Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 7
Der Mond war indessen untergegangen und tiefe Nacht lag auf der Erde, doch sie achtete es nicht; ob die Büsche ihr Kleid faßten und zerrissen, ob ihr Fuß strauchelte und die tastenden Hände sich lange an häßlichen Brombeerranken blutig gerissen hatten -- was fühlte sie davon? Nur vorwärts, vorwärts strebte sie, bis sie die breite Straße wieder erreichte und jetzt noch einmal scheu und entsetzt den Blick zurückwarf zu der alten Ruine, die das Verbrechen ihres Vaters barg.
Mit dem ebenen, glatten Weg wurde auch ihr Gemüth ruhiger, und während sie langsamer auf demselben hinschritt, suchte sie das Erlebte zu überdenken, zu sichten. Was sollte sie thun? Wie sollte, wie mußte sie handeln? Und Bruno -- schaudernd barg sie das Gesicht in den Händen, sie konnte nicht mehr denken. Der Kopf wirbelte und brannte ihr, und ganz zusammengebrochen verfolgte das arme Kind seine einsame, öde Bahn. Sie bemerkte auch kaum, wie sie die Häuser wieder erreichte und nur mechanisch in die bekannte Straße einbog. Wie in einem wüsten Traum schritt sie dahin und öffnete endlich die Thür ihrer eigenen Heimath. Auch von den dort Versammelten sah sie kaum mehr als die undeutlichen Umrisse ihrer Gestalten, und erst oben auf ihrem Zimmer, als sie die Thür verriegelt und sich, wie sie war, in ihren Kleidern auf das Bett geworfen hatte, machte ein lindernder Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft.
Viertes Kapitel.
Die Werbung.
Am nächsten Morgen war Rosel mit Tagesanbruch wieder auf und besorgte ihre Geschäfte wie gewöhnlich -- aber wie bleich das sonst so frische Mädchen heute aussah und was für große, glänzende und ernste Augen es hatte! Bärbel drückte es fast das Herz ab vor Neugierde, um sie zu fragen, was sie gestern Nacht in der Ruine gesehen -- denn gesehen _mußte_ sie etwas haben -- aber sie wagte es nicht, obgleich sie sonst auf ganz freundlichem Fuße mit ihrer jungen Herrin stand. Diese kam ihr heute gar so feierlich, so außergewöhnlich vor, daß sie alles that, was sie ihr nur an den Augen absehen konnte, und ihre Arbeit noch nie im Leben so flink und aufmerksam verrichtet hatte wie heute.
Wie ein Lauffeuer hatte sich indessen das Gerücht in der Stadt verbreitet, die Rosel aus dem Burgverließ sei um Mitternacht in der alten Ruine gewesen und habe dort zum Zeichen ihres Wagnisses einen Zweig aus dem Burghof abgeschnitten. Die jungen Fremden hatten auch richtig ihren Weg dorthin noch vor Tag angetreten und waren schon zum Frühstück mit der Nachricht zurückgekehrt, daß der abgeschnittene Zweig wirklich unter dem Tisch fehle und das beherzte Mädchen jedenfalls ihre Wette gewonnen habe. Natürlich fanden sie sich auch gleich früh im Burgverließ ein, um das Nähere aus Rosel’s eigenem Mund zu hören, denn das geheimnißvolle Wesen und besonders das bleiche Aussehen des Mädchens von gestern Abend hatte sie nur noch neugieriger gemacht. Doch Rosel ließ sich heut’ Morgen vor keinem Menschen sehen. Um halb neun Uhr aber nahm sie ihr Tuch und schritt, um den offenen Weg über die Straße zu vermeiden, durch den Garten hinaus und einen Pfad entlang, der zu der Hellenhofer Chaussee hinüberführte. Dieser folgte sie wieder, wie gestern Abend, bis der Fußweg rechts nach der Ruine abbog. Dort an den Büschen erwartete sie Bruno.
Der junge Mann sprang ihr freudig entgegen und rief, die Hand nach ihr ausstreckend: „O, wie gut und lieb es von Dir ist, Rosel, daß Du gekommen bist; wie sehnsüchtig habe ich Dich erwartet! -- Aber um Gottes willen, Kind, wie bleich siehst Du aus? Bist Du krank, Rosel?“
„Nein, Bruno,“ sagte das arme Mädchen ruhig, indem sie den Kuß duldete, den er ihr auf die Lippen drückte, „mir fehlt nichts -- im Körper wenigstens -- aber auf dem Herzen liegt mir ’was recht schwer und bleiern, und nur um Dir das zu sagen, bin ich heraus gekommen.“
„Was hast Du, Herz?“ fragte der junge Mann besorgt, „ist der Vater wieder rauh mit Dir gewesen? O, habe nur noch eine kurze Weile Geduld, denn bald wird Alles gut werden. Gestern Abend erhielt ich noch eine recht freudige Kunde.“
„Nein, Bruno,“ unterbrach ihn ruhig das Mädchen. „Der Vater hat wohl gezankt, als er Dich bei mir im Hof gesehen, allein nicht mehr als immer, und das hätt’ ich mir auch nicht sehr zu Herzen genommen, trug ich’s ja für Dich.“
„Meine gute Rosel!“
„Aber was Anderes ist geschehen, Bruno,“ fuhr das Mädchen fast tonlos fort, „etwas Anderes, das ich Dir nicht vertrauen kann und darf, so gern ich’s auch möchte, und das -- das mich zwingt, Dir heute -- Lebewohl zu sagen für immer --“
„Rosel!“ rief Bruno erschreckt.
„Mißversteh’ mich nicht,“ sagte Rosel, während sie ihm die Hand, die er gefaßt hatte, überließ; „ich habe Dich noch so lieb wie früher -- ja vielleicht noch lieber,“ setzte sie leise und kaum hörbar hinzu, „und hätte auch Deinetwegen Alles ertragen, Noth und Sorge mit Lust und Freuden, doch es hat nicht sein sollen -- ich _darf_ Dir nicht mehr angehören, und -- wenn Du mich ein klein wenig lieb hast -- so fragst Du mich nicht einmal weshalb.“
„Aber Rosel,“ sprach Bruno bestürzt, „nicht einmal fragen soll ich, weshalb? wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele steht, ja während ich Dir gerade heute mit Jubel entgegenkam, denn ich kann Dir jetzt die frohe Kunde bringen, daß sich meine Aussichten mit Einem Schlage gebessert haben. Gestern Abend noch, als ich Dich zuletzt sprach, war mir das Herz zum Brechen schwer, und ich machte mir sogar selber Vorwürfe, Dein Geschick an das eines Armen fesseln zu wollen, der, ohne Vermögen, nicht einmal einen Platz hatte, wo er sein noch so kümmerliches Brod verdienen konnte. Das hat sich jetzt wunderbar rasch geändert, und wie ein Unheil selten allein kommt und immer noch andere im Gefolge mit sich bringt, so ist es ja auch gewöhnlich mit dem Glück. Als ich Dich gestern verließ und mir wieder und wieder ausmalen mußte, wie trostlos meine Aussichten im Leben seien, war mir so weh zu Muthe, daß ich viel lieber in den Rhein gesprungen wäre, um dem Elend mit einem Mal ein Ende zu machen. Aber wenn die Noth am größten, ist auch die Hülfe am nächsten, und wie ich endlich nach Hause und zu meiner Mutter zurückkehrte, fand ich einen großen, mit einem Dienstsiegel verschlossenen Brief vor, in dem mir angezeigt wurde, daß ich endlich meine Beförderung zum Actuar am hiesigen Criminalgericht erhalten habe.“
„Beim Criminalgericht!“ stöhnte Rosel und zog erschreckt ihre Hand aus der seinen.
„Nun, Herz, darüber hast Du doch nicht zu erschrecken,“ lachte der junge Mann, „denn es sichert ja unsere ganze Zukunft; aber das nicht allein -- meine Mutter hatte am nämlichen Tage auch gute Kunde über einen in unserer Familie schon seit langen Jahren geführten Proceß erhalten, der ein kleines Vermögen betrifft und bis dahin unsere sämmtlichen Mittel fast aufgezehrt hat. Jetzt sind wichtige Documente aufgefunden worden, die unser Recht ganz außer Zweifel stellen und eine für uns günstige Entscheidung bald, recht bald hoffen lassen. Die Einwendungen, die Dein Vater bis jetzt also gegen unsere Verbindung -- und vielleicht mit Recht -- geltend machen konnte, fallen nun ganz, und schon in kurzer Zeit hoffe ich Dich heimzuführen, mein süßes, liebes Kind. Aber stehe nicht so todt und traurig bei der frohen Kunde da, mein Rosel; mir schnürt es sonst das Herz zusammen. Was hast Du nur, Mädchen? Du siehst mich ja so scharf und forschend an, als ob ich Dir plötzlich ganz fremd geworden wäre -- oder Du am Ende gar meinen Worten nicht glaubtest. Hab’ ich Dich je belogen, Rosel?“
„Nein,“ hauchte das Mädchen, indem es plötzlich, wie scheu, den Kopf abwandte, „Dir glaub’ ich schon Alles, was Du sagst -- _Alles_, denn Du bist gut und brav und ich -- will zu Gott beten, daß er Dich einst so glücklich macht, wie Du es verdienst --“
„Und liegt es nicht in Deiner eigenen Hand, mein Herz?“ sagte der junge Mann, indem er sie lächelnd an sich zog. „Sieh’ mir nur wieder so froh und vertrauensvoll in’s Auge, wie Du es früher in schwererer Zeit gethan, und ich verlange ja nicht mehr vom lieben Gott, denn er hat mir da seinen Himmel schon auf der Erde gegeben.“
Rosel litt, daß er sie an sich preßte, ja sie lehnte selbst ihr Haupt wie müde an seine Schulter -- aber es war nur ein Moment; dann wand sie sich wieder, nicht hastig, aber entschlossen, aus seinem Arm, und ihm voll in’s Auge sehend, während in dem ihrigen eine große Thräne glänzte und es vollständig füllte, sagte sie ernst: „Und doch muß es sein, Bruno; doch muß ich heute -- jetzt -- für immer von Dir Abschied nehmen und kann Dir nicht angehören.“
„Rosel, sprich nicht so!“ rief Bruno ängstlich. „Deine Worte klingen wie aus einem Traume heraus -- so fremd und kalt, als ob sie gar nicht aus Deiner eigenen Seele kämen, und Dein Blick hat dabei etwas so Eisiges, daß er mir bis in’s innerste Mark hinein schneidet. Was ist denn seit gestern Abend so Entsetzliches geschehen, daß Du in den paar Stunden wie verwandelt bist? Hättest Du doch endlich den Plänen Deines Bruders nachgegeben?“
„Den Plänen meines Bruders?“ rief das Mädchen voller Verwirrung.
„Der Dir die Verbindung mit seinem Compagnon, dem jungen arroganten Menschen, aufnöthigte?“
„Eine Verbindung mit _dem_?“ sagte Rosel schaudernd, „eher spränge ich selber in den Rhein.“
„Aber was sonst kann Dich so bewegt, so Deinen ganzen Sinn geändert haben?“
„Frage mich nicht, Bruno, frage mich nicht meinet-, nein auch Deinetwegen. Ich darf und kann Dir die Gründe nicht angeben, die mich zwingen, so und nicht anders zu handeln, wenn ich auch darum selber elend werden müßte. Nur Eines glaube mir: so treu wie ich Dir jetzt bin und immer war, so treu will ich Dir ewig bleiben, aber -- ich werde nie heirathen. _Was_ ich zu tragen habe, es soll allein geschehen, und nun leb’ wohl, Bruno. Halte mich nicht zurück; ein längeres Zusammensein mit Dir könnte mich wahnsinnig machen und zur Verzweiflung treiben, denn schon jetzt fühle ich es, wie die verrätherischen Worte nach den Lippen drängen. Leb’ wohl -- schütze Dich Gott!“ Sie warf sich an seine Brust, umschlang ihn mit ihren Armen und preßte heiße Küsse auf seine Lippen; dann riß sie sich los von ihm -- gewaltsam, als er sie noch länger festhalten wollte, und floh wie ein gescheuchtes Reh den Pfad hinab, der auf die Straße führte.
Bruno’s erster Gedanke war freilich, ihr zu folgen, aber aus den Büschen heraus erkannte er unten auf der Straße Menschen -- was mußten die denken, wenn er hinter dem fliehenden Mädchen her geeilt wäre! Das Beste war, ihr Zeit zu lassen, daß sie die Stadt wieder allein erreichte, doch Abschied auf Lebenszeit hatte er nicht von ihr genommen und heute selber wollte er ihren Vater aufsuchen und ihm seine verbesserten Lebensaussichten vorlegen, denn von ihm ging -- wie er nicht anders glauben konnte -- jedenfalls der plötzliche Widerstand des Mädchens aus.
Langsam stieg er indessen zu der lange nicht besuchten Ruine empor; die frische Luft da oben that ihm wohl und lange lag er dort unter der epheuumrankten Mauer und schaute träumend hinab auf das friedliche Bild der kleinen Stadt, die mit ihren altersgrauen Dächern und rauchenden Schornsteinen zu seinen Füßen lag. Allein es ließ ihm keine Ruhe, denn nicht freundliche Gedanken waren es, die durch seine Seele zogen. Rosel -- was um Gotteswillen konnte dem sonst so charakterfesten Mädchen durch den Sinn gefahren sein, daß es plötzlich über Nacht solche Idee gefaßt und sich und ihn unglücklich machen wollte?
Er stand auf und wanderte durch das alte Gemäuer, um der Gedanken ledig zu werden, aber es gelang ihm nicht. Selbst die steile, gefährliche Treppe kletterte er hinauf -- vergebens. Aus der ganzen prachtvollen Aussicht heraus suchte und fand er nur das eine Haus, in dem _sie_ wohnte, und seufzend stieg er die Stufen wieder hinab, um nach der eigenen Heimath zurückzukehren.
Rosel hatte inzwischen lange die Stadt erreicht und hörte, als sie das Haus, das sie auf demselben Wege wieder betrat, auf welchem sie es verlassen, daß ihr Vater auf sei und schon nach ihr gefragt habe. Er war in der Schenkstube gewesen, wo er von den zahlreich versammelten Gästen das nächtliche Abenteuer seiner Tochter erfuhr, und Bärbel flüsterte ihr, wie sie nur die Küche betrat, leise zu, sie möge sich vor dem Vater in Acht nehmen, der sei ‚fuchswild‘ geworden, als er von ihrem nächtlichen Spaziergang gehört.
„Es wird nicht so arg sein,“ hatte Rosel ruhig gesagt, während sie langsam die Treppe hinauf und in ihr Zimmer stieg, um sich das etwas wirr gewordene Haar frisch zu ordnen.
Kaum war sie damit zu Ende, als sie ein Geräusch an ihrer Thür hörte, und wie sie sich danach umdrehte, stand ihr Vater auf der Schwelle und sagte finster:
„Höre, Rosel, was hast Du denn die Nacht für dumme Streiche gemacht, he? Was soll denn das heißen? Schickt sich das für ein ehrbares und gesittetes Mädchen, wie Deine Mutter Dich, wie ich Dich erzogen habe?“
„Ich, Vater?“ sagte Rosel und sah den Mann fest und starr an.
„Ja, Du!“ sagte der Vater noch immer störrisch, aber ein eigenes, unbehagliches Gefühl beschlich ihn bei dem starren Blick. „Bist Du nicht bei Nacht allein in den alten Burghof der Wildenfels gelaufen?“
„Ja, Vater,“ sagte Rosel ruhig, „ich war oben.“
„Und wann?“
„In der Nacht, Vater.“
„Aber zu welcher Stunde?“
„Bleibt sich das nicht gleich?“
„Hm, ja, aber weshalb willst Du’s nicht sagen?“
„Ich will’s schon sagen, Vater. Es schlug gerade hier drunten in Wellheim zwölf Uhr, als ich die letzten steinernen Stufen hinauf stieg.“
„Und blos um einen Zweig abzuschneiden,“ rief der Vater erbost aus; „es ist wirklich zu toll für ein junges Mädchen, bei Nacht den einsamen, öden Weg zu machen.“
„Ich war nicht allein, Vater,“ sagte Rosel, ohne noch ihren Blick von ihm zu wenden, an dem der seine ebenfalls wie gebannt hing.
„Nicht allein?“ rief der Vater schnell, „und wer war bei Dir?“
„Gott,“ sagte das Mädchen, und ein schwerer Seufzer entrang sich dabei ihrer Brust.
„Schnack,“ rief der Alte unwirsch und blickte scheu zur Seite, „das heißt den Uebermuth auf’s Höchste getrieben, und wie leicht hättest Du ein Unglück nehmen können!“
„Auf der alten Burg, Vater?“ lächelte Rosel, aber die Worte klangen so unheimlich und der Vater, der sich vorgenommen haben mochte, sie tüchtig auszuzanken, wandte seinen Aerger einer anderen Seite zu.
„Der alte Narr, der Bäckermeister, hätte auch ’was Gescheidteres thun können als Dich da hinauf zu hetzen; aber ich habe ihm meine Meinung schon gesagt. Und der Registrator war gleichfalls dabei und hat’s gelitten?“
„Er konnt’ es nicht hindern.“
„Und weshalb haben sie mich nicht geweckt?“ rief der Alte, „ich hätt’s gehindert, das sei versichert.“
„Du schliefst schon so lange, Vater,“ sagte das junge Mädchen und sah ihn dabei wieder mit ihrem stechenden Blick an, „daß sie Dich gewiß nicht stören wollten.“
Paul Jochus blickte eine Weile vor sich nieder, er wollte noch etwas sagen, das war gewiß, aber er brachte es nicht über die Lippen, und sich plötzlich auf seinen Hacken herumdrehend, verließ er das Zimmer und warf die Thür in’s Schloß, daß die Scheiben klirrten.
Rosel kam den ganzen Tag über nicht in die Wirthsstube, so oft die Gäste auch nach ihr frugen, und der Vater ließ sie auch still gewähren; es war ihm selber recht, daß sie dem neugierigen Volk keine Rede stand. Er selber aber war desto geschäftiger heute in dem Raum, in dem er sich sonst nur dann und wann blicken ließ, und bediente seine Gäste auf das Sorgsamste. Ueber Mittag war die Stube ziemlich leer geworden und Paul Jochus hatte eben seine Mahlzeit an einem der Tische allein verzehrt und seinen Schoppen Wein dazu getrunken, als Bruno von der Haide in’s Zimmer trat und, auf den Wirth zugehend, ihn um eine kurze Unterredung unter vier Augen bat.
„Mein lieber Herr Von,“ sagte Jochus finster, ohne von seinem Platz aufzustehen, „ich glaube, wir können uns Beide die Mühe sparen, denn ich weiß wahrscheinlich schon, was Ihr Begehr ist.“
„Möglich, Herr Jochus,“ sagte der junge Mann ernst, „aber doch vielleicht nicht ganz. Es hat sich nämlich so viel in meinen Verhältnissen geändert, daß eine Verständigung dringend geboten ist; ich bitte Sie nur um wenige Minuten Gehör und die Entscheidung ist dann immer noch in Ihre Hand gegeben.“
Jochus schüttelte den Kopf. Es lag ihm indessen selbst daran, den ihm lästig werdenden Bewerber abzufertigen, was er hier, in offener Wirthsstube, nicht gut konnte; darum stand er auf, trank den Rest seines Weines aus und sagte:
„Na, so kommen Sie meinetwegen. Da drüben in der Stube sind wir ungestört, aber ich muß Sie von vorn herein bitten, es kurz zu machen. Sie sollen dann auch nicht lange auf meine Antwort zu warten brauchen.“
Damit ging er, von dem jungen Manne gefolgt, hinüber in die „gute Stube“ und Bruno theilte ihm hier mit wenigen Worten nicht allein die Aussicht auf das bald zu erlangende Vermögen mit, wozu der alte Jochus ungläubig lächelnd den Kopf schüttelte, sondern auch seine gestern erhaltene Bestätigung als Actuar beim hiesigen Criminalgericht, ein Posten, der allerdings noch immer wenig genug Gehalt einbrachte, doch eine sichere Staatscarrière in Aussicht stellte und dabei genügte, mit mäßigen Ansprüchen eine Frau zu ernähren.
Das spöttische Lächeln hatte sich aus dem Gesicht des Wirths verloren, als ihm der junge Mann den Beruf nannte, dem er von jetzt ab angehören würde, und er sagte, freundlicher, als er bis dahin noch je mit ihm gesprochen:
„Ei, sieh’ einmal an, Actuar beim Criminalgericht, also doch eine feste Stellung und nicht mehr das ewige Herumvagabundiren -- und die Rosel ist Ihnen wirklich gut?“
Bruno seufzte recht aus vollem Herzen auf und sagte scheu:
„Bis gestern Abend noch war ich von ihrer innigen Liebe überzeugt, und glücklich in dem Gedanken, heute Morgen aber --“
„Heute Morgen? Wo haben Sie denn das Mädel heute Morgen schon gesprochen?“
„Sein Sie mir nicht böse, Herr Jochus, und auch der Rosel nicht, daß wir hinter Ihrem Rücken gehandelt, aber ich -- ich mußte sie sprechen, ich mußte ihr sagen, was mir auf dem Herzen lag, und da -- haben wir uns heute Morgen, um neun Uhr, es war schon heller lichter Tag und viele Menschen auf der Straße -- am alten Burgweg gefunden.“
„Am alten Burgweg -- so?“ sagte der Wirth, „und was meinte die Rosel da?“
„Sie war ganz verändert; sie sah todtenbleich aus und die Augen lagen ihr tief in den Höhlen.“
„Sie wissen, was das tolle Mädchen die Nacht für einen Streich gespielt hat?“
„Ich weiß es, jetzt wenigstens, heute Morgen wußte ich es noch nicht, oder ich würde sie darum gefragt haben, doch das kann sie nicht so aufgeregt haben, sie hätte mir es sonst gewiß gestanden.“
„Und was sagte sie weiter?“ frug der Wirth, aufmerksam werdend.
„Daß sie mir nicht mehr angehören könne und daß wir uns auf Nimmerwiedersehen trennen müssen.“
„Hm, und hatten Sie ihr vorher von Ihrer festen Anstellung gesagt?“
„Alles, aber ich konnte mir ihr sonderbares Benehmen nicht erklären, sie erschrak viel mehr darüber, als daß sie sich gefreut hätte.“
„Sie erschrak?“
„Ich kann mich getäuscht haben, jedenfalls befand sie sich in einer fürchterlichen Aufregung und versicherte mir dabei unter heißen Thränen, daß sie mir die Ursache ihres Betragens nicht erklären könne und dürfe.“
„Nicht dürfe -- hm,“ brummte Jochus, „das ist allerdings wunderbar, und gestern Abend sagte sie nichts davon?“
„Keine Silbe, sie war ganz Liebe und Vertrauen und tröstete mich selber auf die Zukunft, der wir fröhlich entgegenharren müßten.“
Der Wirth ging zur Thür, öffnete sie halb und rief nach Bärbel, der er den Auftrag gab, Rosel herunter zu schicken, der Herr von Haide sei da. Indessen stand Bruno am Fenster und starrte hinaus, während der Wirth mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab ging. Jedoch das Mädel kam nicht wieder und den Beiden wurde die Zeit lang. Endlich, als der Wirth schon einmal nach ihr rufen wollte, steckte die Bärbel den Kopf in die Thür und sagte: „Sie will nicht,“ drückte sie dann in’s Schloß und ging wieder an ihre Arbeit.
„Sie will nicht?“ wiederholte Paul Jochus erstaunt und blieb mitten in der Stube stehen.
Bruno hatte sich rasch umgeblickt, als sich die Thür öffnete; jetzt seufzte er aus tiefster Brust und flüsterte:
„Ich habe es fast gedacht -- Gott nur weiß, was sie plötzlich gegen mich eingenommen haben kann -- ich begreife es nicht.“
„Und hat sie Ihnen gar keinen Grund angegeben?“ frug der Wirth plötzlich und blieb vor dem jungen Manne stehen, „besinnen Sie sich einmal, gar keinen Wink nach irgend einer Richtung?“
„Keinen,“ sagte dieser kopfschüttelnd, „keinen wenigstens, den ich verstanden habe oder verstehen konnte, denn ihre Worte klangen dunkel und unheimlich; sie könnte und dürfte mir nicht mehr sagen, als daß wir scheiden müssen -- scheiden für immer -- das war Alles.“
„Hm,“ brummte Jochus, dessen Gesicht eine düstere Färbung angenommen hatte, mit festzusammengezogenen Brauen, „weiß der Henker, was dem Mädchen durch den Kopf gefahren sein kann, denn eigenwillig ist sie, wie der helle Teufel, und man hat oft seine liebe Noth mit ihr. Aber lassen Sie mich mit ihr reden, Herr von Haide -- und ich denke, wenn Sie die Anstellung bekommen -- wir wollen einmal sehen, es macht sich ja doch vielleicht noch Alles, und das Mädel vergißt vielleicht bis dahin auch die Grillen.“
„Wenn wir sie nur jetzt bewegen könnten, mich noch einmal anzuhören!“
„Jetzt ist nichts zu machen,“ sagte Jochus kopfschüttelnd, „erst muß ich selber noch einmal mit ihr sprechen. Sie kommen dann vielleicht einmal wieder vor oder ich schicke auch zu Ihnen hinüber.“
„Sollte es nicht am Ende doch mit ihrem nächtlichen Gang in Verbindung stehen?“ warf Bruno ein; „ich würde mir gar nichts weiter darüber gedacht haben, aber --“
„Ach was,“ lachte der Alte, doch das Lachen klang etwas erzwungen, „sie ist ja keiner Menschenseele unterwegs begegnet, na, und daß ihr kein Gespenst erschienen ist, ich dächte, darüber brauchten wir Zwei uns nicht zu beunruhigen. Ein dummer Streich war’s immer, und ich habe ihr auch schon tüchtig den Text darüber gelesen, denn für ein junges Mädel paßt es sich nicht, auf solche Art zu prahlen und bei Nacht und Nebel in der Welt herumzulaufen.“
„Sie hatten sie geneckt,“ sagte der junge Mann, „und bei ihrem Ehrgefühl gepackt; sonst hätte sie’s auch sicher nicht gethan.“
„Nun, es ist jetzt vorbei,“ sagte der Vater, „und nicht mehr zu ändern, geschieht aber hoffentlich nicht wieder.“
„Und Sie wollen mit ihr reden, Herr Jochus?“
„Ich habe es Ihnen versprochen, heute noch, oder wenn es heute nicht gehen sollte, spätestens morgen früh. Wir wollen sehen, was sich thun läßt, ein merkwürdiges Mädel ist’s freilich, mein lieber Herr Actuar, und einen Trotzkopf hat sie, wie keine Zweite.“
„Aber die Rosel ist so gut, so brav!“
„Das ist sie, ja,“ sagte Jochus und sah vor sich auf den Boden nieder, „gerade wie ihre selige Mutter, deren ganzen Charakter sie auch geerbt hat; arme Clara, wenn sie leben geblieben wäre!“
„Ich gehe jetzt, Herr Jochus,“ brach der junge Mann ab, „und überlasse Ihnen das Weitere. Wenn Sie mir aber erlauben, frage ich morgen Abend, falls ich zurück sein sollte, wieder bei Ihnen an, denn ich muß heute noch nach Hellenhof aus das Obergericht und weiß nicht, ob ich bis dahin wieder zurück sein kann.“
Der Wirth antwortete ihm nicht; er nickte nur, ganz in seine Gedanken vertieft, leise vor sich hin, ja, er bemerkte kaum, wie der junge Mann das Zimmer und das Haus verließ.
Fünftes Kapitel.
Vater und Tochter.
Rosel hielt sich den ganzen Tag auf ihrem Zimmer. Sie sei nicht recht wohl, ließ sie dem Vater sagen, der später noch einmal Bärbel zu ihr hinaufschickte. Gegen Abend kam ein Arbeiter und brachte die beiden großen Orangenstöcke vom Bäckermeister Bollharz. Rosel nahm aber die Stöcke nicht an; sie wollte sie nicht haben und beauftragte den Mann, der sie brachte, sie hinüber zum Registrator zu fahren, der auch ein großer Blumenfreund war. Er sollte nur eine Empfehlung von ihr ausrichten, sie bäte ihn, die Stöcke, ihr zum Andenken, zu behalten.