Humoresken (Zweites Bändchen) Wider den Strom. - Die Feuerspritze. - Eine Abendwanderung. - Der alte Schreiber.

Part 4

Chapter 43,499 wordsPublic domain

»Nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht in einigen Wochen,« erwiderte Jules mit Würde. »Ich will euch was sagen. Es gilt hier vor allen Dingen, die richtige Gelegenheit auszukundschaften. Ich will spioniren.«

»Aha!« schmunzelte Croquepeu mit einem verständnißreichen Augenzwinkern.

»Goguenard,« sagte Jules, »da Sie uns eigentlich auf diese Idee gebracht haben, so sollen auch Sie erfahren, was ich bis jetzt nur meinem vertrautesten Freunde, dem hier anwesenden Schulmeister Henri Jérôme Croquepeu mitgetheilt habe ...«

Der Weinwirth horchte auf.

»Ja, Meister Goguenard,« fuhr Jules mit geheimnisvoller Betonung fort, -- »ich bin der Mann, der die Verhältnisse in dem Clamard'schen Hinterhofe gründlich in Augenschein nehmen und den geeigneten Moment der That mit Zuverlässigkeit berechnen kann. Sie sind discret, Goguenard ...«

Der wackere Bürger legte zur Betheuerung seiner Verschwiegenheit die rechte Hand in die Herzgrube.

»Nun denn ...« flüsterte Jules, »ich bin der Verlobte der schönen Marion Leclerc ...«

»Nicht möglich!« rief Goguenard. »Sie, Herr Jules, der feurigste Patriot, der glühendste Gegner der Clatounesen, der ... wie soll ich nur sagen ... Sie, der Chef der ganzen Agitation ...«

»Liebster Freund,« versetzte Jules bedeutungsvoll, »es giebt Angelegenheiten, in denen die Parteiunterschiede aufhören. Nehmen sie z. B. einmal an, die Preußen trügen über unsere glorreichen Heere den Sieg davon ...«

»Pah!« lachte Goguenard.

»Nun natürlich, es ist nur eine Annahme! Aber gesetzt den Fall ... die feindlichen Armeen überschwemmten unser Departement ... Glauben Sie, daß im Angesicht des gemeinsamen Gegners der Zwist der Gressineter und Clatounesen fortbestehn würde? Goguenard! Ich bin Gressineter mit Leib und Seele! Sie kennen meine Thaten, -- ich brauche daher keine überflüssigen Worte zu machen! Aber so unversöhnlich wir auch die verrätherischen Bewohner von Clatou hassen -- eins werden wir doch nie und nimmer vergessen: sie sind Franzosen! Gegen die Bajonnete der Preußen würden wir selbst die Clatounesen bis auf den letzten Mann vertheidigen. Habe ich Recht?«

»Ohnstreitig!« rief Croquepeu begeistert, während er das volle Glas zum Mund führte.

»Wenn's die beiden Herrn sagen, dann muß es wohl wahr sein,« versetzte Goguenard nachdenklich ...

»Nun, sehen Sie wohl: wie's im Krieg ist, so ist es auch mit der Liebe. Amor fragt nicht lange, ob sein Gegenstand diesseits oder jenseits der Gemarkung wohnt. Kurz und gut, Marion ist meine Braut ...«

»Aber ihr Vormund?« fragte Goguenard mit hochgezogener Braue.

»Das ist's eben!« erwiderte Jules. »Just mit Rücksicht auf den Herrn Maire habe ich diese Gelegenheit benutzt, um Sie in mein Geheimniß einzuweihen ...«

»Wie so?«

»Hören Sie mich an. Ich schleiche mich jeden Mittwoch und jeden Sonnabend als Fuhrknecht verkleidet nach der Mairie und verplaudere ein Stündchen mit meiner Herzallerliebsten. Der Alte ist dann nicht zu Hause, und Marion weiß es stets so einzurichten, daß mir auch im Treppenbau niemand begegnet. Von ihrem Fenster aus kann man den Hinterhof überblicken. Wenn ich mich bis jetzt gehütet habe, hinauszugaffen, so geschah dies aus leicht begreiflicher Vorsicht. Jetzt, da ich weiß, welche Interessen auf dem Spiele stehen, werde ich die Sache riskiren und die Verhältnisse auskundschaften. Die Feuerspritze von Gressinet wird gerettet werden, und Sie, Meister Goguenard, sollen die Lorbeeren des glorreichen Unternehmens unverkürzt einheimsen.«

»Mit Vergnügen! Ich bin zu allem bereit. Gressinet geht mir über Leib und Leben.«

»O, es ist keine Gefahr vorhanden,« fuhr Jules fort. »Wenn Sie sich an die Spitze von vier, fünf geriebenen Burschen stellen, so wird es Ihnen ein Leichtes sein, die Angelegenheit zum gewünschten Ziele zu führen. Ich meinestheils verzichte auf jeden Ruhm. Sie, lieber Goguenard, Sie allein werden den Gressinetern das geraubte Kleinod zurückerobert haben.«

»Das läßt sich hören. Sie sind in der That ein großmüthiger Charakter, Herr Jules.«

»Nicht wahr, Croquepeu,« sagte Pierrot eifrig, »die Perspektive, die ich da unserem trefflichen Weinwirth eröffne, darf geradezu als glänzend bezeichnet werden?«

»Als kymmerisch, als phänomenal,« bestätigte der diensteifrige Schulmeister.

»Das wäre denn abgemacht!« rief Jules. »Und nun, mein wackerer Goguenard, bitte ich Sie um einen Gegendienst!«

»Reden Sie!«

»Marion's Vormund, der Tyrann von Clatou, ist natürlich +mir+ vor allen Gressinetern spinnefeind ...«

»Das gereicht Ihnen nur zur Ehre, Herr Jules.«

»Er wird mir das Mädchen nie und nimmer gutwillig zur Frau geben ...«

»Das glaub' ich selbst.«

»Aber Marion liebt mich, und mein Entschluß, sie zu heirathen, steht so felsenfest, daß kein Himmel und keine Hölle ihn erschüttern werden.«

»Löblich, sehr löblich, Herr Jules.«

»Da ich nun das Ziel meiner Wünsche auf dem gewöhnlichen Weg nicht erreichen kann, da eine friedliche Vereinbarung nicht möglich ist --«

»So machen Sie's wie der Kaiser und erklären den Krieg!«

»So ist's! Ich werde Marion entführen.«

»Alle Wetter!«

»Ja, würdiger Weinverzapfer! Ich bin nicht gesonnen, demüthig den Nacken zu beugen und zu entsagen, wo der Kampf mir die Krone verschaffen kann. Marion hat bereits eine Ahnung von meinem Vorhaben ... Ich zweifle nicht, daß sie mir folgen wird, -- folgen -- folgen -- bis an das Ende der Welt.«

Jules Pierrot streckte den rechten Arm aus, um anzudeuten, wie unendlich weit Marion ihm folgen würde. Goguenard nickte bedächtig mit dem röthlich schillernden Haupte, während Croquepeu von neuem das Glas zum Mund führte.

»Und was kann ich bei dieser Angelegenheit thun?« fragte der Weinwirth nach einer Pause.

»Hören Sie weiter,« versetzte Jules. »Ich werde also Marion aus dem Kerker der Mairie mit Gewalt befreien, und zwar in derselben Nacht, in welcher Sie, an der Spitze Ihrer Getreuen, die Feuerspritze erobern ...«

»Und da soll ich das Mädel wohl auf die Spritze setzen?« fragte Goguenard im Ton eines Mannes, dem eine bedeutsame Idee aufdämmert.

»Unsinn! Marion wird mit der Expedition, die Sie commandiren, nicht in die mindeste Berührung kommen. Ich besorge die Entführung meiner Geliebten auf eigene Faust. Nein! Sie sollen dem reizenden Kind ein Versteck gewähren. Ihre Frau ist klug und verschwiegen; es wird ihr ein Leichtes sein, die Kleine so lange zu verbergen, bis der Bürgermeister seine Einwilligung gegeben hat. Ist Marion erst in Sicherheit, dann werde ich Herrn Clamard schon auftrumpfen. Das Spiel ist dann so gut wie gewonnen.«

»Mein Haus steht Ihnen und Ihrer Dame jederzeit zur Verfügung,« erwiderte Goguenard, indem er Herrn Jules freundschaftlich die Hand reichte. »Sobald der Moment gekommen ist, winken Sie! Ich werde die Feuerspritze im Sturm nehmen und Fräulein Marion so meisterhaft verstecken, daß alle Häscher des Tyrannen von Clatou nicht im Stande sein sollen, das Geheimnis zu enträthseln.«

»Ich danke Ihnen, Goguenard! Also es bleibt dabei! Vorwärts mit Gott für Freiheit und Gressinet!«

»Und Marion Leclerc!« ergänzte der Wirth mit einem vielsagenden Lächeln. »Erst freilich kommt der Patriotismus -- aber gleich dahinter folgt Amor! Nicht wahr, Verehrtester? Die Liebe glüht fast ebenso heiß wie das Pflichtgefühl?«

»Sie sind ein kleiner Schwerenöther!« sagte Jules, indem er sich erhob. »Komm, Croquepeu, wir haben heute genug geleistet! Laß uns den Rest des Abends unserm Journal widmen!«

Croquepeu leerte sein Glas, hing seinen Arm in den des Handlungsdieners und verließ in bedenklichem Menuetschritt die Schenke des würdigen Goguenard, der artig sein Käppchen lüftete und seinen scheidenden Gästen und Gesinnungsgenossen ein lebhaftes »Auf Wiedersehn!« nachrief.

Fünftes Kapitel.

Mehr als zwei Monate waren verflossen. Der große Tag von Sedan hatte das übermüthige Frankreich belehrt, daß man nicht ungestraft mit dem Glück einer friedlichen Nation spielt. Unaufhaltsam drangen die siegreichen Heere der Deutschen vorwärts. Paris, die Metropole, in deren Schooß das frevelhafte Unterfangen der Kriegserklärung herangereift war, Paris, die eigentliche Urheberin des fluchwürdigen Verbrechens, war bereits von dem ehernen Ringe der Belagerung vollständig umzingelt. Immer neue Heeresmassen wälzten sich von Osten her über das unglückliche Land, das seinen Übermuth nun so furchtbar zu büßen hatte. Fast jeder Tag brachte die Nachricht von einem neuen Erfolge der deutschen Waffen. Wo der Adler der Hohenzollern sich zeigte, da zerstoben die demoralisirten Schaaren der Gallier wie Spreu vor dem Winde und trugen die blasse Angst und das zitternde Entsetzen weiter in die Reihen ihrer zagenden Brüder. Ganz Frankreich befand sich in einem Zustande der Aufregung, der Wuth, der Verzweiflung, dessen düstere Färbung nur mit der Feder eines Dante nachgemalt werden könnte.

Auch Gressinet fühlte sich zum ersten Male als Mitglied eines großen gemeinsamen Vaterlandes und schrie mit Jules Favre: »Keinen Fuß breit unseres Bodens! Keinen Stein unserer Festungen!« Der ›Unverzagte Streiter von Gressinet‹ beschäftigte sich eifrig mit der Frage, was zu thun sei, wenn man die Preußen wieder über den Rhein getrieben habe, und verfocht die Ansicht, man müsse sich mit der Annexion der bayerischen Pfalz begnügen, da eine Eroberung preußischen Gebietes zu erneuten Kriegen Anlaß geben würde. Ja, Croquepeu ging schließlich so weit, den Verzicht auf jede Grenz-Erweiterung zu empfehlen, und die Entrichtung einer Kriegsentschädigung von acht Milliarden als diejenige Bedingung zu bezeichnen, deren Erfüllung den besiegten Barbaren am leichtesten fallen würde. Dem bekannten Sprüchworte von den goldenen Brücken zufolge, müsse er als echter Patriot immer wieder auf diese acht Milliarden zurückkommen. »Frankreich,« so schloß Croquepeu eines Tags wörtlich, »ist das Land der Großmuth ~par excellence~! Zeigen wir dem staunenden Europa, daß wir trotz der schmachvollen Übergriffe unserer Feinde diese unsere Nationaltugend nicht verlernt haben!«

Bildeten indeß die kriegerischen Ereignisse einen hochwichtigen Faktor in den Materien des ›Unverzagten Streiters von Gressinet‹, so ward um dieser äußeren Angelegenheit willen das Innere des Gressineter Gemeinwesens keineswegs von der Tagesordnung verwiesen. Im Gegentheil. Die municipale Fehde mit Clatou wogte jetzt lebhafter denn je. Der ›Unverzagte Streiter‹ behauptete, es sei ein evidenter Mangel an Vaterlandsliebe, wenn der Maire sogar im Angesichte des Feindes sich weigere, die Selbstständigkeit Gressinets anzuerkennen und die Feuerspritze herauszugeben; -- während der ›Clatouneser Beobachter‹ die Emancipationsbestrebungen der Gressineter unter den obwaltenden Verhältnissen zwiefach hochverrätherisch und unpatriotisch fand und die Einwohner der Colonie als »Spione Bismarck's« verdächtigte ...

-- -- Jules Pierrot hatte bisher vergeblich auf eine günstige Gelegenheit zu der geplanten Doppel-Eroberung gelauert. Hundertmal fragte Goguenard, ob er noch nicht »marschiren« könne, und hundertmal erwiderte Jules achselzuckend: »Noch nicht, aber bald!«

Jetzt endlich schien der entscheidende Augenblick gekommen ...

Es war am 29. September, Abends neun Uhr. Herr Clamard, der Bürgermeister, war in Amtsangelegenheiten nach St. Quentin gereist; sein Adjunkt lag an einem Bronchialkatarrh ernstlich darnieder; der Schreiber war bei dem Notar Brassou zur Kindtaufe geladen; und der Bureaudiener konnte als taub und altersschwach nicht in Betracht kommen. Die Haupt-Persönlichkeit, die bis zur Stunde die Pläne der Gressineter vereitelt hatte, Fanchon, die pflichttreue Köchin, war des Tags zuvor ihres Amtes entlassen worden. An ihrer Stelle figurirte jetzt eine alte Bäuerin, Namens Marguérite, die sich vermittelst eines Hundert-Sousstücks überreden ließ, die Schlüssel zum Hinterhofe herauszugeben und die Expedition Goguenards gewähren zu lassen.

Die Glocken von Clatou hatten also, wie gesagt, die neunte Abendstunde verkündigt. Die Einwohnerschaft des Städtchens dachte allmählich an's Schlafengehen. Die Nacht war düster und wolkig. Über der ganzen Landschaft lagerte es wie die Vorahnung bedeutsamer Ereignisse.

Da traten aus der Weinschenke des Bürgers Goguenard sieben Männer ins Freie.

Sie trugen blaue Blousen und niedrige Mützen mit kurzen Schildern aus grün lackirtem Leder. Ihre Züge athmeten eine unverkennbare Entschlossenheit.

Sie wandelten schweigend nach der »Gemeindewiese«. Dort angelangt machten sie Halt und schüttelten sich, wie zur Erneuerung eines brüderlichen Bundes, die Hände.

»Patrioten,« sagte Jules Pierrot, »ich überlasse euch jetzt dem Commando dieses trefflichen Weinwirths! Gressinet erwartet, daß Jedermann seine Pflicht thue!«

Ein beifälliges Murmeln flog durch die Reihen der Verschworenen.

»Ich gehe voran,« fuhr Pierrot fort, »und sorge dafür, daß ihr die Pforte offen findet. Nach gelungener That treffen wir uns wieder hier auf der Gemeindewiese!«

»So sei es!« flüsterten die entschlossenen Blousenmänner.

»Also auf Wiedersehn!«

Jules eilte hastig von dannen.

»Es ist noch früh,« sagte Goguenard, als der Handlungsdiener im Dunkel des Septembernebels verschwunden war. »Vor zehne dürfte es kaum rathsam erscheinen, ans Werk zu gehen.«

»Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf,« versetzte Croquepeu, »so würde ich vorschlagen, die Sache auf Mitternacht zu verschieben. Unserm Pierrot wird bei seiner Marion die Zeit wohl nicht allzu lang werden, -- und übertriebene Vorsicht ist stets besser als Leichtsinn.«

»In der That,« meinte ein Anderer, »es wäre äußerst fatal, wenn wir vorzeitig entdeckt würden. Haben wir die Spritze nur einmal aus Clatou heraus, dann wollen wir schon dafür sorgen, daß sie den Clatounesen nicht wiederum in die Hände fällt. Aber ein ungelegener Allarm, ehe die Eroberung vollbracht ist, -- und alles ist unwiderruflich verloren. Bedenkt, Brüder, was auf dem Spiele steht!«

Nach langem Hin- und Herreden wurde dieser Antrag genehmigt. Da man indeß keine Lust verspürte, die Geisterstunde unter freiem Himmel zu erwarten, so kehrte man in die Goguenard'sche Weinschenke zurück und becherte, bis die Kuckuksuhr über dem zinnbeschlagenen Ecktische elf rief. Dann begaben sich die Verschworenen in Goguenards Privatgemächer, um nicht die Aufmerksamkeit des von dem Clatouneser Maire besoldeten Polizeidieners zu erregen, und harrten daselbst unter begeisterten Gesprächen des ersehnten Glockenschlags.

Endlich! Zu je zweien schlichen sie über die Schwelle und eilten dann geräuschlos der Wiese zu ... Croquepeu hatte diesen Modus befürwortet ... Von der Wiese aus nahm Goguenard mit zwei handfesten Burschen die Richtung nach dem südlichen Thore von Clatou, wo die Mairie lag, während Croquepeu mit den Andern von Westen her operirte.

Alles ging nach Wunsch. Die Bürgerschaft von Clatou lag ahnungslos in den Federn. Die Straßen waren wie ausgestorben. Im Vorhofe der Mairie athmete keine Seele. Goguenard war mit den Seinen zuerst am Platze. Zwei Minuten später kam Croquepeu. Die Pforte nach dem Hinterhofe stand offen. Die Verschworenen drangen ein, packten die roth und blau lackirte Feuerspritze mit einem halb unterdrückten Jubelruf bei der Deichsel und zogen sie langsam ins Freie. Nach kurzer Frist war das südliche Thor erreicht. Niemand hatte den kühnen Griff der Gressineter bemerkt. Jetzt, im offenen Felde angelangt, setzte sich die Colonne in Trab. Etwa drei Minuten lang brauste die wilde Jagd durch die neblige Dämmerung dahin, -- unheimlich, gespenstisch, wie eine Schaar von ruh'losen Geistern. Dann machten sie Halt.

»Triumph, Triumph!« jauchzte Croquepeu. »Nicht fünfzig Franken nähme ich für diese beseligende Wollust des Siegesbewußtseins!«

»Bürger!« sagte Goguenard, »wir haben unsere Schuldigkeit gethan! Wir können stolz auf uns sein!«

»Aber nun schafft die Beute in Sicherheit!« mahnte Croquepeu. »Die Geschichte kann schneller entdeckt werden, als wir uns träumen lassen, und es wäre doch bitter ...«

»Herr Schullehrer,« versetzte Goguenard mit Nachdruck, »jetzt, wo wir das Ding einmal haben, soll es uns eine Armee von Teufeln nicht wiederum aus den Händen reißen! Uebrigens bin ich ganz Ihrer Ansicht, daß wir das kostbare Kleinod sofort nach dem verabredeten Versteck bringen. Hier auf der Gemeindewiese können wir die Spritze nicht länger stehen lassen. He, Leute, -- ihr Beiden da --, ihr könntet euch vorspannen und das Symbol unserer communalen Selbständigkeit, wie der Herr Schullehrer sagt, hinüberfahren -- ihr wißt ja, wohin.«

Die beiden Vaterlandsfreunde nickten, griffen zu und verschwanden mit der Feuerspritze von Gressinet hinter dem Buschwerk.

»Aber wo bleibt unser Pierrot?« fragte Croquepeu, als das Knirschen der Räder in der Ferne verhallt war.

»Hier ist er, ihr Unglückseligen!« erwiderte eine athemlose Stimme.

Es war Jules selber, der querfeldein der Gemeindewiese zueilte.

Nach wenigen Secunden stand er mitten unter den Verschworenen.

»Nein! daß ich so was erleben muß! Goguenard, Weinwirth, wo haben Sie Ihre fünf Sinne gehabt? Ich warte wie ein Narr eine, zwei, drei Stunden, aber kein Goguenard läßt sich blicken!«

»Sehr einfach ...« versetzte der Angeredete.

Jules ließ ihn nicht zum Worte kommen.

»Sehr einfach!« wiederholte er in gereiztem Crescendo. »Eine schöne Einfachheit, die mir meinen ganzen Plan verpfuscht hat! Es ist unerhört!«

»Aber so erlauben Sie doch ...«

»Und du, Croquepeu! Wahrhaftig, ich habe dich für einen zuverlässigen Menschen gehalten! Schnöde Verblendung! Nichts ist diesem Jahrhundert mehr heilig! Wir leben in der Aera des Schwindels, des Betrugs und der Dummheit ...«

»Aber was ist denn passirt? Die Spritze ist in sicherem Gewahrsam. Und wo hast du deine Marion?«

»Satanischer Schulmeister, das ist es ja!« wetterte Jules im höchsten Zorne. »Lautete unsere Verabredung nicht auf halb zehn? Solltet ihr nicht erst die Spritze holen? Wollte ich nicht alsbald mit Marion nachkommen?«

»Nun, und? -- Ich wiederhole dir, die Spritze ist gerettet.«

»Aber ihr habt mir durch eure himmelschreiende Unpünktlichkeit das ganze Spiel verdorben! Warum in Teufels Namen kommt ihr nicht rechtzeitig? Alles war in schönster Ordnung. Marion hatte Ja gesagt. Schluchzend lag sie in meinen Armen und schwur mir, sie werde mich bis ans Ende der Welt begleiten ...«

»Nun, und ...?«

»Nun, ich war selig und gewärtigte in jedem Augenblick eurer Ankunft. Ich konnte doch nicht vorher durchgehen. Eine derartige Verwegenheit hätte die Rettung der Feuerspritze compromittirt, denn die alte Marguérite war zwar mit der Entführung dieses Instrumentes, nicht aber mit der ihrer jungen Gebieterin einverstanden ...«

»Aber ich verstehe immer noch nicht.«

»O menschliche Beschränktheit! Wäret ihr nun gleich zur Stelle gewesen, so würde Alles wie am Schnürchen gegangen sein. Aber nein! Minute um Minute verrinnt. Ich horche: nichts! Ich lausche: nichts! Ich gucke: nichts! Absolut nichts! Nun, Marion konnte doch nicht von neun bis zwölf unausgesetzt in meinen Armen liegen und schluchzen. Sie geht also nach dem nächsten Fauteuil und nimmt Platz. Ich nehme auch Platz. Nun fängt mir das Mädel an, zu überlegen. Sie malt sich die Folgen ihrer Flucht immer lebhafter und bedenklicher aus. Sie blickt ernst und ernster ... ›Was fehlt dir, Marion?‹ frag' ich besorgt. ›Ach nichts, liebster Jules!‹ stammelt sie verlegen und ängstlich. Immer schweigsamer starrt sie in die Ecke ... Es schlägt zehn ... Es schlägt elf ... ›Ach, Jules, ... mir ist so bange ...!‹ ›Warum denn?‹ -- ›Ach, Jules, was wird der Onkel sagen?‹ ... Und so ach-Jült sie mir weiter, bis ich im Hof eure Tritte höre ... ›Auf, Geliebte! Der Moment ist da!‹ ruf' ich in unterdrücktem Jubeltone. Ja wohl! Hat sich was zu jubeln! ›Ach Jules,‹ sagt sie, ›ach Gott, ach, ich getrau' mir's nicht ... Ach Jules, es ist Sünde! Ach, der Onkel bringt mich um ... Nein, nein, ich thu's nicht, ich thu's nicht!‹ Vergeblich demonstrir' ich ihr vor, daß Liebe kein Verbrechen sei; daß es sich ja nur um einen listigen Schachzug handle, der uns die Partie gewinnen solle ... Sie bleibt bei ihrem ›Nein, nein, ich thu's nicht!‹ -- und damit Basta!«

»O Weiber, Weiber!« rief Croquepeu pathetisch.

»Ja, jetzt hast du gut über Weiber schimpfen, du pflichtvergessener Kinderfuchtler! Wer ist denn an der ganzen Geschichte Schuld? Ihr! Ihr!«

»Aber wir dachten ...«

»Ihr habt nichts zu denken! Ein Mann, ein Wort! Wer sich verabredet, der hat seinem Versprechen zu genügen, sonst ist er nicht werth, Bürger von Gressinet zu sein.«

»Nun, da hast du sie also sitzen lassen?« fragte der Schulmeister neugierig.

»Sitzen lassen? Wie verstehst du das? Meiner Liebe thut das nicht Abbruch. Im Gegentheil! Ich weiß die Motive des Mädchens zu würdigen ...«

»Aber sagen Sie einmal, Herr Jules,« rief jetzt einer der Umstehenden, »das ist ja das erste Wort, das wir hören! Was? Sie haben mit einer Clatouneserin zu schaffen?«

»Ja, Kameraden. Hat Goguenard euch nicht heute Nachmittag in dieses Geheimniß eingeweiht? Ich autorisirte ihn.«

»Ja, er hat uns davon erzählt, aber ich dachte, es wäre nur eine Finte, um uns desto eifriger auf's Gelingen erpicht zu machen. Nein, Herr Jules, -- eine Clatouneserin! Das ist stark für einen Patrioten.«

»Bürger, Sie reden, wie Sie's verstehen! Aber vergeuden wir nicht die Zeit mit unnöthigem Geschwätz! Macht, daß ihr heim kommt! Der Maire ist da!«

»Was? wie? wo? ist's möglich?« klang es im Chore.

»Ja, nicht nur möglich, sondern thatsächlich. Ihr laßt mich ja nicht ausreden. Aber wenden wir uns dem Dorfe zu. Der Tyrann könnte den Raub der Spritze noch in dieser Nacht entdecken ... Es ist besser, wir sind vorsichtig ...«

Die Colonne setzte sich in Marsch.

»Also,« fuhr Pierrot fort -- »ich will eben Marion noch einmal bei ihrer Liebe zu mir beschwören ... da öffnete sich die Thüre, und herein tritt Herr Clamard, der Bürgermeister von Clatou!«

»Ha! oh! ah!«

»Ja wohl! der Bürgermeister! Ich glaube, der Schlag soll mich rühren. Wie er mich erblickt, kreuzt er die Arme vor der Brust, runzelt die Stirne und fragt mit fürchterlicher Stimme: ›Was thun Sie hier?‹ Ich stammle einige Worte der Erwiderung und platze endlich mit dem Bekenntnis heraus: ›Ich liebe Marion Leclerc!‹«

»Welcher Muth! Dem das so ins Gesicht zu sagen!« unterbrach Croquepeu den Bericht seines Freundes.

»Es fehlt mir +nie+ an Courage,« versetzte Jules Pierrot nachdrücklich.

»Das weiß der Himmel und Clatou!« rief Goguenard.

»Nun,« fuhr Pierrot fort, »ich gesteh' also meine Neigung ... Da hättet ihr den Wütherich sehn sollen! -- ›Was?‹ ruft er ... ›Sie lieben meine Nichte? Ei, so machen Sie doch so schnell als möglich, daß Sie die Treppe hinunter kommen, sonst lass' ich Sie vor die Thüre werfen, daß Ihnen alle Knochen im Leibe knacken!‹«

»Im Leibe knacken!« wiederholte Goguenard. »Das ist eine Injurie, wie sie im Buche steht. Sie müssen den Bürgermeister belangen. Unter vier Wochen darf er nicht wegkommen.«

»Eine Injurie!« versetzte Pierrot eifrig. »Das hab' ich auch gesagt. ›Herr Maire,‹ sagte ich, ›Sie reden da in einem Tone ...‹ -- ›Was?‹ schreit er, ›ich rede in einem Tone ...? Marion, du hast's gehört, der Spitzbube sagt, ich rede in einem Tone!‹ -- ›Aber Herr Maire!‹ rufe ich, ›Ihre Nichte erwiedert meine Liebe.‹ -- Umsonst! -- ›Hinaus!‹ donnert er in höchster Entrüstung. ›Entweihen Sie nicht dieses Haus durch Ihre unsaubere Gegenwart! Nie werde ich meine Marion an einen Gressineter wegwerfen; lieber stecke ich sie in's Kloster! Hinaus, wiederhole ich, oder ich lasse Sie arretiren!‹«

»So eine Unverschämtheit!« bemerkte Goguenard heftig.

»Hat der Mensch denn kein Herz im Leibe?« seufzte Croquepeu. »Einen Liebenden so vor der Geliebten zu verunglimpfen!«

»Das ist jetzt schon das dritte Mal!« sagte Jules, indem er die Faust ballte. »Erst die Steinwurf-Affaire, dann der Schlossergeselle, und jetzt der Bürgermeister in eigenster Person! Aber warte, verdammtes Nest! Rache!«

»Und was geschah weiter?« fragte Goguenard.