Humoresken (Zweites Bändchen) Wider den Strom. - Die Feuerspritze. - Eine Abendwanderung. - Der alte Schreiber.

Part 3

Chapter 33,387 wordsPublic domain

Die Gressineter schäumten vor Wuth. Ließ sich von jetzt ab ein Clatounese in Gressinet blicken, so wurde er von den beleidigten Patrioten dergestalt mißhandelt, daß er für die nächsten drei Wochen arbeitsunfähig war. Zur Revanche überfielen die Clatounesen eines schönen Tages den Haupträdelsführer der Gressineter, den Handlungsdiener Jules Pierrot, mit Steinwürfen. Pierrot rettete sich nur durch die schleunigste Flucht. Ganz außer Athem, von Schweiß triefend wie ein gehetzter Eber, mit Staub bedeckt und am Hinterhaupte nicht unbedeutend verletzt, langte er in Gressinet an, -- eine lebendige Aufforderung zum Kreuzzug gegen die freveltrotzigen Clatounesen.

Sofort eilte er zu seinem Busenfreunde, dem Schulmeister ...

Henri Jérôme Croquepeu, den die Gressineter -- dem Maire von Clatou zum Trotz -- aus eigenen Mitteln bezahlten, war nächst Pierrot der eifrigste und angesehenste Vertreter der Selbstständigkeitsidee.

Er empfing den Gesinnungsgenossen mit den Zeichen der höchsten Verwunderung.

»Ist's möglich, Jules? Sie haben es gewagt ...? Aber das ist ja himmelschreiend, diabolisch, infernalisch, kymmerisch!«

»Croquepeu,« erwiderte Jules mit halberstickter Stimme, indem er sich das Taschentuch auf die Wunde legte, »Croquepeu, -- sieh her! Dieses Blut heischt eine furchtbare Rache! -- Sprich, Schulmeister, hast du je geliebt ...?«

»Wie so?«

»Hast du nie anbetend vor einem Wesen gekniet, dessen Lächeln ... dessen Blicke ...«

»Ah, so! Jetzt erst begreife ich, was du sagen willst. Du meinst, ob niemals Eros mein Herz berührt ...? Du mußt dich deutlicher ausdrücken.«

»Nun denn ... antworte mir! Wenn deine Brust niemals in heiligen Flammen stand, so fehlt dir das Verständnis für den Schmerz, der mir siedend durch alle Adern geht ... Sprich, Kindertyrann!«

»Ja, Jules! Ich war achtzehn Jahre alt, -- da liebte ich Eugenien, die Tochter des Dorfschmieds ... Ich darf wohl sagen: auch ich war ihr nicht gleichgiltig, -- aber ach! Du weißt! Die Verhältnisse ... Die Umstände ... Sie hat einen anderen geheirathet ...«

»Gut! So wirst du erfassen, welch ein wahnsinniger Zorn meine empfindsamen Nerven durchtobt. Höre mich an! Ich liebe ...«

»Nicht möglich? Seit wann ...?«

»Seit vier Wochen. Sie ist ein Engel ...! Ach, Schulmeister, ich sage dir, wenn sie einen mit ihren großen, himmelblauen Augen so über die Achsel ansieht, -- das Herz möchte einem zerspringen wie eine reife Kastanienschale! Aber leider, leider giebt es nichts Vollkommenes auf der Welt!«

»Schielt sie?«

»Du bist verrückt.«

»So findest du keine Gegenliebe?«

»Croquepeu, du wirst beleidigend ...«

»Je nun, so erkläre dich näher ... Überhaupt weiß ich nicht, was deine Liebe mit dem clatounesischen Attentat zu thun hat.«

»Schulmeister! Meine Geliebte vereinigt alle guten Eigenschaften des Leibs und der Seele ... aber sie ist eine Clatouneserin!«

»Heiliger Antonius Paduensis! Das ist allerdings ein bedenklicher Übelstand! Und wer ist's, Pierrot? Wohl gar Louison, die Tochter des Notars? Herr Brassou ist ein glühender Feind unserer Autonomie; er haßt dich als den gefährlichsten Verfechter unserer municipalen Rechte: nie und nimmer wird er einwilligen, daß seine Louison ...«

»So laß mich doch nur zum Worte kommen, geschwätziger Ruthenfürst! Louison ist mir so gleichgiltig wie dem Heiden der Sonntag. Meine Angebetete heißt Marion Leclerc.«

»Alle Götter der Ober- und Unterwelt! Die Mündel des Bürgermeisters? Pierrot, bist du bei Troste? Da wäre noch eher daran zu denken, daß der Notar dir seine Louison gäbe!«

»Vorläufig handelt es sich gar nicht um Geben oder Nichtgeben. Alles das wird sich später finden. Marion liebt mich. Im Nothfall entführe ich sie ...«

»Himmel! Das wird einen saubern Skandal absetzen!«

»Mir gleich. Zunächst aber gilt es, meine Ehre wieder herzustellen. Denke dir, Croquepeu: die Geliebte meines Herzens war Zeuge des entsetzlichen Auftrittes! ... Sie sah, wie ich fliehen mußte! O, ich hätte vor Wuth und Scham bersten mögen! -- Aber die Steinwürfe ließen mir keine Wahl; sie würden mich zu Brei zermalmt haben. Begreifst du, Knaben-Despot, was es heißt, vor den Augen seiner Geliebten die Rolle eines Feiglings spielen zu müssen?«

»Ah, ich weiß es nur zu gut! Unter uns gesagt, Pierrot, -- du erzählst es nicht weiter -- ich bin überzeugt, Eugenie heirathete nur darum den Epicier, weil er mich einst vor ihren Blicken ohrfeigte, ohne daß ich meinerseits ... Du verstehst! Es fehlt mir im allgemeinen nicht an Courage, aber Raoul war ein baumlanger Kerl, und so dachte ich, besser eine geringe Injurie einstecken, als sich einer tödtlichen Körperverletzung aussetzen. Aber, wie gesagt, das beklemmende Gefühl von damals ist mir noch sehr wohl erinnerlich ... Haben sie dich auch geohrfeigt?«

»Das nicht. Allein ich mußte Fersengeld geben, wie ein Äpfeldieb, und das Hohngelächter der Clatouneserinnen verfolgte mich bis an die Grenze des Weichbildes. Man macht eine erbärmliche Figur, Croquepeu, wenn man so durch die Straßen sprengt und von den ungezogenen Gamins mit Pflaumen und Chausseesteinen geworfen wird! Ich bedarf einer glänzenden Genugthuung, sonst bin ich in den Augen Marion's für allezeit discreditirt. Willst du mir beistehen?«

»Was kann ich thun?«

»Berufe die angesehensten Bürger für heute Abend in die Scheune des alten Grimmont! Ich werde ihnen den Fall vortragen und ihre Unterstützung in Anspruch nehmen.«

»Gut. Auf sieben Uhr.«

»Und nun begleite mich in die Weinstube; ich verdurste bald. Um halb zwei muß ich ins Geschäft; also laß uns die Frist benutzen! Du wirst deine Einladungen dringlicher vorbringen, wenn du erst ein paar Tropfen Rebenblut in den Adern spürst.«

Sie gingen zur Schenke und leerten einige Gläser auf das Wohl Gressinet's. Dann verfügte sich Jules Pierrot, der Handlungsdiener, in sein bescheidenes Magazin, während Croquepeu von Haus zu Haus wanderte und die Bürger zu einer wichtigen Berathung nach der Scheune entbot.

Zweites Kapitel.

Fünf Minuten nach sieben war die Versammlung vollzählig.

Pierrot ergriff das Wort und schilderte in den lebhaftesten Farben die erlittene Unbill. Er forderte die Gressineter auf, diese blutige Beleidigung durch eine exemplarische Bestrafung der Mutterstadt glorreich zu sühnen.

Nach längeren Debatten faßte man den Beschluß, Clatou am nächsten Sonntag während der Kirche zu überfallen, dem Haupturheber des frevelhaften Attentates die Fenster einzuwerfen und einen etwaigen Widerstand mit bewaffneter Hand zu bewältigen ...

Das war eine verwegene Idee. Ihre Annahme läßt sich nur aus der krankhaften Steigerung des intermunicipalen Hasses erklären, der bei den Gressinetern die Stimme der Vernunft völlig übertäubte. O, hättet ihr den Plan Jules Pierrot's verworfen! Ihr würdet ihm und euch viel Trauer und Herzeleid erspart haben!

Der verhängnisvolle Sonntag kam heran. Die Glocken von Clatou hatten langsam ausgeläutet. Die gesammte Bürgerschaft -- mit der einzigen Ausnahme eines lüderlichen Zecherkleeblatts und verschiedener Greise, Wöchnerinnen und Kranken -- befand sich im Gotteshause. Herr Laloupon, der Geistliche, predigte über die Bibelstelle: »Selig sind die Friedfertigen --« und erging sich in eifrigen Angriffen auf die Störer der öffentlichen Ordnung. Die Clatounesen schmunzelten, denn sie fühlten, daß Herr Laloupon auf die Gressineter stichelte.

Da zog aus den Thoren der rebellischen Colonie eine Schaar von fünfzig oder sechzig kräftigen Burschen -- so ziemlich die ganze waffenfähige Mannschaft des Pflanzdorfes -- und wandte sich in raschem Halbtrabe dem arglosen Clatou zu.

Nach fünf Minuten war die Mutterstadt erreicht. Jean, der alte stelzfüßige Polizist, wurde über den Haufen gerannt. Dann plötzlich klirrte ein Hagel von Steinen wider die Façade eines der stattlichsten Häuser der Hauptstraße, und ein lautes Hurrah des Rächercorps verkündete, daß die Salve von wunderbarster Wirkung gewesen.

Alsbald regte es sich in den Hallen der Kirche. Die Weiber und Kinder erhoben ein klägliches Angstgeschrei. Die Männer rüsteten sich zur Gegenwehr. Die clatounesische Übermacht gestattete keinen Zweifel über den Ausgang des Handgemenges. Jules Pierrot, der unter den Vordersten war, wurde an der Kirchentreppe von einem gigantischen Schlossergesellen in Bearbeitung genommen. Zu seinem wahnwitzigsten Entsetzen bemerkte er unter den Damen, die sich nach der Pforte des Gotteshauses drängten, Marion Leclerc, die Geliebte seines Herzens. Sie sollte jetzt zum zweiten Male mit ansehen, wie ihr treuer Cavalier von pöbelhaften Fäusten mißhandelt wurde. Jules Pierrot rang wie ein Verzweifelter; aber der Schlossergeselle war ein Hercules, legte ihn über das Knie und erteilte ihm eine Lection, wie sie Herr Croquepeu, der Schulmeister, seinen Zöglingen nicht kunstgerechter hätte angedeih'n lassen können. Ähnlich wie dem Liebhaber Marion's erging es den meisten Gressinetern; nur Wenige schlugen sich rühmlich durch und erreichten die Colonie; die Übrigen wurden schauderhaft zerwalkt und dann in Masse nach der »Violine«, das heißt nach der Wache gebracht.

Herr Clamard, der Maire, rieb sich die Hände. Die Gressineter knirschten vor Schmerz und Erbitterung. Herr Laloupon, der Pfarrer, ließ ein Tedeum anstimmen.

Drei Tage später wurden sämmtliche an dem Krawall betheiligten Colonisten mit mehreren Wochen Polizeigefängnis bestraft.

Drittes Kapitel.

Auch dieses Leid trug dazu bei, den Zorn der Gressineter zum Paroxysmus zu steigern.

Als die Gemaßregelten die Freiheit wieder erlangt hatten, berief Jules Pierrot die Bürgerschaft des unglücklichen Pflanzdorfes zu einer abermaligen Generalversammlung in die Scheune des ehrwürdigen Herrn Grimmont.

Die Eingeladenen erschienen mit mathematischer Pünktlichkeit. Drei oder vier der besiegten Sonntagskämpfer trugen noch die Spuren ihrer Niederlage in den finster blickenden Gesichtern. Über der ganzen ~corona civium~ lagerte eine düstere, unheilschwangere Stimmung.

Jules Pierrot ergriff das Wort.

»Mitbürger!« sagte er langsam und feierlich. »Die Würfel sind gefallen!«

Ein dumpfes Murmeln ging durch die Reihen der Zuhörer.

»Eine schamlose Vergewaltigung, wie wir sie in den Annalen unserer vaterländischen Geschichte nicht zum zweiten Male verzeichnet finden, hat die letzten Bande der Pietät, die uns an das verabscheuungswürdige Clatou knüpfen mochten, für alle Zeiten zerrissen!«

Lange anhaltender Applaus.

»Mitbürger!« fuhr Pierrot fort, »wir müssen Clatou moralisch vernichten ...«

Athemlose Spannung.

»Es genügt hinfür nicht mehr, daß sich Gressinet eine Gemeinde +nennt+: wir müssen eine Gemeinde +werden+! Setzen wir Gut und Blut an die Erreichung dieses glorreichen Zieles!«

»Hoch! hoch!« schrieen die Gressineter in donnerndem Chorus.

»Patrioten! Suchen wir Clatou zu verdunkeln, zu überflügeln, zu zermalmen! Clatou besitzt eine Schule mit zwei Elementarlehrern: stellen wir, dem Tyrannen Clamard zum Hohne, drei Elementarlehrer mit je zweihundert Franken Gehalt und freiem Holz an!«

»Unterstützt! Unterstützt!« riefen drei oder vier der eifrigsten Vaterlandsfreunde. »Ich zeichne zehn Franken!« -- »Ich zwölf!« -- »Ich fünfundzwanzig!«

»Aber nicht genug,« fuhr Pierrot fort, »daß wir im Punkte der Intelligenz die Clatounesen überholen müssen: es gilt auch die municipalen Institute dergestalt zu entwickeln, daß man höheren Ortes unsere Reife erkennt und, Herrn Clamard zum Trotz, unsere Berechtigung, als selbstständige Gemeinde aufzutreten, +amtlich sanctionirt!+«

»Sehr wahr! Hört, hört!«

»Bürger! Zu den wichtigsten Errungenschaften eines municipalen Gemeinwesens gehört unstreitig der Besitz einer unabhängigen Feuerspritze! Schaffen wir eine Feuerspritze an!«

»Hoch! hoch!« schrieen die begeisterten Gressineter. »Es lebe Jules Pierrot! Hoch! hoch!«

»Aber eine Feuerspritze kostet ein Heidengeld!« bemerkte einer der Versammelten.

»Das ist wahr!« versetzte ein Zweiter.

»Sehr richtig!« murmelte ein Dritter.

»Patrioten!« schrie Pierrot ... »Wo es die Ehre Gressinet's gilt, da ist keine Ausgabe unerschwinglich! Denkt euch übrigens nur einmal folgenden Fall! Die Clatounesen, von dem leidenschaftlichen Drange ihres Hasses getrieben, nahen uns eines schönen Tages mit Fackeln und Pechkränzen! Sie zünden uns insgeheim das Haus über dem Kopfe an! ... Bürger! Was soll aus uns werden, wenn wir unter sothanen Umständen keine Feuerspritze besitzen?«

»Er hat Recht! Wir sind es nicht nur unserer Ehre, sondern mehr noch unserer Sicherheit schuldig, nichts zu versäumen, was die schmachvollen Pläne der Clatounesen vereiteln kann! ~Vae victis~, sagt der Lateiner! Schaffen wir eine Spritze an!«

Es war Croquepeu, der Schulmeister, der durch diesen pathetischen Mahnruf die Versammelten elektrisirte und einen neuen Sturm des Beifalls entfesselte.

»Ich bitte noch für einige Augenblicke um eure Aufmerksamkeit!«

»Reden Sie, reden Sie! Ruhe! Jules Pierrot hat das Wort! Wollt ihr still sein dahinten? Reden Sie!«

»Meine Freunde! Wir leben im neunzehnten Jahrhundert ...«

»Sehr wahr! Bravo!«

»Ruhe! Ruhe!«

»Das neunzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der Bildung, der Intelligenz, des allgemeinen Stimmrechts, der öffentlichen Meinung! Was aber ist der bedeutsamste Hebel der öffentlichen Meinung ...«

»Die Weiber!« schrie im Hintergrund eine volltönende Baßstimme ...

»Die Presse!« vollendete Jules Pierrot mit theatralischer Würde. »Ja, meine Mitbürger, die Journalistik ist heutzutag' eine Großmacht. In Paris, unsrer heiligen Metropole, habe ich ihren Einfluß kennen und achten gelernt. Männer von Gressinet! Gründen wir eine Zeitung!«

Lautlose Stille.

»Aha, ein Wochenblatt,« meinte endlich Goguenard, der Weinwirth ... »Ich bin dabei, lieber Herr Jules!«

»Ein Journal?« rief der Krämer Léon ... »Das wird amüsant. Ich mache mit, lieber Pierrot!«

»Gründen wir eine Zeitung!« sagte jetzt auch Croquepeu, indem er sich nach Möglichkeit in die Brust warf. »Clatou besitzt seit einem Jahre den ›Clatouneser Beobachter‹! Schaffen wir ein Organ, das die schamlosen Verleumdungen dieses ›Beobachters‹ energisch zurückweisen und der staunenden Welt zeigen kann, daß der alte glorreiche Sinn der Gressineter noch nicht ausgestorben ist, daß wir die Standarte der Wahrheit hochhalten, und die angestammten Rechte eines freien Volkes unbeugsam zu wahren wissen!«

Die Versammlung applaudirte begeistert. Man schritt zur Abstimmung. Sämmtliche Anträge Pierrot's wurden mit großer Majorität angenommen.

Goguenard, der Weinwirth, trat an die Spitze der Spritzencommission.

Léon, der Krämer, erklärte sich bereit, die Collecte für die Schulmeister zu leiten.

Das zu gründende Journal wurde dem Antragsteller persönlich überlassen.

Es sollte vorläufig dreimal monatlich erscheinen und in St. Quentin auf Gemeindekosten gedruckt werden.

Man setzte schließlich als Titel die geschmackvolle Bezeichnung: ›Der unverzagte Streiter von Gressinet‹ fest und verpflichtete den Redacteur Pierrot, in jeder Nummer eine eclatante Schandthat der Clatounesen dem Urtheile Europa's Preis zu geben.

Hierauf erklärte Jules die Versammlung für aufgehoben. Jean-Baptiste Grimmont, der Älteste im Rathe, umarmte den kühnen Jüngling unter lautem Schluchzen, blickte zum Himmel auf und sprach:

»Ich danke dir, Herr, daß du mich aufbehalten hast, diese Freude noch zu erleben! Ich werde jetzt, so du gebeutst, gern in die Grube fahren.«

Jules Pierrot war sichtlich gerührt. Ein leises Zucken spielte wie Wetterleuchten um die sonst so mannhaften Lippen.

»Ehrwürdiger Freund!« sagte er mit tremulirender Stimme ... »ich thue nur meine Pflicht! Nicht an mich dürfen Sie sich wenden, wenn Sie Ihren Gefühlen Ausdruck verleihen wollen, sondern an das Volk, an die gesammte Bürgerschaft. Wir alle sind ja von dem gleichen Gedanken beseelt, der in den heiligen Worten gipfelt: Vorwärts mit Gott für unser geliebtes, glorreiches Gressinet!«

Viertes Kapitel.

Die Angelegenheiten der jungen Gemeinde nahmen von dieser Stunde an in der That einen Aufschwung, der den Segen des Himmels deutlich erkennen ließ.

Die Schulmeister wurden engagirt, wiewohl man den vorgeschlagenen Gehalt nachträglich auf siebzig Franken jährlich verringerte.

Die Feuerspritze wurde gekauft und in der Scheuer Grimmont's sorgfältig untergebracht.

Die erste Nummer des ›Unverzagten Streiters von Gressinet‹ erschien in Klein-Octav und erfreute sich des allgemeinsten Beifalls. Der Leitartikel, von Croquepeu verfaßt, behandelte das mehrfach erwähnte Steinwurf-Attentat der Clatounesen unter dem pittoresken Titel: ›Wie man in Clatou das Recht freier Bürger achtet!‹; -- während Jules Pierrot unter der Rubrik: ›Clatounesische Lügen‹ nachzuweisen suchte, daß in ganz Clatou kein vorurtheilsloser Ehrenmann lebe, und daß insbesondere die Justiz viel zu wünschen lasse.

Bereits wenige Tage nach erfolgtem Ankauf der Feuerspritze begann Gressinet mit den Übungen.

Es war ein feierlicher Moment, als die Bürgerschaft sich vor das roth und blau lackirte Instrument spannte und vor das Dorf auf die »Gemeindewiese« marschirte, wo das erste Probespritzen stattfinden sollte.

Croquepeu dichtete aus Anlaß dieses bedeutsamen Ereignisses eine Cantate, deren Refrain also lautete:

»So fürchten wir nie des Verrathes Brand: wir spritzen für Freiheit und Vaterland.«

Unter den weihevollen Klängen einer großen Harmonika wurden die ersten Stöße geleistet. Das Pumpwerk übertraf an Promptheit und Energie alle Erwartungen. Diese Spritze zu bedienen, war eine Lust, eine ideale Beschäftigung, die an das freie Schaffen des gottbegnadeten Künstlers erinnerte.

Die Gressineter waren just in der besten Arbeit, als unvorsichtiger Weise Herr Laloupon, der Pfarrer von Clatou, vorüberging. Alsbald erinnerte man sich des Tedeums, das dieser entartete Priester aus cynischer Freude über die Mißhandlung des Gressinetischen Rächercorps' hatte anstimmen lassen. Eine diabolische Wuth bemächtigte sich aller Gemüther. Croquepeu, der die Spitze des Schlauches hielt, wechselte mit Jules Pierrot einen Blick des Verständnisses, wartete, bis der Pfarrer etwa zehn Meter entfernt war, und richtete dann den straffen Strahl mit seiner vollen Vehemenz auf die unteren Rückenwirbel des Dahinwandelnden.

Die Wirkung war colossal. Der Diener der Kirche wurde nicht nur vollständig durchnäßt, sondern auch empfindlich contusionirt. Zornglühend hinkte er nach Hause und sandte alsbald dem Maire ein langes Klageschreiben, worin er um Genugthuung für die erlittene Injurie bat, Gott zum Zeugen für die fortschreitende Entartung des Menschengeschlechts anrief, und die Gressineter mit den Philistern und anderen heidnischen Völkerschaften verglich.

Des anderen Tages schickte der Bürgermeister zwei berittene Gensdarmen aus und ließ die Feuerspritze im Namen des Gesetzes confisciren.

Alle Reclamationen der Betroffenen blieben erfolglos. Der Maire gab zur Antwort, Gressinet gehöre zur Gemeinde Clatou, und sobald es in Gressinet brenne, werde er, Clamard, von Amtswegen für die erforderlichen Löschmaßregeln Sorge tragen. Eine eigene Spritze sei subordinationswidrig.

Der ›Unverzagte Streiter von Gressinet‹ brachte in seiner nächsten Nummer einen Leitartikel, betitelt: ›Wo soll das enden?‹ Herr Clamard war in besagtem Aufsatze auf's Leidenschaftlichste angegriffen. Croquepeu schloß mit der bedeutsamen Wendung: »Und so werden wir, angesichts der obwaltenden Verhältnisse, höheren Ortes das Recht suchen, das uns von maßgebender Seite in einer so durchaus nicht näher zu qualificirenden Weise verweigert wird.«

Diese Drohung des ›Unverzagten Streiters von Gressinet‹ ward noch in derselben Woche verwirklicht.

Jules Pierrot verfaßte eine Adresse an den Sous-Préfet, die sich alsbald mit Unterschriften bedeckte.

Das ebenso klar als taktvoll gehaltene Document hob die Wichtigkeit einer municipalen Entwickelung Gressinets aufs Nachdrücklichste hervor und betonte die hohe culturgeschichtliche Bedeutung gut organisirter Lösch-Apparate. Dann ging die Adresse auf den speciellen Fall ein und erhärtete mit allen Mitteln der Logik, daß Herr Clamard, der Maire, sich eines Gewaltstreiches schuldig gemacht habe, um dessen geneigte Abstellung man um so dringender bitte, als bereits die Presse anfange, die Angelegenheit in unangenehmer Weise zu interpretiren. Die Ehre Gressinet's erheische eine schleunige und glänzende Satisfaction.

Leider hatte der Unterpräfect eine Nichte der Schwägerin des angeheirateten Onkels des Bürgermeister zur Frau.

Die Petition wurde zurückgewiesen.

Man wandte sich nun mit einer neuen Beschwerde an den Präfecten.

Leider war der Präfect ein Duzbruder des Unterpräfecten.

So machten denn die Gressineter abermals Fiasco.

Das journalistische Organ der jungen Gemeinde führte indeß nicht umsonst den Titel: ›Der unverzagte Streiter‹! Die wackern Bürger ließen sich durch das mehrmalige Fehlschlagen ihrer Hoffnungen nicht abschrecken.

Es war seit einiger Zeit das dunkle Gerücht nach Gressinet gedrungen, Napoleon III. und sein Gouvernement seien liberal geworden.

Die Gressineter wußten zwar nicht genau, was sie sich unter diesem ›Liberalismus‹ zu denken hatten, aber eine instinctive Ahnung sagte ihnen, Liberalismus sei etwas Ähnliches wie Liberalität; und da überdies Jules Pierrot versicherte, in Paris sei jeder anständige Mensch liberal und der Kaiser folge nur dem Gebote der öffentlichen Meinung, wenn er sich gleichfalls zum Liberalismus bekehrt habe, so beschloß man, die Sache bis aufs Äußerste zu treiben und in Angelegenheiten der Feuerspritze eine Adresse an Se. Excellenz den Minister des Innern aufzusetzen.

Am 14. Juli 1870 ging also ein recommandirtes Sendschreiben nach Paris ab. Nachschriftlich war dem Document die Bitte um recht baldige Erledigung beigefügt, da es ja leicht einmal in Gressinet brennen könne, und die Bürgerschaft alsdann in die größte Verlegenheit gerathen würde, wenn keine Spritze zur Hand sei.

Die Patrioten warteten von Tag zu Tag, aber es kam keine Antwort. Wohl aber erschreckte sie eines schönen Morgens die Nachricht, daß der große Staatsmann Emil Ollivier an Preußen den Krieg erklärt habe.

»O weh,« sprach Croquepeu, als er am Abend nach dieser verhängnisvollen Botschaft mit Jules Pierrot in der Weinschenke des würdigen Goguenard saß, »da sieht's schlecht aus mit unserer Petition! Die Herren in Paris werden jetzt an größere Dinge zu denken haben, als an Gressinet und die Feuerspritze.«

»Pah,« erwiderte Goguenard, »haben wir nicht ausdrücklich um rasche Erledigung gebeten? Es ist ja doch wahrhaftig keine große Mühe, ein ›Genehmigt‹ an den Rand zu schreiben, und das Ding auf die Post zu geben.«

»Goguenard, Goguenard, ich verstehe mich besser auf diese Späße. Unsere Spritze ist für immer zu den Todten geworfen.«

»Unsinn! Wie lange wird denn der Krieg dauern! Die paar Kosacken nehmen wir auf den kleinen Finger. Nun, und wenn sie erst wieder Frieden gemacht haben und die rothen Bänder vertheilen, hernach wird auch unsere Spritze erledigt. Man muß die Geduld nicht verlieren. Nicht wahr, Herr Jules?«

»Hm, hm,« versetzte Jules Pierrot, -- »ich glaube zwar auch, daß wir in höchstens vierzehn Tagen Preußen so ziemlich erobern werden, aber mit dem Friedenschließen geht's nicht immer so glatt, wie man denkt. Als ich in Paris war, da schlugen sich die Deutschen drüben über dem Rhein. Nun, die Geschichte hat auch nicht lange gedauert, was die eigentliche Kriegführung betraf; aber bis alles wieder im Reinen war, ist doch manches Quart die Seine hinuntergeflossen. Ich meinestheils wäre der Ansicht, wir warteten gar nicht ab, was das Ministerium beschließt, sondern holten uns die Spritze auf eigene Faust.«

»Das ist ein Gedanke!« rief Croquepeu. »Weiß Gott, Jules, du hast mitunter prächtige Einfälle! Wo steht die Spritze?«

»Im Hinterhofe des Maire,« versicherte Goguenard. »Aber schwer wird sie zu kriegen sein. Der Hof ist ummauert und vor der Thür liegt ein Schloß, das seine vier Kilogramme wiegt. Nein, Kameraden, so wird nichts ausgerichtet!«