Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 8
Paul Jochus hatte indessen unten keine Ruhe im Haus. Bald saß er, ganz gegen seine Gewohnheit, in der Wirthsstube hinter einem Schoppen Wein, bald lief er hinaus zu seiner Kelter, um nach der Arbeit zu sehen. Einmal war er auch sogar schon auf dem Wege nach Hellenhof gewesen, aber wieder umgekehrt, denn das eigenthümliche Benehmen des Mädchens ging ihm im Kopf herum, und er mußte mit ihr sprechen, um endlich zu erfahren, was es eigentlich bedeute.
Hätte er ein gutes Gewissen gehabt, so würde es ihn wohl wenig gekümmert haben, denn er ließ ja sonst Rosel immer ziemlich unbekümmert ihren eigenen Weg gehen, aber so quälten ihn tolle und, wie er sich immer noch einreden wollte, unmögliche Vermuthungen, quälte ihn ein unbestimmter Verdacht, und über den mußte er mit ihr in’s Reine kommen, denn die Gewißheit war immer noch besser als dieser drückende Zweifel, der ihn nicht mehr ruhen und rasten ließ.
Entschlossen kehrte er nach Hause zurück und stieg ohne Weiteres zu Rosel’s Zimmer hinauf, an das er klopfte.
„Wer ist da?“
„Ich bin’s, Rosel, ich muß ein Wort mit Dir sprechen.“
„Mir ist nicht recht wohl, Vater; der Kopf brennt mir so.“
„Ich geh’ gleich wieder fort, aber ich muß Dir etwas sagen.“
Einen Moment war Alles ruhig darin, dann wurde der Riegel zurückgeschoben, und Rosel stand, ihren Vater erwartend, mitten in der Stube.
Sie war völlig angekleidet, hatte auch nicht auf dem Bett gelegen, was vollständig unberührt in dem kleinen Alkoven stand, aber sie sah leichenblaß aus, und die Augen waren ihr noch vom vielen Weinen roth.
Der Vater streckte ihr die Hand entgegen, die sie zögernd nahm, und sagte dann mit weit mehr Herzlichkeit im Ton, als er lange zu ihr gesprochen:
„Was fehlt Dir, Kind? Wenn Du krank bist, weshalb schließt Du Dich ein und lässest nicht Jemanden zu Dir, der Dich pflegen kann?“
„Ich bin nicht krank, Vater.“
„Aber Du sagtest selber, daß Du Kopfschmerzen hättest, und siehst recht blaß und leidend aus. Vielleicht steckt Dir etwas Anderes in den Gliedern, und ich will lieber nach Doctor Bauer hinüberschicken, damit der einmal nachsieht.“
„Nein, Vater,“ sagte das junge Mädchen bestimmt, „das ist nicht nöthig, der Doctor kann mir nicht helfen.“
„Der Doctor kann Dir nicht helfen? -- und wer sonst?“
Das Mädchen schwieg und sah scheu vor sich auf den Boden nieder, endlich sagte es so leise, daß die Worte kaum zu dem Ohr des Vaters drangen:
„Kein Mensch kann mir helfen, Vater.“
„Hm! das ist eigenthümlich,“ brummte der Wirth, der nicht recht wußte, was er darauf erwidern sollte. Er nahm seinen Hut ab, den er bis jetzt noch aufbehalten, und stellte ihn auf den Tisch, „kein Mensch kann Dir helfen? das wär’ ja -- das wär’ ja was recht Curioses, wenn Einem etwas fehlte, ohne daß man sterbenskrank ist, und wobei einem kein Mensch helfen könnte. Darf ich’s denn erfahren, oder weißt Du’s am Ende selber nicht, Rosel, und hast Dir vielleicht irgend eine tolle Schrulle in den Kopf gesetzt?“
Das Mädchen schwieg wieder; es war augenscheinlich, daß sie im Innern mit sich rang, und mit der rechten Hand hielt sie ihr Herz, als ob es ihr weh thäte.
„Ich will Dir was sagen, Rosel,“ fuhr der Vater, dem das Schweigen peinlich wurde, fort, „daß Du den Weg gestern Nacht gemacht, war ein dummer Streich. Du hast Dich dabei erkältet, aus der heißen Stube in die kalte Nachtluft mit Deinem dünnen Kleid und dann nachher noch die Aufregung dazu, dort hinein in das alte, öde Gemäuer zu gehen, von dem so viel Mordgeschichten erzählt werden, das Alles mußte Dich angreifen und das Gescheidteste wäre gewesen, Du hättest Dich gleich zu Bett gelegt und warm zugedeckt und lieber den Tag darin ausgehalten. Aber was ich Dir sagen wollte, heute Mittag war -- war der junge Herr Von bei mir, Du weißt schon. Weshalb bist Du nicht herunter gekommen, als ich Dich rufen ließ?“
„Weil ich schon Abschied von ihm genommen habe, Vater,“ sagte leise die Tochter.
„Du hast Abschied von ihm genommen?“ frug der Wirth erstaunt, „aber um Gotteswillen, weshalb denn? Da mag ein Anderer aus dem Mädel klug werden! Gestern Abend noch wart Ihr ein Herz und eine Seele, und heute Morgen --“
„Dazwischen lag die Nacht, Vater!“
„Die Nacht? und was hat er da gethan? Bist Du ihm draußen auf Deinem Wege begegnet?“ frug der Wirth rasch.
„Nein, Vater; seit gestern Abend habe ich ihn erst heute Morgen um neun Uhr wieder auf dem Weg gesehen. Aber ich begreife Dich selber nicht. Gestern grolltest Du ihm noch und warst böse, daß ich nur mit ihm gesprochen, und heute scheinst Du Deinen Sinn wieder geändert zu haben. Wie kommt das?“
„Weil ich mein Kind keinem adligen Hungerleider zur Frau geben wollte,“ sagte der Wirth finster. „Die Sache hat sich indessen jetzt geändert und er hat, wenn ich auch für die Geschichte mit der Proceßsache keinen Pfifferling geben möchte, eine feste und anständige Stellung im Leben bekommen. Wärst Du ihm also noch so gut gewesen, wie ich früher glaubte, so --“
„Und weißt Du, Vater, welche Stellung er erhalten hat?“ frug das Mädchen und sah ihren Vater ernst und forschend an.
„Nun, gewiß weiß ich’s,“ erwiderte dieser, durch den Blick fast wieder außer Fassung gebracht.
„Beim Criminalamt.“
„Ja wohl, und wenn er da tüchtig ist, so kann er’s schon rasch vorwärts bringen. Der Gehalt wird freilich nicht so übermäßig hoch sein, aber lieber Gott, wo man erst einmal sieht, daß wirklich eine feste Grundlage da ist, kann man auch schon eher ein wenig nachhelfen.“
„Und weißt Du auch, Vater,“ flüsterte Rosel, indem sie auf ihren Vater zuschritt und ihre Hand auf seinen Arm legte, „daß ich, wenn ich auch wirklich seine Frau würde, auch kein Geheimniß vor ihm haben dürfte und möchte?“
„Rosel!“ rief der Vater erschreckt, indem er dem großen und angstvollen Blick seines Kindes kaum zu begegnen wagte, „was sollen all’ die dunklen Reden? heraus mit der Sprache! Du hast etwas auf dem Herzen, und ich will und muß es wissen.“
„Es ist auch vielleicht besser so,“ nickte das arme Mädchen leise vor sich hin, „Du mußt es wirklich wissen, denn nur dann ist noch Hoffnung möglich, wenn überhaupt --“
„Aber was ist Dir nur?“
„So höre, Vater. Kurz vor Mitternacht stieg ich auf die Ruine hinauf, ich sollte zum Zeichen, daß ich oben gewesen, einen der im Burghof selbst ausgetriebenen Schößlinge mit herunter bringen. Ich ging zu dem alten steinernen Tisch, der dort in der Mitte steht, und gerade, als ich darunter kauerte, um meine Aufgabe zu erfüllen, hörte ich plötzlich Stimmen und zwei Männer -- mein Bruder und jener fremde Mensch, betraten den innern Raum. Angst und Bestürzung, was sie dahin geführt, ließen mich für einen Augenblick nicht recht zu mir selber kommen, ich wußte nicht gleich, sollte ich vortreten, sollte ich mich verborgen halten --“
„Dein Bruder?“ sagte Paul Jochus wie erstaunt, aber er selber fühlte, daß jeder Blutstropfen sein Antlitz verlassen haben mußte.
„Gleich darauf kamst Du,“ fuhr das Mädchen jetzt in furchtbarer Erregung fort, „ich verstand aus Deinen Worten, daß Du schon lange auf die Beiden gewartet, und dann verschwandet Ihr zusammen hinter der Mauer.“
„Und dann?“ sagte der Vater, doch er wußte kaum was er sprach, denn seine entsetzlichste Ahnung war zur Wahrheit geworden.
„Dann folgte ich Euch,“ fuhr das Mädchen leise fort und durchlebte in diesem Augenblick noch einmal das ganze Entsetzen jener gräßlichen Stunde, „im Dunkeln tappte ich meine Bahn. Tief im Boden drin hörte ich Stimmen, steile Felsenstufen erreichte ich, die ich niederkletterte, ein abschüssiger schlüpfriger Weg lag vor mir und schon verließ mich der Muth, in dieser Finsterniß weiter vorwärts zu dringen, wo ich jeden Moment in irgend ein grausiges Gewölbe hinabstürzen konnte -- da entdeckte ich dicht vor mir an der Wand einen Lichtschimmer; ich wagte mich noch die wenigen Schritte weiter vor und sah dann durch eine Oeffnung, die ein herausgebrochener Stein gelassen. O Vater, Vater, was um des Allerbarmers willen hast Du gethan? Was hab’ ich verschuldet, daß ich das Alles für Euch tragen muß?“
„Ich weiß nicht, wovon Du sprichst, was Du gesehen, gehört haben willst,“ stammelte der Mann. „Thörichtes Kind, die Aufregung in dem alten Gemäuer hat Dir die Besinnung geraubt; wer weiß denn, wen die Lust getrieben, da oben in der alten Burg um Mitternacht herumzuwandeln und Gespenster zu spielen; ich habe in meinem Bett gelegen und der Franz sieht mir wahrhaftig auch nicht so aus, als ob er sich eine Nacht Schlaf abstehlen würde, um da oben in dem alten Gemäuer spazieren zu gehen.“
Rosel sah den Vater einen Augenblick fest und starr an. Konnte sie sich geirrt haben? Wie im Flug schoß der Gedanke durch ihre Seele, aber es war auch nur ein Moment. Im nächsten schon fühlte sie mit furchtbarer Sicherheit die Wahrheit des Geschehenen, und sich in leidenschaftlicher Heftigkeit an des Vaters Brust werfend, rief sie aus:
„Vater, lieber, bester Vater, noch ist es vielleicht Zeit; rette Dich selber, rette Deinen Sohn vor jenem nichtswürdigen Verführer, der Euch in sein Netz gezogen!“
Der Mann hatte fast unbewußt seinen Arm um sie geschlagen und hielt sie fest an sich gepreßt. Sie wollte das Antlitz zu ihm erheben, allein er hinderte es. Nicht jetzt durfte sie ihm in’s Auge sehen, wo Schreck, Angst und Trotz um die Oberherrschaft kämpften. Aber er vermochte es nicht über sich, dem eigenen Kind gegenüber eine wirkliche Schuld einzugestehen, nur Zeit wollte er gewinnen, um sich zu sammeln, um jede Spur einer Ueberraschung aus seinen Zügen zu verwischen, und dann erst, als er wenigstens glaubte, daß ihm das gelungen sei, ließ er sie los und sagte freundlich, ja herzlich:
„Du bist wirklich krank, mein armes Kind, ernstlich krank, und ich muß darauf bestehen, daß Du Dich in Dein Bett legst. Du sprichst wahrhaftig wie in Fieberphantasien.“
Rosel richtete sich auf und sah ihren Vater starr an.
„Also bist Du’s wirklich nicht gewesen, Vater?“ sagte sie dann und ein eisiges Lächeln zuckte um ihre Lippen, „den ich die Nacht oben in der alten Ruine gesehen habe?“
„Aber, liebes Herz, was soll ich Dir das noch zehnmal betheuern,“ sagte der Wirth, „ich habe die ganze Nacht geschlafen.“
„Und der Franz auch nicht?“
„Gewiß nicht, und wenn er oben gewesen wäre, so hätte er doch nie etwas Böses dort im Sinn gehabt.“
„Gott sei Dank!“ sprach das Mädchen mit einem aus tiefstem Herzen geholten Seufzer, „dann ist eine große Last von meiner Seele genommen und ich kann mir Ruhe vor meinem Gewissen schaffen. Jetzt darf ich auch wieder fröhlich sein und es kann noch Alles gut werden.“ Damit ging sie zu ihrem Kleiderschrank, nahm Hut und Tuch heraus und warf sich das letztere um.
„Und wohin willst Du noch heute Abend, Rosel?“ sagte der Vater scheu.
„Auf’s Criminalamt, Vater,“ sagte ruhig das Mädchen.
„Auf’s Criminalamt?“ rief Jochus erschreckt, „aber der Bruno ist ja noch gar nicht oben und heute erst auf’s Obergericht gegangen. Vor morgen Abend kann er, wie er mir auch sagte, nicht zurück sein.“
„Ich will auch nicht zum Bruno,“ erwiderte das junge Mädchen fest, indem sein Blick wieder auf den Vater traf, „sondern nur eine Anzeige oben machen, die wichtig genug ist.“
„Eine Anzeige, Rosel?“ frug der Wirth bestürzt
„Ja, Vater, droben auf der Ruine nämlich treibt eine Bande von Falschmünzern ihr Wesen. Gestern Nachts habe ich sie belauscht und ihre Maschine gesehen und ihre Reden gehört; ich geh’ dann gleich selber mit hinauf und zeig’ ihnen den Platz, wo’s hinabgeht, daß sie gar nicht mehr fehlen können; dort finden sie das ganze Nest.“
„Rosel,“ rief der Vater in Todesangst, „misch’ Dich nicht in solche Geschichten! Was weißt Du von Falschmünzern und derlei Dingen, und wenn Du auf’s Gericht mit einer solchen Klage kommst, glaubst Du denn nicht, daß es Dich und uns Alle in Ungelegenheiten bringen könnte?“
„Keinen unschuldigen Menschen, Vater, sei versichert,“ sagte das Mädchen ruhig. „Die Verbrecher mögen sich in Acht nehmen, aber uns kann nichts geschehen.“
„Und wenn -- wenn Dein Bruder Franz nun doch --“ stotterte der Mann, „in jugendlichem Leichtsinn vielleicht -- verführt --“
„Vater!“ schrie Rosel mit einem herzzerreißenden Ton des Jammers.
„Ich sag’ es ja nicht,“ sprach dieser erschreckt, „aber die Möglichkeit liegt doch vor -- und Du möchtest doch Deinen eigenen Bruder nicht unglücklich machen wollen?“
„So soll ich nicht gehen?“,
„Nimm Dir Zeit,“ sagte Paul Jochus, „auf einen Tag kommt’s ja nicht an, ich will noch heute Abend nach Hellenhof hinüber und mit Franz sprechen; ich kann mir’s nicht denken, aber wir dürfen auch nicht die Möglichkeit außer Acht lassen. Morgen früh sage ich Dir dann Antwort, Rosel. Nicht wahr, bis dahin redest Du mit Niemandem darüber?“
„Nein Vater,“ erwiderte das junge Mädchen, indem sie ihr Tuch abwarf und wie gebrochen auf einen Stuhl sank. „Ich hätte auch heute zu Niemandem davon geredet,“ setzte sie fast tonlos hinzu, „es war eine leere Drohung, denn ich will -- keine Vatermörderin werden.“
„Rosel!“ rief der alte Mann und wollte auf sie zueilen, allein sie streckte abwehrend den Arm gegen ihn aus.
„Laß mich, Vater, laß mich allein mit meinen Gedanken, geh’ zu Franz, geh’, so rasch Dich Deine Füße tragen, und bitt’ ihn um meinet-, um seiner seligen Mutter willen, daß er die Genossenschaft mit jenem Menschen aufgebe.“
Sie hatte das Gesicht mit ihren Händen bedeckt und ihr ganzer Körper zitterte. Der Vater stand vor ihr, er hätte noch so gern zu ihr gesprochen, doch er vermochte es nicht. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und scheu und zerknirscht nahm er seinen Hut und verließ das Zimmer.
Sechstes Kapitel.
Die Verabredung.
Paul Jochus eilte wirklich, so rasch ihn seine Füße trugen, nach Hellenhof hinüber, denn was er schon seit heute Morgen im Geheimen befürchtet, war geschehen und es galt nun die Folgen der möglichen Entdeckung von ihren Häuptern abzuwenden. Er traf auch seine beiden Bundesgenossen, den Sohn und dessen Compagnon, zu Hause, aber in anderer Stimmung, als er selber sich befand. Jubelnd sprangen ihm die beiden jungen Männer entgegen, als er das Haus betrat, denn sie hatten ihn schon von oben kommen gesehen und ihm geöffnet, und wie sie nur erst wieder die beiden schweren Riegel vorgeschoben, um von keinem Unberufenen gestört zu werden, führten sie ihn in ihr kleines, abseit gelegenes und nur für besondere Zwecke bestimmtes Arbeitszimmer hinauf. Ja, in ihrer Ausgelassenheit bemerkten sie nicht einmal das niedergeschlagene Wesen des Alten, den sie überhaupt nicht zu Worte kommen ließen.
„Da sieh’ her, Vater,“ rief Franz ihm entgegen, indem er ihm zwei Fünfundzwanzig-Thalerscheine vorhielt, „der eine ist ächt, der andere unächt; nun sage selber, welches der ächte ist.“
„Welches der ächte ist, weiß ich nicht,“ erwiderte der Wirth, während er nur einen flüchtigen Blick auf die Scheine warf, „aber so viel weiß ich, daß wir entdeckt und verrathen sind und auch die letzte Spur unserer Thätigkeit vertilgen müssen, so lange es noch Zeit ist.“
„Alle Teufel!“ rief Brendel, der junge Berliner, aus, indeß Franz den Vater erschreckt anstarrte. „Haben sie einen unserer Unterhändler erwischt? Gewiß den holzköpfigen Meier.“
„Nein,“ sagte der Wirth, „die Polizei weiß zum Glück noch nichts von unserer Arbeit, oder ich hätte vielleicht nicht einmal Gelegenheit bekommen, Euch zu warnen, aber von anderer Seite sind wir beobachtet worden.“
„Von anderer Seite?“ sagte Franz erstaunt. „Das versteh’ ich nicht.“
„Rosel ist hinter unser Geheimniß gekommen.“
„Rosel?“
„Na,“ nickte Brendel, „wenn erst ein Frauenzimmer darum weiß, wär’s freilich Zeit, daß wir einpackten.“
„Aber wie um Gottes willen ist das möglich?“
Paul Jochus erzählte den ihm in der gespanntesten Erwartung zuhörenden jungen Leuten die Ergebnisse der gestrigen Nacht und seine heutige Unterredung mit der Tochter, verschwieg ihnen auch nicht, daß sie die Hand des jungen Adligen ausgeschlagen habe, weil er von jetzt ab beim Criminalamt angestellt sei und sie vor ihrem künftigen Mann kein Geheimniß haben könne und wolle.
„Bah!“ rief Franz verächtlich, „wenn weiter Niemand darum weiß, als Rosel, so hat’s noch keine Gefahr. Daß die uns nicht verräth, ist sicher, und jetzt wahrhaftig können wir die Sache nicht aufgeben, wo wir gerade Alles erreicht haben, was wir wollen. Die Banknoten sind so vorzüglich ausgefallen, daß sie der Finanzminister selber nicht von den ächten unterscheiden sollte. Wir wissen jetzt, daß wir’s machen können, und sollen nun mit diesem Bewußtsein die Flinte in’s Korn werfen, weil meine eigene Schwester Mitwisserin geworden ist? Es wäre reiner Wahnsinn, wenn wir’s thäten.“
„Du kennst die Rosel nicht,“ sagte der Vater ernst, „sie grämt und härmt sich schon jetzt die Seele aus dem Leibe.“
„Aber sie darf uns nicht verrathen,“ rief Franz rasch, „denn sie hat selber die Früchte unserer Arbeit mit genossen, also Theil an dem Betrug genommen. Daß sie deshalb dem langweiligen Jungen, dem Herrn von der Haide, den Laufpaß gegeben, war das Gescheidteste, was sie thun konnte, und wenn sie erst erfährt, daß wir eine Dame aus ihr machen können, wird sie selber mit der Sache einverstanden sein.“
Paul Jochus schüttelte den Kopf; er kannte das Mädchen besser.
„Das wird sie nicht, Franz,“ sagte er entschieden, „ich glaube, sie trüge lieber Hunger und Kummer, als die Mitschuld an etwas Derartigem.“
„Für so dumm hab’ ich sie nicht gehalten,“ sagte Franz verächtlich; „aber es bleibt sich gleich, wie sie darüber denkt, verrathen kann und darf sie uns nicht und wird es auch nicht, wenigstens nicht in der ersten Zeit, denn auf die Länge möchte ich selber keinem Weibermund vertrauen. Haben wir aber nur vierzehn Tage Zeit, so sind wir mit Allem fertig und brauchen nicht mehr zu arbeiten, und dann laß es unsere Sorge sein, uns aus dem Weg zu halten. Hier ist der Absatz der Noten in Masse ja doch nicht so leicht.“
„Wenn wir nur unsere Werkstätte wo anders hin verlegen und sie glauben machen könnten, daß wir es aufgegeben haben.“
„Das geht nicht,“ sagte Franz entschlossen, „und wo fänden wir wohl einen passenderen Platz? Indeß der ausgebrochene Stein muß heute Abend noch ersetzt werden, und würden wir selbst verrathen, so weißt Du doch, daß sie uns da unten nie erwischen könnten, denn den versteckten Ausgang kennt kein Mensch außer uns.“
Der Wirth stand unschlüssig am Tisch und betrachtete fast unbewußt das ihm vorgelegte Falsificat. Es war in der That meisterhaft gearbeitet und er selber nicht im Stande die ächte Note von der unächten zu unterscheiden. Auch das Papier ließ nichts zu wünschen übrig, und er zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie von diesen Noten eine Masse auf den Markt werfen könnten, ehe eine Entdeckung möglich würde. -- Und selbst dann -- wer wollte wissen oder verrathen, woher es stammte -- aber Rosel? Er konnte den Blick nicht vergessen, mit dem sie ihn angesehen -- er konnte die Worte nicht aus dem Gedächtniß bringen -- „was hab’ ich verschuldet, daß ich das Alles für Euch tragen muß?“ -- und er mußte auch des Versprechens gedenken, das er ihrer sterbenden Mutter gegeben.
Sein Blick flog über das betrügerische Papier hin in’s Leere und andere Bilder tauchten vor ihm auf.
„Nun, was sagst Du, Vater?“ frug Franz triumphirend, „kann es etwas Vollendeteres geben? Die österreichischen Noten lassen sich mit diesen gar nicht vergleichen, und doch haben sie drei volle Monate gebraucht, bis sie nur dahinter kamen. Wär’s nicht reine Sünde einen solchen Vortheil aus der Hand zu geben?“
Brendel hatte indessen mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen am Fenster gestanden und hinaus gestarrt. Jetzt sagte er finster:
„Ich will Dir etwas sagen, Franz, je länger ich über die Geschichte nachdenke, desto weniger gefällt sie mir. Deine Schwester mag mich nicht leiden, so viel ist sicher -- Gott weiß, aus welchem Grunde, denn eine so abschreckende Larve trage ich doch nicht mit mir herum -- aber deutlich genug hat sie’s wenigstens gezeigt. Wenn sie also wirklich Jemanden verräth, so bin ich das, und unter den Umständen --“
„Aber sie kann Dich doch nicht allein verrathen, ohne ihren Vater und Bruder mit preiszugeben,“ rief Franz heftig aus, „und beim ewigen Gott, wenn die Dirne wahnsinnig genug wäre, das zu thun --“
„Sie wird Euch nicht geradezu verrathen,“ sagte Brendel finster, „aber es wird auf andere Weise an den Tag kommen, verlaßt Euch darauf.“
„Und ein Vermögen, das vor uns auf dem gedeckten Tische liegt, sollen wir aus reinem Muthwillen mit den Füßen von uns stoßen?“ fuhr Franz auf.
„Vielleicht doch nicht ganz,“ erwiderte Brendel; „wir wissen jetzt, wie die Sache gemacht wird, und haben alles Nöthige dazu; es gilt also nur einen anderen Schauplatz zu suchen, auf dem wir das Begonnene beenden können.“
„Und wie wollen wir alle Instrumente und Pressen transportiren, ohne Verdacht zu erregen? Weißt Du noch, welche Mühe und Arbeit es uns gekostet hat, das Alles heimlich in die Ruine zu schaffen? und viel schwieriger wäre es jetzt, es von da wieder wegzubringen.“
„Das weiß ich Alles und ich wollte lieber, daß die Mamsell -- doch es ist Deine Schwester und damit abgemacht -- Du kannst es mir übrigens nicht verdenken, daß ich lieber in Amerika oder sonst einer hübschen Gegend als im Zuchthaus sitze, und das blüht uns, sobald wir erwischt werden.“
„Das hat uns geblüht, solange wir die Arbeit begonnen,“ sagte Franz verächtlich, „aber sei nicht thöricht und folg’ nur dies eine Mal meinem Rath. Rosel hat einen Trotzkopf, ich weiß es, und ist dabei vom Vater so verzogen, daß sie gewöhnlich thut, was sie eben will -- sonst wäre sie auch wahrhaftig nicht Nachts zur Ruine hinauf gegangen, aber sie ist auch klug genug, um zu wissen, wie weit sie gehen darf. Was sie nicht sagen will, behält die schon für sich. Der Vater muß jetzt mit ihr sprechen; er mag ihr meinetwegen versichern, wir hätten die Geschichte aufgegeben, brauchten aber etwa vierzehn Tage Zeit, um all’ die Spuren unserer früheren Arbeiten fortzuschaffen und zu vertilgen, wonach wir Beiden dann nach Amerika auswandern würden. Daß sie dann den Mund hält, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und bis dahin sind wir mit Allem fertig und haben unser Schäfchen im Trockenen.“
„Das könnte gehen,“ sagte Brendel nachdenkend, „und was meinen Sie dazu, Jochus?“
„Ich glaube, der Franz hat Recht,“ nickte der Wirth, dem die Aussicht auf einen so raschen und reichen Gewinn zu verlockend entgegenwinkte, „darauf vorbereitet ist sie überdies schon, denn ich habe ihr ja gesagt, daß ich nur deshalb zu Dir herüberginge, Franz, um Dich davon abzubringen.“
„Aber glaubt Ihr auch gewiß, daß wir in vierzehn Tagen mit der ganzen Arbeit fertig werden?“
„Sicher, vielleicht noch früher,“ nickte Brendel, „denn die Nächte werden jetzt von Tag zu Tag länger, und sowie ein wenig rauhes Wetter einsetzt, sind wir dort oben ganz sicher vor Störung.“
„Gut! dabei bleibt’s!“ rief Jochus nach kurzem Besinnen, denn er hatte in dem Forträumen der Werkzeuge jetzt auch eine vollständige Entschuldigung, wenn Rosel seine Abwesenheit von daheim ja noch bemerken sollte. „Sind denn die Vorbereitungen soweit getroffen, daß wir gleich an die Arbeit gehen können?“
„Daran fehlt’s nicht,“ nickte Franz, „verschaffe uns nur noch bis morgen Abend die hier auf dem Zettel bemerkten Gegenstände, die Du dann gleich mit auf die Burg hinaufbringen kannst.“
„Und sollen wir uns also morgen Abend dort wieder treffen?“ frug Brendel, der seine Bedenken nicht vollständig abgeschüttelt zu haben schien.
„Jedenfalls,“ rief Franz, „denn Zeit dürfen wir nun auch nicht mehr versäumen; jede Stunde ist kostbar.“