtante verdient sie einige Rücksicht. Ich will dich bei Leibe nicht abhalten.«

Noch einmal schüttelt er mir die Hand und poltert dann fürbaß über das Pflaster.

Verflucht! In der Zwischenzeit ist mir meine schöne Unbekannte entwischt. Hole der Henker alle Kneipkameraden und Hofräthinnen. Doch halt, dort biegt die Holdselige um die Ecke. Das war noch gerade Zeit, sonst hätte ich den Engel für immer verloren. Auf und ihr nach!

In weniger als einer Viertelminute habe ich mich ihr auf fünfzehn Schritte genähert. Es hält schwer, sie bei dem dichten Menschengewühl im Auge zu behalten. Dabei schreitet sie tüchtig zu ... Ja, ja, solche novellistische Naturen sind stets gute Fußgängerinnen. Im Sommer begegnet man ihnen auf dem Gipfel des Pilatus oder auf den Gletschern des Chamounithals. Ich kenne die Sorte ...

Jetzt schwenkt sie seitwärts ab. Aha, sie nimmt den Weg nach der Gertraudenstraße quer über den Markt. Nun, um so besser; auf diese Weise entferne ich mich nicht von dem Parkviertel. Es ist sieben, ich habe also vollauf Muße, mein peripatetisches Abenteuer bis auf die Hefe auszukosten. Ich +muß+ jetzt erfahren, welche Göttin in dieser reizenden Hülle wandelt, oder meine Mißstimmung erklärt sich in Permanenz!

Wie seltsam doch mitunter der Zufall spielt! Da biegt sie richtig in die neue Anlage ein! Ich kann ihr also unter allen Umständen ohne Zeitverlust bis an ihre Wohnung folgen, und wenn sie am äußersten Ende der Stadt residirte. Wirklich, Fortuna ist mir hold. Es hätte sich doch ebensogut treffen können, daß die kleine Zauberin mich nach dem Ludwigshain oder den Bernstädter Linden gelockt hätte!

Jetzt scheint sie bemerkt zu haben, daß ich ihr auf den Fersen bin. Sie hat leise den Kopf gewendet, sie beschleunigt ihre Schritte. Das ist entweder ein Zeichen von hohem sittlichem Ernst, oder von reizender Koketterie. Aber Gott sei Dank! Noch bin ich nicht so sehr zum Philister geworden, daß ich nicht im Stande wäre, eine solche Parforcepromenade auszuhalten. Noch habe ich mich von dem Embonpoint deutscher Familienväter freizuhalten gewußt. Bei den Göttern, diese Eilfertigkeit steht ihr entzückend. Wie fest und doch wie schmiegsam sie auftritt. Das ist eine Poesie des Wandels, an der sich ein Apollo berauschen könnte.

Jetzt beginnt die Sache in der That humoristisch zu werden. Das räthselhafte Geschöpf schlägt immer entschiedener dieselbe Route ein, die ich wählen müßte, wenn ich direct nach meiner heimischen Wilhelminenstraße eilen wollte. Wäre ich ein gläubiger Romantiker aus der alten Schule, so dächte ich jetzt an eine moralisch gesinnte Fee, an eine ideale Personificirung meines ehelichen Gewissens. Die schöne Huldin wäre etwa Titania, die, von heiligem Schmerz erfüllt, ihren Liebling auf Irrwegen zu sehen, die Gestalt einer bestrickenden Sirene angenommen hätte und mich nun, ohne daß ich es ahnte, zu den Laren des häuslichen Herdes zurückführte.

So wahr ich selig werden will, da sind wir an der Ecke der Wilhelminenstraße, und jetzt wendet sie sich nach links, -- ganz der Weg, den die alltägliche Moral mir vorzeichnen müßte. Am Ende ist sie eine von den schönen Engländerinnen in Nummer 20, die ich bereits drei- oder viermal durch mein Taschenteleskop zu bewundern die Ehre hatte. Das wäre in der That ein höchst pikantes Zusammentreffen! Wenn sie nur nicht so verteufelt liefe, -- daß ich ihr einmal ~en passant~ ins Gesicht sehen könnte. Aber sie scheint instinktiv zu fühlen, wie sehr sie mein Herz entzündet hat, und so scheut sie sich wohl vor einem Rencontre. Verdammt, daß der Weg an meiner Wohnung vorüberführt. Es wäre mir doch unangenehm, wenn Josephine ... und wer garantirt mir dafür? Bei Mondschein sitzt sie oft stundenlang am Fenster und vertieft sich in die wundersamen Lichtspiele ... Heute freilich ist sie beschäftigt ...

Aber was sehe ich? Bin ich von Sinnen? Da hüpft mein bezauberndes Räthsel in meine Hausflur und eilt meine Treppe hinan. Um aller Heiligen willen, was habe ich angestellt? Gewiß eine gute Freundin Josephinens, die mich erkannt hat und mich nun ~in flagranti~ verklagen will. Soll ich ihr folgen? Oder ist es rationeller, so schnell als möglich umzukehren? Aber nein, das wäre eine Schwäche, die den Edlen entwürdigt. Was kann sie überdies sagen? Es ist nur zu begreiflich, daß ich den nächsten und bequemsten Weg nach meiner Wohnung einschlage, und die Straße ist Gemeingut. Nein, sie würde sich mit der geringsten Andeutung nur lächerlich machen; sie muß etwas anderes in Petto haben; also vorwärts!

Ich stürme ihr nach. Die Corridorthüre hat sich inzwischen bereits geschlossen. Ich klingle. Man öffnet mir. Und wer öffnet mir? Vor mir steht, in dem malerisch drapirten Tuchpaletot, in dem stahlblauen Promenadenkleide, das kleine Packet in der Hand, das sie auf der Straße getragen -- meine Frau!

Sie schaut mir mit einem unbeschreiblich schelmischen Ausdruck ihrer dunkelbraunen Augen ins Angesicht, wünscht mir »Guten Abend«, und eilt dann, mir nochmals herzlich zunickend, in ihr Zimmer.

Keines Wortes mächtig, starre ich ihr nach; dann entledige ich mich stumm und geräuschlos meines Überziehers, schleiche in mein Gemach und werfe mich in den Lehnstuhl. Die Hände über der Brust gefaltet, suche ich mir meine lehrreichen Erlebnisse zurecht zu legen. Nur ungern gestehe ich mir's, aber die Wahrheit bricht schließlich durch: ich bin wüthend, wüthend auf mich, wüthend auf Josephine, wüthend auf meine künstlerischen und nicht künstlerischen Bestrebungen, wüthend auf alles Bekannte und Unbekannte. Ich habe mich vor meiner eigenen reinen Vernunft so colossal blamirt, daß ich nicht weiß, ob ich jemals wieder in der Lage sein werde, mir die volle ursprüngliche Hochachtung zu zollen. Mein ganzes Ich verfällt in einen Zustand moralischer Zerrissenheit; ich möchte mich ohrfeigen.

Da legt sich ein Arm um meinen Nacken, zwei frische blühende Lippen senken sich auf die meinen, und eine weiche Hand streichelt mir wie beschwichtigend über die Stirne.

Der seltsame Bann ist gelöst. Noch immer verlegen, gewinne ich doch allgemach mein seelisches Gleichgewicht wieder. Josephine erwähnt das Vorgefallene mit keiner Silbe, aber ich sehe es ihrem schalkhaften Lächeln an, daß sie meine ganze Thorheit durchschaut hat.

Zwei Tage später überrascht sie mich mit den Früchten ihres improvisirten Abendganges. Ein reizendes Geburtstagsgeschenk, viel sinniger und liebenswürdiger, als es ein Mann verdient, der die poetischen Anregungen außer dem Hause sucht. Ich schließe Josephine an mein Herz und schwöre mir insgeheim, mich nie wieder von den Launen einer selbstbetrügerischen Verstimmung gängeln zu lassen. Der erste Versuch einer unerlaubten Romantik ist zu schmachvoll mißglückt, als daß ich Lust verspürte, mich zum zweiten Male auf's Glatteis zu wagen.

Der alte Schreiber.

Eine Studie nach der Natur.

Mein Onkel Feodor war Rechtsanwalt in einer mitteldeutschen Provinzialstadt. In den letzten Jahren seines Lebens, als die einst so blühende Advocatur merklich zur Neige ging, beschäftigte er einen Scribenten mit Namen Trendler. Ich weiß nicht, ob der würdige Federheld noch lebt. Sollte er indeß die folgenden Zeilen zu Gesicht bekommen, so wird er gewiß einem strebsamen Collegen, der bei seinen indiscreten Studien die edelsten Zwecke verfolgt, die scheinbare Profanation zu Gute halten und lächelnd vor sich hinmurmeln: »Ja, ja, das bin ich!«

Also ~in medias res~!

Über den Dachfirsten der Provinzialstadt leuchtet ein kalter, klarer Wintermorgen. In den beschneiten Straßen erblickt man nur hin und wieder einen eilfertigen, theatralisch vermummten Barbier oder eine blaugefrorene Köchin.

Es schlägt neun. Mein Onkel sitzt bereits seit einer Stunde bei der Arbeit. Der lodernde Ofen verbreitet eine erquickliche Wärme. Die lange Pfeife läßt ihre blauen Rauchkringel, wie Opferdüfte, zur angegrauten Decke emporsteigen. Auf dem eichengeschnitzten Schreibtisch herrscht eine gemüthliche Unordnung. Da prangt die chemische Zündmaschine neben dem Petschaftkasten; die Wasserflasche neben dem gestickten Hauskäppchen; die goldene Repetiruhr neben dem bunten Fidibusbecher. Die halbgeleerte Tasse steht dem Arbeitenden zur Linken. Eifrig raschelt die Feder über das dicke Conceptpapier.

Da öffnet sich die Thüre. Ein röthliches Antlitz, dessen Züge etwas vom Geier haben, erscheint in der Spalte. Es ist Herr Trendler. Mit gekniffenen Äuglein mustert er das Zimmer. Dann tritt er zwei Schnitte vor und spricht mit klangloser Stimme:

»Guten Morgen, Herr Justizrath!«

Mein Onkel wendet den Kopf.

»Sie kommen wieder eine halbe Stunde zu spät, Trendler. Wie oft soll ich Ihnen sagen, daß ich die Pünktlichkeit liebe?«

»Entschuldigen Sie, Herr Justizrath, ich hatte mich gestern etwas später zu Bett gelegt, weil ich noch den Bericht an das königliche Obertribunal erledigen wollte ...«

Trendler beginnt nun seinen Paletot auszuziehen. Er versucht es zunächst mit dem linken Ärmel. Auf der Hälfte des Weges erfaßt ihn die Reue. Er tritt auf der linken Seite den Rückweg an, und wirft sich auf die rechte. Nach einigem Zögern kommt er mit der Entkleidung zu Stande, und verfügt sich nun, den Überzieher sorgfältig an der Schlinge haltend, nach dem Nagel, wo er ihn langsam aufhängt, -- nicht ohne zuvor einige imaginäre Stäubchen von dem schadhaften Sammetkragen hinweg zu blasen. Der aufgehängte Paletot wird mit zärtlicher Hingebung drapirt ... Die Außenseite muß nach innen gekehrt und vor jeder Berührung mit der atmosphärischen Luft aufs Peinlichste geschützt und geschirmt sein ...

Nach befriedigender Lösung der Paletot-Frage kommt die Reihe an den Rock. Unter den nämlichen Manövern, die wir beim Überzieher wahrnahmen, vertauscht Herr Trendler diesem Unter-Kleidungsstück mit seinem sturmerprobten Amt- und Dienstkittel. Ist auch diese Metamorphose beendet, so hustet er dreimal mit steigender Heftigkeit und zieht das Taschentuch, um sich zu schneuzen.

»Nun, Trendler, wird's bald?« fragt mein Onkel stirnrunzelnd.

»Entschuldigen Sie, Herr Justizrath, ich wollte mich nur schneuzen, mit Respect zu vermelden. Ich habe einen starken Stockschnupfen, seit letzthin das Wetter so umgeschlagen hat!«

Mein Onkel arbeitet weiter.

Trendler begiebt sich in gemessenem Menuettschritt nach dem Ofen, ergreift die Feuerzange, und wühlt in den Bränden.

»Donnerwerter, machen Sie doch keinen solchen Rauch!« ruft mein Onkel ärgerlich. »Das Feuer brennt, -- was haben Sie also dran herumzustochern?«

»Verzeihen Sie, Herr Justizrath, ich dachte nur, wenn man das Feuer nicht rechtzeitig schürt, so könnte es ausgehen. Erlauben Sie vielleicht, daß ich so ein kleines Klötzchen auflege?«

»Gut, so legen Sie auf, aber schnell! Sie haben da Ihren ganzen Tisch voll Arbeit!«

»O, damit wollen wir schon fertig werden, was das anbelangt ...«

Er bläst in die Flammen. Der Qualm schlägt ihm ins Gesicht. Er schließt die Ofenthür und tritt an den Spiegel.

»Nun, was giebt's?« fragt mein Onkel.

»Ach, Herr Justizrath, nehmen Sie's nicht übel, es ist mir was ins Auge gekommen ... Gleich hab' ich's ... so ... Wie das einen genirt, man sollt's nicht glauben! ... Au, au ...! Das ganze Auge ist roth davon ...!«

»Trendler! Der Teufel holt Sie, wenn Sie jetzt nicht an die Arbeit gehen! Wenn Sie was am Ofen auszusetzen haben, so rufen Sie die Magd!«

»Schön, Herr Justizrath.«

Er öffnet die Stubenthüre.

»Therese! Therese!«

»Das zieht ja zum Tollwerden!« zürnt der alte Herr in wachsendem Mißmuth. »Wollen Sie augenblicklich zumachen! ...«

»Die Magd scheint nicht da zu sein,« versetzt der Schreiber. »Ich will mal nachsehen!«

Er begiebt sich nach der Küche. Drei, vier, fünf Minuten verstreichen. Endlich erscheint die rothe Physiognomie wieder auf der Schwelle.

»Die Magd ist nach dem Wochenmarkt gegangen,« stammelt er mit einem Lächeln der Genugthuung. »Da muß ich wohl selbst Hand anlegen, Herr Justizrath.«

Mein Onkel antwortet nicht.

Trendler verfügt sich wieder an den Ofen. Er klappert und rasselt, und rasselt und klappert, bis das Feuer glücklich verloschen ist.

»Ich komme doch nicht so recht zu Stande damit, wenn man's bei Licht betrachtet. Wir müssen warten, bis die Therese vom Markt zurückkommt.«

»Sie sind der größte Esel, der mir jemals in meiner Praxis aufgestoßen.«

»Aber, Herr Justizrath ...«

»Setzen Sie sich! Ich habe keine Lust, mit Ihnen zu discutiren.«

Schmollend faßt er auf seinem Stuhle Posto. Noch einmal muß das Schnupftuch für die Unbilden der Witterung büßen. Hierauf durchsucht er sämmtliche Taschen der Weste, des Rocks und der Beinkleider. In der letzten findet er den Schlüssel zur Schublade seines Schreibtisches.

Er betrachtet das eiserne Instrument von allen Seiten. Dann bläst er einige Sonnenstäubchen aus dem Loch über dem Kamme und veranlaßt dadurch einen gellen Pfiff.

»Was fällt Ihnen bei, Trendler? Wiederholt sich denn bei Ihnen jeden Tag dasselbe Possenspiel?«

»Um Vergebung, Herr Justizrath, aber diesmal thun Sie mir Unrecht. Wenn sich nämlich das Loch am Kamme verstopft, so geht mehrstentheils das Schloß nicht.«

Langsam öffnet er die Schublade und nimmt zwei tintenbeklexte Schreibärmel, zehn Gänsekiele und ein doppelklingiges Federmesser heraus. Sämmtliche Gegenstände breitet er sorgfältig vor sich hin. Er befolgt dabei die Regeln der Symmetrie und des goldnen Schnitts.

Plötzlich springt er vom Sitz empor und eilt nach der Thüre.

»Was giebt's?«

»Ich will einmal sehen, ob die Friederike heimgekommen ist. Mir war's, als hätte ich klingeln hören.«

»Dummes Zeug! Bleiben Sie bei der Arbeit!«

Trendler setzt sich nieder und ergreift einen der beiden Schreibärmel. Er nestelt am Zuge. Die Schnur will nicht weichen. Nach einer andauernden Bemühung von fünf Minuten gelingt es ihm, den Knoten zu lösen. Die Schiene rutscht knisternd über den Arm und wird mit vieler Accuratesse befestigt.

Der zweite Ärmel erfordert eine geringere Anstrengung. Schon nach drei Minuten sitzt er wie angegossen.

Es schlägt halb zehn.

Trendler reibt sich im Bewußtsein, sehr glücklich debütirt zu haben, die Hände und zieht die Tabaksdose hervor. Sechs- oder achtmal schlägt er geräuschvoll auf den Deckel. Dann öffnet er, schüttelt den Inhalt von einer Seite nach der andern und spitzt die Finger zur Prise. Plötzlich besinnt er sich eines Besseren. Er muß im Heiligthum der Dose einen fremden Gegenstand entdeckt haben. Das rothe Geiergesicht beugt sich vor; die kurzsichtigen Äuglein beblinzeln den Tabak aus allen Richtungen der Windrose. Eine Minute verrinnt in prüfender Beschaulichkeit. Er nickt, als habe er den mikroskopischen Eindringling erkannt, setzt die Dose bedächtig auf den Tisch nieder und ergreift mit siegesgewisser Miene das zweiklingige Federmesser. Die Klinge springt auf und wird, wie um ihre Elasticität zu erproben, zwei-, dreimal auf die Tischplatte gedrückt. Dann stöbert das Metall zwei Minuten lang in der gepulverten Nießwurz herum und spießt endlich eine todte Fliege, die nach genauer Inspection unter den Stuhl geworfen wird. Jetzt erst hält sich Trendler für berechtigt, eine Prise zu nehmen; vorher wischt er indeß die Klinge des Messers mit sorglicher Peinlichkeit am Ärmel ab.

Die Dose wird wieder geschlossen und neben das Tintenfaß gestellt.

Trendlers Blick gleitet nun nach dem Fenster. Die Scheiben sind stark beschlagen. Er erachtet es für geboten, das auf der Rampe liegende Tuch zu benutzen. Die Klärung gelingt.

Aber es zieht! Das Fenster scheint heute wieder gar nicht zu schließen. Auch hier muß das Wischtuch abhelfen. Es wird der Länge nach unten vor die Ritze gelegt.

»So!«

Es schlägt drei Viertel.

Trendler wendet sich nunmehr seinen Federn zu. Er dreht sie zehn- bis zwölfmal hin und her und wählt dann eine graue, großfasrige, starkposige Prachtfeder.

Das zweiklingige Messer wird abermals betreffs seiner Elasticität geprobt. Dann beginnt die Procedur des Schneidens.

Zunächst wird der Kiel der Länge nach geschabt. Dann zimmert der blanke Stahl nach streng-architektonischen Gesetzen den Rohbau der Spitze. Diese unvollendete Spitze wird fünfzigmal befühlt und betrachtet und schließlich auf dem Nagel des linken Daumens gespalten.

Ist die Spalte gelungen, so ruht sich Trendler ein wenig aus: denn jetzt fängt erst die eigentliche künstlerische Aufgabe an, und zu jeder vollkommenen Leistung bedarf man der Sammlung.

Neu gekräftigt geht der wackre Scribent an die Krönung des Gebäudes. Hundertmal hält er den Kiel gegen das Licht; hundertmal probirt er mit der Zungenspitze, ob der gewünschte Grad der Vollendung erreicht ist. Er schnitzelt und raspelt und kratzt und glättet, als handle es sich um die Darstellung eines Prototyps, einer »Feder an sich«, wie der Philosoph sagen würde. Die immer fester zusammengekniffenen Augenlider verleihen seinem Antlitz etwas Denkerhaftes! Wüßte ich nicht, daß es der Schreiber meines Onkels ist, den ich da vor mir sehe, so würde ich ihn für einen Professor der Metaphysik halten.

Endlich! Ein breites Lächeln übergießt die Geierphysiognomie wie mit den Fluten eines rosigen Sonnenscheins! Verstünde er Griechisch, er würde »Heureka!« ausrufen! Schwer aber glücklich!