Part 2
»Wie sollte ich nicht?« entgegnete der Angeredete halblaut. »Aber wenn Eure Majestät mir wohl wollen, so lassen Sie uns leise reden ... Sie, als gekröntes Haupt, haben bei der Affaire verhältnismäßig wenig zu riskiren, während ich ...«
»Schon recht!« unterbrach ihn der König mit gedämpfter Stimme. »Wenn es dich beruhigt, so können wir unsere Bässe moderiren; allein ich versichere dich, deine Besorgnisse sind unbegründet. Die Wände sagt man, haben Ohren. In meinem Schlafzimmer trifft das Sprichwort nicht zu. Die beiden Jäger im Vorgemach sind treu wie Gold, die Säle rechts und links stehen leer ...«
»Man kann nie wissen, Sire,« erwiderte Pigault, »durch welche Spalte der Teufel Einen beim Schopfe packt.«
»Du bist heute ein wahrer Philosoph, ganz gegen deine sonstige Gewohnheit. Doch zur Sache. Du hast das Manuscript bei dir?«
»Ja wohl, Sire.«
»Deutlich geschrieben? Du weißt, unleserliche Handschriften sind meine schwache Seite.«
»Ich glaube, Eure Majestät werden zufrieden sein.«
»Zeig' einmal her.«
Der Bibliothekar zog das Papier aus der Tasche und reichte es dem König dar.
»Hm, hm,« sagte Jérôme, »das könnte etwas deutlicher sein ... hm, hm ... da unten kommen ja schmähliche Schnörkel und Kratzfüße ...«
»Das Manuscript ist allerdings sehr schnell hingeworfen,« bemerkte Pigault lächelnd.
»Weißt du was, du kannst mir das Ding einmal vorlesen, dann werd' ich wohl so leidlich damit zu Stande kommen.«
»Wie Eure Majestät befehlen. Allein Sie erlauben, daß ich mich etwas näher zu Ihnen heransetze, um nicht genöthigt zu sein, allzusehr die Stimme zu erheben.«
»Gott, bist du heute ängstlich,« lachte der König. »Du hast wohl etwas Katzenjammer von gestern? Apropos, das Ballet war famos, ganz magnifique, auf Ehre. Ich hätte fast vergessen, dir mein Compliment zu machen.«
»Eure Majestät sind zu gütig. Wenn Sie gestatten, werde ich jetzt beginnen.«
»Nun denn, leg' los, alter Junge!«
Pigault-Lebrun setzte sich dicht an das Kopf-Ende des königlichen Bettes, entfaltete sein Manuscript und las mit flüsternder Stimme wie folgt:
»Mein Bruder Napoleon, Kaiser der Franzosen!«
»›Mein Bruder‹?« fragte der König. »Nicht ›mein +erhabener+ Bruder‹? Das ist zu stark!«
»Sire,« entgegnete Pigault, »Ihre deutschen Unterthanen haben ein Sprüchwort, das zwar nicht hoffähig, aber sehr tiefsinnig und kernig ist. Das Sprüchwort heißt: ›Wurst wider Wurst‹. Verstehen Sie, was das sagen will?«
»So ziemlich. Aber ich finde ...«
»Hören Sie weiter. -- Wenn Sie an meiner Fassung etwas auszusetzen haben, so werden wir nachher die erforderlichen Änderungen vornehmen. -- Also: ›Mein Bruder Napoleon, Kaiser der Franzosen! Ich habe Ihre Rathschläge empfangen. -- Ich achte sie. -- Was Ihre Befehle betrifft, so bin ich König. Ich gebe Befehle, aber ich erhalte keine ...‹«
»Stark, sehr stark!« murmelte der König; »aber gut, sehr gut!«
Der Bibliothekar las weiter:
»›Sie werfen mir vor, ich sei ein Freund von langem Tafeln. Ich gestehe, daß ich die substantielleren Genüsse eines wohlassortirten Tisches dem eitlen Jagen nach Gloire vorziehe. -- Ich bin Gourmand, ohne ein Vielfraß zu sein: ich glaube nicht, daß ich hierdurch meiner königlichen Würde etwas vergebe. Was die Weiber anlangt, so weiß ich in der That nicht, was gerade Sie mir in diesem Punkte vorhalten könnten. Sie beklagen sich über mein Verhalten gegen die Königin: Eure Majestät konnte mich zwingen, sie zu heirathen, aber nicht, sie zu lieben. -- Sie fragen, ob die Königin mir nicht vornehm genug ist. -- Eure Majestät haben mir hundertmal wiederholt, nichts sei für den Bruder eines Napoleon zu groß und zu vornehm: ich dagegen habe mich nie mit einer großen Dame vermählen wollen. -- Sie werfen mir vor, ich halte nicht genug auf eine meiner Stellung entsprechende Repräsentation. -- Wissen Sie, das Repräsentiren ist erstens langweilig, und zweitens verträgt es sich nicht recht mit meiner Figur und meiner Tournüre -- zwei Dinge, die in unserer Familie nicht besonders imposant genannt werden können‹ ...«
»Das ist ein malitiöser Hieb, der ihn schwer ärgern wird,« sagte Jérôme mit hämischem Lächeln. »Du bist in der That ein beißender Satiriker, Pigault. -- Ich sehe, ich darf mich in Acht nehmen, daß ich bei dir nicht in Ungnade falle.«
Der Bibliothekar mußte laut auflachen.
»Hören Sie nur weiter, Sire! -- ›Übrigens habe ich meine Hofhaltung ganz nach dem Vorbilde der Ihrigen eingerichtet. Ich kleide mich, wie Sie: was wollen Sie mehr? -- Der Prinz von Paderborn bringt mich mit seinen ewigen Predigten und endlosen Messen zum Gähnen. Ich werde ihn behalten, da Eure Majestät mir ihn gegeben; aber nichts verpflichtet mich dazu, mit ihm über Kirchenangelegenheiten und andere Dinge zu sprechen, von denen ich nichts verstehe und nichts verstehen will. Ich überlasse das dem Herrn Cultusminister. -- Was Merfeldt anlangt, so habe ich ihn zum Präfecten von Hannover ernannt, denn er ist ein vorzüglicher Verwaltungsbeamter, ohne ein angenehmer Chambellan zu sein. Im Übrigen liebe ich es, die für meinen persönlichen Dienst bestimmten Personen ganz nach meinen augenblicklichen Bedürfnissen auszuwählen. Gezeichnet: Jérôme Napoleon.‹«
»›Gezeichnet‹ ...?« rief der König. »Aber das ist ja der brutalste Kanzleistil.«
»So schreiben wir: ›Genehmigen Sie die Versicherung meiner vorzüglichsten Hochachtung.‹«
»Mit dieser Formel begrüßt man seine Untergebenen.«
»›Ihr treuverbundner Bruder‹ ... Was halten Sie davon?«
»Sehr gut! Das sagt eigentlich gar nichts! Schreiben wir: ›Ihr treuverbundener Bruder.‹«
Der König ließ sich nunmehr das Manuscript ins Bett reichen, und studirte es mit vielem Eifer. Hierauf legte er's unter das Kopfkissen und bedeutete dem Bibliothekar sich zu entfernen.
Jérôme ließ sich ankleiden und hatte nach eingenommenem Dejeuner nichts Eiligeres zu thun, als den Brief Pigault's zu copiren. -- Er zerriß zwei, drei Bogen, bis der vierte zu seiner Zufriedenheit ausfiel. -- Als er das kühne Schriftstück siegelte, spielte ein schadenfrohes Lächeln um seine Lippen.
»Kein Zweifel,« murmelte er vor sich hin, »dieser Schröpfkopf wird ziehen! Ich gäbe etwas darum, wenn ich sein verblüfftes Gesicht, seinen brennenden Ärger genießen könnte! -- Früher oder später mußte die Sache ja doch einmal zum Brechen kommen! -- Ich will dem erstaunten Europa zeigen, daß ich nicht bin, was ich scheine. Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Würde, -- das sind doch wohl die unerläßlichen Vorbedingungen der Achtung, deren sich ein Thron zu erfreuen wünscht! Zum Schleppenträger meines Herrn Bruders halte ich mich zu gut. Entweder oder! Der Würfel ist gefallen!«
In dieser selbstbewußten Stimmung überreichte er den Brief einem seiner Kammerjäger zur sofortigen Übermittelung an den Courier.
Wenige Stunden später war das verhängnisvolle Actenstück unterwegs.
Jérôme! Jérôme!
* * * * *
Vierzehn Tage waren verflossen.
Von den Thürmen der Stadt Kassel schlug es Mitternacht. Die braven Unterthanen des westphälischen Gewalthabers schliefen den Schlaf der Gerechten. Melancholisch wandelte der Wärter durch die menschenleeren Gassen und entlockte seiner kurzen Weichselrohrpfeife eine qualmende Wolke nach der andern.
Nicht ganz so lautlos ging es in dem sogenannten blauen Salon der Napoleonshöhe zu. Hier saß eine kleine, aber gewählte Gesellschaft um eine reichgedeckte Tafel. Man war beim Dessert. Prächtige Früchte, hochfeines Gebäck, perlender Champagner und andere unerläßliche Ingredienzen eines luxuriösen Mahles verbreiteten einen berauschenden Duft. Die Gläser klirrten in verwegner Ungezwungenheit wider einander. Das lärmende Chaos der Stimmen wurde nur durch die Salven eines schallenden Gelächters oder durch die Klänge eines lustigen Refrains unterbrochen. Mit einem Worte, der blaue Salon war wieder einmal Zeuge eines jener intimen Soupers, die gegen elf Uhr begannen und gewöhnlich bis drei, vier Uhr Morgens dauerten.
»Die Gesundheit des Königs!« rief jetzt eine kleine, blauäugige Dame in prachtvoller Toilette.
Sie ergriff das Glas, setzte es an den Mund und leerte es auf einen Zug.
»Süßer Engel!« hauchte der König, indem er den Arm um ihre Taille legte. »Dafür sollst du einen Kuß haben.«
Die Dame sträubte sich.
»Herr Gott, wie spröde!« lachte Jérôme. »Was fällt dir ein, Lili? Wir sind ja hier unter uns! Nicht wahr, Fürstenberg, unsere kleine Heberti braucht Euretwegen ihren Gefühlen keinen Zwang anzuthun?«
Die Gesellschaft kicherte.
»Unsere liebenswürdige Freundin,« versetzte der Angeredete, »wäre im höchsten Grade thöricht, wenn sie sich aus irgend welcher äußern Rücksicht den schmeichelhaften Gunstbezeugungen Eurer Majestät widersetzen wollte.«
»Wir sind ja, Gott sei Dank, keine deutschen Philister,« fügte der Graf Winzingerode hinzu.
»Da hörst du's, Lili. Fürstenberg, zeigen Sie der Kleinen, wie die Sache gemacht wird. Küssen Sie Ihre Melanie!«
Der Cavalier, der trotz des ihm aufgenöthigten deutschen Namens ein echter Pariser geblieben war, schlang den Arm ohne weiteres um den blendenden Nacken seiner Nachbarin, und küßte ihr die rothen Lippen, daß es laut durchs Gemach schallte.
»Ah, das ist Unrecht, lieber Fürstenberg,« rief Pigault-Lebrun mit komischem Stirnrunzeln. »Sie machen unser Einem, der nicht so glücklich ist, wie Sie, das Herz schwer.«
»Es thut jeder, was er kann; nicht wahr, Melanie?«
»~Eh bien~, Lili?« fragte der König.
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie zwei Tage lang auf schmale Kost setze,« lautete die schnippische Antwort.
»Wie? was?« erklang es im Chor. »Ein Zwist, ein Streit? Ich hätte bald gesagt, eine eheliche Differenz?«
»Unser Täubchen ist eigensinnig,« rief Jérôme, ein Glas Schaumwein hinunterstürzend.
»Nein, nein, nur standhaft!« entgegnete Fräulein Heberti.
»Erzählen Sie! Was ist vorgefallen?«
»Sehr einfach,« sagte die kleine Dame. »Ich habe Seine Majestät um eine Gefälligkeit ersucht und bin abschlägig beschieden worden.«
»Ah, unerhört, Sire,« lachte Winzingerode. »Wie können Sie einem solchen Engel was abschlagen?«
»Ein König, meine Herren,« erwiderte Jérôme, »ist nicht in allen Dingen souverain! Es giebt gewisse Rücksichten ...«
»Aber um was handelt es sich denn? Wir wissen ja noch gar nicht ...«
»Eine Bagatelle,« schmollte Lili. »Ich bat den König um die Entlassung des Grafen von Paderborn ...«
»Ah, der Aumônier,« sagte Fürstenberg; »eine unangenehme Persönlichkeit.«
»Ein Spion,« ergänzte Fräulein Heberti.
»Wo denkst du hin, Lili!« stotterte Jérôme.
»Ein Spion, sage ich. Unser Aller Interesse erfordert, daß Sie ihm schleunigst den Laufpaß geben.«
»Das ist unmöglich.«
»Unmöglich? Sind Sie nicht König ...?«
»Das sagst du wohl ... -- aber ...«
»Was ›aber‹! Es giebt kein aber!«
»Aber bedenke doch ... Du weißt ... Seine Majestät der Kaiser ...!«
»Der Kaiser! Was hat Ihnen der Kaiser zu sagen?«
»Er hat ... er ist ... bedenke nur ...«
»Ah, Sire!« rief das Mädchen mit einem Ausdruck des Stolzes, der ihre Züge wunderbar hob, »Sie scheinen nicht zu wissen, daß wir Frauen von dem Geliebten in erster Linie Entschlossenheit, Energie, Unabhängigkeit, Muth fordern, wenn unsere Neigung nicht wanken soll ...«
Die Gäste blickten einander an, als wollten sie sich fragen, ob diese Rede der kleinen Ex-Tänzerin Scherz oder Ernst sei?
Es trat eine peinliche Pause ein. Der König war sichtlich unangenehm berührt. Niemand wollte das Schweigen brechen. Man fürchtete, den mißlichen Eindruck, den Lili's Strafpredigt hervorgebracht hatte, durch eine ungeschickte Bemerkung noch zu verschlimmern. --
»Fräulein Heberti,« sagte endlich Jérôme, nicht ohne Bitterkeit, »ich hoffe Ihnen baldigst, vielleicht schon morgen, den Beweis zu liefern, daß Ihre Vorwürfe die Adresse verfehlt haben. Wenn ich in einzelnen wichtigen Angelegenheiten auf meinen kaiserlichen Bruder Rücksicht nehme, so geschieht dies aus freien Stücken. Daß ich im rechten Augenblick unabhängig, energisch, entschlossen zu sein verstehe, sollten Sie überhaupt niemals bezweifelt haben. Da Sie indeß solchen höchst seltsamen Zweifeln Raum geben, so gereicht es mir in der That zur Genugtuung, daß ich, wie gesagt, binnen wenigen Tagen in der Lage sein werde, Sie eines Bessern zu belehren. Merken Sie sich das, Fräulein Heberti!«
Der König hatte diesen langen Discurs mit voller Würde, und so laut und deutlich vom Stapel gelassen, daß Lili fast erschreckt die Augen niederschlug. Sie mochte fühlen, daß sie zu weit gegangen.
Jérôme warf seinem Bibliothekar einen selbstbewußten, verständnisinnigen Blick zu.
Dem guten Pigault fiel die Epistel, auf welche der König anspielte, heiß auf die Seele. Jeden Tag konnte die Antwort eintreffen; der Bibliothekar verhehlte sich nicht, daß diese Aussicht einen höchst beklemmenden Einfluß auf seine Lebensgeister ausübte.
In diesem Augenblick ertönte im Vorzimmer ein lebhafter Wortwechsel.
Befremdet horchte man auf.
»Ich habe die gemessensten Befehle ...« sagte einer der königlichen Hofjäger.
»Und ich habe noch gemessenere,« entgegnete eine kräftige Stimme. »Machen Sie keine Umstände! Im Namen Seiner Majestät des Kaisers der Franzosen, lassen Sie mich vor!«
Jérôme erbleichte. Pigault-Lebrun griff nach dem Glase, um seine Verwirrung zu verbergen.
»So erlauben Sie wenigstens, daß ich Seine westphälische Majestät zuvor benachrichtige,« stotterte der Kammerjäger. »Wen darf ich anmelden?«
»Den Gouverneur von Danzig!« lautete die Antwort.
Eine halbe Minute später öffnete sich die Thür des blauen Salons, und der Gouverneur, begleitet von einem Gardeofficier, betrat das Allerheiligste.
Alles war sprachlos.
Der Botschafter des Imperators verneigte sich voll ritterlicher Anmuth und wandte sich dann an den König.
»Sire,« sagte er, »ich habe mich eines höchst unangenehmen Auftrags zu entledigen.«
Jérôme ward fahl wie der Kalk an der Wand. Pigault-Lebrun saß da wie ein armer Sünder und nestelte an seinen Manschetten.
»Ich habe diesen Auftrag,« fuhr der Gouverneur fort, »von Ihrem erhabenen Bruder, dem Kaiser der Franzosen. Ich verließ Seine Majestät in einem Zustande der Erregtheit und des Zornes, den ich nicht zu schildern vermag ...«
»Aber ich bitte, mein Herr,« rief Fürstenberg, indem er die Arme vor der Brust kreuzte, »dies ist weder die Zeit noch der Ort, solche Aufträge auszurichten.«
»Ich bedaure,« entgegnete der Angeredete kalt, »daß ich so unglücklich bin, Ihre geselligen Freuden zu unterbrechen, allein ich handle nach dem ausdrücklichen Befehl meines hohen Gebieters.«
Der König war so vollständig außer Fassung gerathen, daß er vergaß dem Gouverneur einen Stuhl, geschweige denn ein Glas Wein anzubieten. Statt dessen hatte er selbst den Becher ergriffen und einen kräftigen Schluck der Verzweiflung gewagt.
Winzingerode schleuderte dem fremden Eindringling finstere Blicke zu.
Die kleine Heberti betrachtete bald den Gouverneur, bald ihren königlichen Gönner. Ein spöttisches Lächeln zuckte um ihre rosigen Lippen.
»Sire,« fuhr der Gesandte fort, »ich hoffe, Sie werden den Botschafter nicht die Unannehmlichkeiten der Botschaft entgelten lassen ... und mir verzeihen, wenn ich Ihnen hier, laut den gestrengen Instructionen, die ich empfangen habe, folgenden eigenhändig geschriebenen Cabinetsbefehl des Kaisers vorlese ...«
»O, durchaus nicht,« stammelte Jérôme in höchster Seelenangst; »das heißt ... Sie wissen ... Könnten wir nicht dort in das Zimmer treten?«
»Ich bedaure, Sire ... Die Anordnungen Seiner Majestät sind sehr formell. Sie müssen schon gestatten, daß diese Herrschaften unfreiwillige Zeugen einer Scene sind, die mir ebenso fatal ist, als Ihnen selbst, Sire.«
Der König senkte das Haupt, wie Einer, der entschlossen ist, alles ohne Widerstand über sich ergehen zu lassen.
»Aber das ist unerhört,« sagte Fürstenberg.
Der Gouverneur zuckte die Achseln. »Ich wiederhole Ihnen, es ist nicht meine Schuld,« entgegnete er. »Das Decret lautet wie folgt:
»›Cabinetsbefehl des Kaisers. Unser Aide-de-Camp, der General Rapp, Gouverneur von Danzig, wird sofort nach Cassel abreisen und daselbst den Obersten Müller, Kommandanten der königlichen Garden, zu sich citiren. Er wird mit besagtem Müller unverzüglich zum König gehen und Seine Majestät diesem Officier zur Bewachung übergeben. Der König wird achtundvierzig Stunden im Arrest bleiben. Pigault-Lebrun, der Verfasser des flegelhaften Briefes, den unser Bruder uns geschrieben hat, wird zwei Monate lang ins Gefängnis gesteckt und dann unter sicherer Bedeckung nach Frankreich transportirt werden. Wir ertheilen unserm Aide-de-Camp Generalvollmacht, die westphälischen Truppen in Anspruch zu nehmen, falls man sich in wahnwitziger Verblendung der Ausführung unserer Befehle widersetzen sollte. Gezeichnet: Napoleon.‹«
Jérôme sank vernichtet in seinen Fauteuil zurück. Pigault-Lebrun runzelte die Brauen und ballte die Fäuste. Fürstenberg und Winzingerode sperrten Mund und Nase auf. Melanie weinte. Die kleine Heberti warf einen Blick der grenzenlosesten Verachtung auf ihren Liebhaber und erhob sich stolz aus dem Sessel.
»So haben wir hier weiter nichts zu suchen!« sagte sie kalt. »Herr Commandant, thun Sie Ihre Pflicht.«
Der Aide-de-Camp des Kaisers verabschiedete sich, und Jérôme schwankte in Begleitung des Obersten Müller nach seinen Gemächern, um sie erst nach abgebüßter Strafe wieder zu verlassen. Die Ermächtigung, die der Kaiser dem General Rapp ertheilt hatte, im Nothfalle Truppen zu requiriren, war eine überflüssige Maßregel. Der gute Jérôme parirte wie ein wohlerzogenes Kind; seine friedliche Seele war himmelweit entfernt von jener ›wahnwitzigen Verblendung‹, die das allerhöchste Decret vorsehen zu müssen glaubte. Ah, hätten die ehrfurchtsvollen Unterthanen des Königs von dem unerhörten Schauspiele, dessen Theater der königliche Palast, dessen leidender Held ihr vielgeliebter Jérôme war, eine dämmernde Ahnung gehabt! Es ist doch gut, daß der Pöbel nicht in alle Geheimnisse der Diplomatie eingeweiht wird!
Pigault-Lebrun wurde in den Kerker geworfen. Eine nachträgliche Ordre des Kaisers verbot dem gesammten Hofpersonal, den Gefangenen zu besuchen. Der König schrieb seinem gestrengen Bruder einen demüthigen Brief, in welchem er hundertmal um Verzeihung bat und um die Freilassung seines Vertrauten flehte. Umsonst. Der Kaiser ließ ihm antworten, Pigault werde seine zwei Monate absitzen und alsdann unverzüglich das Land verlassen. Nach langem Betteln gestattete er dem König, den Bibliothekar bei sich zu behalten, falls derselbe gesonnen sei, einen weitern Monat hindurch im Gefängnis zu schmachten. Pigault war mit Freuden bereit. Das Leben am westphälischen Hofe bedünkte ihm jedes Opfers werth.
Am 22. November 1810 war seine Marterzeit vorüber. Blaß und abgemagert trat er vor seinen Gebieter und lächelte ein schmerzliches Lächeln.
»Nicht wahr, Sire,« sagte er, »künftighin besinnen wir uns zweimal, ehe wir einen Brief zur Post geben?«
Jérôme seufzte.
»Du hast schwer gebüßt, mein Freund,« flüsterte er niedergeschlagen; »aber auch mich traf ein trübes Verhängnis ...«
»Ah, Sire, die achtundvierzig Stunden ...?«
Der König schritt nach seinem Pulte und nahm ein rosenrothes Billet heraus.
»Da, lies!« sagte er. »Das schrieb mir die liebste, die reizendste, die treueste meiner Freundinnen am Tage nach deiner Verhaftung.«
Pigault las. Das Billet lautete:
»Sire,
Ich verlasse Sie und Ihr Land für immer. Ich habe mich aufs Kläglichste in Ihnen getäuscht. Wenn ich die Pflichten, die uns die Selbstachtung und die Rücksicht auf das öffentliche Urtheil auferlegt, mit Füßen trat; wenn ich bei einem Ihrer Höflinge Sclavendienste that: so geschah dies nur, weil ich Sie liebte -- so wahr und glühend wie nur ein Weib zu lieben vermag! Dies Bekenntnis wird mich in Ihren Augen, wenn nicht rechtfertigen, so doch entschuldigen. Aber ich kannte Sie nicht. Ich hielt Sie für edel, für stolz, für ritterlich. Ich habe mich vom Gegentheil überzeugt. Ich verachte Sie.
Elise Heberti.«
Pigault-Lebrun versetzte kein Wort. Gesenkten Blickes gab er dem König das Schreiben zurück.
Jérôme schloß es wieder ein und sagte dann tonlos zu seinem Bibliothekar:
»Es läßt sich halt nicht gegen den Strom schwimmen! Dein Sprüchwort: ›Wurst wider Wurst‹ mag für unsere hessischen Bauern passen, aber nicht für die Familie Bonaparte.«
Sprach's, ging hin, und blieb ein gehorsamer Bruder.
Die Feuerspritze.
Erstes Kapitel.
Das Städtchen Clatou, einige Meilen von St. Quentin gelegen, erfreute sich unter dem milden Scepter seines Bürgermeister seit undenklichen Zeiten eines blühenden Wohlstandes und einer Höhe der geistigen Cultur, um die es von der Gemeinde Ulrichstein im hessischen Vogelsberge ohnstreitig glühend beneidet worden wäre, wenn sich der Ruf von seiner Existenz überhaupt bis über die Grenzen des Departements verbreitet hätte. Aber die Clatounesen waren von der Giltigkeit jener altgriechischen These, die den Ruhm für eitel Wind erklärt, so aufrichtig überzeugt, daß sie in keiner Weise nach irdischem Glanze haschten, sondern schlicht und recht in den Tag hinein lebten; wiewohl ihre Verhältnisse ihnen reichlich gestattet hätten, alle vier Wochen eine lobende Erwähnung im »Figaro« zu bezahlen. Still und zurückgezogen pflagen sie ihrer Privatangelegenheiten und kümmerten sich weder um die aufregenden Dispute des Pariser ~Corps Législatif~, noch um die politischen Schachzüge Beust's und Bismarck's. Der Name Jules Favre's war kaum jemals über die Lippen eines Clatounesen gekommen, und von der Neugestaltung Deutschlands hatte nur Herr Clamard, der Maire, eine chaotisch dämmernde Vorstellung. Kurz, Clatou, das weise und gerechte Städtchen unweit von St. Quentin, trug keine Schuld an dem schändlichen Friedensbruch, den Frankreich so theuer bezahlen sollte ...
Im Laufe der sechziger Jahre zweigte sich von Clatou eine kleine Colonie ab.
Die neue Gründung nannte sich Gressinet. Sie blieb zwar mit der Mutterstadt in regem Wechselverkehr, allein schon nach kurzer Frist entwickelten sich im Schooße der Tochter jene Emancipationsgelüste, die vor einem Jahrhundert auf der westlichen Erdhälfte die Losreißung Nordamerika's von England zur Folge hatten ...
Ahmte indessen Gressinet das glorreiche Beispiel der Union nach, so befolgte Clatou -- und insbesondere Herr Clamard, der Bürgermeister -- die Haltung Großbritanniens und verweigerte den Rebellen jegliches Zugeständnis.
Vor allem bestritt der Maire ihnen das Recht, sich eine Gemeinde zu nennen.
»Ihr gehört zu +unsrer+ Gemeinde,« hieß es in seinen amtlichen Manifesten, -- »ihr seid +mir+ zinspflichtig, und jede gegentheilige Bestrebung ist als ein Akt der Insurrection und des Hochverraths zu betrachten.«
Die Gressineter protestirten. Einer der ihrigen, Jules Pierrot, der ein Jahr lang als Handlungsdiener in Paris gewesen, verfaßte ein Gegenmanifest, in welchem das Selbstbestimmungsrecht der Nationen nachdrücklich betont und das Axiom ausgesprochen war, daß man im neunzehnten Jahrhundert nach anderen Grundsätzen regieren müsse, als im fünfzehnten.
Diese Phrase vom neunzehnten Jahrhundert mußte den Maire in der tiefsten Tiefe seines amtlichen Bewußtseins verletzt haben, denn er antwortete in einem neuen Erlaß, es komme hier durchaus nicht auf den Unterschied zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit an, wie von gewisser Seite heuchlerischer Weise behauptet werde, sondern auf die Frage, ob die Verfassung gehalten oder gebrochen werden solle. Er, der Maire, werde dem Gesetze die gebührende Achtung verschaffen und jedermann, der es übertrete, ohne Ansehen der Person vor die Schranken der Tribunale citiren.